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Kün­di­gung we­gen Ehe­bruchs

Ka­tho­li­sche Kir­che kann Kir­chen­mu­si­ker we­gen of­fe­nen Ehe­bruchs in der Ge­mein­de kün­di­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 14.06.2013, 10 Sa 18/13
Nonne - Religion Wie streng sind die Re­geln. die für Kir­chen­an­ge­stell­te gel­ten?

04.12.2013. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm hat­te vor kur­zem zu ent­schei­den, ob die ka­tho­li­sche Kir­che als Ar­beit­ge­ber be­rech­tigt ist, ei­nen ver­hei­ra­te­ten Kir­chen­mu­si­ker aus ver­hal­tens­be­ding­ten Grün­den zu kün­di­gen, weil die­ser ein ehe­bre­che­ri­sches Ver­hält­nis mit ei­ner im Kir­chen­chor ak­ti­ven, eben­falls ver­hei­ra­te­ten Frau hat.

Ei­ne sol­che Kün­di­gungs­schutz­strei­tig­keit ist ein "schwie­ri­ger Fall", weil der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) vor drei Jah­ren in ei­nem ähn­li­chen Fall ei­nem ge­kün­dig­ten Kir­chen­mu­si­ker Recht ge­ge­ben hat. Hier lag laut EGMR ei­ne Ver­let­zung von Art.8 der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK) vor, d.h. des Rechts auf Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens (EGMR, Ur­teil vom 23.09.2010, Be­schwer­de Nr. 1620/03 - Schüth).

Al­ler­dings hat­te der da­mals be­trof­fe­ne Kir­chen­mu­si­ker vor dem EGMR "nur" des­halb Er­folg, weil der Ge­richts­hof mein­te, die deut­schen Ge­rich­te hät­ten sei­ne Be­lan­ge nicht aus­rei­chend in ei­ner Ge­samt­ab­wä­gung be­rück­sich­tigt. Ein all­ge­mei­nes "Recht auf Ehe­bruch" kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer hat der Ge­richts­hof kei­nes­wegs auf­ge­stellt.

Seit dem Schüth-Ur­teil ist die Zu­läs­sig­keit von Kün­di­gun­gen mit ei­nem sol­chen Hin­ter­grund da­her schwer zu be­ur­tei­len. Ent­spre­chend um­fang­reich ist die Ur­teils­be­grün­dung des LAG aus­ge­fal­len: LAG Hamm, Ur­teil vom 14.06.2013, 10 Sa 18/13.

Kann die ka­tho­li­schen Kir­che ei­nem Or­ga­nis­ten und Chor­lei­ter we­gen ei­ner außer­ehe­li­chen ge­schlecht­li­chen Be­zie­hung kündi­gen?

Wer bei der Kir­che oder ei­ner kirch­li­chen So­zi­al­ein­rich­tung als Ar­beit­neh­mer beschäftigt ist, kann sich auf den Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG be­ru­fen, denn er ist Ar­beit­neh­mer. Aber kein gewöhn­li­cher, denn mit sei­ner Un­ter­schrift un­ter den Ar­beits­ver­trag hat er erklärt, die kirch­li­chen Rechts­re­geln zu be­ach­ten.

Im Be­reich der ka­tho­li­schen Kir­che gehört zu die­sen Re­geln die "Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes" (Grund­ord­nung), und die schreibt den Beschäftig­ten in Art.4 Abs.1 vor, die Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re an­zu­er­ken­nen und zu be­ach­ten.

Kon­kret heißt das gemäß Art.5 Abs.2 Zwei­ter Spie­gel­strich der Grund­ord­nung, dass der "Ab­schluß ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe" als schwer­wie­gen­der Pflicht­ver­s­toß im All­ge­mei­nen ei­ne Kündi­gung recht­fer­tigt.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob auch ein Ehe­bruch un­ter die­se Vor­schrift fällt, denn da­mit wird ja kei­ne "ungülti­ge Ehe" be­gründet.

Ge­gen ei­ne Ein­be­zie­hung des Ehe­bruchs un­ter die­se Vor­schrift spricht, dass das ka­tho­li­sche Kir­chen­ge­setz, der "co­dex iuris ca­no­ni­ci (cic)", den Ehe­bruch im Jah­re 1983 als straf­be­wehr­tes Ver­ge­hen ("cri­men") ab­ge­schafft hat.

Dafür spricht al­ler­dings, dass die Ehe wei­ter­hin nach kirch­li­chem Verständ­nis als Sa­kra­ment hei­lig ist und vom Men­schen nicht auf­gelöst wer­den kann (ab­ge­se­hen vom Aus­nah­me­fall ei­ner kirch­li­chen "An­nul­lie­rung" ei­ner Ehe). Außer­dem ist der Ehe­bruch ein Ver­s­toß ge­gen das Sechs­te Ge­bot.

