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LAG Köln, Ur­teil vom 22.01.2008, 9 Sa 1116/07

   
Schlagworte: Sozialplan, Abfindung, Teilzeit
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 9 Sa 1116/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 22.01.2008
   
Leitsätze: Eine Sozialplanregelung, wonach grundsätzlich auf das zuletzt erzielte Monatsgehalt bei der Bemessung der Abfindung abzustellen ist, und nur bei Arbeitnehmern, bei denen sich erst in den letzten drei Jahren vor Abschluss des Sozialplans die Arbeitszeit verändert hat, ein nach dem durchschnittlichen Beschäftigungsgrad während der gesamten Betriebszugehörigkeit ermitteltes Monatsgehalt zugrunde zu legen ist, verstößt nicht gegen das Gebot zur Beachtung der Grundsätze von Recht und Billigkeit. (Rn.29)
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Aachen, Urteil vom 9.08.2007, 4 Ca 1499/07
   

9 Sa 1116/07

4 Ca 1499/07

Ar­beits­ge­richt Aa­chen

Verkündet am 22. Ja­nu­ar 2008

Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT KÖLN

 

IM NA­MEN DES VOL­KES

 

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

 

- Kläge­rin und Be­ru­fungskläge­rin -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:

g e g e n

- Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:

hat die 9. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 22.01.2008
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt S als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter D und B

für R e c h t er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Aa­chen vom 09. Au­gust 2007 – 4 Ca 1499/07 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on ge­gen die­ses Ur­teil wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

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Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe ei­ner von der Be­klag­ten zu zah­len­den So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Die Kläge­rin, ge­bo­ren am 1966, war bei der Be­klag­ten als voll­zeit­beschäftig­te Sach­be­ar­bei­te­rin in der Scha­dens­ab­tei­lung seit dem 6. Ju­ni 1987 auf­grund ei­nes schrift­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges vom 6. Ju­ni 1987/19. Ju­li 1987 (Bl. 96 – 97 d. A.) beschäftigt. In dem schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag wur­de be­stimmt, dass bei der Ein­stu­fung in die Ge­halts­grup­pe IV der 1. Au­gust 1985 als Be­ginn der Be­rufs­jah­re zu gel­ten hat­te. Auf das Ar­beits­verhält­nis fan­den, so­weit nichts Ab­wei­chen­des ver­ein­bart war, die je­weils gülti­gen Ta­rif­verträge für das pri­va­te Ver­si­che­rungs­ge­wer­be An­wen­dung.

Während ih­rer El­tern­zeit ab 2002 ar­bei­te­te die Kläge­rin nur in ei­nem Um­fang von 7,6 St­un­den pro Wo­che für die Be­klag­te. Auch nach Ab­lauf der El­tern­zeit ar­bei­te­te die Kläge­rin ab dem 27. Ja­nu­ar 2006 wei­ter­hin mit die­ser St­un­den­zahl bei der Be­klag­ten zu ei­ner Vergütung von EUR 676,45 brut­to.

Un­ter dem 6./10. Ja­nu­ar 2006 schloss die Be­klag­te mit dem Ge­samt­be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan we­gen Per­so­nal­re­du­zie­run­gen, die in ei­nem un­ter dem glei­chen Da­tum ab­ge­schlos­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich vor­ge­se­hen sind.

Da­nach er­hal­ten Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­verhält­nis en­det, ei­ne Grund­ab­fin­dung, die wie folgt be­rech­net wird: Le­bens­al­ter x Be­triebs­zu­gehörig­keit x Brut­to-Mo­nats­ver­dienst : 40. Maßge­bend für die Be­rech­nung der Be­triebs­zu­gehörig­keit ist der Zeit­punkt des Be­ginns des Ar­beits­verhält­nis­ses (ein­sch­ließlich Be­rufs­aus­bil­dungs­zei­ten bei der Be­klag­ten) ei­ner­seits und der Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses an­de­rer­seits. Bei der Ab­fin­dung han­delt es sich um ei­ne Brut­to­zah­lung. Als Brut­to-Mo­nats­ver­dienst gilt das im letz­ten Mo­nats vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vom Ar­beit­neh­mer be­zo­ge­ne vol­le Brut­to-Mo­nats­ge­halt ein­sch­ließlich Zu­la­gen. Da­zu zählen nicht: Vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen, Fahrt­kos­ten­zuschüsse, Vergütun­gen für Mehr­ar­beit und Zeit­gut­ha­ben, Rei­se­kos­ten so­wie Son­der­zah­lun­gen, Gra­ti­fi­ka­tio­nen und Er­folgs­vergütung. Bei

