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Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Sach­be­schä­di­gung

Vor­sätz­li­che und si­cher­heits­ge­fähr­den­de Sach­be­schä­di­gun­gen kön­nen auch nach lan­ger Be­schäf­ti­gungs­dau­er ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung recht­fer­ti­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 19.12.2016, 3 Sa 356/16
Arbeitsschutz

26.06.2017. Wer aus ver­hal­tens­be­ding­ten Grün­den frist­los ge­kün­digt wird, ver­liert nicht nur sei­nen Job, son­dern auch sei­ne Kün­di­gungs­fris­ten und die Chan­ce auf ein gu­tes Zeug­nis, von ei­ner Ab­fin­dung ganz zu schwei­gen. Oben­drein be­steht die Ge­fahr, dass die Ar­beits­agen­tur ei­ne Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be ver­hängt.

Ei­ne sol­che ein­schnei­den­de Maß­nah­me ist da­her nur in Aus­nah­me­fäl­len recht­lich zu­läs­sig, näm­lich dann, wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nen "wich­ti­gen Grund" für ei­ne au­ßer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung hat (§ 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch - BGB) und wenn sein In­ter­es­se an ei­ner so­for­ti­gen Ver­trags­be­en­di­gung das Fort­set­zungs­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers über­wiegt.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung trotz lan­ger Be­schäf­ti­gungs­dau­er ab­ge­seg­net, weil der ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer ei­ne vor­sätz­li­che und si­cher­heits­ge­fähr­den­de Sach­be­schä­di­gung be­gan­gen hat­te: LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 19.12.2016, 3 Sa 356/16.

Wann sind Kündi­gun­gen we­gen Sach­beschädi­gung und Miss­ach­tung von Si­cher­heits­vor­schrif­ten rech­tens?

Ei­ne frist­lo­se Kündi­gung setzt wie erwähnt gemäß § 626 BGB vor­aus, dass die kündi­gen­de Ver­trags­par­tei (Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­neh­mer) dafür ei­nen „wich­ti­gen Grund“ hat. Zu den wich­ti­gen Gründen, die den Ar­beit­ge­ber zur frist­lo­sen Kündi­gung be­rech­ti­gen, gehört auch die Miss­ach­tung von Sorg­falts­pflich­ten und von Re­geln zur Scha­dens­ver­mei­dung durch den Ar­beit­neh­mer (vgl. da­zu Hand­buch Ar­beits­recht: Kündi­gung - Frist­lo­se Kündi­gung - Kündi­gungs­gründe).

Al­ler­dings kann der Ar­beit­ge­ber nicht je­den Ver­s­toß ge­gen ei­ne Si­cher­heits­vor­schrift mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung quit­tie­ren, denn ei­ne sol­che Re­ak­ti­on wäre un­verhält­nismäßig. Das gilt so­gar dann, wenn ei­ne Gefähr­dung der Si­cher­heit mit ei­ner vorsätz­li­chen Beschädi­gung von Sa­chen des Ar­beit­ge­bers ver­bun­den ist, denn auch dann stellt sich die Fra­ge, wie hoch der Scha­den war und ob die Sach­beschädi­gung un­ter Be­gleit­umständen be­gan­gen wur­de, die ei­ne sol­che (Straf-)Tat in mil­de­rem Licht er­schei­nen las­sen.

Al­le die­se Umstände spie­len bei der In­ter­es­sen­abwägung ei­ne Rol­le, die bei der ju­ris­ti­schen Über­prüfung ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung in je­dem Fall vor­zu­neh­men ist. Nur dann, wenn dem Ar­beit­ge­ber im Er­geb­nis die­ser Abwägung die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht länger zu­zu­mu­ten ist, und zwar noch nicht ein­mal bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist, darf er frist­los kündi­gen.

Für ei­ne si­cher­heits­gefähr­den­de Sach­beschädi­gung be­deu­tet das, dass ei­ne ge­rin­ge Si­cher­heits­ge­fahr und ein ge­rin­ger Scha­den meist nicht aus­rei­chen für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung. Der Ar­beit­ge­ber muss in die­sen Fällen in der Re­gel erst mal ei­ne Ab­mah­nung aus­spre­chen und kann nur im Wie­der­ho­lungs­fall kündi­gen.

Wie der Fall des LAG Rhein­land-Pfalz zeigt, kann aber ein wie­der­hol­ter Si­cher­heits­ver­s­toß (trotz vor­he­ri­ger Ab­mah­nung) ei­ne frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen, und zwar auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer schon lan­ge im Be­trieb beschäftigt ist und sein Fehl­ver­hal­ten von sich aus dem Ar­beit­ge­ber mit­ge­teilt hat.

Streit im Che­mie­werk: Langjährig beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ver­ur­sacht wie­der­holt Si­cher­heits­ri­si­ken im Be­trieb, zu­letzt durch vorsätz­li­che Sach­beschädi­gung

Im Streit­fall war ein 50jähj­ri­ger Che­mie­fach­ar­bei­ter nach 20jähri­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit von ei­nem großen Che­mie­un­ter­neh­men in Lud­wigs­ha­fen frist­los gekündigt wor­den.

