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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/136

Em­me­ly ar­bei­tet wie­der als Kas­sie­re­rin.

Bar­ba­ra („Em­me­ly“) Em­me siegt vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09
Rechte Hand mit roter Karte "Ro­te Kar­te" nach Ent­nah­me von Leer­gut­bons im Wert von 1,30 EUR
15.07.2010. Der Fall Em­me­ly sorg­te, an­ge­heizt durch ver.di, für ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Me­di­en­echo. Die Dis­kus­si­on war zeit­wei­se mehr von Emo­tio­nen als von Sach­ar­gu­men­ten ge­prägt.

Das Wort vom "bar­ba­ri­schen Ur­teil von aso­zia­ler Qua­li­tät" mach­te die Run­de. Ob die öf­fent­li­che De­bat­te tat­säch­lich zu ei­nem Um­den­ken in deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten führ­te, lässt sich schwer be­ur­tei­len. Es fehlt da­für schlicht an ob­jek­ti­ven Stu­di­en.

Fakt ist, dass vie­le der im letz­ten Jahr ver­öf­fent­lich­ten Kün­di­gun­gen we­gen Ba­ga­tell­de­lik­ten vor den Ge­rich­ten nicht hiel­ten. Bar­ba­ra Em­me reih­te sich nun – nach drei In­stan­zen – in die­se Run­de ein und konn­te an ih­ren Ar­beits­platz zu­rück­keh­ren: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09.

Außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen we­gen Ba­ga­tell­de­lik­ten

Wer ein Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich kündi­gen möch­te, braucht da­zu gemäß § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­nen „wich­ti­gen Grund“. Dies ist ein be­son­ders schwer­wie­gen­der An­lass für ei­ne Kündi­gung, der dem kündi­gen­den Ver­trags­part­ner das Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist un­zu­mut­bar macht. Das Recht zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung steht Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern glei­cher­maßen zu.

Meist wer­den außer­or­dent­li­che Kündi­gun­gen frist­los aus­ge­spro­chen, manch­mal aber auch mit ei­ner „Aus­lauf­frist“. Aus­lauf­fris­ten wer­den vor al­lem bei ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gun­gen gewährt und zwar oft dann, wenn der „wich­ti­ge Grund“ ei­nen be­trieb­li­chen An­lass hat, z.B. wenn ta­rif­lich unkünd­ba­re Ar­beit­neh­mer im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Be­triebs­sch­ließung außer­or­dent­lich ent­las­sen wer­den sol­len. Dann muss ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­ge­spro­chen wer­den (ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung ist ja ta­rif­lich nicht möglich), die das Ar­beits­verhält­nis aber natürlich nicht frist­los be­en­den soll.

Ab­ge­se­hen von die­sen Aus­nah­mefällen liegt der wich­ti­ge Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che, vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung meist in ei­ner be­son­ders schwer­wie­gen­den Pflicht­ver­let­zung des Ar­beit­neh­mers und/oder in dem drin­gen­den Ver­dacht, dass sich der Ar­beit­neh­mer ei­ne sol­che Pflicht­ver­let­zung hat zu­schul­den kom­men las­sen. Dann ist dem Ar­beit­ge­ber, je­den­falls aus sei­ner Sicht, das Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist des­halb nicht zu­zu­mu­ten, weil er je­der­zeit mit ei­nem wei­te­ren gra­vie­ren­den Fehl­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers rech­nen muss, d.h. der Ar­beit­ge­ber hat nicht mehr das für ei­ne wei­te­re Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­for­der­li­che Ver­trau­en in den Ar­beit­neh­mer.

Hat der Ar­beit­neh­mer ein Vermögens­de­likt (Dieb­stahl, Be­trug, Un­ter­schla­gung oder dgl.) zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers, ei­nes Be­triebs­an­gehöri­gen oder ei­nes Kun­den verübt, liegt dar­in nach der ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung im All­ge­mei­nen ein aus­rei­chen­der („wich­ti­ger“) Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung. Und zwar auch dann, wenn das Vermögens­de­likt erst­ma­lig be­gan­gen wor­den ist und wenn es nur ei­nen klei­nen, im Be­reich we­ni­ger Eu­ro lie­gen­den Ba­ga­tell­scha­den ver­ur­sacht.

Da § 626 BGB aber über die­sen „an sich aus­rei­chen­den“ Kündi­gungs­grund ei­ne In­ter­es­sen­abwägung im Ein­zel­fall ver­langt, ist in Dieb­stahls- und Be­trugsfällen über die Klärung der vom Ar­beit­ge­ber er­ho­be­nen Vorwürfe wei­ter­hin zu prüfen, ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses schwe­rer wiegt als das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an ei­ner wei­te­ren Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses (In­ter­es­sen­abwägung).