 

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Ar­beit­neh­mern, de­ren re­gelmäßige Wo­chen­ar­beits­zeit sich seit dem 31. De­zem­ber 2003 um mehr als 25 % ver­rin­gert oder erhöht hat, ist für die Be­rech­nung des Brut­to-Mo­nats­ver­diens­tes der durch­schnitt­li­che Beschäfti­gungs­grad während ih­rer ge­sam­ten Be­triebs­zu­gehörig­keit maßgeb­lich. Die Höhe des Brut­to-Mo­nats­ver­diens­tes be­rech­net sich in die­sen Fällen wie folgt: Brut­to-Mo­nats­ver­dienst bei Voll­zeit­beschäfti­gung x durch­schnitt­li­cher Beschäfti­gungs­grad.

Im Zu­ge der im In­ter­es­sen­aus­gleich vor­ge­se­he­nen Per­so­nal­re­du­zie­run­gen kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit Schrei­ben vom 20. Fe­bru­ar 2006 zum 30. Sep­tem­ber 2006. Sie zahl­te an die Kläge­rin un­ter Berück­sich­ti­gung von Auf­sto­ckungs­beträgen we­gen ih­rer bei­den un­ter­halts­be­rech­tig­ten Kin­der ei­ne Ge­samt­ab­fin­dung in Höhe von EUR 20.058,49. Bei der Be­rech­nung ging sie von ei­ner seit dem 6. Ju­ni 1987 be­ste­hen­den Be­triebs­zu­gehörig­keit aus. Zu­dem leg­te sie das zu­letzt als Teil­zeit­kraft er­ziel­te Mo­nats­ge­halt zu­grun­de.

Zwi­schen den Par­tei­en be­steht Streit darüber, ob bei der Be­rech­nung der Grund­ab­fin­dung der 1. Au­gust 1985 als Be­ginn der Be­triebs­zu­gehörig­keit gilt und ob zur Er­mitt­lung des Brut­to-Mo­nats­ver­diens­tes das Mo­nats­ge­halt bei ei­ner Voll­zeit­beschäfti­gung der Kläge­rin mit dem durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­grad von 0,83 zu mul­ti­pli­zie­ren ist – so die Kläge­rin – oder ob das zu­letzt als Teil­zeit­kraft er­ziel­te Mo­nats­ge­halt – so die Be­klag­te – als Brut­to-Mo­nats­ver­dienst zu gel­ten hat.

Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge, die am 18. April 2007 beim Ar­beits­ge­richt Aa­chen ein­ge­gan­gen ist, ver­langt die Kläge­rin von der Be­klag­ten Zah­lung von wei­te­ren EUR 46.970,01 als Ab­fin­dung.

Das Ar­beits­ge­richt Aa­chen hat durch Ur­teil vom 9. Au­gust 2007 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, bei der Be­rech­nung der Ab­fin­dung sei von dem tatsächli­chen Be­ginn der Be­triebs­zu­gehörig­keit am 6. Ju­ni 1987 und nicht von dem für ta­rif­li­che Leis­tun­gen re­le­van­ten Be­ginn der Be­rufs­jah­re am 1. Au­gust 1985 aus­zu­ge­hen. Auch ha­be die Be­klag­te


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zu­tref­fend das von der Kläge­rin zu­letzt er­ziel­te Mo­nats­ge­halt in An­satz ge­bracht, da die Kläge­rin be­reits vor dem Stich­tag 31. De­zem­ber 2003 ih­re Wo­chen­ar­beits­zeit auf 7,5 St­un­den ver­rin­gert ha­be. Die Stich­tags­re­ge­lung sei rechts­wirk­sam.

Das Ur­teil ist der Kläge­rin am 17. Au­gust 2007 zu­ge­stellt wor­den. Sie hat hier­ge­gen am 7. Sep­tem­ber 2007 Be­ru­fung ein­le­gen und die­se am 11. Ok­to­ber 2007 be­gründen las­sen.

