HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 05.12.2013, C-514/12 - Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken

   
Schlagworte: Gleichbehandlung, Eingruppierung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-514/12
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 05.12.2013
   
Leitsätze:
Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Zwei­te Kam­mer)

5. De­zem­ber 2013

„Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer - Art. 45 AEUV – Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/2011 - Art. 7 Abs. 1 - Na­tio­na­le Re­ge­lung, wo­nach bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern als dem Land Salz­burg zurück­ge­leg­te Dienst­zei­ten nur teil­wei­se an­ge­rech­net wer­den - Be­schränkung der Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer - Recht­fer­ti­gungs­gründe - Zwin­gen­de Gründe des All­ge­mein­in­ter­es­ses - Ziel der Bin­dung - Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung - Trans­pa­renz“

In der Rechts­sa­che C‑514/12

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Lan­des­ge­richt Salz­burg (Öster­reich) mit Ent­schei­dung vom 23. Ok­to­ber 2012, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. No­vem­ber 2012, in dem Ver­fah­ren

Zen­tral­be­triebs­rat der ge­meinnützi­gen Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken Be­triebs GmbH

ge­gen

Land Salz­burg

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Zwei­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta so­wie der Rich­ter J. L. da Cruz Vi­laça, G. Ares­tis, J.‑C. Bo­ni­chot und A. Ara­b­ad­jiev (Be­richt­er­stat­ter),

Ge­ne­ral­an­walt: Y. Bot,

Kanz­ler: C. Strömholm, Ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 12. Sep­tem­ber 2013,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- des Zen­tral­be­triebs­rats der ge­meinnützi­gen Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken Be­triebs GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt C. Mah­rin­ger,

- des Lan­des Salz­burg, ver­tre­ten durch Rechts­anwältin I. Har­rer-Hörzin­ger und P. Sie­be­rer, Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter,

- der öster­rei­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. Pe­sen­dor­fer und M. Wink­ler als Be­vollmäch­tig­te,

- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze, K. Pe­ter­sen und A. Wied­mann als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch J. En­e­gren, V. Kreu­schitz und F. Schatz als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 45 AEUV und 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/2011 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. April 2011 über die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Uni­on (ABl. L 141, S. 1).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen dem Zen­tral­be­triebs­rat der ge­meinnützi­gen Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken Be­triebs GmbH und dem Land Salz­burg we­gen der teil­wei­sen An­rech­nung von Dienst­zei­ten, die Dienst­neh­mer des Lan­des Salz­burg bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern zurück­ge­legt ha­ben, bei der Fest­set­zung des Ar­beits­ent­gelts.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 sieht vor:

„Ein Ar­beit­neh­mer, der Staats­an­gehöri­ger ei­nes Mit­glied­staats ist, darf auf Grund sei­ner Staats­an­gehörig­keit im Ho­heits­ge­biet der an­de­ren Mit­glied­staa­ten hin­sicht­lich der Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Ent­loh­nung, Kündi­gung und, falls er ar­beits­los ge­wor­den ist, im Hin­blick auf be­ruf­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung oder Wie­der­ein­stel­lung, nicht an­ders be­han­delt wer­den als die inländi­schen Ar­beit­neh­mer.“

Öster­rei­chi­sches Recht

4 § 1 des Salz­bur­ger Lan­des­be­diens­te­ten-Zu­wei­sungs­ge­set­zes (LGBl. 119/2003) lau­tet:

„(1) Lan­des­be­diens­te­te, die am Tag vor dem In­kraft­tre­ten die­ses Ge­set­zes in

1. der Hol­ding der Lan­des­kli­ni­ken Salz­burg oder

2. in ei­nem der Hol­ding zu­ge­ord­ne­ten Be­reich (St Jo­hanns-Spi­tal – Lan­des­kran­ken­haus, Chris­ti­an-Dopp­ler-Kli­nik – Lan­des­ner­ven­kli­nik, Lan­des­kran­ken­haus St Veit im Pon­gau, In­sti­tut für Sport­me­di­zin, Zen­tral- und Ser­vice­be­rei­che, Bil­dungs­zen­trum)

beschäftigt wa­ren, wer­den un­ter Wah­rung ih­rer Rech­te und Pflich­ten mit In­kraft­tre­ten die­ses Ge­set­zes als Lan­des­be­diens­te­te mit ih­rem der­zei­ti­gen Dienst­ort der Ge­meinnützi­gen Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken Be­triebs­ge­sell­schaft mit be­schränk­ter Haf­tung (im Fol­gen­den kurz [SALK]) zur dau­ern­den Dienst­leis­tung zu­ge­wie­sen.

