HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 05.07.2017, C-190/16

   
Schlagworte: Altersgrenze, Diskriminierung: Alter, Berufsfreiheit, Altersdiskriminierung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-190/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 05.07.2017
   
Leitsätze: 1. Die Prüfung der ersten und der zweiten Frage hat nichts ergeben, was die Gültigkeit von FCL.065 Buchst. b des Anhangs I der Verordnung (EU) Nr. 1178/2011 der Kommission vom 3. November 2011 zur Festlegung technischer Vorschriften und von Verwaltungsverfahren in Bezug auf das fliegende Personal in der Zivilluftfahrt gemäß der Verordnung (EG) Nr. 216/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates im Hinblick auf Art. 15 Abs. 1 bzw. Art. 21 Abs. 1 der Charta beeinträchtigen könnte.

2. FCL.065 Buchst. b des Anhangs I der Verordnung Nr. 1178/2011 ist dahin auszulegen, dass er dem Inhaber einer Pilotenlizenz, der das Alter von 65 Jahren erreicht hat, weder verbietet, als Pilot Leer- oder Überführungsflüge im Gewerbebetrieb eines Luftverkehrsunternehmens durchzuführen, bei denen weder Fluggäste noch Fracht oder Post befördert werden, noch - ohne Mitglied der Flugbesatzung zu sein -, als Ausbilder und/oder Prüfer an Bord eines Luftfahrzeugs tätig zu sein.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 30.07.2014, 9 Ca 9995/13
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 20.03.2015, 4 Sa 966/14
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.01.2016, 5 AZR 263/15 (A)
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Ers­te Kam­mer)

5. Ju­li 2017(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Luft­ver­kehr - Ver­ord­nung (EU) Nr. 1178/2011 - An­hang I, FCL.065 Buchst. b - Ver­bot für In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein - Gültig­keit - Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on - Art. 15 - Be­rufs­frei­heit - Art. 21 - Gleich­be­hand­lung - Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters - Ge­werb­li­cher Luft­ver­kehr - Be­griff“

 

In der Rechts­sa­che C‑190/16

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land), mit Ent­schei­dung vom 27. Ja­nu­ar 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 5. April 2016, in dem Ver­fah­ren

Wer­ner Fries

ge­gen

Luft­han­sa Ci­ty­Line GmbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Ers­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie der Rich­ter E. Re­gan, J.-C. Bo­ni­chot, A. Ara­b­ad­jiev und S. Ro­din,

Ge­ne­ral­an­walt: M. Bo­b­ek,

Kanz­ler: A. Ca­lot Es­co­bar,

 

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- von Herrn Fries, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Men­sching,

- der Luft­han­sa Ci­ty­Line GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt C. Scha­last,

- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von G. Pa­la­ti­el­lo, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch D. Mar­tin, W. Mölls und F. Wil­man als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 21. März 2017

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Gültig­keit und hilfs­wei­se die Aus­le­gung von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung (EU) Nr. 1178/2011 der Kom­mis­si­on vom 3. No­vem­ber 2011 zur Fest­le­gung tech­ni­scher Vor­schrif­ten und von Ver­wal­tungs­ver­fah­ren in Be­zug auf das flie­gen­de Per­so­nal in der Zi­vil­luft­fahrt gemäß der Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes (ABl. 2011, L 311, S. 1).
2

Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits, den Herr Wer­ner Fries ge­gen die Luft­han­sa Ci­ty­Line GmbH (im Fol­gen­den: Luft­han­sa), ei­ner in Deutsch­land nie­der­ge­las­se­nen Flug­ge­sell­schaft, we­gen der Zah­lung der auf die Mo­na­te No­vem­ber und De­zem­ber des Jah­res 2013 ent­fal­len­den Vergütung führt, die die Luft­han­sa Herrn Fries schul­den soll.

Recht­li­cher Rah­men

Völker­recht

Ab­kom­men von Chi­ca­go

3 Das am 7. De­zem­ber 1944 in Chi­ca­go un­ter­zeich­ne­te Ab­kom­men über die In­ter­na­tio­na­le Zi­vil­luft­fahrt (im Fol­gen­den: Ab­kom­men von Chi­ca­go) ist von al­len Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on ra­ti­fi­ziert wor­den; die Eu­ropäische Uni­on ist al­ler­dings selbst nicht Ver­trags­par­tei die­ses Ab­kom­mens. Mit dem Ab­kom­men von Chi­ca­go ist die In­ter­na­tio­na­le Zi­vil­luft­fahrt-Or­ga­ni­sa­ti­on (In­ter­na­tio­nal Ci­vil Avia­ti­on Or­ga­niza­t­i­on, ICAO) ge­schaf­fen wor­den; de­ren Auf­ga­be ist nach Art. 44 die­ses Ab­kom­mens, die Grundsätze und die Tech­nik der in­ter­na­tio­na­len Luft­fahrt zu ent­wi­ckeln so­wie die Pla­nung und Ent­wick­lung des in­ter­na­tio­na­len Luft­ver­kehrs zu fördern.
4 In An­hang 1 („Li­zen­zie­rung von Luft­fahrt­per­so­nal“) des Ab­kom­mens von Chi­ca­go, der durch den ICAO-Rat ver­ab­schie­det wur­de, sind die Richt­li­ni­en und Emp­feh­lun­gen zu­sam­men­ge­fasst, die die Er­tei­lung von Li­zen­zen an die Flug­be­sat­zung (Pi­lo­ten, Flu­g­in­ge­nieu­re und -na­vi­ga­to­ren), an Flug­lot­sen, Fun­ker der Flug­fern­mel­de­stel­le, War­tungs­per­so­nal und Flug­dienst­be­ra­ter re­geln. Ins­be­son­de­re erhält die­ser An­hang die fol­gen­den Be­stim­mun­gen:

„2.1.10.1 Ein Ver­trags­staat, der ei­ne Pi­lo­ten­li­zenz ver­ge­ben hat, ge­stat­tet ei­nem In­ha­ber die­ser Li­zenz, die Funk­ti­on ei­nes ver­ant­wort­li­chen Pi­lo­ten ei­nes Flug­zeugs, mit dem in­ter­na­tio­na­le ge­werb­li­che Flüge durch­geführt wer­den, bis zum Al­ter von 60 Jah­ren wahr­zu­neh­men, oder von 65 Jah­ren bei Flügen mit mehr als ei­nem Pi­lo­ten, so­fern der an­de­re Pi­lot we­ni­ger als 60 Jah­re alt ist.