Die Kläge­rin macht gel­tend, da die Be­klag­te bei der Ein­grup­pie­rung Be­rufs­jah­re ab dem 1. Au­gust 1985 be­rech­net ha­be, müsse auch bei der Be­mes­sung der Ab­fin­dung von ei­nem Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses an die­sem Tag aus­ge­gan­gen wer­den. Die für die Be­mes­sung des Brut­to-Mo­nats­ver­diens­tes re­le­van­te Stich­tags­re­ge­lung führe zu ei­ner nicht sach­lich ge­recht­fer­tig­ten Un­gleich­be­hand­lung. Die Be­klag­te ha­be sich erst im Ver­lauf des Rechts­streits dar­auf be­ru­fen, es stel­le für sie ei­nen un­zu­mut­ba­ren Ver­wal­tungs­auf­wand dar, al­le Verände­run­gen der Ar­beits­zeit seit Be­ginn des je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses bei ihr oder ei­nem an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men zur Be­rech­nung ei­nes durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­gra­des zu er­mit­teln. Ih­ren – der Kläge­rin - durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­grad ha­be die Be­klag­te auf An­fra­ge je­den­falls in­ner­halb von nur fünf Ta­gen mit­ge­teilt. Im Übri­gen hätten bei den So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen die kon­kre­ten Beschäfti­gungs­da­ten vor­ge­le­gen. Es sei­en auch die Aus­wir­kun­gen der Stich­tags­re­ge­lung auf das Ge­samt­ab­fin­dungs­vo­lu­men erörtert wor­den.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Aa­chen vom 9. Au­gust 2007- 4 Ca 1499/07 – die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie EUR 46.970,01 nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­weils gülti­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 30. Sep­tem­ber 2006 zu zah­len.


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Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie ist der An­sicht, nach der ein­deu­ti­gen Re­ge­lung im So­zi­al­plan sei die Be­triebs­zu­gehörig­keit ab Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses am 6. Ju­ni 1987 zu­tref­fend be­rech­net wor­den. Auch sei die Re­ge­lung, wo­nach er­heb­li­che Verände­run­gen der Wo­chen­ar­beits­zeit vor dem 31. De­zem­ber 2003 bei der Be­mes­sung der Ab­fin­dung nicht zu berück­sich­ti­gen sei­en, rechts­wirk­sam. Die Be­triebs­par­tei­en hätten da­mit Härten für Mit­ar­bei­ter ver­mei­den wol­len, die erst in letz­ter Zeit ih­re Ar­beits­zeit in er­heb­li­chem Um­fang ver­rin­gert hätten. Ei­ne Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher Verände­run­gen der Ar­beits­zeit seit Be­ginn der Beschäfti­gungs­verhält­nis­se bei ihr oder an­de­ren Kon­zer­un­ter­neh­men hätte zu ei­nem für sie un­zu­mut­ba­ren Ver­wal­tungs­auf­wand geführt. Da nur der ak­tu­el­le Beschäfti­gungs­um­fang elek­tro­nisch er­fasst sei, hätten die Per­so­nal­ak­ten der et­wa 600 bis 700 be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter bei ihr und an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men über­prüft wer­den müssen, so­weit die­se Ak­ten über­haupt noch vor­han­den sei­en. In den Ver­hand­lun­gen mit dem Ge­samt­be­triebs­rat hätten nicht An­ga­ben über al­le Verände­run­gen der Ar­beits­zei­ten der
be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter seit Be­ginn ih­res je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses vor­ge­le­gen. Die Zulässig­keit von Stich­tags­re­ge­lun­gen in So­zi­alplänen sei in der Recht­spre­chung an­er­kannt. Im Übri­gen würde ei­ne Berück­sich­ti­gung des durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­gra­des bei al­len Ar­beit­neh­mern zu ei­ner nicht hin­nehm­ba­ren Aus­deh­nung des So­zi­al­plan­vo­lu­mens führen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die von den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze Be­zug ge­nom­men, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung ge­we­sen sind.


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Ent­schei­dungs­gründe:

I. Die Be­ru­fung ist zulässig.

Sie ist nach § 64 Abs. 2 b ArbGG statt­haft und wur­de in­ner­halb der Fris­ten nach § 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG ein­ge­legt und be­gründet.

