HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 27.02.2014, C-588/12

   
Schlagworte: Elternzeit, Teilzeit, Elternzeit: Abfindung, Elternzeit: Teilzeit, Abfindung: Diskriminierung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-588/12
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.02.2014
   
Leitsätze:

Paragraf 2 Nr. 4 der am 14. Dezember 1995 geschlossenen Rahmenvereinbarung über den Elternurlaub im Anhang der Richtlinie 96/34/EG des Rates vom 3. Juni 1996 zu der von UNICE, CEEP und EGB geschlossenen Rahmenvereinbarung über den Elternurlaub in der durch die Richtlinie 97/75/EG des Rates vom 15. Dezember 1997 geänderten Fassung ist im Licht der mit dieser Rahmenvereinbarung verfolgten Ziele und der Nr. 6 dieses Paragrafen dahin auszulegen, dass er nicht zulässt, dass die pauschale Schutzentschädigung, die einem unbefristet und auf Vollzeitbasis angestellten Arbeitnehmer, der Elternurlaub auf Teilzeitbasis genommen hat, bei einer einseitigen Beendigung seines Vertrags durch den Arbeitgeber ohne schwerwiegenden oder ausreichenden Grund zusteht, auf der Grundlage des gekürzten Gehalts berechnet wird, das dieser Arbeitnehmer zum Zeitpunkt seiner Entlassung bezog.

 

Vorinstanzen: Arbeidshof te Antwerpen (Belgien), Entscheidung vom 10.12.2012
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Drit­te Kam­mer)

27. Fe­bru­ar 2014(*)

„So­zi­al­po­li­tik - Richt­li­nie 96/34/EG - Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub - Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 - El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis - Ent­las­sung des Ar­beit­neh­mers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund - Pau­scha­le Schutz­entschädi­gung we­gen der In­an­spruch­nah­me von El­tern­ur­laub - Be­rech­nungs­grund­la­ge für die Entschädi­gung“

In der Rechts­sa­che C-588/12

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Ar­beids­hof te Ant­wer­pen (Bel­gi­en) mit Ent­schei­dung vom 10. De­zem­ber 2012, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. De­zem­ber 2012, in dem Ver­fah­ren

Ly­re­co Bel­gi­um NV

ge­gen

So­phie Ro­giers

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Drit­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten M. Ileðiè, der Rich­ter C. G. Fern­lund und A. Ó Cao­imh (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin C. Toa­der und des Rich­ters E. Ja­raðiûnas,

Ge­ne­ral­an­walt: N. Jääski­nen,

Kanz­ler: A. Ca­lot Es­co­bar,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- der Ly­re­co Bel­gi­um NV, ver­tre­ten durch E. Lie­vens, ad­vo­caat,

- der bel­gi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Ja­cobs und L. Van den Bro­eck als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch C. Gheor­ghiu und M. van Beek als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 der am 14. De­zem­ber 1995 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung) im An­hang der Richt­li­nie 96/34/EG des Ra­tes vom 3. Ju­ni 1996 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über El­tern­ur­laub (ABl. L 145, S. 4) in der durch die Richt­li­nie 97/75/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 (ABl. 1998, L 10, S. 24) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Richt­li­nie 96/34).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Ly­re­co Bel­gi­um NV (im Fol­gen­den: Ly­re­co) und Frau Ro­giers über die Be­rech­nung der pau­scha­len Schutz­entschädi­gung, die Frau Ro­giers we­gen ih­rer rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung während ei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis zu­steht.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Im ers­ten Ab­satz der Präam­bel der Rah­men­ver­ein­ba­rung heißt es:

„Die nach­ste­hen­de Rah­men­ver­ein­ba­rung stellt ein En­ga­ge­ment von UN­ICE [Uni­on der eu­ropäischen In­dus­trie- und Ar­beit­ge­ber­verbände], CEEP [Eu­ropäischer Zen­tral­ver­band der öffent­li­chen Wirt­schaft] und EGB [Eu­ropäischer Ge­werk­schafts­bund] im Hin­blick auf Min­dest­vor­schrif­ten für den El­tern­ur­laub und für das Fern­blei­ben von der Ar­beit aus Gründen höhe­rer Ge­walt dar, weil sie dies als ein wich­ti­ges Mit­tel an­se­hen, Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben zu ver­ein­ba­ren und Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en zu fördern.“

4 In den Nrn. 4 bis 6 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung heißt es:

„4. Die [auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes in Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 an­ge­nom­me­ne] Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer for­dert un­ter Num­mer 16 über die Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en die Ent­wick­lung von Maßnah­men, die es Männern und Frau­en ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men.