(2) So­weit nicht Ab­wei­chen­des be­stimmt ist, sind Lan­des­be­diens­te­te im Sinn die­ses Ge­set­zes Be­am­te … und Ver­trags­be­diens­te­te … des Lan­des Salz­burg.“

5 § 3 die­ses Ge­set­zes be­stimmt:

„(1) Die Geschäftsführung der [SALK] ist ermäch­tigt, das zur Be­sor­gung der Auf­ga­ben der [SALK] nach Maßga­be des Dienst­pos­ten­plans … er­for­der­li­che Per­so­nal für das Land Salz­burg und im Na­men des Lan­des Salz­burg … auf­zu­neh­men.

(2) Per­so­nen, die gemäß Abs. 1 auf­ge­nom­men wur­den, sind Ver­trags­be­diens­te­te des Lan­des Salz­burg … und gel­ten als der [SALK] zu­ge­wie­sen.“

6 § 53 Abs. 1 des Salz­bur­ger Lan­des­ver­trags­be­diens­te­ten­ge­set­zes in sei­ner auf den Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens an­wend­ba­ren Fas­sung (LGBl. 4/2000) (im Fol­gen­den: L‑VBG) lau­te­te:

„Der Ver­trags­be­diens­te­te rückt nach je­weils zwei Jah­ren in die nächsthöhe­re für ihn vor­ge­se­he­ne Ent­loh­nungs­stu­fe vor. Für die Vorrückung ist, so­weit im Fol­gen­den nicht an­de­res be­stimmt ist, der Vorrückungs­stich­tag maßge­bend.“

7 § 54 L-VBG be­stimm­te:

„Der Vorrückungs­stich­tag ist da­durch zu er­mit­teln, dass dem Tag der An­stel­lung die sons­ti­gen Dienst­zei­ten zu 60 % vor­an­ge­stellt wer­den. Als sons­ti­ge Dienst­zei­ten gilt der ge­sam­te Zeit­raum zwi­schen der Voll­endung des 18. Le­bens­jah­res (beim Höhe­ren Dienst des 22. Le­bens­jah­res) und dem Tag des Ein­trit­tes in den Lan­des­dienst. …“

8 Das L-VBG wur­de im Jahr 2012 rück­wir­kend zum 1. Ja­nu­ar 2004 geändert (LGBl. 99/2012). § 54 L‑VBG in geänder­ter Fas­sung lau­tet:

„(1) Der Vorrückungs­stich­tag ist da­durch zu er­mit­teln, dass Zei­ten nach dem 30. Ju­ni des Jah­res, in dem nach der Auf­nah­me in die ers­te Schul­stu­fe neun Schul­jah­re ab­sol­viert wor­den sind oder wor­den wären, in dem sich aus Abs 2 er­ge­ben­den Aus­maß dem Tag der An­stel­lung vor­an­ge­setzt wer­den.

(2) Die sich gemäß Abs 1 er­ge­ben­den Zei­ten sind wie folgt vor­an­zu­set­zen:

1. bis zu drei Jah­re, in der Ent­loh­nungs­grup­pe (a) Höhe­rer Dienst bis zu sie­ben Jah­re zur Gänze;