II. Die Be­ru­fung hat in der Sa­che aber kei­nen Er­folg.

Mit zu­tref­fen­der Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt Aa­chen die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Kläge­rin hat kei­nen höhe­ren Ab­fin­dungs­an­spruch.

1. Zu­tref­fend hat die Be­klag­te bei der Er­mitt­lung des Ab­fin­dung die Be­triebs­zu­gehörig­keit ab dem 6. Ju­ni 1987 be­rech­net.

Nach Ziff. IX 3 c (2) des So­zi­al­plans vom 6./10. Ja­nu­ar 2006 rech­net die Be­triebs­zu­gehörig­keit ab dem Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses (ein­sch­ließlich Be­rufs­aus­bil­dungs­zei­ten bei der Be­klag­ten).

In dem schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag vom 6. Ju­ni/ 29. Ju­li 1987 war be­stimmt, dass das Ar­beits­verhält­nis mit dem 6. Ju­ni 1987 be­gann.

Die Kläge­rin hat nicht dar­ge­tan, dass ab­wei­chend von die­ser ver­trag­li­chen Re­ge­lung das Ar­beits­verhält­nis zu der Be­klag­ten seit ei­nem frühe­ren Zeit­punkt un­un­ter­bro­chen be­stan­den hat, et­wa un­ter Berück­sich­ti­gung von Be­rufs­aus­bil­dungs­zei­ten bei der Be­klag­ten.

Der un­ter Ziff. 3 des Ar­beits­ver­tra­ges fest­ge­leg­te Be­ginn der Be­rufs­jah­re mit dem 1. Au­gust 1985 ist nicht maßgeb­lich für den Be­ginn der Be­triebs­zu­gehörig­keit. Denn Be­rufs­jah­re in den Ge­halts­grup­pen III bis VIII sind im Ver­si­che­rungs­fach, al­so auch bei an­de­ren Un­ter­neh­men außer­halb des Kon­zerns der Be­klag­ten, haupt­be­ruf­lich ver­brach­te Beschäfti­gungs­jah­re so­wie


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Beschäfti­gungs­jah­re in an­de­ren Be­ru­fen, so­weit die dort er­wor­be­nen Kennt­nis­se ver­wer­tet wer­den, oder Beschäfti­gungs­jah­re bei ei­nem Träger der So­zi­al­ver­si­che­rung und bei Er­satz­kas­sen (§ 5 Ziff. 3 Man­tel­ta­rif­ver­trag für das pri­va­te Ver­si­che­rungs­ge­wer­be).

2. Die Be­klag­te hat bei der Be­rech­nung der Ab­fin­dung auch zu­tref­fend das von der Kläge­rin als Teil­zeit­kraft zu­letzt er­ziel­te Mo­nats­ge­halt zu­grun­de ge­legt.

Die feh­len­de Berück­sich­ti­gung des durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­gra­des der Kläge­rin seit Be­ginn ih­res Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses auf­grund der Re­ge­lun­gen un­ter Ziff. IX 3 c (3 und 4) des So­zi­al­plans vom 6./10. Ja­nu­ar 2006 verstößt nicht ge­gen das Ge­bot zur Be­ach­tung der Grundsätze von Recht und Bil­lig­keit in § 75 Abs. 1 S. 1 Be­trVG.

a. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ha­ben die Par­tei­en bei der Auf­stel­lung ei­nes So­zi­al­plans ei­nen wei­ten Spiel­raum für die Be­stim­mung des an­ge­mes­se­nen Aus­gleichs der mit ei­ner Be­triebsände­rung ver­bun­de­nen Nach­tei­le. Sie können grundsätz­lich frei darüber ent­schei­den, ob, in wel­chem Um­fang und in wel­cher Wei­se sie die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­glei­chen oder mil­dern wol­len. Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben al­ler­dings die Gren­zen von Recht und Bil­lig­keit und die Funk­ti­on ei­nes So­zi­al­plans zu be­ach­ten. Recht und Bil­lig­keit ver­lan­gen ins­be­son­de­re die Be­ach­tung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes. Die­ser ver­langt, dass im Hin­blick auf zu er­war­ten­de Nach­tei­le in glei­cher Wei­se be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer gleich be­han­delt wer­den. Ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung ist sach­fremd, wenn es für die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung kei­ne bil­li­gens­wer­ten Gründe gibt (vgl. BAG, Ur­tei­le vom 14. De­zem­ber 1999 – 1 AZR 268/99 – und vom 12. No­vem­ber 2002 – 1 AZR 58/02 -).