5. Die Ent­schließung des Ra­tes vom 6. De­zem­ber 1994 er­kennt an, dass ei­ne ef­fi­zi­en­te Chan­cen­gleich­heits­po­li­tik ei­ne glo­ba­le und in­te­grier­te Stra­te­gie ver­langt, die ei­ne bes­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­beits­zeit so­wie ei­ne größere Fle­xi­bi­lität eben­so wie ei­ne leich­te­re Rück­kehr ins Be­rufs­le­ben ermöglicht; in der Ent­schließung wird die wich­ti­ge Rol­le berück­sich­tigt, die den So­zi­al­part­nern in die­sem Be­reich auch dann zu­kommt, wenn es dar­um geht, Männern und Frau­en ei­ne Ge­le­gen­heit zu bie­ten, ih­re be­ruf­li­che Ver­ant­wor­tung so­wie ih­re fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren.

6. Maßnah­men zur Ver­ein­bar­keit von Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben soll­ten die Einführung neu­er und fle­xi­bler Ar­ten der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und der Zeit­ein­tei­lung fördern, die den sich ändern­den Bedürf­nis­sen der Ge­sell­schaft bes­ser an­ge­passt sind und die so­wohl die Bedürf­nis­se der Un­ter­neh­men als auch die der Ar­beit­neh­mer berück­sich­ti­gen soll­ten.“

5 Pa­ra­graf 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung sieht vor:

„1. In die­ser Ver­ein­ba­rung sind Min­dest­an­for­de­run­gen nie­der­ge­legt, die dar­auf ab­zie­len, die Ver­ein­bar­keit von Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben er­werbstäti­ger El­tern zu er­leich­tern.

2. Die­se Ver­ein­ba­rung gilt für al­le Ar­beit­neh­mer, Männer und Frau­en, die nach den Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten in dem je­wei­li­gen Mit­glied­staat über ei­nen Ar­beits­ver­trag verfügen oder in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen.“

6 Pa­ra­graf 2 („El­tern­ur­laub“) der Rah­men­ver­ein­ba­rung be­stimmt:

„1. Nach die­ser Ver­ein­ba­rung ha­ben er­werbstäti­ge Männer und Frau­en nach Maßga­be des Pa­ra­gra­fen 2 Num­mer 2 ein in­di­vi­du­el­les Recht auf El­tern­ur­laub im Fall der Ge­burt oder Ad­op­ti­on ei­nes Kin­des, da­mit sie sich bis zu ei­nem be­stimm­ten Al­ter des Kin­des – das Al­ter kann bis zu acht Jah­ren ge­hen – für die Dau­er von min­des­tens drei Mo­na­ten um die­ses Kind kümmern können. Die ge­nau­en Be­stim­mun­gen sind von den Mit­glied­staa­ten und/oder So­zi­al­part­nern fest­zu­le­gen.

3. Die Vor­aus­set­zun­gen und die Mo­da­litäten für die In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs wer­den in den Mit­glied­staa­ten ge­setz­lich und/oder ta­rif­ver­trag­lich un­ter Ein­hal­tung der Min­dest­an­for­de­run­gen die­ser Ver­ein­ba­rung ge­re­gelt. Die Mit­glied­staa­ten und/oder die So­zi­al­part­ner können ins­be­son­de­re

a) ent­schei­den, ob der El­tern­ur­laub auf Voll­zeit- oder Teil­zeit­ba­sis, in Tei­len oder in Form von ‚Kre­dit­stun­den‘ gewährt wird;

b) das Recht auf El­tern­ur­laub von ei­ner be­stimm­ten Beschäfti­gungs­dau­er und/oder Be­triebs­zu­gehörig­keit (höchs­tens ein Jahr) abhängig ma­chen;

4. Um si­cher­zu­stel­len, dass die Ar­beit­neh­mer ihr Recht auf El­tern­ur­laub wahr­neh­men können, tref­fen die Mit­glied­staa­ten und/oder die So­zi­al­part­ner gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen.

5. Im An­schluss an den El­tern­ur­laub hat der Ar­beit­neh­mer das Recht, an sei­nen frühe­ren Ar­beits­platz zurück­zu­keh­ren oder, wenn das nicht möglich ist, ent­spre­chend sei­nem Ar­beits­ver­trag oder Ar­beits­verhält­nis ei­ner gleich­wer­ti­gen oder ähn­li­chen Ar­beit zu­ge­wie­sen zu wer­den.

6. Die Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des El­tern­ur­laubs er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben, blei­ben bis zum En­de des El­tern­ur­laubs be­ste­hen. Im An­schluss an den El­tern­ur­laub fin­den die­se Rech­te mit den Ände­run­gen An­wen­dung, die sich aus ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten er­ge­ben.