2. die darüber hin­aus­ge­hen­den Zei­ten zu 60 %.“

Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­ge

9 Die SALK ist ei­ne Dach­ge­sell­schaft drei­er Kran­kenhäuser so­wie wei­te­rer Ein­rich­tun­gen im Land Salz­burg, de­ren Al­lein­ge­sell­schaf­te­rin das im Aus­gangs­rechts­streit be­klag­te Bun­des­land Salz­burg ist. Nach der na­tio­na­len Re­ge­lung sind die Dienst­neh­mer der SALK Be­am­te oder Ver­trags­be­diens­te­te des Lan­des Salz­burg.
10 Aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Ak­ten geht her­vor, dass am 31. Mai 2012 716 Ärz­te für die SALK ar­bei­te­ten, von de­nen 113 aus ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat der Eu­ropäischen Uni­on oder des Eu­ropäischen Wirt­schafts­raums (EWR) als der Re­pu­blik Öster­reich stamm­ten, so­wie 2 850 nicht-ärzt­li­che An­gehöri­ge der Ge­sund­heits­be­ru­fe, da­von 340 aus ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat der Eu­ropäischen Uni­on oder des EWR als der Re­pu­blik Öster­reich.
11 Der Zen­tral­be­triebs­rat der ge­meinnützi­gen Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken Be­triebs GmbH be­gehr­te mit am 6. April 2012 er­ho­be­ner Kla­ge, das Lan­des­ge­richt Salz­burg möge mit Wir­kung zwi­schen den Par­tei­en fest­stel­len, dass ein Recht der Dienst­neh­mer der SALK auf An­rech­nung sämt­li­cher bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern als dem Land Salz­burg in der Uni­on bzw. im EWR zurück­ge­leg­ter be­rufs­ein­schlägi­ger Vor­dienst­zei­ten bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in die nächsthöhe­re Ent­loh­nungs­stu­fe be­ste­he, da die­se Dienst­zei­ten, wären sie im Dienst des Lan­des Salz­burg zurück­ge­legt wor­den, zu 100 % zu berück­sich­ti­gen wären.
12 Dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist zu ent­neh­men, dass die­se Kla­ge nach § 54 Abs. 1 des Ar­beits- und So­zi­al­ge­richts­ge­set­zes ein­ge­reicht wur­de. Da­nach können die par­teifähi­gen Or­ga­ne der Ar­beit­neh­mer­schaft im Rah­men ih­res Wir­kungs­be­reichs in Ar­beits­rechts­sa­chen auf Fest­stel­lung des Be­ste­hens oder Nicht­be­ste­hens von Rech­ten oder Rechts­verhält­nis­sen, die min­des­tens drei Ar­beit­neh­mer ih­res Be­triebs oder ih­res Un­ter­neh­mens be­tref­fen, kla­gen.
13 Nach den Fest­stel­lun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts dif­fe­ren­ziert § 54 L‑VBG bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung der Beschäftig­ten der SALK in die nächsthöhe­re Ent­loh­nungs­stu­fe da­nach, ob sie im­mer bei Dienst­stel­len des Lan­des Salz­burg oder bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern ge­ar­bei­tet ha­ben. Bei Ers­te­ren schla­ge die Dienst­zeit in vol­lem Aus­maß zu Bu­che, während bei Letz­te­ren die vor ih­rer Ein­stel­lung beim Land Salz­burg zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten nur zu 60 % an­ge­rech­net würden. Dienst­neh­mer, die ih­re Be­rufs­ausübung beim Land Salz­burg begönnen, würden da­her ei­ner höhe­ren Ent­loh­nungs­stu­fe zu­ge­ord­net als Dienst­neh­mer, die ver­gleich­ba­re und gleich lan­ge Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern ge­sam­melt hätten.
14 § 54 L-VBG stel­le kei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­gehörig­keit dar, da er un­ter­schieds­los auf öster­rei­chi­sche Staats­an­gehöri­ge wie auch auf Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten An­wen­dung fin­de. Gleich­wohl bestünden Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit die­ser Be­stim­mung mit Art. 45 AEUV und Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011.
15 Un­ter die­sen Umständen hat das Lan­des­ge­richt Salz­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

Ste­hen Art. 45 AEUV und Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung (hier §§ 53 und 54 L‑VBG) ent­ge­gen, dass ein öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber die von sei­nen Dienst­neh­mer/in­nen un­un­ter­bro­chen bei ihm zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten für die Er­mitt­lung des Vorrückungs­stich­ta­ges in vol­lem Aus­maß, die von sei­nen Dienst­neh­mer/in­nen bei an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Ar­beit­ge­bern – sei es in­ner­halb Öster­reichs oder in an­de­ren EU- bzw. EWR-Staa­ten – zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten je­doch nur teil­wei­se pau­schal ab ei­nem be­stimm­ten Le­bens­al­ter für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen berück­sich­tigt?

