HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BGH, Ur­teil vom 19.11.2008, IV ZR 305/07

   
Schlagworte: Rechtsschutzversicherung, Kündigungsandrohnung
   
Gericht: Bundesgerichtshof
Aktenzeichen: IV ZR 305/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 19.11.2008
   
Leitsätze:

1. Die Festlegung eines verstoßabhängigen Rechtsschutzfalles i.S. von § 14 (3) Satz 1 ARB 75 (entsprechend für § 4 (1) Satz 1 c ARB 94) richtet sich allein nach den vom Versicherungsnehmer behaupteten Pflichtverletzungen.

2. Dieses Vorbringen muss (erstens) einen objektiven Tatsachenkern - im Gegensatz zu einem bloßen Werturteil - enthalten, mit dem er (zweitens) den Vorwurf eines Rechtsverstoßes verbindet, der den Keim für eine rechtliche Auseinandersetzung enthält, und worauf er (drittens) seine Interessenverfolgung stützt.

3. Auf die Schlüssigkeit, Substantiiertheit und Entscheidungserheblichkeit dieser Behauptungen kommt es nicht an.

4. Nach diesen Grundsätzen kann die Androhung einer betriebsbedingten Kündigung, wenn ein unterbreitetes Angebot zum Abschluss eines Aufhebungsvertrages abgelehnt wird, einen Rechtsschutzfall auslösen.

Vorinstanzen: Amtsgericht Hannover, Urteil vom 15.05.2007, 544 C 16386/06
Landgericht Hannover, Urteil vom 17.10.2007, 6 S 43/07
   

BUN­DES­GERICH­TSHOF

IM NA­MEN DES VOL­KES

UR­TEIL

IV ZR 305/07 

Verkündet am:
19. No­vem­ber 2008
Fritz
Jus­tiz­an­ge­stell­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

in dem Rechts­streit

 

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Der IV. Zi­vil­se­nat des Bun­des­ge­richts­ho­fes hat durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter Ter­no, die Rich­ter Seif­fert, Wendt, die Rich­te­rin Dr. Kes­sal-Wulf und den Rich­ter Felsch auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19. No­vem­ber 2008

für Recht er­kannt:

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil der 6. Zi­vil­kam­mer des Land­ge­richts Han­no­ver vom 17. Ok­to­ber 2007 wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen

 

Tat­be­stand:

Der Kläger be­gehrt aus ei­ner bei der Be­klag­ten ge­hal­te­nen Rechts­schutz­ver­si­che­rung Er­stat­tung von 816,41 € ge­zahl­ter Rechts­an­walts­kos­ten. Dem Ver­trag lie­gen "All­ge­mei­ne Be­din­gun­gen für die Rechts­schutz­ver­si­che­rung" (ARB) zu­grun­de, die - so­weit hier von Be­deu­tung - den ARB 75 ent­spre­chen (ab­ge­druckt bei Prölss/Mar­tin, VVG 27. Aufl. S. 2025 ff.). Ver­si­chert ist Fa­mi­li­en- und Ver­kehrs-Rechts­schutz für Nicht­selbständi­ge, der nach § 26 (5) c) ARB "die Wahr­neh­mung recht­li­cher In­ter­es­sen aus Ar­beits­verhält­nis­sen" um­fasst.

An­fang 2006 teil­te die Ar­beit­ge­be­rin, bei der der Kläger in ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis steht, ihm mit, dass sein Ar­beits­platz im Rah­men ei­nes Re­struk­tu­rie­rungs­pro­gram­mes ge­stri­chen und ihm gekündigt wer­de, wenn er nicht den ihm an­ge­bo­te­nen Auf­he­bungs­ver­trag an-

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neh­me. Im Fall ei­ner Kündi­gung wer­de es für ihn - an­ders als bei der An­nah­me des Auf­he­bungs­ver­tra­ges - kei­ne Ab­fin­dung ge­ben. Auf Nach­fra­ge erklärte die Per­so­nal­ab­tei­lung, dass ei­ne So­zi­al­aus­wahl statt­ge­fun­den ha­be, nähe­re An­ga­ben hier­zu aber - weil "in­ter­ne Per­so­nal­da­ten" - nicht ge­macht wer­den könn­ten.