…“

Bel­gi­sches Recht

7 In Bel­gi­en wur­de die Richt­li­nie 96/34 für die im Pri­vat­sek­tor Beschäftig­ten mit dem König­li­chen Er­lass zur Einführung ei­nes Rechts auf El­tern­ur­laub im Rah­men der Lauf­bahn­un­ter­bre­chung (ko­nin­k­li­jk bes­luit tot in­voering van een recht op ou­der­sch­aps­ver­lof in het ka­der van de on­der­b­re­king van de be­ro­eps­loop­ba­an) vom 29. Ok­to­ber 1997 (Bel­gisch Staats­blad, 7. No­vem­ber 1997, S. 29930) in sei­ner auf den Aus­gangs­rechts­streit an­wend­ba­ren Fas­sung (im Fol­gen­den: König­li­cher Er­lass von 1997) und mit be­stimm­ten Vor­schrif­ten in Ka­pi­tel IV Ab­schnitt 5 („Un­ter­bre­chung der Be­rufs­lauf­bahn“) des Sa­nie­rungs­ge­set­zes zur Fest­le­gung so­zia­ler Be­stim­mun­gen (her­stel­wet hou­den­de so­cia­le be­pa­lin­gen) vom 22. Ja­nu­ar 1985 (Bel­gisch Staats­blad, 24. Ja­nu­ar 1985, S. 6999, im Fol­gen­den: Sa­nie­rungs­ge­setz) um­ge­setzt.

8

Gemäß Art. 2 § 1 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 in Ver­bin­dung mit den Art. 100 und 102 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes hat ein Ar­beit­neh­mer das Recht, El­tern­ur­laub auf ei­ne der fol­gen­den Ar­ten zu neh­men:

- ent­we­der setzt er die Erfüllung sei­nes Ar­beits­ver­trags für ei­nen Zeit­raum von drei Mo­na­ten aus (Art. 100 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes), oder

- er setzt sei­ne Ar­beits­leis­tun­gen für ei­nen Zeit­raum von sechs oder 15 Mo­na­ten in Teil­zeit, und zwar in Form ei­ner Halb­zeit­beschäfti­gung oder un­ter Verkürzung der Ar­beits­zeit um ein Fünf­tel der nor­ma­len An­zahl Ar­beits­stun­den ei­ner Voll­zeit­stel­le (Art. 102 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes), fort.

9 Nach Art. 6 § 1 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 muss der Ar­beit­neh­mer, der das Recht auf El­tern­ur­laub aus­zuüben wünscht, dies sei­nem Ar­beit­ge­ber min­des­tens zwei Mo­na­te und höchs­tens drei Mo­na­te im Vor­aus mit­tei­len. Die­se Frist kann im ge­mein­sa­men Ein­ver­neh­men zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer verkürzt wer­den.
10 Nach Art. 4 des König­li­chen Er­las­ses von 1997 kann der Ar­beit­neh­mer das Recht auf El­tern­ur­laub je­doch nur dann in An­spruch neh­men, wenn er in den 15 Mo­na­ten, die der schrift­li­chen Mit­tei­lung an den Ar­beit­ge­ber vor­aus­ge­hen, min­des­tens zwölf Mo­na­te durch ei­nen Ar­beits­ver­trag an den Ar­beit­ge­ber ge­bun­den war.
11 Mit Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes ist ei­ne Re­ge­lung zum Schutz ge­gen Ent­las­sung ein­geführt wor­den, die u. a. für den El­tern­ur­laub gilt. Die­se Be­stim­mung sieht vor:

„Wenn die Erfüllung des Ar­beits­ver­trags … aus­ge­setzt wird oder wenn die Ar­beits­leis­tun­gen in An­wen­dung der Ar­ti­kel 102 § 1 … verkürzt wer­den, darf der Ar­beit­ge­ber kei­ne Hand­lung vor­neh­men, die dar­auf ab­zielt, das Ar­beits­verhält­nis ein­sei­tig zu be­en­den, außer aus ei­nem schwer­wie­gen­den Grund im Sin­ne von Art. 35 des Ge­set­zes vom 3. Ju­li 1978 über die Ar­beits­verträge [wet be­tref­fen­de de ar­beids­overeen­koms­ten, Bel­gisch Staats­blad, 22. Au­gust 1978, S. 9277, im Fol­gen­den: Ge­setz von 1978] oder aus ei­nem aus­rei­chen­den Grund.

Aus­rei­chend ist ein Grund, der als sol­cher vom Rich­ter an­er­kannt wor­den ist und des­sen Art und Ur­sprung nicht mit der in den Ar­ti­keln 100 und 100bis erwähn­ten Aus­set­zung oder der in den Ar­ti­keln 102 und 102bis erwähn­ten Verkürzung zu­sam­menhängen.

Ar­beit­ge­ber, die trotz der Be­stim­mun­gen von Ab­satz 1 den Ar­beits­ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund be­en­den, müssen Ar­beit­neh­mern ei­ne [pau­scha­le Schutz­entschädi­gung] zah­len, die der Ent­loh­nung von sechs Mo­na­ten ent­spricht, un­be­scha­det der Entschädi­gun­gen, die den Ar­beit­neh­mern im Fall ei­nes Bruchs des Ar­beits­ver­trags zu­ste­hen.“

12

Aus den Ak­ten er­gibt sich, dass zu die­sen letzt­ge­nann­ten Entschädi­gun­gen ins­be­son­de­re die in Art. 39 des Ge­set­zes von 1978 vor­ge­se­he­ne „Ent­las­sungs­entschädi­gung“ gehört. In Art. 39 heißt es:

„Ist der Ver­trag auf un­be­stimm­te Zeit ab­ge­schlos­sen wor­den, ist die Par­tei, die den Ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den Grund oder oh­ne Ein­hal­tung der in den Ar­ti­keln 59, 82, 83, 84 und 115 [die­ses Ge­set­zes] fest­ge­leg­ten Kündi­gungs­frist kündigt, da­zu ver­pflich­tet, der an­de­ren Par­tei ei­ne Entschädi­gung in Höhe der lau­fen­den Ent­loh­nung zu zah­len, die ent­we­der der gan­zen oder der rest­li­chen Dau­er der Kündi­gungs­frist ent­spricht.