Zur Vor­la­ge­fra­ge

Zulässig­keit

16 Das Land Salz­burg hält das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen für un­zulässig, weil es kei­ne hin­rei­chen­den tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der dem Ge­richts­hof vor­ge­leg­ten Fra­ge ent­hal­te. Das vor­le­gen­de Ge­richt ha­be ins­be­son­de­re versäumt, § 54 L‑VBG in geänder­ter Fas­sung Rech­nung zu tra­gen, der auf den Aus­gangs­rechts­streit An­wen­dung fin­de.
17 Hier­zu ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es die Not­wen­dig­keit, zu ei­ner dem na­tio­na­len Ge­richt sach­dien­li­chen Aus­le­gung des Uni­on­rechts zu ge­lan­gen, er­for­der­lich macht, dass die­ses Ge­richt den tatsächli­chen und recht­li­chen Rah­men, in den sich die von ihm ge­stell­ten Fra­gen einfügen, fest­legt oder zu­min­dest die tatsächli­chen An­nah­men erläutert, auf de­nen die­se Fra­gen be­ru­hen (vgl. Ur­tei­le vom 31. Ja­nu­ar 2008, Cen­tro Eu­ro­pa 7, C‑380/05, Slg. 2008, I‑349, Rand­nr. 57 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, und vom 11. März 2010, At­ta­na­sio Group, C‑384/08, Slg. 2010, I‑2055, Rand­nr. 32).
18 Des Wei­te­ren hebt der Ge­richts­hof die Not­wen­dig­keit her­vor, dass das na­tio­na­le Ge­richt die ge­nau­en Gründe an­gibt, aus de­nen ihm die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts frag­lich und die Vor­la­ge von Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­gen an den Ge­richts­hof er­for­der­lich er­schei­nen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­teil vom 6. De­zem­ber 2005, AB­NA u. a., C‑453/03, C‑11/04, C‑12/04 und C‑194/04, Slg. 2005, I‑10423, Rand­nr. 46 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, und Be­schluss vom 20. Ja­nu­ar 2011, Chi­ha­bi u. a., C‑432/10, Rand­nr. 22).
19 Im vor­lie­gen­den Fall ist fest­zu­stel­len, dass die Vor­la­ge­ent­schei­dung die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben enthält, die es so­wohl dem Ge­richts­hof ermögli­chen, dem vor­le­gen­den Ge­richt sach­dien­li­che Ant­wor­ten zu ge­ben, als auch den Re­gie­run­gen der Mit­glied­staa­ten und den an­de­ren in­ter­es­sier­ten Be­tei­lig­ten die Möglich­keit ge­ben, sich gemäß Art. 23 der Sat­zung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on zu äußern. Auch die Gründe, aus de­nen das vor­le­gen­de Ge­richt dem Ge­richts­hof ei­ne Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt hat, sind in der Vor­la­ge­ent­schei­dung klar an­ge­ge­ben.
20 Auf ein Er­su­chen um Klar­stel­lung, das der Ge­richts­hof gemäß Art. 101 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung an das vor­le­gen­de Ge­richt ge­rich­tet hat­te, hat die­ses aus­geführt, dass die geänder­te Fas­sung von § 54 L‑VBG kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­ge ha­be, da die Ar­beits­zei­ten zwi­schen der Voll­endung des 18. oder des 22. Le­bens­jahrs und dem Ein­tritt in den Dienst des Lan­des Salz­burg nach die­ser Be­stim­mung wei­ter­hin zu 60 % an­ge­rech­net würden.
21 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist mit­hin zulässig.