2.1.10.2 Emp­feh­lung - Es wird emp­foh­len, dass ein Ver­trags­staat, der Pi­lo­ten­li­zen­zen er­teilt hat, den Li­zenz­in­ha­bern ge­stat­tet, die Funk­ti­on des Ko­pi­lo­ten ei­nes Luft­fahr­zeugs, mit dem in­ter­na­tio­na­le ge­werb­li­che Flüge durch­geführt wer­den, bis zum Al­ter von 65 Jah­ren wahr­zu­neh­men.“

JAR-FCL 1

5 Die in­ter­na­tio­na­len Re­ge­lungs­wer­ke be­tref­fend Pri­vat-, Be­rufs- und Ver­kehrs­flug­zeugführer wur­den von ei­ner in­ter­na­tio­na­len In­sti­tu­ti­on na­mens „Joint Avia­ti­on Aut­ho­ri­ties“, an der die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land be­tei­ligt ist, er­ar­bei­tet. Ei­nes die­ser Re­ge­lungs­wer­ke, die Joint Avia­ti­on Re­qui­re­ments – Flight Crew Li­cen­sing 1 (im Fol­gen­den: JAR-FCL 1) wur­de am 15. April 2003 er­las­sen. Die JAR-FCL 1 wur­de vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr, Bau- und Woh­nungs­we­sen im Bun­des­an­zei­ger Nr. 80a vom 29. April 2003 be­kannt ge­macht.
6 Die JAR-FCL 1.060 be­stimmt:

„Be­schränkun­gen für Li­zenz­in­ha­ber nach Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res …

a) 60-64 Jah­re – Der In­ha­ber ei­ner Li­zenz darf nach Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res nicht mehr als Pi­lot von Flug­zeu­gen bei der ge­werbsmäßigen Beförde­rung ein­ge­setzt wer­den, es sei denn:

(1) [E]r ist Mit­glied ei­ner Flug­be­sat­zung, die aus meh­re­ren Pi­lo­ten be­steht und

(2) die an­de­ren Pi­lo­ten ha­ben das 60. Le­bens­jahr noch nicht voll­endet.

b) 65 Jah­re - Der In­ha­ber ei­ner Li­zenz darf nach Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res nicht mehr als Pi­lot von Flug­zeu­gen bei der ge­werbsmäßigen Beförde­rung tätig sein.“

Uni­ons­recht

Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008

7 Art. 2 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 20. Fe­bru­ar 2008 zur Fest­le­gung ge­mein­sa­mer Vor­schrif­ten für die Zi­vil­luft­fahrt und zur Er­rich­tung ei­ner Eu­ropäischen Agen­tur für Flug­si­cher­heit, zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 91/670/EWG des Ra­tes, der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1592/2002 und der Richt­li­nie 2004/36/EG (ABl. 2008, L 79, S. 1) be­stimmt:

„Haupt­ziel die­ser Ver­ord­nung ist die Schaf­fung und die Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ein­heit­li­chen, ho­hen Ni­veaus der zi­vi­len Flug­si­cher­heit in Eu­ro­pa.“

Ver­ord­nung Nr. 1178/2011

8 Die Erwägungs­gründe 1 und 11 der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 lau­ten:

„(1) Ziel der Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008 ist die Schaf­fung und die Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ein­heit­li­chen, ho­hen Si­cher­heits­ni­veaus der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa. Die­se Ver­ord­nung sieht die zum Er­rei­chen die­ses Ziels so­wie an­de­rer Zie­le auf dem Ge­biet der Si­cher­heit der Zi­vil­luft­fahrt not­wen­di­gen Mit­tel vor.

(11) Um ei­nen rei­bungs­lo­sen Über­gang und ein ho­hes ein­heit­li­ches Si­cher­heits­ni­veau der Zi­vil­luft­fahrt in der Eu­ropäischen Uni­on zu gewähr­leis­ten, soll­ten die Durchführungs­maßnah­men dem Stand der Tech­nik, ein­sch­ließlich bewähr­ter Prak­ti­ken, so­wie dem wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Fort­schritt im Be­reich der Pi­lo­ten­aus­bil­dung und der flug­me­di­zi­ni­schen Taug­lich­keit des flie­gen­den Per­so­nals ent­spre­chen. Dem­ent­spre­chend soll­ten tech­ni­sche An­for­de­run­gen und Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, die von der In­ter­na­tio­na­len Zi­vil­luft­fahrt-Or­ga­ni­sa­ti­on (ICAO) und bis 30. Ju­ni 2009 von den Ge­mein­sa­men Luft­fahrt­behörden („Joint Avia­ti­on Aut­ho­ri­ties“, JAA) be­schlos­sen wur­den, so­wie be­ste­hen­de Rechts­vor­schrif­ten zu ei­nem spe­zi­fi­schen ein­zel­staat­li­chen Um­feld Berück­sich­ti­gung fin­den.“

9 Art. 3 („Er­tei­lung von Pi­lo­ten­li­zen­zen und Taug­lich­keits­zeug­nis­sen“) der Ver­ord­nung Nr. 1178/2001 be­stimmt:

„Un­be­scha­det Ar­ti­kel 7 ha­ben Pi­lo­ten von Luft­fahr­zeu­gen, auf die in Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 Buch­sta­ben b und c und in Ar­ti­kel 4 Ab­satz 5 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008 Be­zug ge­nom­men wird, die in An­hang I und An­hang IV der vor­lie­gen­den Ver­ord­nung fest­ge­leg­ten tech­ni­schen An­for­de­run­gen und Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu erfüllen.“

10 In FCL.010 („Be­griffs­be­stim­mun­gen“) in An­hang I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 heißt es:

„Für die Zwe­cke die­ses Teils gel­ten die fol­gen­den Be­griffs­be­stim­mun­gen:

‚Ge­werb­li­cher Luft­ver­kehr‘ be­zeich­net die ent­gelt­li­che Beförde­rung von Fluggästen, Fracht oder Post.