Die Ent­las­sungs­entschädi­gung um­fasst nicht nur die lau­fen­de Ent­loh­nung, son­dern auch die auf­grund des Ver­trags er­wor­be­nen Vor­tei­le.“

13 Art. 103 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes sieht vor:

„Bei ein­sei­ti­ger Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­trags sei­tens des Ar­beit­ge­bers wird die Kündi­gungs­frist, die dem Ar­beit­neh­mer no­ti­fi­ziert wird, der sei­ne Leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 102 (und 102bis) verkürzt hat, so be­rech­net, als hätte er sei­ne Leis­tun­gen nicht verkürzt. Die­sel­be Kündi­gungs­frist ist eben­falls bei der Be­stim­mung der in Ar­ti­kel 39 des Ge­set­zes [von 1978] vor­ge­se­he­nen [Ent­las­sungse]ntschädi­gung zu berück­sich­ti­gen.“

14 Aus den Ak­ten geht wei­ter her­vor, dass Art. 105 § 3 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes auf das Ur­teil des Ge­richts­hofs vom 22. Ok­to­ber 2009, Meerts (C-116/08, Slg. 2009, I-10063), hin geändert wur­de und nun­mehr lau­tet:

„Wenn der Ar­beits­ver­trag während ei­nes Zeit­raums der Verkürzung der Ar­beits­leis­tun­gen im Rah­men ei­nes in Ausführung des vor­lie­gen­den Ab­schnitts ge­nom­me­nen El­tern­schafts­ur­laubs be­en­det wird, ist un­ter ‚lau­fen­der Ent­loh­nung‘ im Sin­ne von Ar­ti­kel 39 des Ge­set­zes [von 1978] die Ent­loh­nung zu ver­ste­hen, auf die der Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­nes Ar­beits­ver­trags An­recht ge­habt hätte, wenn er sei­ne Leis­tun­gen nicht verkürzt hätte.“

15 Nach den Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts sind „die Rechts­vor­schrif­ten über die [pau­scha­le] Schutz­entschädi­gung“ nicht geändert wor­den.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­ge