Der Ar­beit­ge­ber be­gründe­te die Kündi­gung da­mit, dass der Ar­bei­ter in ei­nem ex­plo­si­ons­gefähr­de­ten Ar­beits­be­reich aus Frust über ei­nen ge­rin­gen Jah­res­bo­nus die Touch­screen-Schei­be ei­nes Steue­rungs­geräts zertrümmert hat­te. Da­mit ver­ur­sach­te er nicht nur ei­nen Sach­scha­den von et­wa 7.800,00 EUR, son­dern auch ei­ne Ex­plo­si­ons­ge­fahr und ei­nen re­pa­ra­tur­be­ding­ten Pro­duk­ti­ons­aus­fall, des­sen Wert der Ar­beit­ge­ber mit 80.000,00 EUR be­zif­fer­te.

Für den Ar­beit­neh­mer sprach bei der In­ter­es­sen­abwägung ne­ben sei­ner lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit, dass er drei Kin­dern zum Un­ter­halt ver­pflich­tet war und dass er sei­nen Pflicht­ver­s­toß noch in der­sel­ben Schicht sei­nem Vor­ge­setz­ten mit­ge­teilt und sich dafür ent­schul­digt hat­te.

Für den Ar­beit­ge­ber sprach da­ge­gen, dass er den Ar­beit­neh­mer et­wa ein Jahr zu­vor we­gen der Ver­let­zung von Si­cher­heits­be­stim­mun­gen ab­ge­mahnt hat­te. Da­mals hat­te der Ar­beit­neh­mer zur Be­schleu­ni­gung der Ar­beits­vorgänge ei­nen der Si­cher­heit die­nen­den Tem­pe­ra­tur­messfühler außer Kraft ge­setzt, in­dem er ihn mit Kle­be­band um­wi­ckelt hat­te.

Der Ar­beit­neh­mer er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge, die das Ar­beits­ge­richt Lud­wigs­ha­fen ab­wies. Sei­ner Mei­nung nach war die Kündi­gung rech­tens (Ur­teil vom 30.06.2016, 8 Ca 398/16). Außer­dem ver­ur­teil­te es den Ar­beit­neh­mer auf An­trag des Ar­beit­ge­bers zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz in Höhe von et­wa 7.800,00 EUR für die zerstörte Touch­screen-Schei­be.

LAG Rhein­land-Pfalz: Ei­ne vorsätz­li­che und si­cher­heits­gefähr­den­de Sach­beschädi­gung kann auch nach lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er ei­ne frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen

Auch vor dem LAG Rhein­land-Pfalz hat­te der Ar­beit­neh­mer kein Glück. Auch das LAG war der Mei­nung, dass die frist­lo­se Kündi­gung und die Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­neh­mers zum Scha­dens­er­satz in Ord­nung gin­gen.

Denn der Ar­beit­neh­mer hat­te nun ein­mal mit der Beschädi­gung des Mo­ni­tors ei­ne er­heb­li­che ar­beits­ver­trag­li­che Pflicht­ver­let­zung be­gan­gen. Hier ging es nicht nur "nur" um ei­ne vorsätz­li­che Beschädi­gung von Be­triebs­mit­teln, son­dern auch um ei­ne Si­cher­heits­gefähr­dung, die be­son­ders gra­vie­rend war, weil der der Ar­beit­neh­mer kurz zu­vor we­gen ei­ner ähn­li­chen Gefähr­dung ab­ge­mahnt wor­den war.

Bei der In­ter­es­sen­abwägung berück­sich­tig­ten die Main­zer Rich­ter zwar den so­zia­len Hin­ter­grund des Ar­beit­neh­mers (Un­ter­halts­pflich­ten, lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit), doch ga­ben hier letzt­lich die In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers den Aus­schlag. Denn auf­grund der vom Ar­beit­neh­mer ver­ur­sach­ten Gefähr­dung konn­te sich der Ar­beit­ge­ber auch dar­auf be­ru­fen, dass er mit der Kündi­gung sei­ne Schutz- und Fürsor­ge­pflicht ge­genüber an­de­ren Ar­beit­neh­mern erfüll­te.

Fa­zit: Ei­ne vorsätz­li­che Beschädi­gung von Be­triebs­mit­teln ist schon für sich al­lein ge­nom­men ei­ne so er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung, dass Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen dar­auf mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung re­agie­ren können. Das gilt erst recht, wenn zu der Sach­beschädi­gung ei­ne Si­cher­heits­gefähr­dung hin­zu­kommt und wenn der Ar­beit­neh­mer we­gen ei­ner ähn­li­chen Si­cher­heits­gefähr­dung vor kur­zem ab­ge­mahnt wor­den war.

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Letzte Überarbeitung: 5. August 2017

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