…“

11 FCL.065 („Ein­schränkung der Rech­te von Li­zenz­in­ha­bern, die 60 Jah­re oder älter sind, im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr“) in An­hang I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 be­stimmt:

„a) Al­ters­grup­pe 60–64 Jah­re. Flug­zeu­ge und Hub­schrau­ber. Ein In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 60 Jah­ren er­reicht hat, darf nicht als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein, außer:

(1) als Mit­glied ei­ner Be­sat­zung mit meh­re­ren Pi­lo­ten und

(2) un­ter der Vor­aus­set­zung, dass ein sol­cher In­ha­ber der ein­zi­ge Pi­lot in der Flug­be­sat­zung ist, der das Al­ter von 60 Jah­ren er­reicht hat.

b) Al­ters­grup­pe ab 65 Jah­ren. Ein In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, darf nicht als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein.“

Deut­sches Recht

12 § 241 („Pflich­ten aus dem Schuld­verhält­nis“) Abs. 2 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs (im Fol­gen­den: BGB) be­stimmt:

„Das Schuld­verhält­nis kann nach sei­nem In­halt je­den Teil zur Rück­sicht auf die Rech­te, Rechtsgüter und In­ter­es­sen des an­de­ren Teils ver­pflich­ten.“

13 § 280 Abs. 1 Satz 1 BGB lau­tet: „Ver­letzt der Schuld­ner ei­ne Pflicht aus dem Schuld­verhält­nis, so kann der Gläubi­ger Er­satz des hier­durch ent­ste­hen­den Scha­dens ver­lan­gen.“
14 § 293 („An­nah­me­ver­zug“) BGB be­stimmt:

„Der Gläubi­ger kommt in Ver­zug, wenn er die ihm an­ge­bo­te­ne Leis­tung nicht an­nimmt.“

15 In § 297 („Un­vermögen des Schuld­ners“) BGB heißt es:

„Der Gläubi­ger kommt nicht in Ver­zug, wenn der Schuld­ner zur Zeit des An­ge­bots … außer­stan­de ist, die Leis­tung zu be­wir­ken.“

16 § 615 („Vergütung bei An­nah­me­ver­zug und bei Be­triebs­ri­si­ko“) Satz 1 BGB lau­tet:

„Kommt der Dienst­be­rech­tig­te mit der An­nah­me der Diens­te in Ver­zug, so kann der Ver­pflich­te­te für die in­fol­ge des Ver­zugs nicht ge­leis­te­ten Diens­te die ver­ein­bar­te Vergütung ver­lan­gen, oh­ne zur Nach­leis­tung ver­pflich­tet zu sein.“

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

17 Herr Fries, der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, war von 1986 bis zum 31. De­zem­ber 2013 bei der Luft­han­sa als Flug­ka­pitän beschäftigt. Da­ne­ben wur­de er auf­grund ei­ner Zu­satz­ver­ein­ba­rung auch in der Aus­bil­dung an­de­rer Pi­lo­ten ein­ge­setzt.
18 Im Ok­to­ber 2013 wur­de der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens 65 Jah­re alt. Am 31. De­zem­ber 2013 en­de­te sein Ar­beits­ver­trag, da er nach dem an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag die Re­gel­al­ters­gren­ze in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung er­reicht hat­te.
19 Die Luft­han­sa beschäftig­te Herrn Fries nach dem 31. Ok­to­ber 2013 nicht mehr. Sie be­rief sich dar­auf, er dürfe seit die­sem Da­tum nach FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 nicht mehr als Pi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein.
20 Aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung geht her­vor, dass Herr Fries vom 31. Ok­to­ber bis 31. De­zem­ber 2013 wei­ter­hin über sei­ne all­ge­mei­ne Li­zenz zum Führen von Ver­kehrs­flug­zeu­gen (AT­PL) ein­sch­ließlich der Mus­ter­be­rech­ti­gung für das Flug­zeug­mus­ter Em­bra­er, die Be­rech­ti­gung als Ty­pe Ra­ting In­struc­tor (TRI) zur Aus­bil­dung von Flug­zeugführern auf dem Flug­zeug­mus­ter Em­bra­er im Flug­zeug und im Si­mu­la­tor, die Be­rech­ti­gung als Ty­pe Ra­ting Ex­ami­ner (TRE) zur Ab­nah­me von Über­prüfun­gen im Flug­zeug und im Si­mu­la­tor zum Er­halt oder zur Verlänge­rung von Li­zen­zen auf dem Flug­zeug­mus­ter Em­bra­er so­wie die An­er­ken­nung als Se­ni­or Ex­ami­ner (SEN) zur Ab­nah­me der Über­prüfung von Ty­pe Ra­ting Ex­ami­nern (TREs) un­abhängig vom Flug­zeug­mus­ter verfügte.
21 Herr Fries macht vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) gel­tend, die Wei­ge­rung der Luft­han­sa, ihn als Pi­lot zu beschäfti­gen, sei rechts­wid­rig, und be­an­trag­te, die Luft­han­sa zur Zah­lung der Vergütung für die Mo­na­te No­vem­ber und De­zem­ber 2013 zu ver­ur­tei­len.
22 Hier­zu führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass der Ar­beit­ge­ber nach den na­tio­na­len Vor­schrif­ten in An­nah­me­ver­zug kom­me, wenn er im erfüll­ba­ren Ar­beits­verhält­nis die ihm vom Ar­beit­neh­mer ord­nungs­gemäß an­ge­bo­te­ne Ar­beits­leis­tung nicht an­neh­me. Ob­wohl er nicht ar­bei­te, könne der Ar­beit­neh­mer in die­sem Fall vom Ar­beit­ge­ber die Vergütung for­dern, die er er­hal­ten hätte, wenn der Ar­beit­ge­ber im Ver­zugs­zeit­raum die Ar­beits­leis­tung an­ge­nom­men hätte. Doch sei der An­nah­me­ver­zug des Ar­beit­ge­bers aus­ge­schlos­sen, wenn der Ar­beit­neh­mer außer­stan­de sei, die Ar­beits­leis­tung zu be­wir­ken. Sei es dem Ar­beit­neh­mer unmöglich, die ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Leis­tung in Gänze oder zum Teil zu er­brin­gen, könne es die Rück­sicht­nah­me­pflicht des Ar­beit­ge­bers ge­bie­ten, den Ar­beit­neh­mer mit an­de­ren Ar­bei­ten, für die er leis­tungsfähig ist, zu beschäfti­gen. Ver­let­ze der Ar­beit­ge­ber die­se Rück­sicht­nah­me­pflicht, könne er sich scha­dens­er­satz­pflich­tig ma­chen.
23 Die Luft­han­sa ist der An­sicht, dass sie sich für die Mo­na­te No­vem­ber und De­zem­ber 2013 nicht im An­nah­me­ver­zug des Ar­beits­an­ge­bots von Herrn Fries be­fin­de, da der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens gemäß FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ab dem Al­ter von 65 Jah­ren nicht mehr als Ver­kehrspi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein dürfe, so dass er außer­stan­de ge­we­sen sei, die ver­ein­bar­te Leis­tung vom 1. No­vem­ber 2013 bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu er­brin­gen.
24 Das vor­le­gen­de Ge­richt äußert je­doch Zwei­fel an der Gültig­keit von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 im Hin­blick auf die Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) und ins­be­son­de­re dem in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta ent­hal­te­nen Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und dem in Art. 15 Abs. 1 der Char­ta verbürg­ten Recht, zu ar­bei­ten und ei­nen frei gewähl­ten oder an­ge­nom­me­nen Be­ruf aus­zuüben.
25 Im Übri­gen könn­te Herr Fries, falls FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung mit der Char­ta im Ein­klang ste­he, nach den na­tio­na­len Vor­schrif­ten sei­ne For­de­rung als Scha­dens­er­satz gel­tend ma­chen, wenn sich her­aus­stel­len soll­te, dass er nach Er­rei­chen des Al­ters von 65 Jah­ren noch Leerflüge hätte durchführen dürfen und/oder als Aus­bil­der und Prüfer im Flug­zeug hätte tätig wer­den können. Für die­se For­de­rung kom­me es auf die Aus­le­gung des Be­griffs „ge­werb­li­cher Luft­ver­kehr“ im Sin­ne von FCL.065 Buchst. b in Ver­bin­dung mit FCL.010 des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 an.
26 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