Die da­nach vom Kläger be­auf­trag­ten Rechts­anwälte nah­men ge­genüber sei­ner Ar­beit­ge­be­rin zu den ge­plan­ten Maßnah­men Stel­lung. Fer­ner ba­ten sie die Be­klag­te um Er­tei­lung ei­ner De­ckungs­zu­sa­ge. Dar­in heißt es un­ter an­de­rem:

"... wur­de von der Ar­beit­ge­be­rin mas­siv auf­ge­for­dert, ei­ne Auf­he­bungs­ver­ein­ba­rung zu un­ter­zeich­nen. Ei­ne der­ar­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se verstößt ge­gen die Fürsor­ge­pflicht des Ar­beit­ge­bers und stellt da­mit ei­ne Ver­trags­ver­let­zung dar. An­sons­ten wur­de dem Man­dan­ten ei­ne Kündi­gung in Aus­sicht ge­stellt, die ih­rer­seits eben­falls rechts­wid­rig wäre. ..."

Im März 2006 wur­de der Kläger in den Be­triebs­rat gewählt; ei­ne Kündi­gung er­folg­te nicht mehr.

Die Be­klag­te lehn­te den be­gehr­ten Ver­si­che­rungs­schutz ab. Ein Ver­si­che­rungs­fall sei in Er­man­ge­lung ei­nes Ver­s­toßes ge­gen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten nicht ein­ge­tre­ten. Das bloße In­aus­sicht­stel­len ei­ner Kündi­gung be­gründe - als rei­ne Ab­sichts­erklärung, im Ge­gen­satz zu ei­ner un­be­rech­tigt erklärten Kündi­gung - noch kei­ne Verände­rung der Rechts­po­si­ti­on des Klägers. Das Auf­he­bungs­an­ge­bot ha­be sich im Rah­men der Pri­vat­au­to­no­mie be­wegt.

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Das Amts­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, das Be­ru­fungs­ge­richt hat die Be­ru­fung zurück­ge­wie­sen. Da­ge­gen rich­tet sich die Re­vi­si­on, mit der die Be­klag­te ihr Klag­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter ver­folgt.

 

Ent­schei­dungs­gründe:

Die Re­vi­si­on bleibt oh­ne Er­folg.

I. Nach Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts liegt be­reits in der An­dro­hung ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ein Rechts­ver­s­toß i.S. von § 14 (3) Satz 1 ARB. Da­mit sei der Ver­si­che­rungs­fall ein­ge­tre­ten. Mit der Erklärung des Ar­beit­ge­bers, an sei­ner ver­trag­lich über­nom­me­nen Beschäfti­gungs­pflicht nicht mehr fest­zu­hal­ten, sei die Rechts­schutz auslösen­de Pflicht­ver­let­zung - un­abhängig da­von, ob die in Aus­sicht ge­stell­te Kündi­gung rechtmäßig wäre - be­gan­gen und be­gin­ne die sich vom Rechts­schutz­ver­si­che­rer über­nom­me­ne Ge­fahr zu ver­wirk­li­chen. Ei­ne späte­re Kündi­gung bzw. ein sich hier­an an­sch­ließen­der Rechts­streit sei kein ver­si­cher­ba­res un­ge­wis­ses Er­eig­nis mehr. Schon die An­dro­hung ei­ner sol­chen Kündi­gung be­ein­träch­ti­ge die Rechts­po­si­ti­on des Ver­si­che­rungs­neh­mers; ihr (späte­rer) Aus­spruch sei dann nur noch ei­ne rein for­ma­le Um­set­zung ei­ner be­reits ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung.

Als wei­te­re Pflicht­ver­let­zung sei die von der Ar­beit­ge­be­rin dem Kläger trotz Auf­for­de­rung ver­wei­ger­te Dar­le­gung der So­zi­al­aus­wahl zu wer­ten. Die Ar­beit­ge­be­rin er­zwin­ge so ei­ne Ent­schei­dung be­tref­fend den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses, oh­ne ihm ei­ne sach­ge­rech­te Abwägung der da­mit ver­bun­de­nen Chan­cen und Ri­si­ken zu ermögli­chen.

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Das hält recht­li­cher Nach­prüfung im Er­geb­nis stand.