Ab­ge­se­hen von der Fra­ge, wie Art.5 Abs.2 Zwei­ter Spie­gel­strich der Grund­ord­nung zu ver­ste­hen bzw. aus­zu­le­gen ist, fragt sich auf­grund des o.g. Schüth-Ur­teils des EGMR, ob ei­ne Kündi­gung als Re­ak­ti­on auf den Ehe­bruch ei­nes an­ge­stell­ten Kir­chen­mu­si­kers nicht ge­ne­rell ei­ne zu har­te Re­ak­ti­on ist, weil sie sein Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens (Art.8 EM­RK) nicht aus­rei­chend be­ach­tet.

Der Streit­fall: Ka­tho­li­sche Kir­chen­ge­mein­de kündigt ei­nen Kan­tor, Or­ga­nis­ten und Chor­lei­ter we­gen ehe­bre­che­ri­scher Lie­bes­be­zie­hung

Im Streit­fall ging es um ei­nen 1964 ge­bo­re­nen Kan­tor, Or­ga­nis­ten und Chor­lei­ter ei­ner ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de, die mehr als zehn Ar­beit­neh­mer beschäftig­te. Dort war er seit 2001 beschäftigt, so dass er Kündi­gungs­schutz in An­spruch neh­men konn­te. Er war stan­des­amt­lich und kirch­lich ver­hei­ra­tet, Va­ter zwei­er er­wach­se­ner Kin­der und leb­te von sei­ner Ehe­frau ge­trennt.

Im Sep­tem­ber 2011 gab es Ärger, denn ein Ge­mein­de­mit­glied be­schwer­te sich im Ge­mein­debüro darüber, dass der Mu­si­ker sei­ne Ehe zerstört ha­be, in­dem er ein Lie­bes­verhält­nis mit sei­ner Frau un­ter­hal­te. Kurz dar­auf zog die Frau aus dem ge­mein­sa­men Haus aus.

Der Mu­si­ker wur­de da­zu be­fragt und leug­ne­te zunächst, die Woh­nung sei­ner Ge­lieb­ten zu ken­nen, doch gab es hand­fes­te Be­wei­se dafür, dass er dort re­gelmäßig über­nach­te­te. Später hüll­te er sich zu den Ein­zel­hei­ten sei­ner Be­zie­hung in Schwei­gen.

Die Kir­che hörte ihn zu den Vorwürfen an, denn er war mehr­fach händ­chen­hal­tend mit sei­ner Ge­lieb­ten ge­se­hen wor­den. Dar­auf­hin erklärte er, dass er zwar ein Lie­bes­verhält­nis mit ihr ha­be, al­ler­dings nichts „Ver­bo­te­nes" tue.

Be­son­ders ärger­lich für die Kir­che: Die Ge­lieb­te des Mu­si­kers sang in dem Kir­chen­chor, den der Mu­si­ker lei­te­te, und er gab ihr auch in der Kir­che Or­gel­un­ter­richt.

Sch­ließlich kündig­te die Kir­che das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich und frist­los, hilfs­wei­se or­dent­lich aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen. Die­se Kündi­gun­gen stütz­te sie auf den Vor­wurf des Ehe­bruchs, hilfs­wei­se auf den dem­ent­spre­chen­den Tat­ver­dacht, d.h. sie sprach auch ent­spre­chen­de Ver­dachtskündi­gun­gen aus.

Der Mu­si­ker er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit in der ers­ten In­stanz Er­folg (Ar­beits­ge­richt Bo­cholt, Ur­teil vom 05.10.2012, 2 Ca 786/12).

LAG Hamm: Ein Kir­chen­mu­si­ker, der in der Ge­mein­de ei­ne ehe­bre­che­ri­sche Be­zie­hung pflegt und da­zu wahr­heits­wid­ri­ge Erklärun­gen ab­gibt, kann ver­hal­tens­be­dingt gekündigt wer­den

Das LAG hielt die frist­lo­se Kündi­gung zwar für rechts­wid­rig, mein­te aber, dass die or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung rech­tens war.

Ob der Ehe­bruch un­ter Art.5 Abs.2 Zwei­ter Spie­gel­strich der Grund­ord­nung fällt (was der Mu­si­ker be­strit­ten hat­te), ließ das LAG of­fen. Wohl auch zu­recht, denn Art.5 Abs.2 zählt die schwer­wie­gen­den, d.h. ei­ne Kündi­gung recht­fer­ti­gen­den Ver­feh­lun­gen nur bei­spiel­haft auf.

Statt auf den zwei­ten Spie­gel­strich stütz­te das Ge­richt die Kündi­gung auf Art.5 Abs.2 Ers­ter Spie­gel­strich der Grund­ord­nung. Da­nach kann ei­ne Kündi­gung bei ei­ner "schwer­wie­gen­den persönli­chen sitt­li­chen Ver­feh­lung" aus­ge­spro­chen wer­den. Und der Ehe­bruch, so das LAG, ist nach wie vor ei­ne sol­che Ver­feh­lung im Sin­ne der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re.

