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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/112

Kei­ne frist­lo­se Kün­di­gung bei Ba­ga­tell­de­likt

Kü­chen­hil­fe zweigt 2 kg Ess­sens­res­te für sich ab und wird frist­los ge­kün­digt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13
Was ge­hört in ei­ner Kan­ti­ne zum Ab­fall?

31.03.2014. Frü­her galt vor den Ar­beits­ge­rich­ten die har­te Dau­men­re­gel: Wer klaut, der fliegt (und zwar frist­los). Seit gut drei­ein­halb Jah­ren ist das nicht mehr so.

Denn mit sei­nem be­rühm­ten Ur­teil in dem Fall der Ber­li­ner Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra ("Em­me­ly") Em­me hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Ju­ni 2010 klar­ge­stellt, dass auch bei (klein-)kri­mi­nel­len Pflicht­ver­stö­ßen des Ar­beit­neh­mers ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­ab­wä­gung vor­zu­neh­men ist (BAG, Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09).

Und als Er­geb­nis die­ser Ab­wä­gung kann sich er­ge­ben, dass ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung bei lan­ger Be­schäf­ti­gungs­zeit und ge­rin­gem Scha­den un­ver­hält­nis­mä­ßig wä­re.

Wie sehr sich seit der Zeit vor dem Em­me­ly-Ur­teil der Wind mitt­ler­wei­le zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer ge­dreht hat, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Schles­wig-Hol­stein: LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13.

Frist­lo­se Kündi­gung nach lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er we­gen ei­nes Ba­ga­tell­de­likts?

Ar­beit­ge­ber können außer­or­dent­lich und frist­los kündi­gen, d.h. oh­ne Be­ach­tung der re­gulären Kündi­gungs­fris­ten, wenn sie dafür ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ha­ben.

Ein wich­ti­ger Grund ist ein Pflicht­ver­s­toß, der so mas­siv ist, dass ei­nem "vernünf­ti­gen" Ar­beit­ge­ber das Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist nor­ma­ler­wei­se nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Zu sol­chen Pflicht­verstößen gehören seit je­her Vermögens­de­lik­te zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers, d.h. zum Bei­spiel

  • ein Dieb­stahl von Fir­men­ei­gen­tum, oder
  • ein Ab­rech­nungs- oder Spe­sen­be­trug, oder
  • ein an­de­res Vermögens­de­likt wie z.B. ei­ne Un­ter­schla­gung.

Auch ei­ner klei­ner Scha­den­sum­fang im Ba­ga­tell­be­reich wird da­bei im All­ge­mei­nen von den Ge­rich­ten als "wich­ti­ger Grund" an­ge­se­hen. Al­ler­dings ist da­mit über die Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kündi­gung noch nicht ent­schie­den, denn auch bei Vor­lie­gen ei­nes "an sich" für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­rei­chen­den wich­ti­gen Grun­des ist im­mer ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­abwägung vor­zu­neh­men. Und hier, d.h. bei der In­ter­es­sen­abwägung, spielt die ge­rin­ge oder große Höhe des Scha­dens ei­ne wich­ti­ge Rol­le.

Bei der Abwägung des Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­ses an ei­ner so­for­ti­gen Ent­las­sung des "Übeltäters" und des Ar­beit­neh­mer­inter­es­ses an der Be­ach­tung sei­ner Kündi­gungs­fris­ten spre­chen für den Ar­beit­neh­mer

  • ein ge­rin­ger Scha­den­sum­fang ("Ba­ga­tel­le"),
  • ein lan­ger Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses,
  • ei­ne of­fe­ne Vor­ge­hens­wei­se, d.h. kei­ne Ver­heim­li­chung des Ge­sche­hens durch den Ar­beit­neh­mer,
  • ei­ne auf­rich­ti­ge Ent­schul­di­gung nach Be­kannt­wer­den des Vor­falls.

Heut­zu­ta­ge schei­tern die meis­ten frist­lo­sen Kündi­gun­gen, die Ar­beit­ge­ber we­gen ei­nes Ba­ga­tell­de­likts aus­spre­chen, an der In­ter­es­sen­abwägung, da die Ge­rich­te das Be­stands­in­ter­es­se als vor­ran­gig be­wer­ten, so z.B. das LAG Schles­wig-Hol­stein mit Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13.