Zur Be­ant­wor­tung der Fra­ge

22 Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 45 AEUV und 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, nach der die von den Dienst­neh­mer/‑in­nen ei­ner Ge­bietskörper­schaft un­un­ter­bro­chen bei ihr zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen in vol­lem Aus­maß, al­le an­de­ren Dienst­zei­ten da­ge­gen nur teil­wei­se berück­sich­tigt wer­den.
23 Art. 45 Abs. 2 AEUV ver­bie­tet je­de auf der Staats­an­gehörig­keit be­ru­hen­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer der Mit­glied­staa­ten in Be­zug auf Beschäfti­gung, Ent­loh­nung und sons­ti­ge Ar­beits­be­din­gun­gen. Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 stellt nur ei­ne be­son­de­re Aus­prägung des in Art. 45 Abs. 2 AEUV ent­hal­te­nen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots auf dem spe­zi­el­len Ge­biet der Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen und der Ar­beit dar und ist da­her eben­so aus­zu­le­gen wie Art. 45 Abs. 2 AEUV (Ur­teil vom 26. Ok­to­ber 2006, Kom­mis­si­on/Ita­li­en, C‑371/04, Slg. 2006, I‑10257, Rand­nr. 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
24 Die Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen fällt als ein das Ar­beits­ent­gelt der Dienst­neh­mer berühren­der Um­stand zwei­fel­los in den sach­li­chen Gel­tungs­be­reich der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer ge­nann­ten Be­stim­mun­gen.
25 Der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung, der so­wohl in Art. 45 AEUV als auch in Art. 7 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 nie­der­ge­legt ist, ver­bie­tet nicht nur of­fen­sicht­li­che Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund der Staats­an­gehörig­keit, son­dern auch al­le ver­schlei­er­ten For­men der Dis­kri­mi­nie­rung, die durch die An­wen­dung an­de­rer Un­ter­schei­dungs­kri­te­ri­en de fac­to zum glei­chen Er­geb­nis führen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 23. Mai 1996, O’Flynn, C‑237/94, Slg. 1996, I‑2617, Rand­nr. 17, und vom 28. Ju­ni 2012, Er­ny, C‑172/11, Rand­nr. 39).
26 So­fern ei­ne Vor­schrift des na­tio­na­len Rechts nicht ob­jek­tiv ge­recht­fer­tigt ist und in an­ge­mes­se­nem Verhält­nis zum ver­folg­ten Ziel steht, ist sie, auch wenn sie un­ge­ach­tet der Staats­an­gehörig­keit an­wend­bar ist, als mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend an­zu­se­hen, falls sie sich ih­rem We­sen nach stärker auf Wan­der­ar­beit­neh­mer als auf inländi­sche Ar­beit­neh­mer aus­wir­ken kann und folg­lich die Ge­fahr be­steht, dass sie Wan­der­ar­beit­neh­mer be­son­ders be­nach­tei­ligt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2009, Kom­mis­si­on/Deutsch­land, C‑269/07, Slg. 2009, I‑7811, Rand­nr. 54 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
27 Um ei­ne Maßnah­me als mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend qua­li­fi­zie­ren zu können, muss sie nicht be­wir­ken, dass al­le Inländer begüns­tigt wer­den oder dass un­ter Aus­schluss der Inländer nur die Staats­an­gehöri­gen der an­de­ren Mit­glied­staa­ten be­nach­tei­ligt wer­den (Ur­teil Er­ny, Rand­nr. 41 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
28 Im vor­lie­gen­den Fall kann sich die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung da­durch, dass nach ihr nicht sämt­li­che von Wan­der­ar­beit­neh­mern bei Ar­beit­ge­bern mit Sitz in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat als der Re­pu­blik Öster­reich zurück­ge­leg­ten be­rufs­ein­schlägi­gen Vor­dienst­zei­ten an­ge­rech­net wer­den, stärker auf Wan­der­ar­beit­neh­mer als auf inländi­sche Ar­beit­neh­mer aus­wir­ken, in­dem sie Wan­der­ar­beit­neh­mer be­son­ders be­nach­tei­ligt, denn die­se wer­den vor dem Ein­tritt in den Dienst des Lan­des Salz­burg sehr wahr­schein­lich Be­rufs­er­fah­rung in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat als der Re­pu­blik Öster­reich er­wor­ben ha­ben. So würde ein Wan­der­ar­beit­neh­mer, der bei Ar­beit­ge­bern mit Sitz in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat als der Re­pu­blik Öster­reich im sel­ben Um­fang ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung er­wor­ben hat wie ein Ar­beit­neh­mer, der sei­ne Be­rufs­lauf­bahn bei Dienst­stel­len des Lan­des Salz­burg durch­lau­fen hat, in ei­ne nied­ri­ge­re Ent­loh­nungs­stu­fe ein­grup­piert als der Letzt­ge­nann­te.
