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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/049

BAG setzt Chef­arzt-Ur­teil des EuGH um

Ka­tho­li­sche Ar­beit­ge­ber dür­fen von ka­tho­li­schen Füh­rungs­kräf­ten kein sit­ten­stren­ge­res Pri­vat­le­ben ver­lan­gen als von nicht-ka­tho­li­schen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.02.2019, 2 AZR 746/14
Kirche, Christentum, Kirchenarbeitsrecht, Mann läuft auf leuchtendes Kreuz zu

22.02.2019. Im Sep­tem­ber 2018 ent­schied der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) über den be­kann­ten Fall ei­nes ka­tho­li­schen Chef­arz­tes, Prof. Ro­mu­ald A., der von sei­nem (eben­falls ka­tho­li­schen) Ar­beit­ge­ber we­gen ei­ner kir­chen­recht­lich un­zu­läs­si­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung ge­kün­digt wor­den war (EuGH, Ur­teil vom 09.11.2018, C-68/17, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/224 EuGH ent­schei­det im Düs­sel­dor­fer Chef­arzt-Fall ge­gen die Ca­ri­tas).

Die Kern­aus­sa­ge des EuGH-Ur­teils lau­te­te:

Die von ei­nem ka­tho­li­schen Kran­ken­haus ge­stell­te Er­war­tung, ein ka­tho­li­scher Chef­arzt müs­se in sei­nem Pri­vat­le­ben das ka­tho­li­sche Ehe­ver­ständ­nis der Un­auf­lös­lich­keit der Ehe be­fol­gen, ent­spricht nicht den Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen kirch­li­che Ar­beit­ge­ber aus­nahms­wei­se re­li­giö­se An­for­de­run­gen an das Pri­vat­le­ben ih­rer Ar­beit­neh­mer stel­len kön­nen, wenn das Kran­ken­haus auch nicht-ka­tho­li­sche Chef­ärz­te be­schäf­tigt, de­nen es ein sol­ches strikt-ka­tho­li­sches Pri­vat­le­ben nicht ab­ver­langt (EuGH, Ur­teil vom 11.09.2018, C-68/17, Rn.58 bis 61).

An­ders ge­sagt: Es ist ei­ne un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der (ka­tho­li­schen) Re­li­gi­on, wenn ein ka­tho­li­scher Ar­beit­ge­ber ka­tho­li­schen Füh­rungs­kräf­ten ei­ne stren­ge­re Be­fol­gung der ka­tho­li­schen Rechts- und Sit­ten­vor­schrif­ten in ih­rem Pri­vat­le­ben ab­ver­langt als ver­gleich­ba­ren nicht-ka­tho­li­schen Füh­rungs­kräf­ten.

Im Er­geb­nis mach­te der Ge­richts­hof im Sep­tem­ber 2018 kein Ge­heim­nis aus sei­ner Be­ur­tei­lung des Streit­falls, der zu­fol­ge das zur Ca­ri­tas ge­hö­ren­de Düs­sel­dor­fer St. Vin­zenz-Kran­ken­haus sei­nem Chef­arzt für In­ne­re Me­di­zin Prof. Ro­mu­ald A. zu Un­recht ge­kün­digt hat­te.

Nach An­sicht des EuGH konn­te sich das Kran­ken­haus hier nicht auf Art.4 Abs.2 Un­ter­ab­satz 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG be­ru­fen, d.h. dar­auf, dass die Be­ach­tung des ka­tho­li­schen Ehe­ver­ständ­nis­ses durch den Chef­arzt ei­nes ka­tho­li­schen Kran­ken­hau­ses ei­ne "we­sent­li­che, recht­mä­ßi­ge und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on" sein soll.

Das letz­te Wort in dem deut­schen Kün­di­gungs-Fall muss­te der EuGH al­ler­dings dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über­las­sen, das dem EuGH den Fall im Som­mer 2016 zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt hat­te (BAG, Be­schluss vom 28.07.2016, 2 AZR 746/14 (A), wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/249 Kün­di­gung we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung als Dis­kri­mi­nie­rung).

Ent­spre­chend den Vor­ga­ben des EuGH kam das BAG, wie nicht an­ders zu er­war­ten war, vor­ges­tern zu dem Schluss, dass die Kün­di­gung des Chef­arz­tes nicht ge­recht­fer­tigt war, und wies da­her die Re­vi­si­on des Kran­ken­hau­ses ge­gen das (zu­guns­ten des Chef­arz­tes er­gan­ge­ne) Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düs­sel­dorf vom 01.07.2010 (5 Sa 996/09) zu­rück (BAG, Ur­teil vom 20.02.2019, 2 AZR 746/14 - Pres­se­mel­dung).

Mit die­sem Ur­teil zieht das BAG ei­nen Schluss­strich un­ter ei­nen fast zehn­jäh­ri­gen Rechts­streit. Sein ers­tes Ur­teil in die­ser An­ge­le­gen­heit aus dem Jahr 2011 (BAG, Ur­teil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/177 Kün­di­gung ei­nes Chef­arz­tes we­gen Wie­der­ver­hei­ra­tung?) hat­te näm­lich kei­nen Be­stand, da es vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) auf Be­trei­ben des Kran­ken­hau­ses auf­ge­ho­ben wor­den war (BVerfG, Be­schluss vom 22.10.2014, 2 BvR 661/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/388 Kün­di­gung durch kirch­li­che Ar­beit­ge­ber aus sitt­lich-mo­ra­li­schen Grün­den). Da­mit al­ler­dings woll­te sich das BAG nicht ab­fin­den und leg­te den Fall im Som­mer 2016 wie er­wähnt dem EuGH vor.

