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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/279

Der Be­triebs­rat kann die Ein­hal­tung von Pau­sen durch­set­zen

Der Be­triebs­rat kann ver­lan­gen, dass der Ar­beit­ge­ber wäh­rend der ge­mein­sam fest­ge­leg­ten Pau­sen­zei­ten we­der Ar­beit an­ord­net noch ent­ge­gen­nimmt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 07.02.2012, 1 ABR 77/10
Auktionshammer bzw. Gerichtshammer auf Geldscheinen Hält sich der Ar­beit­ge­ber nicht an Pau­sen­re­ge­lun­gen, dro­hen Zwangs­gel­der

14.08.2012. Wann und wie lan­ge Pau­sen ge­macht wer­den sol­len oder ob Pau­sen auch mal un­ter den Tisch fal­len kön­nen - dar­über wird im­mer wie­der vor Ge­richt ge­strit­ten. Das Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) ist da­bei ei­gent­lich klar. § 4 Arb­ZG schreibt näm­lich vor, dass die Ar­beits­zeit durch im vor­aus fest­ste­hen­de Ru­he­pau­sen von min­des­tens 30 Mi­nu­ten un­ter­bro­chen wer­den muss, wenn sechs bis neun St­un­den lang ge­ar­bei­tet wird. Und bei ei­ner Ar­beits­zeit von mehr als neun St­un­den müs­sen die im Vor­aus fest­ge­leg­ten Un­ter­bre­chun­gen min­des­tens 45 Mi­nu­ten be­tra­gen.

Die Pau­sen kön­nen in Ab­schnit­te von min­des­tens 15 Mi­nu­ten auf­ge­teilt wer­den, dür­fen aber nicht län­ger als sechs St­un­den von­ein­an­der ent­fernt lie­gen. Aus­nah­men hier­von sind nur in we­ni­gen Be­rei­chen (Schicht- und Ver­kehrs­be­trie­be, Pfle­ge, Ver­wal­tung) mög­lich. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat Be­triebs­rä­ten in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung die Mög­lich­keit zu­ge­spro­chen, den Ar­beit­ge­ber zur Ein­hal­tung die­ser Vor­schrif­ten zu zwin­gen: BAG, Be­schluss vom 07.02.2012, 1 ABR 77/10.

Kann der Be­triebs­rat vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen, dass die Pau­sen­zei­ten ein­ge­hal­ten wer­den?

Ei­ne Pau­se ist ei­ne im vor­aus fest­ge­leg­te Un­ter­bre­chung der Ar­beits­zeit, die der Er­ho­lung dient und auf die je­der Ar­beit­neh­mer nach dem Arb­ZG An­spruch hat. Im Rah­men des Arb­ZG müssen Ar­beit­ge­ber da­her ihr Wei­sungs­recht ausüben und be­stim­men, wer wann Pau­sen macht.

Die­ses Wei­sungs­recht beim The­ma Pau­sen ist aber be­grenzt durch das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats. Er kann nämlich gemäß § 87 Abs.1 Nr.2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) bei der Fest­le­gung von Be­ginn und En­de der tägli­chen Ar­beits­zeit ein­sch­ließlich der Pau­sen so­wie bei der Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit auf die ein­zel­nen Wo­chen­ta­ge mit­be­stim­men. Am bes­ten übt der Be­triebs­rat die­ses Mit­be­stim­mungs­recht durch Ab­schluss ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus, denn die­se gilt dann für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer "un­mit­tel­bar und zwin­gend", d.h. wie ein Ge­setz (§ 77 Abs.4 Be­trVG).

Das Mit­be­stim­mungs­recht be­steht aber nur, so­weit es kei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen gibt, und die Mit­be­stim­mung ist auch nicht da­zu da, in­di­vi­du­el­le Ansprüche ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer durch­zu­set­zen. Im All­ge­mei­nen hat der Be­triebs­rat da­her kei­ne recht­li­che Möglich­keit, den Ar­beit­ge­ber zur Ein­hal­tung der ge­setz­lich für je­den Ar­beit­neh­mer vor­ge­se­he­nen Pau­sen­zei­ten zu zwin­gen.

Von die­sem Grund­satz hat das BAG aber ei­ne sehr weit­ge­hen­de Aus­nah­me ge­macht, nämlich für den Fall, dass der Ar­beit­ge­ber mit sei­ner Pau­sen­muf­fe­lei ge­gen Dienst- und Schicht­pläne verstößt, die er zu­sam­men mit dem Be­triebs­rat auf der Grund­la­ge ei­ner ent­spre­chen­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­stellt hat.