1. Ist FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 mit dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta ver­ein­bar?

2. Ist FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 mit Art. 15 Abs. 1 der Char­ta, wo­nach je­de Per­son das Recht hat, zu ar­bei­ten und ei­nen frei gewähl­ten oder an­ge­nom­me­nen Be­ruf aus­zuüben, ver­ein­bar?

3. Falls die ers­te und die zwei­te Fra­ge be­jaht wer­den:

a) Fal­len un­ter den Be­griff des „ge­werb­li­chen Luft­ver­kehrs“ im Sin­ne der FCL.065 Buchst. b bzw. der Be­stim­mung die­ses Be­griffs in FCL.010 des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 auch so­ge­nann­te Leerflüge im Ge­wer­be­be­trieb ei­nes Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens, bei de­nen we­der Fluggäste noch Fracht oder Post befördert wer­den?

b) Fal­len un­ter den Be­griff des „ge­werb­li­chen Luft­ver­kehrs“ im Sin­ne der FCL.065 Buchst. b bzw. der Be­stim­mung die­ses Be­griffs in FCL.010 des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 die Aus­bil­dung und Ab­nah­me von Prüfun­gen, bei de­nen der über 65‑jähri­ge Pi­lot sich als nicht flie­gen­des Mit­glied der Crew im Cock­pit des Flug­zeugs aufhält?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten und zur zwei­ten Fra­ge

27 Mit sei­ner ers­ten und sei­ner zwei­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 im Hin­blick auf Art. 15 Abs. 1 bzw. auf Art. 21 Abs. 1 der Char­ta gültig ist.
28 Zur Be­ant­wor­tung die­ser Fra­gen ist in ei­nem ers­ten Schritt zu be­stim­men, ob der Uni­ons­ge­setz­ge­ber ge­gen den in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta ver­an­ker­ten Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung ver­s­toßen hat, nach dem „Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re we­gen … des Al­ters“ ver­bo­ten sind, in­dem er In­ha­bern ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, ver­bo­ten hat, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Flug­ver­kehr tätig zu sein. In ei­nem zwei­ten Schritt ist zu prüfen, ob der Uni­ons­ge­setz­ge­ber durch die­ses Ver­bot hin­sicht­lich der von ihm be­trof­fe­nen Li­zenz­in­ha­ber ge­gen das in Art. 15 Abs. 1 der Char­ta ver­an­ker­te Recht, zu ar­bei­ten und ei­nen frei gewähl­ten oder an­ge­nom­me­nen Be­ruf aus­zuüben, ver­s­toßen hat.

Art. 21 Abs. 1 der Char­ta

29 Der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung ist ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts, der in Art. 20 der Char­ta nie­der­ge­legt ist. Das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 21 Abs. 1 der Char­ta stellt ei­ne be­son­de­re Aus­prägung die­ses Grund­sat­zes dar.
30 Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ver­langt die­ser all­ge­mei­ne Grund­satz, dass ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te nicht un­ter­schied­lich und un­ter­schied­li­che Sach­ver­hal­te nicht gleich be­han­delt wer­den, es sei denn, dass ei­ne sol­che Be­hand­lung ob­jek­tiv ge­recht­fer­tigt ist (Ur­teil vom 1. März 2011, As­so­cia­ti­on bel­ge des Con­som­ma­teurs Test-Achats u. a., C-236/09, EU:C:2011:100, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
31 So­mit ist ers­tens zu prüfen, ob FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ei­ne Un­gleich­be­hand­lung auf­grund des Al­ters be­gründet.
32 Nach die­ser Be­stim­mung darf der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, nach­dem er das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, nicht als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein.
33 FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 gewährt so dem In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung als dem, der jünger als 65 Jah­re ist.
34 So­mit ist fest­zu­stel­len, dass die­se Be­stim­mung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters dar­stellt.
35 Zwei­tens ist zu prüfen, ob die­se Un­gleich­be­hand­lung je­doch mit Art. 21 Abs. 1 der Char­ta im Ein­klang steht, da sie den in Art. 52 Abs. 1 der Char­ta an­geführ­ten Kri­te­ri­en ent­spricht.
36 Hier­zu ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass gemäß Art. 52 Abs. 1 der Char­ta je­de Ein­schränkung der Ausübung der in die­ser Char­ta an­er­kann­ten Rech­te und Frei­hei­ten ge­setz­lich vor­ge­se­hen sein und den We­sens­ge­halt die­ser Rech­te und Frei­hei­ten ach­ten muss. Un­ter Wah­rung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit dürfen Ein­schränkun­gen nur vor­ge­nom­men wer­den, wenn sie er­for­der­lich sind und den von der Uni­on an­er­kann­ten dem Ge­mein­wohl die­nen­den Ziel­set­zun­gen oder den Er­for­der­nis­sen des Schut­zes der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer tatsächlich ent­spre­chen.
37 Es steht fest, dass das Ver­bot für In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, als ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Ein­schränkung im Sin­ne von Art. 52 Abs. 1 der Char­ta an­zu­se­hen ist, da sie sich aus FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 er­gibt.
38 Des Wei­te­ren ach­tet die­se Ein­schränkung, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 33 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, den We­sens­ge­halt des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots. Sie stellt die­sen Grund­satz als sol­chen nämlich nicht in Fra­ge, da es nur um die spe­zi­fi­sche Fra­ge der Be­schränkung der Pi­lo­ten­auf­ga­ben im Hin­blick auf die Si­cher­stel­lung der Flug­si­cher­heit geht (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 29. April 2015, Léger, C-528/13, EU:C:2015:288, Rn. 54).
39 Es ist je­doch wei­ter zu prüfen, ob die­se Ein­schränkung im Sin­ne von Art. 52 Abs. 1 der Char­ta dem Ge­mein­wohl dient, und wenn ja, ob sie den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Sin­ne die­ser Be­stim­mung wahrt.
40 Im Hin­blick auf das von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ver­folg­te Ziel ist an­zu­mer­ken, dass die­se Ver­ord­nung, wie aus ih­rem Ti­tel her­vor­geht, die tech­ni­schen Vor­schrif­ten und Ver­wal­tungs­ver­fah­ren in Be­zug auf das flie­gen­de Per­so­nal in der Zi­vil­luft­fahrt gemäß der Ver­ord­nung Nr. 216/2008 fest­legt. So wur­de die Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 er­las­sen, um die Be­stim­mun­gen der Ver­ord­nung Nr. 216/2008 durch­zuführen.
41 Da FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ei­ne Durchführung der Ver­ord­nung Nr. 216/2008 dar­stellt, ist so­mit fest­zu­stel­len, dass die Be­stim­mung, um die es in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che geht, das­sel­be Ziel wie die letzt­ge­nann­te Ver­ord­nung ver­folgt, nämlich die Schaf­fung und Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ein­heit­li­chen, ho­hen Si­cher­heits­ni­veaus der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa, wie so­wohl aus Art. 2 der Ver­ord­nung Nr. 216/2008 als auch aus den Erwägungs­gründen 1 und 11 der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 her­vor­geht.
42 Je­doch hat der Ge­richts­hof im Hin­blick auf die Flug­si­cher­heit bei der Aus­le­gung von Art. 2 Abs. 5 und von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. 2000, L 303, S. 16) ent­schie­den, dass das Ziel der Gewähr­leis­tung der Flug­si­cher­heit ei­nen rechtmäßigen Zweck im Sin­ne die­ser Be­stim­mun­gen dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 13. Sep­tem­ber 2011, Prig­ge u. a., C-447/09, EU:C:2011:573, Rn. 58 und 69).
43 Un­ter die­sen Umständen ist fest­zu­stel­len, dass es sich beim Ziel der Schaf­fung und Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ein­heit­li­chen, ho­hen Si­cher­heits­ni­veaus der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa um ei­ne dem Ge­mein­wohl die­nen­de Ziel­set­zung han­delt.
44 So­mit ist zu prüfen, ob FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011, durch den In­ha­bern ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, ver­bo­ten wird, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, ei­ne verhält­nismäßige An­for­de­rung vor­schreibt, d. h., ob die­se Maßnah­me ge­eig­net ist, das ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen, und nicht über das hierfür Er­for­der­li­che hin­aus­geht.
45