Auf der Grund­la­ge des EuGH-Ur­teils vom 09.11.2018 (C-68/17) stellt das BAG nun­mehr in sei­nem Ur­teil vom 20.02.2019 (Pres­se­mel­dung) klar, dass die strei­ti­ge Kün­di­gung ge­gen das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ver­stößt und da­her un­wirk­sam ist. Denn das Kran­ken­haus konn­te sich zur Recht­fer­ti­gung der Kün­di­gung we­der auf Grün­de im Ver­hal­ten des Chef­arz­tes noch auf Grün­de in sei­ner Per­son Per­son be­ru­fen, d.h. die Kün­di­gung war we­der als ver­hal­tens­be­ding­te noch als per­so­nen­be­ding­te Kün­di­gung ge­recht­fer­tigt.

Ins­be­son­de­re ver­letz­te der Chef­arzt mit sei­ner Wie­der­ver­hei­ra­tung we­der ei­ne ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Loya­li­täts­pflicht noch ei­ne be­rech­tig­te Loya­li­täts­er­war­tung des Kran­ken­hau­ses, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Die Ar­beits­ver­trags­klau­sel, mit der auf die (heu­te nicht mehr gel­ten­de) Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­ver­hält­nis­se (vom 22.09.1993) ver­wie­sen wird, ist näm­lich laut BAG ge­mäß § 7 Abs.2 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) in­so­weit un­wirk­sam, als da­durch das Le­ben in kirch­lich un­gül­ti­ger Ehe als Kün­di­gungs­grund bzw. als "schwer­wie­gen­der Loya­li­täts­ver­stoß" be­wer­tet wird.

Denn die Ver­pflich­tung auf ein Le­ben im Ein­klang mit dem ka­tho­li­schen Ehe­ver­ständ­nis be­nach­tei­ligt den Chef­arzt ge­gen­über nicht-ka­tho­li­schen Chef­arzt-Kol­le­gen, und zwar we­gen sei­ner Zu­ge­hö­rig­keit zur ka­tho­li­schen Re­li­gi­on, d.h. hier liegt ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen der Re­li­gi­on im Sin­ne von § 1 AGG vor.

Die­se re­li­gi­ons­be­ding­te Be­nach­tei­li­gung ist nicht ge­recht­fer­tigt, denn der ein­zi­ge denk­ba­re Recht­fer­ti­gungs­grund (§ 9 Abs.2 AGG) liegt hier nicht vor. Die­se Vor­schrift, der zu­fol­ge kirch­li­che Ar­beit­ge­ber "von ih­ren Be­schäf­tig­ten ein loya­les und auf­rich­ti­ges Ver­hal­ten im Sin­ne ih­res je­wei­li­gen Selbst­ver­ständ­nis­ses ver­lan­gen zu kön­nen", kann nicht in ei­nem so weit­ge­hen­den (ar­beit­ge­ber­freund­li­chen) Sin­ne aus­ge­legt wer­den, dass die Kün­di­gung im Streit­fall rech­tens wä­re. Das er­gibt sich aus dem EuGH-Ur­teil vom 09.11.2018 (C-68/17) bzw.

"aus ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung von § 9 Abs.2 AGG, je­den­falls aber aus dem An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts. Die Loya­li­täts­pflicht, kei­ne nach dem Glau­bens­ver­ständ­nis und der Rechts­ord­nung der ka­tho­li­schen Kir­che un­gül­ti­ge Ehe zu schlie­ßen, war im Hin­blick auf die Art der Tä­tig­kei­ten des Klä­gers und die Um­stän­de ih­rer Aus­übung kei­ne we­sent­li­che, recht­mä­ßi­ge und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung." (BAG-Pres­se­mel­dung)

Fa­zit: Kirch­li­che Ein­rich­tun­gen kön­nen heut­zu­ta­ge nicht mehr sämt­li­che Füh­rungs­po­si­tio­nen wie z.B. die ei­nes Chef­arz­tes mit Per­so­nen be­set­zen, die sich zu dem Glau­ben be­ken­nen, den auch die Ein­rich­tung ver­tritt. Dem­zu­fol­ge sind vie­le Füh­rungs­eta­gen "kirch­li­cher" Ar­beit­ge­ber welt­an­schau­lich bunt ge­mischt, so z.B. im Düs­sel­dor­fer St. Vin­zenz-Kran­ken­haus. In der ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quenz heißt das: Das Pri­vat­le­ben der Füh­rungs­kräf­te, die die zu der kirch­li­chen Ein­rich­tung "pas­sen­de" Kon­fes­si­on ha­ben, geht den Ar­beit­ge­ber eben­so viel und eben­so we­nig an wie das Pri­vat­le­ben der üb­ri­gen Füh­rungs­kräf­te.

Dem trägt mitt­ler­wei­le auch die 2015 re­for­mier­te Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­ver­hält­nis­se (vom 27.04.2015) Rech­nung. Ihr zu­fol­ge ist die kir­chen­recht­lich un­zu­läs­si­ge Ehe ei­nes Kir­chen-Mit­ar­bei­ters nur noch dann ein Kün­di­gungs­grund, wenn sie "ob­jek­tiv ge­eig­net ist, ein er­heb­li­ches Är­ger­nis in der Dienst­ge­mein­schaft oder im be­ruf­li­chen Wir­kungs­kreis zu er­re­gen und die Glaub­wür­dig­keit der Kir­che zu be­ein­träch­ti­gen" (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/141 Re­form der Grund­ord­nung für den kirch­li­chen Dienst). Auf die­ser Grund­la­ge wä­re die Kün­di­gung des Düs­sel­dor­fer Chef­arz­tes heu­te be­reits kir­chen­recht­lich aus­ge­schlos­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 28. Februar 2019

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