Der Streit­fall: Ver­kehrs­un­ter­neh­men stellt mit dem Be­triebs­rat Dienst­pläne samt Pau­sen­re­ge­lun­gen auf, hält sich aber nicht dar­an

Ein Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men hat­te dem Be­triebs­rat ei­ne „Be­triebs­ver­ein­ba­rung Pau­sen“ ab­ge­schlos­sen, der zu­fol­ge Dienst- und Schicht­pläne un­ter Be­tei­li­gung des Be­triebs­ra­tes auf­ge­stellt wer­den soll­ten. Vor al­lem natürlich ent­hiel­ten die­se Dienst- und Schicht­pläne Pau­sen­zei­ten. Weil vie­le Ar­beit­neh­mer im­mer wie­der pau­sen­los durch­ar­bei­te­ten, ver­lang­te der Be­triebs­rat vom Ar­beit­ge­ber, die Ein­hal­tung der Pau­sen­zei­ten durch­zu­set­zen bzw. in die­ser Zeit kei­ne Ar­bei­ten zu­zu­tei­len.

Das Ar­beits­ge­richt gab dem Be­triebs­rat recht, wo­hin­ge­gen das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln ge­gen den Be­triebs­rat ent­schied, und zwar mit der Be­gründung, dass we­gen der ge­setz­li­chen Re­ge­lung in § 4 Arb­ZG kein Mit­be­stim­mungs­recht be­ste­he (Be­schluss vom 27.09.2010, 2 TaBV 11/10).

BAG: Be­triebsräte können die Ein­hal­tung der ge­mein­sam mit dem Ar­beit­ge­ber fest­ge­leg­ten Pau­sen­zei­ten durch­bo­xen

An­ders das BAG un­ter Be­ru­fung auf § 23 Abs.3 Be­trVG. Die­ser Vor­schrift zu­fol­ge kann der Be­triebs­rat bei "gro­ben" Verstößen des Ar­beit­ge­bers ge­gen sei­ne Pflich­ten aus dem Be­trVG Un­ter­las­sung ver­lan­gen. Und zu die­sen Ar­beit­ge­ber­pflich­ten gehört es, so das BAG, die ge­mein­sam mit dem Be­triebs­rat ver­ein­bar­ten Dienst­pläne ein­zu­hal­ten.

Denn ha­ben Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber we­gen des Mit­be­stim­mungs­rechts des Be­triebs­rats beim The­ma Ar­beits­zeit und Pau­sen ein­mal ei­ne Pau­sen­be­triebs­ver­ein­ba­rung gemäß § 87 Abs.1 Nr.2 Be­trVG ab­ge­schlos­sen, dann muss der Ar­beit­ge­ber ei­ne sol­che Be­triebs­ver­ein­ba­rung auch durchführen. Zu sei­ner Durchführungs­pflicht gehört es, die Dienst- und Schicht­pläne, die er auf der Grund­la­ge ei­ner Pau­sen­be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­mein­sam mit dem Be­triebs­rat er­stellt, auch ak­tiv um­zu­set­zen.

Fa­zit: Er­teilt der Ar­beit­ge­ber während der ge­mein­sam mit dem Be­triebs­rat fest­ge­leg­ten Pau­sen wie­der­holt Ar­beits­an­wei­sun­gen oder un­ter­nimmt er im­mer wie­der zu we­nig, um die Ar­beit­neh­mer vom Ar­bei­ten während sol­cher Pau­sen ab­zu­hal­ten, ist dies ein gro­ber Pflicht­ver­s­toß im Sin­ne von § 23 Abs.3 Be­trVG. Dann kann der Be­triebs­rat den Ar­beit­ge­ber auf Un­ter­las­sung ver­kla­gen.

Da­bei kann das Ge­richt dem Ar­bei­ge­ber für den Wie­der­ho­lungs­fall ein Ord­nungs­geld von bis zu 10.000,00 EUR je Ver­s­toß an­dro­hen. Ein höhe­res Ord­nungs­geld ist zwar nach der Zi­vil­pro­zess­ord­nung vor­ge­se­hen, doch greift hier zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers die in § 23 Abs.3 Be­trVG ent­hal­te­ne De­cke­lung auf 10.000,00 EUR ein. Aber auch ein sol­ches Zwangs­geld kann weh­tun, wenn es in vie­len Fällen verhängt wird. Und last but not least: Verstöße ge­gen § 4 Arb­ZG sind ord­nungs­wid­rig und je nach La­ge des Ein­zel­falls so­gar straf­bar (§§ 22, 23 Arb­ZG).

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Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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