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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/263

Ar­beits­un­fä­hig­keit bei Fol­ge­be­schei­ni­gung über an­de­re Krank­heit

Beim Streit über Ent­gelt­fort­zah­lung muss der Ar­beit­neh­mer be­wei­sen, dass er zwi­schen zwei Er­kran­kun­gen ge­sund war: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.05.2016, 5 AZR 318/15

18.08.2016. Wer in­fol­ge ei­ner Krank­heit nicht ar­bei­ten kann, hat nach dem Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz (EFZG) An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall, und zwar bis zur Höchst­dau­er von sechs Wo­chen. Bei ei­ner wei­te­ren Er­kran­kung ent­steht ei­ner neu­er An­spruch, eben­falls bis zu ma­xi­mal sechs Wo­chen.

Nach der Recht­spre­chung braucht der Ar­beit­neh­mer zwi­schen die­sen bei­den Zeit­räu­men nicht ge­ar­bei­tet ha­ben, son­dern es ge­nü­gen ei­ni­ge we­ni­ge St­un­den der Ge­sund­heit in der Frei­zeit oder am Wo­chen­en­de.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass der Ar­beit­neh­mer für den Be­ginn sei­ner zwei­ten (an­de­ren) Er­kran­kung be­weis­pflich­tig ist. Da­mit hat das BAG sei­ne bis­he­ri­ge, aus Ar­beit­neh­mer­sicht güns­ti­ge Recht­spre­chung er­heb­lich ein­ge­schränkt: BAG, Ur­teil vom 25.05.2016, 5 AZR 318/15.

Wie be­weist man ei­ne kur­ze Zeit der Ge­sund­heit nach ei­ner sechswöchi­gen Er­kran­kung?

Wer sechs Wo­chen lang in­fol­ge ei­ner Er­kran­kung ar­beits­unfähig ist, da­nach ei­ni­ge Ta­ge ar­bei­tet und so­dann er­neut, dies­mal aber an ei­ner an­de­ren Krank­heit er­krankt, hat zwei­mal ei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung, und zwar je­weils bis zur Höchst­dau­er von sechs Wo­chen. An­spruchs­grund­la­ge ist § 3 Abs.1 Satz 1 EFZG.

Ein mehr­fa­cher An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung (je­weils für höchs­tens sechs Wo­chen) be­steht auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer zwi­schen sei­nen bei­den Er­kran­kun­gen nicht ge­ar­bei­tet hat. Vor­aus­set­zung ist nur,

  • dass zu Be­ginn der zwei­ten Er­kran­kung die ers­te Er­kran­kung aus­ge­heilt war, und
  • dass es sich um ver­schie­de­ne Krank­hei­ten han­delt.

Sind die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht ge­ge­ben, han­delt es sich um ei­nen "ein­heit­li­chen Ver­hin­de­rungs­fall", d.h. um ei­ne un­un­ter­bro­che­ne Ar­beits­unfähig­keit. Dann en­det der An­spruch auf Lohn­fort­zah­lung nach sechs Wo­chen.

Klagt ein Ar­beit­neh­mer auf Ent­gelt­fort­zah­lung für ei­ne länge­re Zeit als sechs Wo­chen, ist ei­ne kurz­fris­ti­ge Ge­sund­heit zwi­schen zwei Sechs­wo­chen­zeiträum­en für ihn güns­tig, denn dann liegt kein ein­heit­li­cher Ver­hin­de­rungs­fall vor. Ei­ne sol­che kurz­zei­ti­ge Ge­ne­sung kann nach der Recht­spre­chung auf ei­ni­ge we­ni­ge, in der Frei­zeit oder am Wo­chen­en­de lie­gen­de St­un­den fal­len.

Beim Streit um ei­ne "Kurz­ge­sun­dung" half dem Ar­beit­neh­mer bis­her die Vor­ga­be des BAG, der zu­fol­ge ein ärzt­li­ches At­test die Ar­beits­unfähig­keit (AU) an­geb­lich nur bis zum Schich­ten­de be­schei­ni­gen soll. War man z.B. bis zu ei­nem Mitt­woch krank­ge­schrie­ben, war man die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge am Mitt­woch nach 18:00 Uhr wie­der als ge­sund an­zu­se­hen, falls man übli­cher­wei­se nur bis 18:00 Uhr ar­bei­ten muss (so BAG, Ur­teil vom 12.07.1989, 5 AZR 377/88).