b. Stich­ta­ge in So­zi­alplänen sind üblich und grundsätz­lich zulässig, wo­bei den Be­triebs­par­tei­en bei der Fest­le­gung ein wei­ter Er­mes­sens­spiel­raum zu­kommt. Zwar bringt je­de Stich­tags­re­ge­lung un­ver­meid­bar ge­wis­se Härten mit sich. Die­se müssen je­doch hin­ge­nom­men wer­den, wenn die Wahl des Zeit­punkts am ge­ge­be­nen Sach­ver­halt ori­en­tiert und so­mit sach­lich ver­tret­bar


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ist (vgl. BAG, Ur­tei­le vom 16. Ok­to­ber 1996 – 10 AZR 276/96 – und vom 14. De­zem­ber 1999 – 1 AZR 268/99 -).

c.) Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen ist die feh­len­de Berück­sich­ti­gung des durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­gra­des bei Mit­ar­bei­tern, de­ren Ar­beits­zeit be­reits vor dem 31. De­zem­ber 2003 um mehr als 25 % verändert wor­den ist, wirk­sam.

aa.) Die Be­klag­te hat be­reits mit der Kla­ge­er­wi­de­rung vom 30. Mai 1997 als Grund für die Stich­tags­re­ge­lung an­geführt, sie ha­be „Härtefälle“ bei den Ar­beit­neh­mern ver­mei­den wol­len, die erst kurz vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ih­re re­gelmäßige Wo­chen­ar­beits­zeit ver­rin­gert hätten.

aaa.) Zu­tref­fend weist die Be­klag­te dar­auf hin, dass ei­ne So­zi­al­plan­re­ge­lung zulässig ist, nach der aus­nahms­los auf das zu­letzt er­ziel­te Mo­nats­ge­halt bei der Be­mes­sung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung ab­zu­stel­len ist. Denn So­zi­alpläne die­nen re­gelmäßig dem Aus­gleich und der Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le, die durch die Be­triebsände­rung ent­ste­hen. Sie die­nen da­ge­gen nicht der nachträgli­chen Vergütung der in der Ver­gan­gen­heit ge­leis­te­ten Ar­beit. Nach der ge­setz­li­chen De­fi­ni­ti­on sol­len sie den von der Ent­las­sung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern ei­ne Über­brückungs­hil­fe bis zu ei­nem neu­en Ar­beits­verhält­nis oder längs­tens bis zum Be­zug von Al­ters­ru­he­geld gewähren. Dar­aus folgt, dass sich die Be­rech­nung der Ab­fin­dung nach dem Stand des Ar­beits­verhält­nis­ses im Zeit­punkt der Kündi­gung rich­tet, auch so­weit es um das Ar­beits­ent­gelt geht. Dies ent­spricht im Übri­gen der Re­ge­lung un­ter § 10 KSchG (vgl. da­zu. BAG, Ur­teil vom 28. Ok­to­ber 1992 – 10 AZR 129/92 -).

Ei­ne sol­che Re­ge­lung verstößt we­der ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz noch ge­gen § 4 Tz­B­fG noch ge­gen Art. 141 EG-Ver­trag in der Fas­sung des Ams­ter­da­mer Ver­tra­ges vom 2. Ok­to­ber 1997. Viel­mehr stellt das An­knüpfen an die persönli­che Ar­beits­zeit, nach der sich das Ar­beits­ent­gelt rich­tet, ei­nen sach­li­chen Grund für ei­ne un­ter­schied­li­che Ab­fin­dungs­zah­lung dar (vgl. BAG, Ur­teil vom 28. Ok­to­ber 1992 – 10 AZR 129/92 -).