16 Frau Ro­giers ar­bei­te­te seit dem 3. Ja­nu­ar 2005 mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag als Voll­zeit­beschäftig­te bei Ly­re­co.
17 Die­ser Ar­beits­ver­trag ruh­te während des Mut­ter­schafts­ur­laubs von Frau Ro­giers vom 9. Ja­nu­ar 2009 bis zum 26. April 2009.
18 Ab dem 27. April 2009 soll­te Frau Ro­giers ih­re Ar­beit auf Teil­zeit­ba­sis im Rah­men ei­nes El­tern­ur­laubs wie­der auf­neh­men, der ihr für vier Mo­na­te gewährt wor­den war.
19 Mit Ein­schrei­ben vom 27. April 2009 be­en­de­te Ly­re­co das Ar­beits­verhält­nis von Frau Ro­giers un­ter Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist von fünf Mo­na­ten zum 1. Mai 2009. Der Vor­la­ge­ent­schei­dung zu­fol­ge en­de­te der Ar­beits­ver­trag am 31. Au­gust 2009.
20 Frau Ro­giers klag­te ge­gen ih­re Ent­las­sung bei der Ar­beids­recht­bank te Ant­wer­pen (Ar­beits­ge­richt Ant­wer­pen) und be­stritt die von Ly­re­co an­geführ­ten Ent­las­sungs­gründe. Ly­re­co hat­te im We­sent­li­chen gel­tend ge­macht, dass es ihr man­gels Ar­beit nicht möglich sei, Frau Ro­giers wei­ter­zu­beschäfti­gen, und dass die­se die Stel­len ab­ge­lehnt ha­be, die ihr nach der Strei­chung ih­rer Stel­le als „Re­cruit­ment Ma­na­ger“, die sie vor ih­rem El­tern­ur­laub in­ne­ge­habt ha­be, an­ge­bo­ten wor­den sei­en.
21 Mit Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 2011 ver­ur­teil­te die­ses Ge­richt Ly­re­co zur Zah­lung der in Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes vor­ge­se­he­nen pau­scha­len Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern, weil sie den Ar­beits­ver­trag mit Frau Ro­giers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während des El­tern­ur­laubs ein­sei­tig be­en­det ha­be. Die­sem Ur­teil zu­fol­ge war die Entschädi­gung auf der Grund­la­ge des Ge­halts zu be­rech­nen, das Frau Ro­giers zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung, d. h. am 27. April 2009, ge­zahlt wur­de, al­so des Ge­halts, das ih­rer we­gen des Teil­zeit-El­tern­ur­laubs aus­geübten Halb­zeit­beschäfti­gung ent­sprach.
22 Am 14. De­zem­ber 2011 leg­te Ly­re­co beim Ar­beids­hof te Ant­wer­pen (Ar­beits­ge­richts­hof Ant­wer­pen) Rechts­mit­tel ge­gen die­ses Ur­teil ein. Frau Ro­giers leg­te bei die­sem Ge­richt ein An­schluss­rechts­mit­tel ein, mit dem sie be­an­trag­te, die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, zu de­ren Zah­lung Ly­re­co ver­ur­teilt wor­den war, auf der Grund­la­ge des Ge­halts für die Ar­beits­leis­tun­gen auf Voll­zeit­ba­sis zu be­rech­nen.
23 Mit Ur­teil vom 10. De­zem­ber 2012 bestätig­te der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen, dass Frau Ro­giers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während ih­res El­tern­ur­laubs ent­las­sen wor­den sei und da­her An­spruch auf ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern ha­be.
24 Er schloss sich darüber hin­aus der ihm vor­ge­leg­ten Stel­lung­nah­me der Staats­an­walt­schaft an, die u. a. das Sys­tem der Be­rech­nung der Frau Ro­giers zu­ste­hen­den Entschädi­gung, wie es im Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 2011 an­ge­wandt wor­den war, als „ab­surd“ qua­li­fi­ziert hat­te, da die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung nach der Lo­gik die­ses Ur­teils bei ei­nem Voll­zeit-El­tern­ur­laub, der ei­ne Verkürzung der Ar­beits­leis­tun­gen um 100 % be­deu­te, auf der Grund­la­ge ei­nes Ge­halts von null zu be­rech­nen wäre, was kei­nen Sinn er­ge­be. In An­be­tracht des­sen ist der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen der An­sicht, dass die Ausführun­gen im Ur­teil Meerts zur Ent­las­sungs­ab­fin­dung nach Art. 39 des Ge­set­zes von 1978 nicht un­be­dingt auf die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung über­tra­gen wer­den könn­ten, um die es in dem bei ihm anhängi­gen Rechts­streit ge­he.
25 Un­ter die­sen Umständen hat der Ar­beids­hof te Ant­wer­pen be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

Ste­hen die Pa­ra­gra­fen 1 und 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung dem ent­ge­gen, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die dem Ar­beit­neh­mer zu zah­len ist, der mit sei­nem Ar­beit­ge­ber durch ei­nen un­be­fris­te­ten Voll­zeit­ar­beits­ver­trag ver­bun­den war und des­sen Ar­beits­ver­trag durch die­sen Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund während ei­ner Zeit der verkürz­ten Leis­tun­gen we­gen der In­an­spruch­nah­me ei­nes 20%- bzw. 50%igen El­tern­ur­laubs ein­sei­tig be­en­det wird, an­hand des während die­ses Verkürzungs­zeit­raums ge­schul­de­ten Ge­halts be­rech­net wird, wo­hin­ge­gen der­sel­be Ar­beit­neh­mer ei­ne Schutz­entschädi­gung in Höhe des Voll­zeit­ge­halts be­an­spru­chen könn­te, wenn er sei­ne Leis­tun­gen um 100 % verkürzt hätte?

26 In Be­ant­wor­tung ei­nes Er­su­chens um Klar­stel­lung, das der Ge­richts­hof gemäß Art. 101 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung an den Ar­beids­hof te Ant­wer­pen ge­rich­tet hat, hat die­ser erläutert, dass das vom Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof am 15. Fe­bru­ar 2010 er­las­se­ne Ur­teil, das die bel­gi­sche Re­gie­rung in ih­ren im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ein­ge­reich­ten schrift­li­chen Erklärun­gen an­geführt hat­te, kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Be­hand­lung der Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­ge ha­ben könne, da es nicht die in Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes vor­ge­se­he­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung be­tref­fe.