II. Die Be­klag­te ist aus der zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Rechts­schutz­ver­si­che­rung nach §§ 1 (1) Satz 1, 2

a) ARB ver­pflich­tet, dem Kläger Ver­si­che­rungs­schutz zu gewähren und ihm die gel­tend ge­mach­ten An­walts­kos­ten zu er­stat­ten. Der von der Be­klag­ten da­ge­gen al­lein er­ho­be­ne Ein­wand, es feh­le an dem Ein­tritt ei­nes Ver­si­che­rungs­fal­les, greift nicht durch. Der Rechts­schutz­fall ist nach dem in­so­weit aus­sch­ließlich maßgeb­li­chen Kläger­vor­trag zu dem Vor­ge­hen sei­ner Ar­beit­ge­be­rin, mit dem er ihr ei­ne Ver­trags­ver­let­zung vorhält, ein­ge­tre­ten.

1. Ab­ge­se­hen von den hier nicht ein­schlägi­gen Fällen des so ge­nann­ten Scha­dens­er­satz- und Ahn­dungs­rechts­schut­zes gemäß § 14 (1) und (2) ARB gilt der Ver­si­che­rungs­fall gemäß § 14 (3) Satz 1 ARB in dem Zeit­punkt als ein­ge­tre­ten, in dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer, der Geg­ner oder ein Drit­ter be­gon­nen hat oder be­gon­nen ha­ben soll, ge­gen Rechts­pflich­ten oder Rechts­vor­schrif­ten zu ver­s­toßen. Die zwi­schen den Par­tei­en im Streit be­find­li­che Fra­ge, wann ein sol­cher ei­nen Rechts­schutz­fall auslösen­der Ver­s­toß an­zu­neh­men sei, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Aus­sicht stellt, wird in der In­stanz­recht­spre­chung und im Schrift­tum nach un­ter­schied­li­chen Ansätzen be­han­delt.

a) In der In­stanz­recht­spre­chung stellt nach ei­ner Auf­fas­sung al­lein die bloße An­dro­hung ei­ner Kündi­gung für den Fall des Nicht­zu­stan­de­kom­mens ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges kei­nen Ver­si­che­rungs­fall dar. Ver­langt wird viel­mehr der Aus­spruch der Kündi­gung. Be­gründet wird dies

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ins­be­son­de­re da­mit, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer über­haupt nur durch die Kündi­gung selbst ei­nen Rechts­ver­lust er­lei­den könne (z.B. AG Han­no­ver zfs 1988, 15; AG Frank­furt am Main r+s 1995, 304 = zfs 1995, 273; AG Os­ter­holz-Scham­beck zfs 1999, 534; AG Han­no­ver r+s 2001, 250). Die bloße Kündi­gungs­an­dro­hung führe we­der zu ei­ner Verände­rung sei¬ner Rechts­po­si­ti­on noch zu ei­ner Be­dro­hung des Be­stan­des des Ar­beits­verhält­nis­ses (z.B. AG Frank­furt am Main r+s 1993, 221; 1995, 304 = zfs 1995, 273; AG Ham­burg r+s 1996, 107; AG Köln r+s 1997, 377; zfs 1998, 32; 2000, 359; AG Han­no­ver r+s 1998, 336; AG Leip­zig zfs 1999, 535; LG München NJW-RR 2005, 399). Ein Ver­s­toß ge­gen ar­beits­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen lie­ge dar­in nicht (z.B. AG München r+s 1996, 275 = NJW-RR 1997, 219 = zfs 1996, 272.). Ein Rechts­ver­s­toß ste­he auch nicht un­mit­tel­bar be­vor, wenn es der Ver­si­che­rungs­neh­mer noch in der Hand ha­be, die Kündi­gung durch An­nah­me des Auf­he­bungs­ver­trags­an­ge­bots zu ver­hin­dern (z.B. AG Köln zfs 2000, 359; AG Ham­burg r+s 2002, 377; AG München NJW-RR 2006, 322). Das An­ge­bot auf Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges sei Aus­druck der Pri­vat­au­to­no­mie und da­mit kein Rechts­ver­s­toß (vgl. AG Köln zfs 1990, 164; r+s 1997, 377; AG Frank­furt am Main r+s 1995, 304; AG Ber­gisch-Glad­bach r+s 1997, 69; AG Leip­zig r+s 1999, 204; zfs aaO; AG Han­no­ver r+s 2001, 250; JurBüro 2003, 655; LG München aaO).