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bbb.) Im vor­lie­gen­den Fall ha­ben die Be­triebs­par­tei­en den Über­brückungs­zweck der Ab­fin­dung aus­drück­lich in der Präam­bel des So­zi­al­plans fest­ge­schrie­ben. Die­sem Zweck ent­spre­chend ha­ben sie un­ter Ziff. II 1 des So­zi­al­plans u. a. Ar­beit­neh­mer von Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen, die Al­ters­ru­he­geld in An­spruch neh­men können und des­halb be­reits in an­de­rer Wei­se ei­nen Aus­gleich er­hal­ten (vgl. da­zu auch: BAG, Ur­teil vom 28. Ok­to­ber 1992 – 10 AZR 129/92 -).

ccc.) Aus­ge­hend von dem Über­brückungs­zweck der Ab­fin­dung hält sich auch die Aus­nah­me­re­ge­lung für Ar­beit­neh­mer, de­ren re­gelmäßige Wo­chen­ar­beits­zeit sich seit dem 31. De­zem­ber 2003, al­so in den letz­ten 2 Jah­ren vor In­kraft­tre­ten des So­zi­al­plans, um mehr als 25 % ver­rin­gert oder erhöht hat, in­ner­halb des Er­mes­sens­spiel­raums, der den Be­triebs­par­tei­en zu­steht.

Sie ha­ben da­mit er­kenn­bar die Härten ver­mei­den wol­len, die sich er­ge­ben, wenn un­abhängig von der Dau­er der veränder­ten Ar­beits­zeit al­lein auf den Aus­schei­dens­zeit­punkt ab­ge­stellt wird. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Ar­beit­neh­mer, die be­reits seit 2 Jah­ren und länger ih­re Ar­beits­zeit verändert ha­ben, sich in ih­rer Le­bens­hal­tung auf das ent­spre­chen­de Ar­beits­ent­gelt ein­ge­stellt ha­ben. Da­nach muss sich dann auch ihr Über­brückungs­be­darf rich­ten.

bb.) Da be­reits die auf­ge­zeig­te Ver­mei­dung von Härten als sach­li­cher Grund für die Stich­tags­re­ge­lung zu gel­ten hat, kann da­hin­ste­hen, ob die von der Be­klag­ten be­haup­te­ten Schwie­rig­kei­ten bei der Er­mitt­lung des durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­gra­des ab Be­ginn der Ar­beits­verhält­nis­se zu­tref­fen und als wei­te­rer sach­li­cher Grund für die Stich­tags­re­ge­lung an­zu­er­ken­nen sind.

cc.) Die Stich­tags­re­ge­lung verstößt nicht Art. 6 GG, so­weit da­von Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter be­trof­fen sind, die wie die Kläge­rin durch


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El­tern­zeit und Kin­der­er­zie­hung ver­an­lasst wur­den, be­reits vor dem 31. De­zem­ber 2003 ih­re Ar­beits­zeit in er­heb­li­chem Um­fang zu ver­rin­gern.

Zwar dürfen die Be­triebs­par­tei­en in So­zi­alplänen auf­grund der sich aus Art. 6 GG er­ge­ben­den Wer­tun­gen kei­ne Re­ge­lun­gen tref­fen, die ge­eig­net sind, Ehe und Fa­mi­lie zu dis­kri­mi­nie­ren und Ar­beit­neh­mer we­gen der Kin­der­er­zie­hung zu be­nach­tei­li­gen. Dar­aus folgt aber nicht die Pflicht, ver­hei­ra­te­te Ar­beit­neh­mer oder sol­che, die mit ih­ren Kin­dern in häus­li­cher Ge­mein­schaft le­ben, ge­genüber un­ver­hei­ra­te­ten, kin­der­lo­sen Ar­beit­neh­mern zu be­vor­zu­gen (vgl. da­zu: BAG, Ur­teil vom 6. No­vem­ber 2007 – 1 AZR 960/06 - ).

Nach al­le­dem war die Be­ru­fung mit der Kos­ten­fol­ge nach § 97 ZPO zurück­zu­wei­sen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung des Rechts­streits für Stich­tags­re­ge­lun­gen in So­zi­alplänen, die die Be­mes­sung des Ar­beits­ent­gelts bei der Ab­fin­dung be­tref­fen.

 

RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der kla­gen­den Par­tei

R E V I S I O N

ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on muss

in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat

schrift­lich beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

Fax: (0361) 2636 - 2000


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ein­ge­legt wer­den.

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

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