Die Be­rech­ti­gung der Kir­che, ih­re Ar­beit­neh­mer ver­trag­lich zur Ein­hal­tung kirch­li­cher bzw. re­li­giöser Mo­ral­re­geln zu ver­pflich­te­ten, lei­tet das Ge­richt un­ter Be­ru­fung auf die ein­schlägi­ge Recht­spre­chung aus dem Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen her, das durch Art.140 Grund­ge­setz (GG) in Verb. mit Art.137 Abs.3 Wei­ma­rer Rechts­ver­fas­sung (WRV) und auch auf­grund der Re­li­gi­ons­frei­heit (Art. 4 GG) geschützt ist.

Und dass der Kläger ei­nen fort­ge­setz­ten Ehe­bruch be­gan­gen hat­te, stand zur Über­zeu­gung des Ge­richts fest, da der Kläger zu den vie­len von der Kir­che vor­ge­tra­ge­nen De­tails der Affäre vor Ge­richt ge­schwie­gen hat­te.

Da­mit lag ein er­heb­li­cher Pflicht­ver­s­toß vor, der die Kir­che im All­ge­mei­nen zur Kündi­gung be­rech­ti­gen würde, so dass sich die Fra­ge stell­te, die Kündi­gung auch verhält­nismäßig war. Bei der hier er­for­der­li­chen Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen gab sich das Ge­richt mit Blick auf die o.g. Schüth-Ent­schei­dung des EGMR be­son­ders viel Mühe.

Letzt­lich be­wer­te­te das LAG das In­ter­es­se des Kir­che an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus fol­gen­den Gründen als wich­ti­ger im Ver­gleich zu dem Fort­set­zungs­in­ter­es­se des Klägers und sei­ner durch Art.8 EM­RK geschütz­ten Pri­vat­sphäre:

  • Der Kläger hat­te sich von den Glau­bens­grundsätzen der ka­tho­li­schen Kir­che ab­ge­wandt, in­dem er mehr­fach be­haup­te­te, "nichts Ver­bo­te­nes" zu tun.
  • Der Ar­beit­ge­ber war kei­ne "ent­fernt kirch­li­che Ein­rich­tung" wie z.B. ein Kin­der­gar­ten oder ein Kran­ken­haus, son­dern ei­ne Kir­chen­ge­mein­de.
  • Der Kläger war als Kir­chen­mu­si­ker im "verkündi­gungs­na­hen" Be­reich tätig, denn man kann als Laie der Verkündi­gung "schwer­lich näher kom­men (...) als ein Mit­ar­bei­ter im lit­ur­gi­schen Dienst", so das LAG.
  • Der Ehe­bruch spiel­te sich nicht al­lein in der Pri­vat­sphäre des Klägers ab, son­dern hat­te ei­ne be­son­de­re Nähe zum Ar­beits­verhält­nis. Denn die Ge­lieb­te des Mu­si­kers war Mit­glied des von die­sem ge­lei­te­ten Kir­chen­chors und nahm bei ihm Un­ter­richt an den Or­geln der Kir­che. Zu al­lem Über­fluss war auch die Ehe­frau des Klägers Mit­glied des Kir­chen­chors.
  • Sch­ließlich hat­te der Kläger nicht nur zu sei­ner ehe­bre­che­ri­schen Be­zie­hung ge­schwie­gen, son­dern sei­nem Ar­beit­ge­ber ge­genüber zunächst wahr­heits­wid­ri­ge An­ga­ben ge­macht, d.h. er hat­te sei­ne Vor­ge­setz­ten be­lo­gen. Da­durch hat­te er das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen ihm und sei­nem Ar­beit­ge­ber zusätz­lich schwer be­las­tet.

Fa­zit: Der Mu­si­ker ist in dem hier vom LAG Hamm ent­schie­de­nen Streit­fall be­wusst auf Kon­fron­ta­ti­on ge­gan­gen, d.h. er hat­te von vorn­her­ein das Recht auf Ach­tung der Pri­vat­sphäre (Art.8 EM­RK) und das Schüth-Ur­teil des EGMR aus­ge­reizt. Ob er da­mit zu weit ge­gan­gen ist oder nicht, wird der wei­te­re Ver­lauf des Ver­fah­rens zei­gen, denn das LAG hat die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu­ge­las­sen, und der Kläger hat von die­sem Rechts­mit­tel mitt­ler­wei­le Ge­brauch ge­macht.

Wie das BAG ent­schei­den wird, ist of­fen, aber es spricht ei­ni­ges dafür, dass die Kir­che auch vor dem BAG Recht be­hal­ten wird. Mögli­cher­wei­se wird die­ser Fall dann er­neut zum EGMR ge­hen.

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Letzte Überarbeitung: 20. September 2016

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