Was ers­tens die Ge­eig­net­heit die­ser Be­stim­mung im Hin­blick auf das ver­folg­te Ziel an­geht, er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass in Be­zug auf die Flug­si­cher­heit Maßnah­men, die auf die Ver­mei­dung von Flug­zeug­unglücken durch Kon­trol­le der Taug­lich­keit und körper­li­chen Fähig­kei­ten der Pi­lo­ten ab­zie­len, da­mit men­sch­li­che Schwächen nicht zur Ur­sa­che der­ar­ti­ger Unfälle wer­den, un­be­streit­bar Maßnah­men dar­stel­len, die ge­eig­net sind, die Si­cher­heit des Flug­ver­kehrs zu gewähr­leis­ten (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 13. Sep­tem­ber 2011, Prig­ge u. a., C-447/09, EU:C:2011:573, Rn. 58).

46 Des Wei­te­ren hat der Ge­richts­hof aus­geführt, dass es we­sent­lich ist, dass Ver­kehrspi­lo­ten über an­ge­mes­se­ne körper­li­che Fähig­kei­ten verfügen, da körper­li­che Schwächen in die­sem Be­ruf beträcht­li­che Kon­se­quen­zen ha­ben können, und fest­ge­stellt, dass die­se Fähig­kei­ten un­be­streit­bar mit zu­neh­men­dem Al­ter ab­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 13. Sep­tem­ber 2011, Prig­ge u. a., C-447/09, EU:C:2011:573, Rn. 67).
47 So sind die Be­stim­mun­gen von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011, da mit ih­nen aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass ein Ab­neh­men die­ser körper­li­chen Fähig­kei­ten nach dem 65. Le­bens­jahr zur Un­fall­ur­sa­che wird, ge­eig­net, die ver­folg­te dem Ge­mein­wohl die­nen­de Ziel­set­zung zu er­rei­chen.
48 Al­ler­dings sind Rechts­vor­schrif­ten nach ständi­ger Recht­spre­chung nur dann ge­eig­net, die Ver­wirk­li­chung des gel­tend ge­mach­ten Ziels zu gewähr­leis­ten, wenn sie tatsächlich dem An­lie­gen ge­recht wer­den, es in kohären­ter und sys­te­ma­ti­scher Wei­se zu er­rei­chen; Aus­nah­men von den Be­stim­mun­gen ei­nes Ge­set­zes können in be­stimm­ten Fällen des­sen Kohärenz be­ein­träch­ti­gen, ins­be­son­de­re wenn sie we­gen ih­res Um­fangs zu ei­nem Er­geb­nis führen, das dem mit dem Ge­setz ver­folg­ten Ziel wi­der­spricht (Ur­teil vom 21. Ju­li 2011, Fuchs und Köhler, C-159/10 und C-160/10, EU:C:2011:508, Rn. 85 und 86).
49 Hier­zu geht aus dem Wort­laut von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 her­vor, dass die Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren auf dem Ge­biet des nicht ge­werb­li­chen Luft­ver­kehrs nicht an­wend­bar ist. Nach An­sicht von Herrn Fries be­ein­träch­tigt ein sol­cher Aus­schluss die Kohärenz die­ser Vor­schrift im Hin­blick auf das ver­folg­te Ziel, wo­durch die frag­li­che Be­schränkung un­verhält­nismäßig wer­de.
50 In­dem der Uni­ons­ge­setz­ge­ber die­se Al­ters­gren­ze nur für den ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr fest­ge­legt hat, hat er je­doch die Un­ter­schie­de zwi­schen ge­werb­li­chem und nicht ge­werb­li­chem Luft­ver­kehr berück­sich­tigt, nämlich ins­be­son­de­re die größere tech­ni­sche Kom­ple­xität der Luft­fahr­zeu­ge und die höhe­re An­zahl be­trof­fe­ner Per­so­nen im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr. Sol­che Un­ter­schie­de recht­fer­ti­gen die Auf­stel­lung un­ter­schied­li­cher Re­ge­lun­gen, um die Si­cher­heit des Flug­ver­kehrs für die bei­den Ver­kehrs­ar­ten zu gewähr­leis­ten.
51 Un­ter die­sen Umständen scheint der Um­stand, dass die Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren nur auf den ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr An­wen­dung fin­det, eher für als ge­gen die Verhält­nismäßig­keit der be­trach­te­ten Maßnah­me zu spre­chen.
52 So­mit stellt das Ver­bot für den In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, ein ge­eig­ne­tes Mit­tel dar, um ein an­ge­mes­se­nes Si­cher­heits­ni­veau der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa auf­recht­zu­er­hal­ten.
53 Um so­dann zu er­mit­teln, ob die­se Maßnah­me über das zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels Er­for­der­li­che hin­aus­geht und die In­ter­es­sen der über 65-jähri­gen In­ha­ber von Pi­lo­ten­li­zen­zen übermäßig be­ein­träch­tigt, ist sie in dem Re­ge­lungs­kon­text zu be­trach­ten, in den sie sich einfügt, und sind so­wohl die Nach­tei­le, die sie für die Be­trof­fe­nen be­wir­ken kann, als auch die Vor­tei­le zu berück­sich­ti­gen, die sie für die Ge­sell­schaft im All­ge­mei­nen und die die­se bil­den­den In­di­vi­du­en be­deu­tet (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 5. Ju­li 2012, Hörn­feldt, C-141/11, EU:C:2012:421, Rn. 38 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
54 In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 zu den vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber auf­ge­stell­ten Re­geln gehört, mit de­nen die für das flie­gen­de Per­so­nal in der Zi­vil­luft­fahrt gel­ten­den An­for­de­run­gen de­fi­niert wer­den, um zu gewähr­leis­ten, dass die­ses Per­so­nal qua­li­fi­ziert, ge­wis­sen­haft und kom­pe­tent ist, so dass es die ihm an­ver­trau­ten Auf­ga­ben bestmöglich erfüllt, und dies mit Blick auf die Ver­bes­se­rung der Flug­si­cher­heit.
55 Da die Pi­lo­ten von Luft­fahr­zeu­gen in der Ket­te der Ak­teu­re der Luft­fahrt ein we­sent­li­ches Glied dar­stel­len, bleibt die Kom­pe­tenz die­ser Spe­zia­lis­ten ei­ne der Haupt­ga­ran­ti­en für die Zu­verlässig­keit und Si­cher­heit der Zi­vil­luft­fahrt. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Er­lass von Maßnah­men, mit de­nen gewähr­leis­tet wer­den soll, dass nur die über die er­for­der­li­chen körper­li­chen Fähig­kei­ten verfügen­den Per­so­nen Luft­fahr­zeu­ge flie­gen dürfen, un­erläss­lich, um die Ge­fahr von Zwi­schenfällen auf­grund men­sch­li­chen Ver­sa­gens auf ein Min­dest­maß zu ver­rin­gern.
56 Un­ter die­sen Umständen er­scheint es nicht un­vernünf­tig, dass es der Uni­ons­ge­setz­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­deu­tung men­sch­li­cher Fak­to­ren auf dem Ge­biet der Zi­vil­luft­fahrt so­wie des über die Jah­re fort­schrei­ten­den Ver­lusts der für die Ausübung des Pi­lo­ten­be­rufs er­for­der­li­chen körper­li­chen Fähig­kei­ten für er­for­der­lich hält, für die Tätig­keit als Pi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr ei­ne Al­ters­gren­ze fest­zu­le­gen, um ein an­ge­mes­se­nes Si­cher­heits­ni­veau der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa auf­recht­zu­er­hal­ten.