In den letz­ten Jah­ren wird die Be­rech­ti­gung sog. Ba­ga­tellkündi­gun­gen zu­neh­mend in Zwei­fel ge­zo­gen, da Ar­beit­ge­ber mit­un­ter Lap­pa­li­en mit dem Ziel auf­bau­schen, sich „kostengüns­tig“ von langjähri­gen Mit­ar­bei­tern zu tren­nen. Ei­ne be­son­ders be­kann­te Ba­ga­tellkündi­gung wur­de vor kur­zem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den (Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09). Der­zeit sind die Ent­schei­dungs­gründe nur an­satz­wei­se be­kannt, da der­zeit nur ei­ne Pres­se­mit­tei­lung des BAG vor­liegt.

Der Fall Bar­ba­ra Em­me

Bar­ba­ra („Em­me­ly“) Em­me, ei­ne seit 1977 bei dem Ein­zel­han­dels­geschäft Kai­ser´s in Ber­lin als Kas­sie­re­rin beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin, er­hielt im Fe­bru­ar 2008 die frist­lo­se Kündi­gung, und zwar mit der Be­gründung, dass sie zwei von Kun­den im La­den ver­lo­re­ne Leer­gut­bons im Wert von zu­sam­men 1,30 EUR un­be­rech­tigt an sich ge­nom­men und sie an der Kas­se ein­gelöst hat­te. Frau Em­me stritt die Vorwürfe ab.

Kai­ser´s führ­te nach Be­kannt­wer­den des Vor­falls ein wo­chen­lan­ges, mehr­fach un­ter­bro­che­nes Anhörungs­ver­fah­ren durch, in dem Frau Em­me im­mer er­neu­te Erklärun­gen für die sie be­las­ten­den Umstände vor­brach­te. Da­bei ver­strick­te sie sich in Wi­dersprüche ver­strick­te und be­las­te­te so­gar ei­ne un­be­tei­lig­te Kol­le­gin.

Im Er­geb­nis der Anhörung ging Kai­ser´s da­von aus, nach­wei­sen zu können, dass Frau Em­me zwei nicht von der Markt­lei­tung ab­ge­zeich­ne­te Leer­gut­bons an ei­nem be­stimm­ten Tag an der Kas­se ein­gelöst hat­te, und es war aus Sicht von Kai­ser´s über­wie­gend wahr­schein­lich, dass die von Frau Em­me ein­gelösten Bons zu­vor von ei­nem Kun­den ver­lo­ren und in ei­nem Ne­ben­raum des La­den­lo­kals auf­be­wahrt wor­den wa­ren. Kai­ser´s sprach da­her, wie in sol­chen Fällen üblich, ei­ne frist­lo­se Kündi­gung we­gen des drin­gen­den Ver­dachts ei­nes Vermögens­de­likts so­wie für den Fall der Un­wirk­sam­keit die­ser Kündi­gung („hilfs­wei­se“) ei­ne frist­ge­rech­te Kündi­gung aus, im vor­lie­gen­den Fall zum 30.09.2008.

Frau Em­me zog vor das Ar­beits­ge­richt Ber­lin und un­ter­lag dort (Ur­teil vom 21.08.2008, 2 Ca 3632/08). Auch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg hat­te sie kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 24.02.2009, 7 Sa 2017/08).

Die Ent­schei­dun­gen des Ar­beits­ge­richts und des LAG schlu­gen bun­des­weit ho­he Wel­len, da die eng mit der Pro­zess­ver­tre­tung Frau Em­mes zu­sam­men­ar­bei­ten­de Ge­werk­schaft ver.di den Ge­gen­stand ei­ner ge­gen Ba­ga­tellkündi­gun­gen ge­rich­te­ten Kam­pa­gne mach­te.

In­fol­ge die­ser Kam­pa­gne wur­de Frau Em­me zur Per­son des öffent­li­chen Le­bens. Wir be­rich­te­ten lau­fend über die­sen Fall in, z.B. in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/028 Frist­lo­se Kündi­gung we­gen 1,30 EUR bestätigt, und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/031 Der Fall „Em­me­ly“ als Po­li­ti­kum.