29 Außer­dem weist das vor­le­gen­de Ge­richt dar­auf hin, dass die­se Re­ge­lung die Dienst­neh­mer, die, nach­dem sie zunächst im Dienst des Lan­des Salz­burg und da­nach für an­de­re Ar­beit­ge­ber ge­ar­bei­tet hätten, in den Dienst des Lan­des Salz­burg zurück­ge­kehrt sei­en, in glei­cher Wei­se berühre, da sämt­li­che von ih­nen bis zum Wie­der­ein­tritt in den Lan­des­dienst zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten nur zu 60 % an­ge­rech­net würden. Da­mit ist die Re­ge­lung ge­eig­net, die be­reits beim Land Salz­burg beschäftig­ten Dienst­neh­mer da­von ab­zu­hal­ten, von ih­rem Recht auf Freizügig­keit Ge­brauch zu ma­chen. Ent­schie­den sie sich nämlich dafür, aus dem Dienst des Lan­des Salz­burg aus­zu­schei­den, würden, falls sie später in des­sen Dienst zurück­keh­ren woll­ten, sämt­li­che bis da­hin zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten bei der Fest­set­zung ih­rer Ent­loh­nung nur zum Teil an­ge­rech­net.
30 Na­tio­na­le Be­stim­mun­gen, die ei­nen Ar­beit­neh­mer, der Staats­an­gehöri­ger ei­nes Mit­glied­staats ist, dar­an hin­dern oder da­von ab­hal­ten, sei­nen Her­kunfts­staat zu ver­las­sen, um von sei­nem Recht auf Freizügig­keit Ge­brauch zu ma­chen, stel­len aber Be­ein­träch­ti­gun­gen die­ser Frei­heit dar, auch wenn sie un­abhängig von der Staats­an­gehörig­keit der be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer an­ge­wandt wer­den (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 17. März 2005, Kra­ne­mann, C‑109/04, Slg. 2005, I‑2421, Rand­nr. 26, und vom 16. März 2010, Olym­pi­que Ly­on­nais, C‑325/08, Slg. 2010, I‑2177, Rand­nr. 34).
31 Es trifft zwar zu, dass sich die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung zum Nach­teil nicht nur der Wan­der­ar­beit­neh­mer, son­dern auch der inländi­schen Dienst­neh­mer aus­wir­ken kann, die bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber mit Sitz in Öster­reich als dem Land Salz­burg ein­schlägi­ge Be­rufs­er­fah­rung ge­sam­melt ha­ben. Doch muss, wie in Rand­nr. 27 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt wor­den ist, ei­ne Maßnah­me, um sie als mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend qua­li­fi­zie­ren zu können, nicht be­wir­ken, dass al­le Inländer begüns­tigt wer­den oder dass un­ter Aus­schluss der Inländer nur die Staats­an­gehöri­gen der an­de­ren Mit­glied­staa­ten be­nach­tei­ligt wer­den.
32 Sämt­li­che Be­stim­mun­gen des AEU-Ver­trags über die Freizügig­keit sol­len nämlich, wie die der Ver­ord­nung Nr. 492/2011, den An­gehöri­gen der Mit­glied­staa­ten die Ausübung be­ruf­li­cher Tätig­kei­ten al­ler Art im Ge­biet der Uni­on er­leich­tern und ste­hen Maßnah­men ent­ge­gen, die sie be­nach­tei­li­gen könn­ten, wenn sie ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Ge­biet ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats ausüben wol­len (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le Kra­ne­mann, Rand­nr. 25, und Olym­pi­que Ly­on­nais, Rand­nr. 33)
33 Zum Vor­brin­gen der öster­rei­chi­schen und der deut­schen Re­gie­rung, nach de­ren Mei­nung die Aus­wir­kun­gen der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den na­tio­na­len Re­ge­lung auf die Ent­schei­dung ei­nes Wan­der­ar­beit­neh­mers, in den Dienst der SALK zu tre­ten, un­ge­wiss sind, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Gründe, aus de­nen sich ein Wan­der­ar­beit­neh­mer dafür ent­schei­det, von sei­nem Recht auf Freizügig­keit in­ner­halb der Uni­on Ge­brauch zu ma­chen, bei der Be­ur­tei­lung des dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ters ei­ner na­tio­na­len Vor­schrift nicht berück­sich­tigt wer­den können. Denn die Möglich­keit, sich auf ei­ne so grund­le­gen­de Frei­heit wie die Freizügig­keit zu be­ru­fen, kann nicht durch sol­che Über­le­gun­gen rein sub­jek­ti­ver Art ein­ge­schränkt wer­den (Ur­teil O’Flynn, Rand­nr. 21).