Zur Vor­la­ge­fra­ge

27 Vor­ab ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der vom vor­le­gen­den Ge­richt in sei­ner Fra­ge erwähn­te Pa­ra­graf 1 Nr. 2 der Rah­men­ver­ein­ba­rung le­dig­lich de­ren An­wen­dungs­be­reich de­fi­niert, in­dem er be­stimmt, dass die Rah­men­ver­ein­ba­rung für al­le Ar­beit­neh­mer, Männer und Frau­en, gilt, die nach den Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten in dem je­wei­li­gen Mit­glied­staat über ei­nen Ar­beits­ver­trag verfügen oder in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen.
28 Es steht fest, dass dies bei ei­ner Per­son in der La­ge von Frau Ro­giers im Aus­gangs­rechts­streit der Fall war, so dass sie vom An­wen­dungs­be­reich der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­fasst wird.
29 Da­her ist da­von aus­zu­ge­hen, dass das vor­le­gen­de Ge­richt mit sei­ner Fra­ge Auf­schluss darüber ge­win­nen möch­te, ob Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.
30 Wie sich so­wohl aus dem ers­ten Ab­satz der Präam­bel als auch aus den Nrn. 4 und 5 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung so­wie de­ren Pa­ra­graf 1 Nr. 1 er­gibt, stellt die­se Rah­men­ver­ein­ba­rung ein En­ga­ge­ment der So­zi­al­part­ner dar, im We­ge von Min­dest­vor­schrif­ten Maßnah­men zu schaf­fen, die es Männern und Frau­en ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 35, vom 16. Sep­tem­ber 2010, Chat­zi, C-149/10, Slg. 2010, I-8489, Rn. 56, so­wie vom 20. Ju­ni 2013, Rieþnie­ce, C-7/12, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rn. 31).
31 Aus Nr. 6 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung geht fer­ner her­vor, dass die Maßnah­men zur Ver­ein­bar­keit von Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben die Einführung neu­er und fle­xi­bler Ar­ten der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und der Zeit­ein­tei­lung in den Mit­glied­staa­ten fördern soll­ten, die den sich ändern­den Bedürf­nis­sen der Ge­sell­schaft un­ter Berück­sich­ti­gung der Bedürf­nis­se so­wohl der Un­ter­neh­men als auch der Ar­beit­neh­mer bes­ser an­ge­passt sind (Ur­teil Meerts, Rn. 36).
32 Die Rah­men­ver­ein­ba­rung ist da­mit an den so­zia­len Grund­rech­ten aus­ge­rich­tet, die in der die Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en be­tref­fen­den Nr. 16 der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer, auf die in der Rah­men­ver­ein­ba­rung, ins­be­son­de­re in Nr. 4 der All­ge­mei­nen Erwägun­gen, ver­wie­sen wird und die auch in Art. 151 Abs. 1 AEUV erwähnt wer­den, fest­ge­schrie­ben sind und im Zu­sam­men­hang mit der Ver­bes­se­rung der Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen so­wie dem Vor­han­den­sein ei­nes an­ge­mes­se­nen so­zia­len Schut­zes der Ar­beit­neh­mer ste­hen, hier der­je­ni­gen, die El­tern­ur­laub be­an­tragt oder ge­nom­men ha­ben (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 37, vom 22. April 2010, Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, C-486/08, Slg. 2010, I-3527, Rn. 52, und Chat­zi, Rn. 36).
33 Im Hin­blick dar­auf ermöglicht es die Rah­men­ver­ein­ba­rung nach Pa­ra­graf 2 Nr. 1 Per­so­nen, die ge­ra­de El­tern ge­wor­den sind, ih­re Be­rufstätig­keit zu un­ter­bre­chen, um sich ih­ren fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen zu wid­men, und gewähr­leis­tet ih­nen in Pa­ra­graf 2 Nr. 5 grundsätz­lich die Rück­kehr an ih­ren Ar­beits­platz im An­schluss an die­sen El­tern­ur­laub (vgl. Ur­tei­le Chat­zi, Rn. 57, und Rieþnie­ce, Rn. 32).
34 Um si­cher­zu­stel­len, dass die Ar­beit­neh­mer die­ses in der Rah­men­ver­ein­ba­rung vor­ge­se­he­ne Recht auf El­tern­ur­laub tatsächlich wahr­neh­men können, gibt Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung den Mit­glied­staa­ten und/oder So­zi­al­part­nern auf, gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten, Ta­rif­verträgen oder Ge­pflo­gen­hei­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen zu tref­fen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen.
35 Die­se Be­stim­mung be­zweckt da­her nach ih­rem Wort­laut, die Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen zu schützen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 33, und Rieþnie­ce, Rn. 34).
36 In An­be­tracht des in den Rn. 30 und 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Ziels der Rah­men­ver­ein­ba­rung, nämlich Männern und Frau­en zu ermögli­chen, ih­ren be­ruf­li­chen und fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen glei­cher­maßen nach­zu­kom­men, ist Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung als Aus­druck ei­nes so­zia­len Grund­rechts der Uni­on zu ver­ste­hen, dem be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, und darf des­halb nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Meerts, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, so­wie Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 54).