Das LAG be­gründe­te sein zu­las­ten von Frau Em­me gefäll­tes Ur­teil da­mit, dass nicht nur ein drin­gen­der Tat­ver­dacht des ver­bo­te­nen Einlösens der bei­den Leer­gut­bons be­ste­he. Viel­mehr war das Ge­richt von der Tat­be­ge­hung durch Frau Em­me über­zeugt. Da­her warf das Ge­richt ihr im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung vor, nicht nur vor Aus­spruch der Kündi­gung, son­dern auch da­nach im Pro­zess mehr­fach die Un­wahr­heit ge­sagt zu ha­ben. Durch die­ses Ver­hal­ten, so das LAG, sei das Ver­trau­en von Kai­ser´s in die Red­lich­keit der Kläge­rin endgültig ver­lo­ren ge­gan­gen (vgl. Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/066 Ur­teils­gründe im Fall "Em­me­ly").

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Abwägung auch bei Ba­ga­tell­de­lik­ten ernst neh­men!

Das BAG ließ zunächst mit Be­schluss vom 28.07.2009 (3 AZN 224/09) die vom LAG nicht zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on nachträglich zu (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/133 Bar­ba­ra Em­me kann ein Re­vi­si­ons­ver­fah­ren durchführen). Die nachträglich zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ent­schied das BAG jetzt zu­guns­ten der Kläge­rin.

Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­han­de­nen Pres­se­mit­tei­lung, dass ein vorsätz­li­cher Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen sei­ne Ver­trags­pflich­ten ei­ne frist­lo­se Kündi­gung auch dann recht­fer­ti­gen kann, wenn der ver­ur­sach­te Scha­den ge­ring ist; außer­dem sei der von Frau Em­me be­gan­ge­ne Ver­trags­ver­s­toß „schwer­wie­gend“.

Al­ler­dings ging die vom BAG vor­ge­nom­me­ne Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu­guns­ten der Kas­sie­re­rin aus. Das BAG be­wer­te­te die strei­ti­ge Kündi­gung als un­verhält­nismäßig und da­her im Er­geb­nis als un­wirk­sam. Nach An­sicht des BAG hätten Ar­beits­ge­richt und Lan­des­ar­beits­ge­richt dem langjähri­gen be­an­stan­dungs­frei­en Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses stärke­re Be­ach­tung bei­mes­sen müssen. Das durch den bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­stan­de­ne Ver­trau­en konn­te, so das BAG, durch ei­ne ein­ma­li­ge und un­ty­pi­sche Ver­feh­lung nicht vollständig zerstört wer­den.

Außer­dem hätte man im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung auch die ge­rin­ge wirt­schaft­li­che Schädi­gung des Ar­beit­ge­bers berück­sich­ti­gen müssen. Im Er­geb­nis, so das BAG, hätte ei­ne Ab­mah­nung aus­ge­reicht.

Bei die­ser Ge­le­gen­heit stellt das BAG auch klar, dass das „un­ge­schick­te und wi­dersprüchli­che“ Pro­zess­ver­hal­ten der Kläge­rin, das ihr vor al­lem vom LAG zur Last ge­legt wor­den war, im Kündi­gungs­schutz­pro­zess nicht zu ih­ren Las­ten berück­sich­tigt wer­den konn­te.

Fa­zit: Ent­ge­gen ers­ten Kom­men­ta­ren zu dem Ur­teil des BAG im Fall Em­me­ly hat das ober­te deut­sche Ar­beits­ge­richt sei­ne Recht­spre­chung zu Ba­ga­tellkündi­gun­gen nicht geändert. Je­den­falls er­gibt sich ei­ne sol­che Ände­rung nicht aus der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung.

Trotz­dem hat das Ur­teil ei­ne Si­gnal­wir­kung über die­sen Ein­zel­fall hin­aus. Bis­lang nämlich war die In­ter­es­sen­abwägung bei Ba­ga­tellkündi­gun­gen oft kaum mehr als ein ju­ris­ti­sche „Ge­hu­be­re“ mit vor­ab zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers fest­ste­hen­dem Er­geb­nis. Künf­tig wird sie bei eher ge­rin­ger Schädi­gung des Ar­beit­ge­bers und bei lan­ger Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses öfter ein­mal zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers aus­ge­hen. Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass sich der vor­lie­gen­de Ein­zel­fall zu ei­ner sol­chen Klar­stel­lung nicht wirk­lich gut eig­net, da Frau Em­me ja nicht „we­gen 1,30 EUR“ gekündigt wor­den war, son­dern im We­sent­li­chen auch we­gen ih­res un­auf­rich­ti­gen Ver­hal­tens nach Auf­de­ckung des Vor­falls. Viel­leicht war ge­nau die­ses auch der Grund dafür, dass sie nun in ei­ner an­de­ren Fi­lia­le ar­bei­tet.

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Letzte Überarbeitung: 14. Juli 2015

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