Die­se Recht­spre­chung hat das BAG auf­ge­ge­ben und außer­dem klar­ge­stellt, dass der Ar­beit­neh­mer die Be­weis­last für Be­ginn und En­de sei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit trägt.

Im Streit: Ar­beit­neh­mer geht in der sechs­ten Wo­chen ei­ner Ar­beits­unfähig­keit we­gen an­de­rer Be­schwer­den zum Arzt, wird we­gen die­ser (an­de­ren) Be­schwer­den aber erst nach Ab­lauf der sechs Wo­chen (er­neut) krank­ge­schrie­ben

Im Streit­fall war der Ar­beit­neh­mer sechs Wo­chen we­gen ei­nes Rücken­lei­dens krank­ge­schrie­ben, und zwar vom 09.09.2013 (Mon­tag) bis zum 20.10.2013 (Sonn­tag). In der letz­ten Wo­che die­ses Sechs­wo­chen­zeit­raums, am 17.10.2013 (Don­ners­tag), ging er we­gen zu­neh­men­der Schul­ter­schmer­zen zum Arzt, der ihn des­halb aber nicht krank­schrieb.

Ei­ne Krank­schrei­bung we­gen der Schul­ter­be­schwer­den be­kam der Ar­beit­neh­mer erst am 21.10.2013 (Mon­tag), d.h. am ers­ten Tag nach Ab­lauf des Sechs­wo­chen­zeit­raums. Die­se Krank­schrei­bung war als er­neue Erst­be­schei­ni­gung aus­ge­stellt, d.h. hier han­del­te es sich um ei­ne an­de­re (neue) Er­kran­kung, die mit dem Rücken­lei­den nichts zu tun hat­te.

Der Ar­beit­ge­ber zahl­te Ent­gelt­fort­zah­lung nur für den ers­ten Sechs­wo­chen­zeit­raum, d.h. bis zum 20.10.2013. Denn aus sei­ner Sicht hat­te die zwei­te krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit we­gen der Schul­ter­be­schwer­den be­reits am Don­ners­tag, dem 17.10.2013, vor­ge­le­gen. Der Ar­beit­neh­mer be­haup­te­te da­ge­gen, er ha­be sich am Mon­tag­früh beim An­zie­hen die Schul­ter ges­toßen und sei dar­auf­hin zum Arzt ge­gan­gen.

Das Ar­beits­ge­richt Her­ne hörte den Arzt als Zeu­gen, der nicht si­cher sa­gen konn­te, ob ei­ne Ar­beits­unfähig­keit we­gen der Schul­ter­be­schwer­den schon am 17.10.2013 vor­ge­le­gen hat­te oder nicht. Dem Ar­beits­ge­richt genügte das für ei­ne Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zu wei­te­rer Lohn­fort­zah­lung (Ur­teil vom 21.10.2014, 3 Ca 3517/13), während das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm die Kla­ge ab­wies. Aus sei­ner Sicht war der Ar­beit­neh­mer nämlich be­weis­pflich­tig dafür, wann ge­nau sei­ne zwei­te Ar­beits­unfähig­keit be­gon­nen hat­te (LAG Hamm, Ur­teil vom 26.03.2015, 16 Sa 1711/14).

BAG: Klagt ein Ar­beit­neh­mer auf Ent­gelt­fort­zah­lung, trägt er die Be­weis­last für Be­ginn und En­de sei­ner Ar­beits­unfähig­keit

Auch beim BAG hat­te der Ar­beit­neh­mer kein Glück. Sei­ne Re­vi­si­on wur­de zurück­ge­wie­sen.

Denn im Streit­fall konn­te der Ar­beit­neh­mer den ge­nau­en Be­ginn sei­ner zwei­ten Er­kran­kung nicht be­wei­sen. Da er we­gen star­ker Schul­ter­schmer­zen noch während des ers­ten Sechs­wo­chen­zeit­raums beim Arzt war (am 17.10.2013), lag die Möglich­keit na­he, dass er schon zum Zeit­punkt die­ses Arzt­be­suchs we­gen der (un­strei­tig star­ken) Schul­ter­be­schwer­den ar­beits­unfähig war.

Hier hätte der Ar­beit­neh­mer durch die Zeu­gen­aus­sa­ge des Arz­tes be­wei­sen müssen, dass ei­ne Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge der Schul­ter­be­schwer­den nicht schon am 17.10.2013 vor­ge­le­gen hat­te. Doch so ge­nau woll­te sich der Arzt bei sei­ner Zeu­gen­aus­sa­ge ge­ra­de nicht fest­le­gen.