Im Streit: In ei­ner Ka­ser­ne ar­bei­ten­de Küchen­hel­fe­rin zweigt ver­bo­te­ner Wei­se zwei Ki­lo übrig ge­blie­be­nen Rot­kohl für sich ab

Im Streit­fall hat­te ei­ne seit über 14 Jah­ren beschäftig­te Küchen­hil­fe, die in ei­ner Ka­ser­ne ar­bei­te­te, zwei Ki­lo­gramm ge­koch­ten Rot­kohl für sich ab­ge­zweigt. Und das, ob­wohl sie al­le hal­be Jah­re von ih­rem Ar­beit­ge­ber schrift­lich darüber in­for­miert wor­den war, dass die Mit­nah­me von Es­sens­res­ten strikt ver­bo­ten sei und als Straf­tat an­ge­se­hen wer­de. Von die­ser noch nicht lan­ge zurück­lie­gen­den Ver­gat­te­rung ließ sich die Küchen­hil­fe of­fen­bar nicht be­ein­dru­cken.

An­de­rer­seits sprach für sie, dass zwei Vor­ge­setz­te, die Küchen­buch­hal­te­rin und der Küchen­lei­ter, die Küchen­hil­fe bei der Weg­nah­me des Rot­kohls er­tapp­ten und sie des­we­gen ta­del­ten, es ihr dann aber doch er­laub­ten, den Kohl mit nach Hau­se zu neh­men. Ei­ni­ge Ta­ge später kam es zur Anhörung der Küchen­hil­fe durch den Ar­beit­ge­ber und so­dann zu ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung. Den Per­so­nal­rat hat­te der Ar­beit­ge­ber vor­ab an­gehört, al­ler­dings nur zu der be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen und frist­lo­sen Kündi­gung.

Die Ar­beit­neh­me­rin er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Elms­horn Er­folg (Ur­teil vom 22.05.2013, 1 Ca 2161 b/12). Das Ar­beits­ge­richt be­wer­te­te die Kündi­gung auf­grund des ge­rin­gen Scha­dens und der lan­gen Beschäfti­gungs­dau­er als un­verhält­nismäßig.

LAG Schles­wig-Hol­stein: Nach lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er genügt ein Ba­ga­tell­dieb­stahl von Es­sens­res­ten nicht für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung

Auch das LAG ent­schied zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin. Denn ob­wohl hier ein Dieb­stahl vor­lag und da­mit ein "an sich" für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung er­for­der­li­cher wich­ti­ger Grund, zog der Ar­beit­ge­ber bei der In­ter­es­sen­abwägung den Kürze­ren.

Denn die Ar­beit­neh­me­rin war schon über 14 Jah­re lang oh­ne Be­an­stan­dun­gen beschäftigt, sie hat­te Es­sens­res­te von sehr ge­rin­gem Wert ge­stoh­len und den Dieb­stahl nicht heim­lich, son­dern un­ter Mit­hil­fe ih­rer Dienst­vor­ge­setz­ten verübt. Dem­ent­spre­chend ging das LAG da­von aus, dass das auf dem Pa­pier be­ste­hen­de strik­te Ver­bot, Es­sens­res­te mit­zu­neh­men, in der Pra­xis ganz nicht so streng um­ge­setzt wur­de. Letzt­lich war es dem Ar­beit­ge­ber da­her zu­zu­mu­ten, die Kündi­gungs­fris­ten ein­zu­hal­ten. Da­mit war die frist­lo­se Kündi­gung vom Tisch.

Ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung hätte ein Schlupf­loch für den Ar­beit­ge­ber sein können, wenn er es nicht versäumt hätte, den Per­so­nal­rat auch zu ei­ner be­ab­sich­tig­ten or­dent­li­chen Kündi­gung an­zuhören. Das hat­te er aber nicht ge­tan, und da­her konn­te die Kündi­gung auch als or­dent­li­che Kündi­gung vor Ge­richt kei­nen Er­folg ha­ben.

Letzt­lich blieb dem Ar­beit­ge­ber da­her nur die Möglich­keit, die Ar­beit­neh­me­rin we­gen des Dieb­stahls ab­zu­mah­nen, d.h. ei­ne Ent­las­sung war auf­grund des hier verübten Ba­ga­tell­de­likts nicht möglich.

Fa­zit: We­gen ei­nes Ba­ga­tell­de­likts können Ar­beit­ge­ber nach heu­ti­ger Recht­spre­chung langjährig beschäftig­te Ar­beit­neh­mer prak­tisch nicht mehr wirk­sam frist­los kündi­gen. Da­bei spielt es übri­gens kei­ne Rol­le, ob die Kündi­gung als Tatkündi­gung, d.h. we­gen der aus Ar­beit­ge­ber­sicht er­wie­se­nen Tat, oder als Ver­dachtskündi­gung, d h. we­gen des drin­gen­den Tat­ver­dachts aus­ge­spro­chen wird.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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