Die Ge­gen­auf­fas­sung lässt die bloße (ernst­haf­te) Kündi­gungs­an­dro­hung als Ver­si­che­rungs­fall genügen. Da­bei wird zum Teil dar­auf ab­ge­stellt, ob sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer der an­ge­droh­ten Kündi­gung be­gründet wi­der­setzt hat (z.B. LG Göttin­gen AnwBl. 1983, 335; LG Stutt­gart VersR 1997, 446 = zfs 1997, 230), die­se al­so (ob­jek­tiv) rechts­wid­rig war (z.B. AG Tett­nang AnwBl. 1997, 292). Teil­wei­se wird dies mit der sub­jek­ti­ven Ver­schlech­te­rung sei­ner Rechts­po­si­ti­on be­gründet bzw. dar-

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an an­ge­knüpft, ob die Kündi­gung aus sei­ner Sicht un­be­rech­tigt ist (z.B. OLG Nürn­berg zfs 1991, 200, 201; LG Ba­den-Ba­den NJW-RR 1997, 790 = zfs 1997, 272). Die Wahr­neh­mung recht­li­cher In­ter­es­sen kom­me zu­dem schon bei der bloßen Be­haup­tung ei­ner dem Ver­si­che­rungs­neh­mer nach­tei­li­gen Rechts­po­si­ti­on in Be­tracht; ein bloß be­haup­te­ter Ver­s­toß genüge mit­hin (z.B. AG Wed­ding VersR 2002, 1098; AG Pir­na r+s 2002, 334; LG Ber­lin VersR 2003, 101 = NVer­sZ 2002, 579). Die An­dro­hung ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung tra­ge schon den Keim ei­nes Rechts­streits in sich (ins­be­son­de­re OLG Saarbrücken VersR 2007, 57, 58). Darüber hin­aus be­gründe das Be­strei­ten oder gar die Loslösung von ar­beits­ver­trag­li­chen Leis­tungs­pflich­ten ei­nen Ver­s­toß ge­gen Rechts­pflich­ten. Mit der ernst­haf­ten An­dro­hung ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung be­gin­ne sich zu­dem - ob­jek­tiv fest­stell­bar - die vom Rechts­schutz­ver­si­che­rer über­nom­me­ne Ge­fahr zu ver­wirk­li­chen. Die späte­re Kündi­gung sei da­nach kein noch ver­si­cher­ba­res Ri­si­ko mehr (OLG Saarbrücken aaO).

Teil­wei­se wird auch zwi­schen der An­dro­hung ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung und der An­dro­hung ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung un­ter­schie­den. Bei ers­te­rer wird be­reits der be­strit­te­ne Vor­wurf ei­nes Fehl­ver­hal­tens des Ar­beit­neh­mers als Ver­s­toß an­ge­se­hen, während bei letz­te­rer dem Merk­mal "be­triebs­be­dingt" al­lein kei­ner­lei Vor­wurf für den Ar­beit­ge­ber an­haf­te (vgl. z.B. LG Darm­stadt VersR 2000, 51; AG Köln zfs 2000, 359; LG München aaO; AG München aaO).

b) Im Schrift­tum wird dar­an an­knüpfend ver­ein­zelt das bloße An­sin­nen bzw. An­dro­hen ei­ner Kündi­gung, falls ein Auf­he­bungs­ver­trag schei­tert, noch nicht als Ver­si­che­rungs­fall an­ge­se­hen (Böhme, ARB-

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Kom­men­tar, 12. Aufl. § 14 (3) Rdn. 16; Ma­thy, Rechts­schutz­al­pha­bet 2. Aufl. S. 974; Will, r+s 2006, 497, 500).

Nach über­wie­gen­der An­sicht kann da­ge­gen be­reits die ernst­haf­te An­dro­hung ei­ner (rechts­wid­ri­gen) Kündi­gung ei­nen be­din­gungs­gemäßen Ver­si­che­rungs­fall dar­stel­len (z.B. Fel­zer/v. Mo­lo, ZAP F. 10, 165, 169; He­ring in: Busch­bell/He­ring, Hand­buch Rechts­schutz­ver­si­che­rung 3. Aufl. § 13 Rdn. 52; Hümme­rich, AnwBl. 1995, 321, 325 f.; Kütt­ner, NZA 1996, 453, 459; Mai­er in: Harbau­er, Rechts­schutz­ver­si­che­rung 7. Aufl. § 4 ARB 94/2000 Rdn. 5; § 14 ARB 75 Rdn. 53; Oba­row­ski in: Beck­mann/Ma­tu­sche-Beck­mann, Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch [2004] § 37 Rdn. 344; Prölss/Arm­brüster in: Prölss/Mar­tin, VVG 27. Aufl. § 14 ARB 75 Rdn. 25; Schäder, NVer­sZ 2000, 315, 316). Zum Teil wird dies mit ei­ner dar­in lie­gen­den Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten und/oder Nöti­gung be­gründet (z.B. Bult­mann in: Ter­bil­le, Münche­ner An­walts­hand­buch Ver­si­che­rungs­recht [2004] § 26 Rdn. 114; Fel­zer/v. Mo­lo aaO; He­ring aaO; Hümme­rich aaO; Kütt­ner aaO; Oba­row­ski aaO; Schäder aaO; Schir­mer, r+s 2003, 265, 269). Zum Teil wird die bloße Be­haup­tung ei­nes Ver­s­toßes als genügend an­ge­se­hen (Bult­mann aaO Rdn. 113; He­ring aaO; Prölss/Arm­brüster aaO).