Da­her blieb un­geklärt, ob die zwei­te Er­kran­kung bzw. die da­durch ver­ur­sach­te Ar­beits­unfähig­keit schon am 17.10.2013 (Don­ners­tag) oder erst am 21.10.2013 (Mon­tag) vor­lag. Bei ei­nem Be­ginn der schul­ter­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit am 17.10.2013 würde ein ein­heit­li­cher sechswöchi­ger Ver­hin­de­rungs­fall vom 09.09.2013 bis zum 20.10.2013 vor­lie­gen.

Hier­zu stellt das BAG fest, dass der Ar­beit­neh­mer beim Ent­gelt­fort­zah­lungs­streit vor Ge­richt dar­le­gen und be­wei­sen muss, wann sei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit be­gon­nen und wann sie ge­en­det hat (Leit­satz). Ent­spre­chend die­ser Be­weis­last­re­gel ging es hier im Streit­fall zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers, dass nicht auf­geklärt wer­den konn­te, wann sei­ne Zwei­ter­kran­kung be­gon­nen hat­te.

Ne­ben­bei stellt das BAG klar, dass es nicht mehr an sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung festhält, der zu­fol­ge ei­ne auf Ka­len­der­ta­ge be­zo­ge­ne ärzt­li­che AU-Be­schei­ni­gung die AU in der Re­gel nur bis zum En­de der übli­chen Ar­beits­zeit des Ar­beit­neh­mers am letz­ten Krank­heits­tag be­schei­nigt.

Als Fol­ge die­ser Ent­schei­dung ha­ben es Ar­beit­neh­mer künf­tig schwe­rer als bis­her, auf der Grund­la­ge ei­ner neu­en Erst­be­schei­ni­gung nach Ab­lauf ei­ner sechswöchi­gen Ar­beits­unfähig­keit wei­te­re Ent­gelt­fort­zah­lung durch­zu­set­zen.

Denn ein ein­heit­li­cher Ver­hin­de­rungs­fall liegt rich­ti­ger An­sicht nach nicht nur dann vor, wenn sich Ers­ter­kran­kung und Zwei­ter­kran­kung zeit­lich über­schnei­den, son­dern auch dann, wenn sie naht­los an­ein­an­der­s­toßen. Auch in die­sem Fall gibt es kei­ne zeit­li­che Un­ter­bre­chung der Ver­hin­de­rung, und dem­ent­spre­chend ist die von der Recht­spre­chung ge­for­der­te Be­din­gung nicht erfüllt, dass der Ar­beit­neh­mer zu­min­dest für "we­ni­ge, außer­halb der Ar­beits­zeit lie­gen­de St­un­den" ar­beitsfähig war.

En­det (wie hier im Streit­fall) der ers­te Sechs­wo­chen­zeit­raum an ei­nem Sonn­tag, heißt das künf­tig, dass die AU am Sonn­tag um 24:00 Uhr en­det, denn ei­ne uhr­zeit­lich auf das En­de der übli­chen Ar­beits­zeit be­zo­ge­ne "Aus­le­gung" ärzt­li­cher Krank­schrei­bun­gen möch­te das BAG ja (zu­recht) künf­tig nicht mehr vor­neh­men. Und be­ginnt ei­ne neue Krank­heit am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag ent­spre­chend ei­ner ärzt­li­chen Erst­be­schei­ni­gung, die der Ar­beit­neh­mer bei ei­nem Arzt­be­such vor Dienst­an­tritt er­langt hat, ist der Mon­tag nach herr­schen­der Mei­nung in vol­lem Um­fang als Krank­heits­tag an­zu­se­hen, d.h. die er­neu­te Er­kran­kung bzw. AU be­ginnt dann am Mon­tag um 00:00 Uhr.

Fa­zit: Wenn Ar­beit­neh­mer nach Ab­lauf ei­nes vol­len Sechs­wo­chen­zeit­raums vor Dienst­an­tritt ei­ne neue Erst­be­schei­ni­gung vor­le­gen, müssen sie künf­tig be­wei­sen, dass sie zwi­schen dem Be­ginn des ers­ten Ta­ges der Neu­er­kran­kung (00:00 Uhr) und dem Arzt­be­such an die­sem Ta­ge ge­sund ge­we­sen war. Ab­ge­se­hen von Unfällen wird ein sol­cher Nach­weis nur schwer zu führen sein.

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Letzte Überarbeitung: 5. November 2016

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