57 Was die Fest­le­gung der Al­ters­gren­ze spe­zi­ell auf 65 Jah­re an­geht, be­an­stan­det Herr Fries die­se Gren­ze und bringt u. a. vor, dass zum ei­nen kei­ne wis­sen­schaft­lich ge­si­cher­ten me­di­zi­ni­schen Er­kennt­nis­se ei­ne erhöhte Ge­fahr im Zu­sam­men­hang mit dem Ein­satz von Pi­lo­ten nach Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr be­leg­ten und dass sich zum an­de­ren der Rück­gang der körper­li­chen und psy­chi­schen Leis­tungsfähig­keit nicht mit Voll­endung ei­nes be­stimm­ten Le­bens­al­ters ein­stel­le, son­dern von in­di­vi­du­el­len Fak­to­ren, dar­un­ter der Le­bens­ge­schich­te, abhänge.
58 Die­sem Vor­brin­gen kann je­doch nicht ge­folgt wer­den.
59 Zunächst ist nämlich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber über ein wei­tes Er­mes­sen im Hin­blick auf kom­ple­xe Fra­gen me­di­zi­ni­scher Art verfügt wie der, ob bei Per­so­nen, die ein be­stimm­tes Al­ter über­schrit­ten ha­ben, be­son­de­re körper­li­che Fähig­kei­ten, die für die Ausübung des Be­rufs des Ver­kehrspi­lo­ten er­for­der­lich sind, nicht vor­han­den sind, und dass er bei Un­ge­wiss­hei­ten bezüglich der Exis­tenz oder des Um­fangs von Ri­si­ken für die men­sch­li­che Ge­sund­heit Schutz­maßnah­men tref­fen kann, oh­ne ab­war­ten zu müssen, bis das Vor­lie­gen und die Schwe­re die­ser Ri­si­ken in vol­lem Um­fang nach­ge­wie­sen sind (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 22. Mai 2014, Glat­zel, C-356/12, EU:C:2014:350, Rn. 64 und 65).
60 Auf­grund der en­gen Ver­bin­dung zwi­schen der Si­cher­heit der Zi­vil­luft­fahrt und dem Schutz der Be­sat­zungs­mit­glie­der, der Fluggäste und der Be­woh­ner der über­flo­ge­nen Ge­bie­te steht es dem Uni­ons­ge­setz­ge­ber frei, wenn er sich für die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze wie der in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che frag­li­chen ent­schei­det, an­ge­sichts wis­sen­schaft­li­cher Un­ge­wiss­hei­ten Maßnah­men den Vor­zug zu ge­ben, bei de­nen er sich si­cher ist, dass sie ein ho­hes Maß an Si­cher­heit bie­ten, so­fern die­se auf ob­jek­ti­ven Tat­sa­chen ge­gründet sind.
61 In­so­weit ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren als hin­rei­chend weit fort­ge­schrit­ten be­trach­tet wer­den kann, um als End­punkt der Zu­las­sung als Pi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr zu die­nen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 12. Ja­nu­ar 2010, Pe­ter­sen, C-341/08, EU:C:2010:4, Rn. 52).
62 Des Wei­te­ren spie­gelt FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 völker­recht­li­che Vor­schrif­ten auf dem Ge­biet der in­ter­na­tio­na­len ge­werb­li­chen Luft­fahrt wi­der, auf die der elf­te Erwägungs­grund der Ver­ord­nung im Übri­gen aus­drück­lich Be­zug nimmt und die die­sel­be Al­ters­gren­ze fest­le­gen.
63 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 56 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, stel­len sol­che Vor­schrif­ten, da sie auf ei­ner in­ten­si­ven Fach­dis­kus­si­on so­wie auf Sach­ver­stand be­ru­hen, als ob­jek­ti­ve und vernünf­ti­ge An­halts­punk­te für die Ent­schei­dungs­träger ein be­son­ders maßgeb­li­ches Ele­ment dar, um die Verhält­nismäßig­keit der in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che frag­li­chen Be­stim­mung des Uni­ons­rechts zu be­ur­tei­len.
64 Fer­ner ist der Uni­ons­ge­setz­ge­ber an­ge­sichts des ihm zur Verfügung ste­hen­den Wer­tungs­spiel­raums nicht da­zu ver­pflich­tet, statt ei­ner Al­ters­gren­ze ei­ne in­di­vi­du­el­le Prüfung der körper­li­chen und psy­chi­schen Fähig­kei­ten je­des In­ha­bers ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz vor­zu­se­hen, der älter als 65 Jah­re ist.
65 Wie der Ge­ne­ral­an­walt u. a. in den Nrn. 60 und 61 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, hat der Ge­setz­ge­ber in­so­weit ent­schie­den, ei­ne ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Vor­ge­hens­wei­se für die Al­ters­grup­pe von 60 bis 64 Jah­ren mit der Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren zu kom­bi­nie­ren, was nach den vor­ste­hen­den Ausführun­gen ei­ne Ent­schei­dung dar­stellt, die fest in den maßgeb­li­chen völker­recht­li­chen Vor­schrif­ten ver­an­kert ist, die ih­rer­seits auf dem ak­tu­el­len Stand des me­di­zi­ni­schem Fach­wis­sens auf die­sem Ge­biet be­ru­hen.
66 Zu­dem ist zu be­to­nen, dass die­se Al­ters­gren­ze nicht au­to­ma­tisch be­wirkt, dass die Be­trof­fe­nen ge­zwun­gen wer­den, endgültig aus dem Ar­beits­markt aus­zu­schei­den. Mit ihr wird kei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung zur Ver­set­zung in den Ru­he­stand von Amts we­gen ein­geführt, und sie bringt auch nicht not­wen­di­ger­wei­se mit sich, dass das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Beschäftig­ten be­en­det wer­den müss­te, weil die­ser das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 5. Ju­li 2012, Hörn­feldt, C-141/11, EU:C:2012:421, Rn. 40).
67 FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 schließt nämlich die In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, nicht von jeg­li­cher Ak­ti­vität auf dem Ge­biet der Luft­fahrt aus, son­dern ver­bie­tet ih­nen le­dig­lich, als Pi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein.
68 So­mit ist fest­zu­stel­len, dass das Ver­bot für In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung der dem Ge­mein­wohl die­nen­den Ziel­set­zung er­for­der­lich ist.
69 Aus den vor­ste­hen­den Ausführun­gen er­gibt sich, dass die durch FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ein­ge­rich­te­te Un­gleich­be­hand­lung auf­grund des Al­ters mit Art. 21 Abs. 1 der Char­ta im Ein­klang steht.