Es fin­den sich auch hier wei­te­re Dif­fe­ren­zie­run­gen et­wa zwi­schen der An­dro­hung ei­ner be­triebs­be­ding­ten, be­gründungs­lo­sen oder per­so­nen­be­zo­ge­nen Kündi­gung ei­ner­seits, die noch kei­nen Ver­s­toß ent­hiel­ten, und der An­dro­hung ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung an­de­rer­seits, bei der der Ver­s­toß in den un­ter­stell­ten Ar­beits­ver­trags­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers und nicht in der Ankündi­gung lie­gen soll (z.B. Bau­er, NJW 2008, 1496, 1498 f.; Mai­er aaO § 14 ARB 75 Rdn. 53).

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2. Die­se Ansätze tra­gen - je­den­falls zum Teil - nicht hin­rei­chend den Grundsätzen Rech­nung, die der Se­nat in sei­ner seit lan­gem ge­fes­tig­ten, auch von der Rechts­leh­re nicht in Fra­ge ge­stell­ten Recht­spre­chung zu der Be­stim­mung des ver­s­toßabhängi­gen Rechts­schutz­fal­les i.S. von § 14 (3) Satz 1 ARB ent­wi­ckelt hat. Auf die vor­ge­nann­ten Dif­fe­ren­zie­run­gen vor al­lem zwi­schen Kündi­gungs­an­dro­hung und Kündi­gungs­aus­spruch, ver­hal­tens- und be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen und ein­ge­tre­te­nen oder noch be­vor­ste­hen­den Be­ein­träch­ti­gun­gen der Rechts­po­si­ti­on des Ver­si­che­rungs­neh­mers kommt es nicht an. Eben­so we­nig gibt es ei­ne be­son­de­re Fall­grup­pe für Kündi­gun­gen von Ver­trags­verhält­nis­sen oder gar spe­zi­ell für be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen von Ar­beits­verhält­nis­sen. Ent­schei­dend sind al­lein die Be­haup­tun­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers, mit de­nen er sei­nem Ver­trags­part­ner ei­nen Pflich­ten­ver­s­toß an­las­tet (so auch OLG Saarbrücken aaO und OLG Köln VersR 2008, 1489, 1490).

Aus der maßgeb­li­chen Sicht ei­nes durch­schnitt­li­chen, um Verständ­nis bemühten Ver­si­che­rungs­neh­mers oh­ne ver­si­che­rungs­recht­li­che Spe­zi­al­kennt­nis­se (BGHZ 123, 83, 85 und ständig) ist ein Rechts­schutz-fall i.S. von § 14 (3) Satz 1 ARB an­zu­neh­men, wenn das Vor­brin­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers (ers­tens) ei­nen ob­jek­ti­ven Tat­sa­chen­kern - im Ge­gen­satz zu ei­nem bloßen Wert­ur­teil - enthält, mit dem er (zwei­tens) den Vor­wurf ei­nes Rechts­ver­s­toßes ver­bin­det und wor­auf er dann (drit­tens) sei­ne In­ter­es­sen­ver­fol­gung stützt (vgl. zu­letzt Se­nats­be­schluss vom 17. Ok­to­ber 2007 - IV ZR 37/07 - VersR 2008, 113; Se­nats­ur­tei­le vom 28. Sep­tem­ber 2005 - IV ZR 106/04 - VersR 2005, 1684 und 19. März 2003 - IV ZR 139/01 - VersR 2003, 638; Wendt, MDR 2008, 717, 718, 721 und r+s 2008, 221, 222, 226 f.).