37 Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die für den Fall, dass - wie im Aus­gangs­ver­fah­ren - ein Ar­beit­ge­ber den Ver­trag ei­nes un­be­fris­tet und in Voll­zeit an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund ein­sei­tig be­en­det, ob­wohl sich die­ser im El­tern­ur­laub be­fin­det, die­sem Ar­beit­neh­mer zusätz­lich zur Entschädi­gung we­gen Ver­trags­bruchs ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung in Höhe von sechs Mo­nats­gehältern gewährt, kann un­ter die „er­for­der­li­chen Maßnah­men zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ent­las­sun­gen, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ru­hen“, im Sin­ne von Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung fal­len.
38 Ei­ner sol­chen Schutz­maßnah­me würde je­doch ein großer Teil ih­rer prak­ti­schen Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ein Ar­beit­neh­mer, der - wie Frau Ro­giers im Aus­gangs­ver­fah­ren - un­be­fris­tet und in Voll­zeit an­ge­stellt ist, be­an­spru­chen kann, wenn er während ei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis rechts­wid­rig ent­las­sen wird, nicht auf der Grund­la­ge sei­nes ar­beits­ver­trag­li­chen Voll­zeit­ge­halts, son­dern auf der sei­nes während des Teil­zeit-El­tern­ur­laubs gekürz­ten Ge­halts be­rech­net würde. Denn bei ei­ner sol­chen Me­tho­de zur Be­rech­nung die­ser pau­scha­len Entschädi­gung ist zu er­war­ten, dass sie kei­ne hin­rei­chend ab­schre­cken­de Wir­kung hat, um die Ent­las­sung von Ar­beit­neh­mern zu ver­hin­dern, die sich in ei­nem El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis be­fin­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Meerts, Rn. 46 und 47).
39 Ein sol­ches Er­geb­nis würde un­ter Ver­s­toß ge­gen ei­nes der mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le, das in Rn. 32 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführt ist und in der Gewähr­leis­tung ei­nes an­ge­mes­se­nen so­zia­len Schut­zes der Ar­beit­neh­mer be­steht, da­zu führen, dass die Un­si­cher­heit der Beschäfti­gungs­verhält­nis­se von Ar­beit­neh­mern, die sich für ei­nen El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ent­schie­den ha­ben, erhöht und da­mit die mit Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung ein­geführ­te Schutz­re­ge­lung teil­wei­se aus­gehöhlt wird, und so ei­nen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on, dem be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, ernst­lich be­ein­träch­ti­gen.
40 Darüber hin­aus könn­te ei­ne sol­che Me­tho­de zur Be­rech­nung der pau­scha­len Entschädi­gung, da sie be­stimm­te Ar­beit­neh­mer da­von ab­hal­ten könn­te, El­tern­ur­laub zu neh­men, auch dem Ziel der Rah­men­ver­ein­ba­rung in­so­weit ent­ge­gen­wir­ken, als die­se, wie in Rn. 30 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, zu ei­ner bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­li­en­le­ben und Be­rufs­le­ben führen soll (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Meerts, Rn. 47).
41 Da schließlich ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che den Ar­beit­neh­mern gemäß Pa­ra­graf 2 Nr. 3 Buchst. a der Rah­men­ver­ein­ba­rung die Möglich­keit einräumt, zwi­schen ei­nem El­tern­ur­laub auf Voll­zeit­ba­sis und ei­nem sol­chen auf Teil­zeit­ba­sis zu wählen, und zum Schutz der Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne rechts­wid­ri­ge Ent­las­sung während ei­nes sol­chen Ur­laubs ei­ne Sank­ti­ons­re­ge­lung in Form ei­ner be­son­de­ren Entschädi­gung vor­sieht, dürfen Ar­beit­neh­mer, die sich ent­schie­den ha­ben, El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis statt auf Voll­zeit­ba­sis zu neh­men, nicht be­nach­tei­ligt wer­den, soll nicht das mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­te Ziel der Fle­xi­bi­lität, wie es in Rn. 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführt ist, be­ein­träch­tigt wer­den.
42 Im Übri­gen wird die­se Aus­le­gung der Rah­men­ver­ein­ba­rung, wie die bel­gi­sche Re­gie­rung und die Eu­ropäische Kom­mis­si­on aus­geführt ha­ben, durch Pa­ra­graf 2 Nr. 6 der Rah­men­ver­ein­ba­rung bestätigt, wo­nach die Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des El­tern­ur­laubs er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben, bis zum En­de des El­tern­ur­laubs be­ste­hen blei­ben.
43 Wie der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den hat, er­gibt sich so­wohl aus dem Wort­laut die­ses Pa­ra­gra­fen als auch aus dem Kon­text, in den er sich einfügt, dass der Zweck die­ser Be­stim­mung dar­in be­steht, zu ver­hin­dern, dass aus dem Ar­beits­verhält­nis ab­ge­lei­te­te Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer er­wor­ben hat oder da­bei ist zu er­wer­ben und über die er zum Zeit­punkt des An­tritts ei­nes El­tern­ur­laubs verfügt, ver­lo­ren ge­hen oder verkürzt wer­den, und zu gewähr­leis­ten, dass sich der Ar­beit­neh­mer im An­schluss an den El­tern­ur­laub im Hin­blick auf die­se Rech­te in der­sel­ben Si­tua­ti­on be­fin­det wie vor die­sem Ur­laub (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 39, und Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 51).
