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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/014

Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen schwe­rer Pflicht­ver­let­zung

Lässt ein Wach­mann die Aus­gangs­kon­trol­le grund­los für län­ge­re Zeit un­be­auf­sich­tigt, kann dies ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nach sich zie­hen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 09.09.2015, 17 Sa 810/15
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12.01.2016. Für Ar­beit­neh­mer ist ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te frist­lo­se Kün­di­gung meist ver­hee­rend. Sie ver­lie­ren ab so­fort ih­ren Job, be­kom­men ab so­fort kei­nen Lohn mehr und auch ein An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld be­steht oft nicht we­gen ei­ner Sperr­zeit.

Zu ei­nem so har­ten Mit­tel dür­fen Ar­beit­ge­ber da­her nur in Aus­nah­me­fäl­len grei­fen. Er­for­der­lich ist in al­ler Re­gel ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg hat in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den, dass ei­ne sol­che schwe­re Ar­beits­ver­trags­ver­let­zung und da­mit ein Grund für ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung be­steht, wenn ein Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter die ihm zu­ge­wie­se­ne Aus­gangs­kon­troll­stel­le grund­los für län­ge­re Zeit ver­lässt: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 09.09.2015, 17 Sa 810/15.

Un­be­rech­tig­tes Ver­las­sen des Ar­beits­plat­zes als Kündi­gungs­grund

§ 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) er­laubt es Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern, das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich und frist­los zu kündi­gen, vor­aus­ge­setzt, man hat da­zu ei­nen "wich­ti­gen Grund". Im Lau­fe der Jah­re ha­ben die Ge­rich­te re­gel­rech­te Lis­ten von Kündi­gungs­gründen er­stellt, die es Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern im All­ge­mei­nen ermögli­chen, frist­los zu kündi­gen (s. da­zu Hand­buch Ar­beits­recht: Frist­lo­se Kündi­gung - Kündi­gungs­gründe).

Die Lis­te der Kündi­gungs­gründe, auf die Ar­beit­ge­ber sich be­ru­fen können, reicht von Be­lei­di­gun­gen, Diebstählen über Körper­ver­let­zun­gen bis hin zum Vortäuschen ei­ner Ar­beits­unfähig­keit und um­fasst auch den sog. Ar­beits­zeit­be­trug: Wer Pau­sen­zei­ten nicht auf­schreibt, Zeit­er­fas­sungsbögen falsch führt oder Stem­pel­uh­ren um­geht, täuscht über den Um­fang der ge­leis­te­ten Ar­beits­zeit. Da­mit täuscht er auch über die Höhe der Vergütung, denn zu be­zah­len sind nur ef­fek­tiv ge­leis­te­te Ar­beits­zei­ten und nicht et­wa Pau­sen.

Al­ler­dings ist ei­ne frist­lo­se Kündi­gung im Ein­zel­fall nur rech­tens, wenn die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit für den Ar­beit­ge­ber "un­zu­mut­bar" ist. Das be­deu­tet, dass der Ar­beit­neh­mer sei­ne Pflich­ten so schwer ver­letzt ha­ben muss, dass dem Ar­beit­ge­ber nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann, den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist ab­zu­war­ten. Das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner so­for­ti­gen Ent­las­sung muss schwe­rer wie­gen als das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an der Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist.

Für Ar­beits­zeit­mo­ge­lei­en heißt das, dass ein kurz­fris­ti­ges Ver­las­sen des Ar­beits­plat­zes, ei­ne klei­ne Rau­cher­pau­se, ein pri­va­tes Te­le­fo­nat oder ein kur­zer pri­va­ter Aus­flug ins In­ter­net meist nicht aus­rei­chen für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung. Viel­mehr muss der Ar­beit­ge­ber in sol­chen Fällen erst ein­mal ei­ne Ab­mah­nung aus­spre­chen und kann da­her nur im Wie­der­ho­lungs­fall (nach Ab­mah­nung) kündi­gen.

Es gibt aber Ver­let­zun­gen der Ar­beits­pflicht, die un­ter so gra­vie­ren­den Be­gleit­umständen be­gan­gen wer­den, dass ei­ne so­for­ti­ge frist­lo­se Kündi­gung ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on ist. Über ei­nen sol­chen Fall muss­te vor kur­zem das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schei­den.

Der Fall des LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter soll Tor­kon­trol­len in ei­ner Münz­präge­an­stalt durchführen und verlässt sei­nen Ar­beits­platz un­ent­schul­digt für länge­re Zeit

Im Streit­fall ging es um ei­nen Wach­mann, der von sei­nem Ar­beit­ge­ber, ei­ner Si­cher­heits­un­ter­neh­men, in ei­ner Münz­präge­an­stalt ein­ge­setzt wur­de, und zwar bei Tor- bzw. Aus­gangs­kon­trol­le.