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a) Der vor­ge­tra­ge­ne Tat­sa­chen­kern muss da­bei die Be­ur­tei­lung er­lau­ben, ob der da­mit be­schrie­be­ne Vor­gang den zwi­schen den Par­tei­en aus­ge­bro­che­nen Kon­flikt je­den­falls mit aus­gelöst hat, al­so ge­eig­net ge­we­sen ist, den Keim für ei­ne (zukünf­ti­ge) recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zu le­gen. Wei­te­rer qua­li­fi­zie­ren­der Vor­aus­set­zun­gen be­darf es in­so­fern nicht; ein adäqua­ter Ur­sa­chen­zu­sam­men­hang reicht mit­hin aus (Se­nats­ur­tei­le vom 28. Sep­tem­ber 2005 aaO un­ter I 3 a und 20. März 1985 - IVa ZR 186/83 - VersR 1985, 540 un­ter 3).

b) Bei dem da­mit ver­bun­de­nen Vor­wurf ist auf die für den Ver­s­toß ge­ge­be­ne Be­gründung ab­zu­stel­len (Se­nats­be­schluss vom 17. Ok­to­ber 2007 aaO Tz. 3; Se­nats­ur­teil vom 28. Sep­tem­ber 2005 aaO un­ter I 2 a). Auf die­ser Grund­la­ge löst be­reits ei­ne dar­in ent­hal­te­ne bloße Be­haup­tung ei­nes Pflicht­ver­s­toßes un­abhängig von ih­rer Be­rech­ti­gung oder Er­weis­lich­keit den Ver­si­che­rungs­fall aus. Auf die Schlüssig­keit, Sub­stan­ti­iert­heit oder Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit die­ser Be­haup­tung in den je­wei­li­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen kommt es da­ge­gen nicht an (Se­nats­ur­teil vom 20. März 1985 aaO un­ter 3 c). Erst recht spielt es dann kei­ne Rol­le, ob es nach die­ser Dar­stel­lung tatsächlich zu ei­nem Ver­s­toß ge­kom­men ist, der dann auch noch den Ver­trags­part­ner be­reits in sei­ner Rechts­po­si­ti­on be­ein­träch­tigt. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob ei­ne be­haup­te­te Pflicht­ver­let­zung zur Grund­la­ge ei­ner recht­li­chen Strei­tig­keit wird. Das ist der Fall, wenn ei­ne der strei­ten­den Par­tei­en den so um­schrie­be­nen - an­geb­li­chen - Ver­s­toß der Ge­gen­sei­te zur Stützung sei­ner Po­si­ti­on her­an­zieht. Un­be­ach­tet blei­ben dem­ge­genüber nur sol­che Vorwürfe, die zwar er­ho­ben wer­den, je­doch nur als Bei­werk ("Ko­lo­rit") die­nen (vgl. Se¬nats­ur­tei­le vom 14. März 1984 - IVa ZR 24/82 - VersR 1984, 530 un­ter I 3 b und vom 20. Ok­to­ber 1982 - IVa ZR 48/81 - VersR 1983, 125 un­ter III) und auch die­je­ni­gen Vorwürfe, die der Ver­si­che­rungs­neh­mer mögli-

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cher­wei­se aus­spricht, aber nicht zur Grund­la­ge sei­ner In­ter­es­sen­ver­fol­gung macht, für die er Rechts­schutz be­gehrt (vgl. Se­nats­be­schluss vom 17. Ok­to­ber 2007 aaO Tz. 3).

c) Die­ses wei­te Verständ­nis des Rechts­schutz­fal­les trägt den In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­part­ner Rech­nung. Dem Ver­si­che­rer bleibt je nach Sach­la­ge der Ein­wand man­geln­der Er­folgs­aus­sicht (§ 17 ARB) un­be­nom­men und der Ver­si­che­rungs­neh­mer ist vor ei­ner in­so­weit sonst dro­hen­den - schlei­chen­den - Aushöhlung des Leis­tungs­ver­spre­chens be­wahrt. Ab­ge­se­hen da­von kann die Fest­le­gung, wann erst­mals ernst­haft ein Pflich­ten­ver­s­toß an­ge­las­tet und der Ver­si­che­rungs­fall aus­gelöst wird, je nach Be­ginn oder Ab­lauf der Ver­si­che­rungs­zeit zu­guns­ten des ei­nen oder des an­de­ren Ver­trags­part­ners aus­schla­gen. Ei­ne ein­sei­ti­ge Begüns­ti­gung ei­ner Ver­trags­sei­te bei der Be­stim­mung, ob der ge­schil­der­te Ver­si­che­rungs­fall in ver­si­cher­ter Zeit liegt und des­we­gen die Ein­tritts­pflicht des Ver­si­che­rers aus­zulösen ver­mag, ist da­mit nicht ver­bun­den (vgl. Se­nats­ur­teil vom 20. März 1985 aaO un­ter 3 c a.E.).