Art. 15 Abs. 1 der Char­ta.

70 Art. 15 Abs. 1 der Char­ta ver­an­kert das Recht je­der Per­son, zu ar­bei­ten und ei­nen frei gewähl­ten Be­ruf aus­zuüben.
71 Vor­lie­gend führt die An­wen­dung von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 zu ei­ner Be­schränkung der Be­rufs­frei­heit der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, die dar­in be­steht, dass sie vom Da­tum ih­res 65. Ge­burts­tags an ih­ren Be­ruf als Pi­lot im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr nicht mehr ausüben können.
72 Wie be­reits in Rn. 36 des vor­lie­gen­den Ur­teils dar­ge­legt wor­den ist, lässt je­doch Art. 52 Abs. 1 der Char­ta Ein­schränkun­gen der Ausübung der in ihr ver­an­ker­ten Rech­te zu, so­fern sie ge­setz­lich vor­ge­se­hen sind, den We­sens­ge­halt die­ser Rech­te und Frei­hei­ten ach­ten, un­ter Wah­rung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit er­for­der­lich sind und den von der Uni­on an­er­kann­ten dem Ge­mein­wohl die­nen­den Ziel­set­zun­gen oder den Er­for­der­nis­sen des Schut­zes der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer tatsächlich ent­spre­chen.
73 Was ins­be­son­de­re die Be­rufs­frei­heit und die un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit be­trifft, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs die freie Be­rufs­ausübung, eben­so wie das Ei­gen­tums­recht, nicht ab­so­lut gewähr­leis­tet wird, son­dern im Zu­sam­men­hang mit ih­rer ge­sell­schaft­li­chen Funk­ti­on zu se­hen ist. Die Ausübung die­ser Frei­hei­ten kann da­her Be­schränkun­gen un­ter­wor­fen wer­den, so­fern die­se tatsächlich den dem Ge­mein­wohl die­nen­den Zie­len der Uni­on ent­spre­chen und kei­nen im Hin­blick auf den ver­folg­ten Zweck un­verhält­nismäßigen und un­trag­ba­ren Ein­griff dar­stel­len, der die­se Rech­te in ih­rem We­sens­ge­halt an­tas­tet (Ur­teil vom 6. Sep­tem­ber 2012, Deut­sches Wein­tor, C-544/10, EU:C:2012:526, Rn. 54 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
74 Wie in Rn. 37 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt wor­den ist, ist das Ver­bot für In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, als ge­setz­lich vor­ge­se­hen im Sin­ne von Art. 52 Abs. 1 der Char­ta zu be­trach­ten.
75 Des Wei­te­ren tas­tet die be­tref­fen­de Ein­schränkung nicht den We­sens­ge­halt der Be­rufs­frei­heit selbst an, da sie die be­ruf­li­che Tätig­keit der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, le­dig­lich be­stimm­ten Ein­schränkun­gen un­ter­wirft.
76 Im Hin­blick auf das durch die strei­ti­ge Maßnah­me ver­folg­te Ziel geht aus den Rn. 40 bis 43 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor, dass mit FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 die Schaf­fung und Auf­recht­er­hal­tung ei­nes ein­heit­li­chen, ho­hen Si­cher­heits­ni­veaus der Zi­vil­luft­fahrt in Eu­ro­pa an­ge­strebt wird, was ei­ne dem Ge­mein­wohl die­nen­de Ziel­set­zung dar­stellt.
77 Was die Be­ach­tung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit an­geht, er­gibt sich aus den Rn. 45 bis 52 des vor­lie­gen­den Ur­teils, dass die Maßnah­me, um die es in der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che geht, ge­eig­net ist, die dem Ge­mein­wohl die­nen­de Ziel­set­zung zu gewähr­leis­ten.
78 Des Wei­te­ren lässt die Ge­samt­heit der Erwägun­gen in den Rn. 53 bis 68 des vor­lie­gen­den Ur­teils den Schluss zu, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber mit dem Er­lass der Be­stim­mung, de­ren Gültig­keit in Fra­ge ge­stellt wird, die An­for­de­run­gen der Flug­si­cher­heit ge­gen das in­di­vi­du­el­le Recht des In­ha­bers ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der älter als 65 Jah­re ist, zu ar­bei­ten und ei­nen gewähl­ten Be­ruf aus­zuüben, in der Wei­se ab­ge­wo­gen hat, bei der nicht an­ge­nom­men wer­den kann, dass sie außer Verhält­nis zum ver­folg­ten Ziel steht.
79 So­mit ist das Ver­bot gemäß FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 für In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, die das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig zu sein, mit Art. 15 Abs. 1 der Char­ta ver­ein­bar.
80 In An­be­tracht der vor­ste­hen­den Erwägun­gen ist fest­zu­stel­len, dass die Prüfung der ers­ten und der zwei­ten Fra­ge nichts er­ge­ben hat, was die Gültig­keit von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 im Hin­blick auf Art. 15 Abs. 1 bzw. Art. 21 Abs. 1 der Char­ta be­ein­träch­ti­gen könn­te.