Der Pro­duk­ti­ons­be­reich der Münz­präge­an­stalt war durch ein Dreh­kreuz ge­si­chert, d.h. die Ar­beit­neh­mer muss­ten beim Ver­las­sen des Pro­duk­ti­ons­be­reichs durch das Dreh­kreuz hin­durch­ge­hen. Durch ei­nen Zu­falls­ge­ne­ra­tor war si­cher­ge­stellt, dass das Dreh­kreuz hin und wie­der ge­sperrt war, und dann muss­te der Wach­mann den von der Sper­rung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ei­ner Per­so­nen­kon­trol­le un­ter­zie­hen.

Das tat der Wach­mann aber nicht, son­dern schal­te­te den Zu­falls­ge­ne­ra­tor aus und ver­ließ den Kon­troll­be­reich, oh­ne für ei­ne Er­satz­kraft zu sor­gen. So­dann ging er aus pri­va­ten Gründen für länge­re Zeit zu ei­nem Ar­beit­neh­mer der Münz­präge­an­stalt und ließ sich von ihm den Rest ei­nes Kunst­stoff­rohrs aushändi­gen. Das Rohr brach­te er - oh­ne den vor­ge­schrie­be­nen Be­gleit­schein - zu sei­nem Wa­gen.

Während sei­ner Ab­we­sen­heit konn­te man den Pro­duk­ti­ons­be­reich un­kon­trol­liert ver­las­sen. We­ni­ge Ta­ge später stell­te die Münz­präge­an­stalt ei­nen Ver­lust von Gold im Wert von un­gefähr 74.000,00 EUR fest. Das Si­cher­heits­un­ter­neh­men sprach dar­auf­hin ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus. Der Wach­mann Er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin Er­folg (Ur­teil vom 26.03.2015, 24 Ca 12072/14).

LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Lässt ein Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter die Aus­gangs­kon­trol­le grund­los für länge­re Zeit un­be­auf­sich­tigt, kann dies ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen

Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schied an­ders­her­um und wies die Kla­ge ab. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung, dass der Wach­mann sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten sehr schwer­wie­gend ver­letzt hat­te und die strei­ti­ge frist­lo­se Kündi­gung da­her ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers war. Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung war da­her nicht nötig, so das LAG.

Denn der Wach­mann hat­te den von ihm zu si­chern­den Aus­gang "oh­ne je­de Ver­an­las­sung für ei­nen er­heb­li­chen Zeit­raum preis­ge­ge­ben", so die Ber­li­ner Rich­ter. Durch das Aus­schal­ten des Zu­falls­ge­ne­ra­tors, das Ver­las­sen des Aus­gangs­be­reichs und das Nicht-Her­bei­ho­len ei­ner Er­satz­kraft hat­te der Wach­mann das Si­che­rungs­in­ter­es­se der Münz­präge­an­stalt ver­letzt, und dafür wie­der­um hat­te sein Ar­beit­ge­ber, die Se­cu­ri­ty-Fir­ma, ein­zu­ste­hen.

Er­schwe­rend kam hin­zu, dass er ein Kunst­stoff­rohr oh­ne Er­laub­nis mit­ge­nom­men und da­mit ein Ver­hal­ten an den Tag ge­legt hat­te, das er als Wach­mann ge­ra­de hätte ver­hin­dern sol­len.

Fa­zit: Edel­me­tal­le können leicht in klei­nen Men­gen aus ei­nem Be­trieb her­aus­ge­schmug­gelt wer­den, was große Schäden zur Fol­ge ha­ben kann. Das er­heb­li­che wirt­schaft­li­che In­ter­es­se der Münz­präge­an­stalt an ei­ner ef­fek­ti­ven Tor­kon­trol­le muss­te dem gekündig­ten Wach­mann da­her klar sein. Vor die­sem Hin­ter­grund war be­reits das bloße Ver­las­sen des Ar­beits­plat­zes ei­ne er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung, wo­bei hier wei­te­re er­schwe­ren­de Umstände hin­zu­ka­men (Aus­schal­ten des Zu­falls­ge­ne­ra­tors, Ent­wen­dung ei­nes Kunst­stoff­rohrs). Un­ter sol­chen Umständen liegt kei­ne "bloße" Ar­beits­zeit­mo­ge­lei vor, son­dern ei­ne be­wuss­te und mas­si­ve Schädi­gung der In­ter­es­sen ei­nes Kun­den und da­mit des Ar­beit­ge­bers.

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Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das LAG Ber­lin-Bran­den­burg sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des LAG Ber­lin-Bran­den­burg fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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