Die­se Grundsätze ge­bie­ten bei­spiels­wei­se, ei­ne nach Dar­stel­lung des Ver­si­che­rungs­neh­mers un­zu­tref­fen­de fernmünd­li­che Aus­kunft ei­nes Sach­be­ar­bei­ters des Ver­si­che­rers, die be­gehr­te Ver­si­che­rungs­leis­tung nicht er­brin­gen zu müssen, be­reits als Ein­tritt ei­nes Rechts­schutz­fal­les zu wer­ten, da nach die­ser Be­haup­tung die Leis­tungs­pflicht der Ver­trags­la­ge wi­der­spre­chend ver­neint wor­den ist. Mit der vom Ver­si­che­rungs­neh­mer ge­ge­be­nen Be­gründung verstößt ei­ne in der Aus­kunft ent­hal­te­ne Ankündi­gung der Leis­tungs­a­b­leh­nung ge­gen die Leis­tungs­treue­pflicht, was den Ver­si­che­rungs­fall auslöst (vgl. Se­nats­ur­teil vom 28. Sep­tem­ber 2005 aaO).

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3. Im Streit­fall lie­gen die Din­ge ent­spre­chend.

Mit der vom Kläger ge­ge­be­nen Dar­stel­lung ist der Rechts­schutz­fall durch das Vor­ge­hen sei­ner Ar­beit­ge­be­rin, um das Beschäfti­gungs­verhält­nis mit ihm zu be­en­den, ein­ge­tre­ten.

Der Kläger hat ein tatsächli­ches Ge­sche­hen auf­ge­zeigt, mit dem er­den Vor­wurf ei­nes Rechts­ver­s­toßes durch sei­ne Ar­beit­ge­be­rin ver­bun­den hat: Sie ha­be ihm ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag an­ge­bo­ten, im Fal­le der Nicht­an­nah­me ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung an­ge­droht, später mit­ge­teilt, dass er von der ge­plan­ten Stel­len­re­du­zie­rung be­trof­fen sei, An­ga­ben zur So­zi­al­aus­wahl ver­wei­gert und dann zu­gleich ein be­fris­te­tes An­ge­bot auf Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges un­ter­brei­tet. An der Ernst­haf­tig­keit, das Ar­beits­verhält­nis auf die­se Wei­se auf je­den Fall be­en­den und nicht et­wa nur vor­be­rei­ten­de Gespräche über Möglich­kei­ten von be­trieb­lich be­ding­ten Stel­len­re­du­zie­run­gen und de­ren et­wai­gen Um­set­zun­gen führen zu wol­len, be­steht nach die­sen Be­haup­tun­gen kein Zwei­fel. Auf die­se vom Kläger be­haup­te­ten Tat­sa­chen hat er den Vor­wurf ge­gründet, die Ar­beit­ge­be­rin ha­be ih­re Fürsor­ge­pflicht ver­letzt und da­mit ei­ne Ver­trags­ver­let­zung be­gan­gen, sie ha­be ei­ne Kündi­gung - oh­ne Aus­kunft über die So­zi­al­aus­wahl - in Aus­sicht ge­stellt, die - weil so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt - rechts­wid­rig wäre. Schon mit die­sem vom Kläger be­haup­te­ten Ver­hal­ten be­ginnt sich die vom Rechts­schutz­ver­si­che­rer

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über­nom­me­ne Ge­fahr zu ver­wirk­li­chen. Mit ih­nen ist vom Kläger ein Ver­s­toß i.S. des § 14 (3) Satz 1 ARB aus­rei­chend dar­ge­tan. Ob sei­ne recht­li­che Be­wer­tung des Vor­ge­hens sei­ner Ar­beit­ge­be­rin zu­tref­fend ist, bleibt für den Ein­tritt des Rechts­schutz­fal­les oh­ne Be­deu­tung.

 

Ter­no 

Seif­fert 

Wendt

Dr. Kes­sal-Wulf 

Felsch

 

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