44 Aus den in den Rn. 30 bis 32 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Zie­len der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­gibt sich, dass die Wen­dung „Rech­te, die der Ar­beit­neh­mer … er­wor­ben hat­te oder da­bei war zu er­wer­ben“ im Sin­ne von Pa­ra­graf 2 Nr. 6 der Rah­men­ver­ein­ba­rung al­le un­mit­tel­bar oder mit­tel­bar aus dem Ar­beits­verhält­nis ab­ge­lei­te­ten Rech­te und Vor­tei­le hin­sicht­lich Bar- oder Sach­leis­tun­gen er­fasst, auf die der Ar­beit­neh­mer bei An­tritt des El­tern­ur­laubs ei­nen An­spruch ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber hat (vgl. Ur­tei­le Meerts, Rn. 43, und Zen­tral­be­triebs­rat der Lan­des­kran­kenhäuser Ti­rols, Rn. 53.
45 Zu die­sen Rech­ten und Vor­tei­len gehören die­je­ni­gen, die mit den Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen zu­sam­menhängen, wie der An­spruch ei­nes mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers, der El­tern­ur­laub ge­nom­men hat, auf ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, wenn der Ar­beit­ge­ber die­sen Ver­trag oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund ein­sei­tig be­en­det. Denn die­se Entschädi­gung, de­ren Höhe sich nach dem ar­beits­ver­trag­li­chen Ge­halt rich­tet und die die­sen Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne Ent­las­sung schützen soll, die auf ei­nem An­trag auf El­tern­ur­laub oder auf der In­an­spruch­nah­me des El­tern­ur­laubs be­ruht, wird dem Ar­beit­neh­mer auf­grund der Stel­le ge­zahlt, die er in­ne­ge­habt hat­te und wei­ter in­ne­ge­habt hätte, wäre er nicht rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 27. Ju­ni 1990, Ko­wals­ka, C-33/89, Slg. 1990, I-2591, Rn. 10 und 11, vom 9. Fe­bru­ar 1999, Sey­mour-Smith und Pe­rez, C-167/97, Slg. 1999, I-623, Rn. 23 bis 28, und Meerts, Rn. 44).
46 So steht im Aus­gangs­ver­fah­ren fest, dass ein Ar­beit­neh­mer wie Frau Ro­giers, der für sei­nen Ar­beit­ge­ber im Rah­men ei­nes Ar­beits­ver­trags über ei­nen be­stimm­ten Zeit­raum ge­ar­bei­tet hat und nach den Vor­schrif­ten des na­tio­na­len Rechts An­recht auf El­tern­ur­laub hat, sich mit Be­ginn des El­tern­ur­laubs auf sei­nen An­spruch auf die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung gemäß Art. 101 des Sa­nie­rungs­ge­set­zes be­ru­fen kann. Dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch nur dann tatsächlich gel­tend ma­chen kann, wenn sein Ar­beit­ge­ber ihn später während des El­tern­ur­laubs rechts­wid­rig entlässt, ist in die­sem Zu­sam­men­hang oh­ne Be­lang.
48 Ist, wie im Aus­gangs­ver­fah­ren, ein mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer während sei­nes El­tern­ur­laubs auf Teil­zeit­ba­sis rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den, ent­spricht ei­ne pau­scha­le Schutz­entschädi­gung wie die im bel­gi­schen Recht vor­ge­se­he­ne folg­lich nur dann den An­for­de­run­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung, wenn sie auf der Grund­la­ge des Ge­halts für die Voll­zeit­ar­beits­leis­tun­gen die­ses Ar­beit­neh­mers be­rech­net wird.
48 Nach al­le­dem ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung im An­hang der Richt­li­nie 96/34 im Licht der mit die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le und der Nr. 6 die­ses Pa­ra­gra­fen da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.

Kos­ten 

49 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Drit­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Pa­ra­graf 2 Nr. 4 der am 14. De­zem­ber 1995 ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub im An­hang der Richt­li­nie 96/34/EG des Ra­tes vom 3. Ju­ni 1996 zu der von UN­ICE, CEEP und EGB ge­schlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über den El­tern­ur­laub in der durch die Richt­li­nie 97/75/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 geänder­ten Fas­sung ist im Licht der mit die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­folg­ten Zie­le und der Nr. 6 die­ses Pa­ra­gra­fen da­hin aus­zu­le­gen, dass er nicht zulässt, dass die pau­scha­le Schutz­entschädi­gung, die ei­nem un­be­fris­tet und auf Voll­zeit­ba­sis an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer, der El­tern­ur­laub auf Teil­zeit­ba­sis ge­nom­men hat, bei ei­ner ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung sei­nes Ver­trags durch den Ar­beit­ge­ber oh­ne schwer­wie­gen­den oder aus­rei­chen­den Grund zu­steht, auf der Grund­la­ge des gekürz­ten Ge­halts be­rech­net wird, das die­ser Ar­beit­neh­mer zum Zeit­punkt sei­ner Ent­las­sung be­zog.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Nie­derländisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu  

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