Zur drit­ten Fra­ge

81 Mit sei­ner drit­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er dem In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, ver­bie­tet, als Pi­lot Leer- oder Überführungs­flüge im Ge­wer­be­be­trieb ei­nes Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens durch­zuführen, bei de­nen we­der Fluggäste noch Fracht oder Post befördert wer­den, so­wie - oh­ne Mit­glied der Flug­be­sat­zung zu sein - als Aus­bil­der und/oder Prüfer an Bord ei­nes Luft­fahr­zeugs tätig zu sein.
82 Zur Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass gemäß FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, nicht als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr tätig sein darf.
83 Aus dem Wort­laut selbst die­ser Be­stim­mung er­gibt sich, dass nur die Sach­ver­hal­te der durch die­se Be­stim­mung vor­ge­se­he­nen Ein­schränkung un­ter­fal­len, bei de­nen ku­mu­la­tiv drei Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, nämlich dass der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, dass er als Pi­lot ei­nes Luft­fahr­zeugs tätig wird und dass die­ses im ge­werb­li­chen Luft­ver­kehr be­trie­ben wird.
84 In die­sem Zu­sam­men­hang ist zu be­to­nen, dass FCL.010 des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 den Be­griff „ge­werb­li­cher Luft­ver­kehr“ aus­drück­lich als die ent­gelt­li­che Beförde­rung von Fluggästen, Fracht oder Post de­fi­niert.
85 Bei Leer- oder Überführungs­flügen han­delt es sich je­doch, wie aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und dem Wort­laut der drit­ten Fra­ge her­vor­geht, nicht um Flüge, die der Beförde­rung von Fluggästen, Fracht oder Post die­nen.
86 Des Wei­te­ren steht fest, was die Tätig­kei­ten im Zu­sam­men­hang mit der Aus­bil­dung und Prüfung von Pi­lo­ten an­geht, dass sich der In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der als Aus­bil­der und/oder Prüfer tätig ist, zwar im Cock­pit des Flug­zeugs aufhält, die­ses aber nicht fliegt.
87 So­mit ist fest­zu­stel­len, dass we­der Leer- noch Überführungs­flüge noch Tätig­kei­ten im Zu­sam­men­hang mit der Aus­bil­dung und Prüfung von Pi­lo­ten der Maßnah­me gemäß FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 un­ter­fal­len.
88

In An­be­tracht der vor­ste­hen­den Erwägun­gen ist auf die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er dem In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, we­der ver­bie­tet, als Pi­lot Leer- oder Überführungs­flüge im Ge­wer­be­be­trieb ei­nes Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens durch­zuführen, bei de­nen we­der Fluggäste noch Fracht oder Post befördert wer­den, noch - oh­ne Mit­glied der Flug­be­sat­zung zu sein -, als Aus­bil­der und/oder Prüfer an Bord ei­nes Luft­fahr­zeugs tätig zu sein.

Kos­ten

89 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Ers­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Die Prüfung der ers­ten und der zwei­ten Fra­ge hat nichts er­ge­ben, was die Gültig­keit von FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung (EU) Nr. 1178/2011 der Kom­mis­si­on vom 3. No­vem­ber 2011 zur Fest­le­gung tech­ni­scher Vor­schrif­ten und von Ver­wal­tungs­ver­fah­ren in Be­zug auf das flie­gen­de Per­so­nal in der Zi­vil­luft­fahrt gemäß der Ver­ord­nung (EG) Nr. 216/2008 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes im Hin­blick auf Art. 15 Abs. 1 bzw. Art. 21 Abs. 1 der Char­ta be­ein­träch­ti­gen könn­te.

2. FCL.065 Buchst. b des An­hangs I der Ver­ord­nung Nr. 1178/2011 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er dem In­ha­ber ei­ner Pi­lo­ten­li­zenz, der das Al­ter von 65 Jah­ren er­reicht hat, we­der ver­bie­tet, als Pi­lot Leer- oder Überführungs­flüge im Ge­wer­be­be­trieb ei­nes Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens durch­zuführen, bei de­nen we­der Fluggäste noch Fracht oder Post befördert wer­den, noch - oh­ne Mit­glied der Flug­be­sat­zung zu sein -, als Aus­bil­der und/oder Prüfer an Bord ei­nes Luft­fahr­zeugs tätig zu sein.

Sil­va de La­pu­er­ta

Re­gan

Bo­ni­chot

Ara­b­ad­jiev

Ro­din

Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 5. Ju­li 2017.

Der Kanz­ler

A. Ca­lot Es­co­bar

Die Präsi­den­tin der Ers­ten Kam­mer

R. Sil­va de La­pu­er­ta


* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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