34 Zu­dem stel­len die Ar­ti­kel des Ver­trags über den frei­en Wa­ren­ver­kehr, die Freizügig­keit so­wie den frei­en Dienst­leis­tungs- und Ka­pi­tal­ver­kehr grund­le­gen­de Be­stim­mun­gen für die Uni­on dar, und je­de Be­ein­träch­ti­gung die­ser Frei­heit, mag sie auch un­be­deu­tend sein, ist ver­bo­ten (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 15. Fe­bru­ar 2000, Kom­mis­si­on/Frank­reich, C‑169/98, Slg. 2000, I‑1049, Rand­nr. 46, und vom 1. April 2008, Gou­ver­ne­ment de la Com­mu­nauté françai­se und Gou­ver­ne­ment wal­lon, C‑212/06, Slg. 2008, I‑1683, Rand­nr. 52 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
35 Folg­lich ist ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de ge­eig­net, die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer zu be­ein­träch­ti­gen, was nach den Art. 45 AEUV und 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 grundsätz­lich ver­bo­ten ist.
36 Ei­ne sol­che Maßnah­me ist nur dann zulässig, wenn mit ihr ei­nes der im Ver­trag ge­nann­ten le­gi­ti­men Zie­le ver­folgt wird oder wenn sie durch zwin­gen­de Gründe des All­ge­mein­in­ter­es­ses ge­recht­fer­tigt ist. Darüber hin­aus muss in ei­nem der­ar­ti­gen Fall ih­re An­wen­dung ge­eig­net sein, die Ver­wirk­li­chung des in Re­de ste­hen­den Zie­les zu gewähr­leis­ten, und darf nicht über das hin­aus­ge­hen, was zu sei­ner Er­rei­chung er­for­der­lich ist (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le Kra­ne­mann, Rand­nr. 33, und Olym­pi­que Ly­on­nais, Rand­nr. 38).
37 Das vor­le­gen­de Ge­richt ver­tritt in­so­weit die Auf­fas­sung, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung ei­ne „Treue­prämie“ einführe, mit der die Dienst­neh­mer be­lohnt wer­den soll­ten, die ih­re Lauf­bahn beim glei­chen Ar­beit­ge­ber ab­sol­vier­ten. Nach An­sicht des Lan­des Salz­burg und der öster­rei­chi­schen Re­gie­rung wird durch die Re­ge­lung kei­ne sol­che Prämie ein­geführt.
38 Un­ter­stellt, dass mit die­ser Re­ge­lung tatsächlich das Ziel der Bin­dung der Dienst­neh­mer an ih­re Ar­beit­ge­ber ver­folgt würde und nicht aus­zu­sch­ließen wäre, dass ein sol­ches Ziel ei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len könn­te (vgl. Ur­teil vom 30. Sep­tem­ber 2003, Köbler, C‑224/01, Slg. 2003, I‑10239, Rand­nr. 83), ist fest­zu­stel­len, dass an­ge­sichts der Merk­ma­le der Re­ge­lung die mit ihr ver­bun­de­ne Be­ein­träch­ti­gung nicht ge­eig­net er­scheint, die Ver­wirk­li­chung die­ses Zie­les zu gewähr­leis­ten.
39 In Be­ant­wor­tung des in Rand­nr. 20 des vor­lie­gen­den Ur­teils erwähn­ten Er­su­chens um Klar­stel­lung hat das vor­le­gen­de Ge­richt nämlich mit­ge­teilt, dass Dienst­neh­mer der SALK, die Be­am­te oder Ver­trags­be­diens­te­te des Lan­des Salz­burg sei­en, in den Ge­nuss ei­ner vollständi­gen Berück­sich­ti­gung frühe­rer, un­un­ter­bro­chen im Dienst nicht nur der SALK als sol­cher, son­dern des Lan­des Salz­burg im All­ge­mei­nen zurück­ge­leg­ter Dienst­zei­ten kämen, sei­en sie für die bei der SALK wahr­ge­nom­me­nen Auf­ga­ben ein­schlägig oder nicht.
40 An­ge­sichts der Viel­zahl po­ten­zi­el­ler, dem Land Salz­burg zu­zu­rech­nen­der Ar­beit­ge­ber soll ein sol­ches Ent­loh­nungs­sys­tem aber die Mo­bi­lität in­ner­halb ei­ner Grup­pe ver­schie­de­ner Ar­beit­ge­ber gewähr­leis­ten und nicht die Treue ei­nes Dienst­neh­mers ge­genüber ei­nem be­stimm­ten Ar­beit­ge­ber ho­no­rie­ren (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 30. No­vem­ber 2000, Öster­rei­chi­scher Ge­werk­schafts­bund, C‑195/98, Slg. 2000, I‑10497, Rand­nr. 49).
41 Das Land Salz­burg so­wie die öster­rei­chi­sche und die deut­sche Re­gie­rung ma­chen gel­tend, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung die be­rech­tig­ten Zie­le der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung und der Trans­pa­renz ver­fol­ge. Was das erst­ge­nann­te Ziel an­ge­he, ha­be die pau­scha­le Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern als dem Land Salz­burg zurück­ge­leg­ter Vor­dienst­zei­ten zu 60 % ein frühe­res kom­ple­xes Sys­tem er­setzt. Dies ha­be die von der Ver­wal­tung bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen vor­zu­neh­men­den Be­rech­nun­gen ver­ein­facht, da nicht mehr die ge­sam­te Be­rufs­lauf­bahn neu ein­ge­tre­te­ner Dienst­neh­mer im Ein­zel­nen nach­voll­zo­gen wer­den müsse, und die da­mit ver­bun­de­nen Ver­wal­tungs­kos­ten ver­rin­gert.
42 Ein Ziel der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung, das le­dig­lich da­zu dient, der öffent­li­chen Ver­wal­tung ob­lie­gen­de Auf­ga­ben ins­be­son­de­re da­durch zu er­leich­tern, dass die von ihr vor­zu­neh­men­den Be­rech­nun­gen ver­ein­facht wer­den, kann aber kei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len, der die Be­schränkung ei­ner so grund­le­gen­den Frei­heit wie der durch Art. 45 AEUV gewähr­leis­te­ten Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer zu recht­fer­ti­gen ver­mag.
43 Zu­dem ist die Erwägung, dass ei­ne sol­che Ver­ein­fa­chung die Sen­kung der Ver­wal­tungs­kos­ten ermöglicht, rein wirt­schaft­li­cher Na­tur und kann da­her nach ständi­ger Recht­spre­chung kei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len (vgl. u. a. Ur­teil vom 15. April 2010, CIBA, C‑96/08, Slg. 2010, I‑2911, Rand­nr. 48 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
44 So­weit mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den na­tio­na­len Re­ge­lung ei­ne größere Trans­pa­renz in Be­zug auf die Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen si­cher­ge­stellt wer­den soll, ist fest­zu­stel­len, dass die­se Re­ge­lung je­den­falls über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung die­ses Zie­les er­for­der­lich ist. Die an­ge­streb­te Trans­pa­renz könn­te nämlich durch Maßnah­men gewähr­leis­tet wer­den, die die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer nicht be­ein­träch­ti­gen, et­wa durch die Aus­ar­bei­tung und Veröffent­li­chung oder die Ver­brei­tung auf an­de­rem ge­eig­ne­tem We­ge von im Vor­aus fest­ge­leg­ten nicht­dis­kri­mi­nie­ren­den Kri­te­ri­en für die Be­wer­tung der Dau­er der für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen re­le­van­ten Be­rufs­er­fah­rung.
45 Dem­nach ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 45 AEUV und 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung Nr. 492/2011 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, nach der die von den Dienst­neh­mer/‑in­nen ei­ner Ge­bietskörper­schaft un­un­ter­bro­chen bei ihr zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen in vol­lem Aus­maß, al­le an­de­ren Dienst­zei­ten da­ge­gen nur teil­wei­se berück­sich­tigt wer­den.

Kos­ten

46 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Zwei­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Die Art. 45 AEUV und 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/2011 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. April 2011 über die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Uni­on sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, nach der die von den Dienst­neh­mer/‑in­nen ei­ner Ge­bietskörper­schaft un­un­ter­bro­chen bei ihr zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten bei der Er­mitt­lung des Stich­tags für die Vorrückung in höhe­re Ent­loh­nungs­stu­fen in vol­lem Aus­maß, al­le an­de­ren Dienst­zei­ten da­ge­gen nur teil­wei­se berück­sich­tigt wer­den.

Un­ter­schrif­ten

Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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