HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 11.09.2018, C-68/17

   
Schlagworte: Kirchenarbeitsrecht, Chefarzt, AVR, Kündigung: Kirche, Diskriminierung: Religion
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-68/17
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 11.09.2018
   
Leitsätze:
Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

11. Sep­tem­ber 2018(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Richt­li­nie 2000/78/EG - Gleich­be­hand­lung - Be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb von Kir­chen und an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht - Be­ruf­li­che An­for­de­run­gen - Loya­les und auf­rich­ti­ges Ver­hal­ten im Sin­ne des Ethos der Kir­che oder der Or­ga­ni­sa­ti­on - Be­griff - Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung - Kündi­gung ge­genüber ei­nem Ar­beit­neh­mer ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on in lei­ten­der Stel­lung we­gen ei­ner zwei­ten stan­des­amt­li­chen Hei­rat nach ei­ner Schei­dung“

In der Rechts­sa­che C-68/17

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 28. Ju­li 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 9. Fe­bru­ar 2017, in dem Ver­fah­ren

IR

ge­gen

JQ

erlässt

 

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Vi­ze­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta, der Kam­mer­präsi­den­ten T. von Dan­witz, J. L. da Cruz Vi­laça, A. Ro­sas und J. Ma­le­n­ovský, der Rich­ter E. Juhász, M. Saf­jan und D. Šváby, der Rich­te­rin A. Prechal, des Rich­ters F. Bilt­gen (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin K. Jürimäe so­wie der Rich­ter M. Vil­a­ras und E. Re­gan,

Ge­ne­ral­an­walt: M. Wa­the­let,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 27. Fe­bru­ar 2018,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- von IR, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt B. Göpfert so­wie durch M. Ruf­fert und G. Thüsing,

- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze, J. Möller und D. Klebs als Be­vollmäch­tig­te,

- der pol­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch B. Ma­jc­zy­na, A. Si­wek und M. Sz­warc als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch D. Mar­tin und B.-R. Kill­mann als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 31. Mai 2018

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. 2000, L 303, S. 16).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen JQ und sei­nem Ar­beit­ge­ber IR über die Rechtmäßig­keit der ge­genüber JQ aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung, die mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen die Pflicht zu loya­lem und auf­rich­ti­gem Ver­hal­ten im Sin­ne des Ethos von IR be­gründet wird.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Die Erwägungs­gründe 4, 23, 24 und 29 der Richt­li­nie 2000/78 lau­ten:

„(4) Die Gleich­heit al­ler Men­schen vor dem Ge­setz und der Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung ist ein all­ge­mei­nes Men­schen­recht; die­ses Recht wur­de in der All­ge­mei­nen Erklärung der Men­schen­rech­te, im VN-Übe­r­ein­kom­men zur Be­sei­ti­gung al­ler For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über bürger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über wirt­schaft­li­che, so­zia­le und kul­tu­rel­le Rech­te so­wie in der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten an­er­kannt, die von al­len Mit­glied­staa­ten un­ter­zeich­net wur­den. Das Übe­r­ein­kom­men 111 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­sagt Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäfti­gung und Be­ruf.

(23) Un­ter sehr be­grenz­ten Be­din­gun­gen kann ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ge­recht­fer­tigt sein, wenn ein Merk­mal, das mit der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, dem Al­ter oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung zu­sam­menhängt, ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt. Die­se Be­din­gun­gen soll­ten in die In­for­ma­tio­nen auf­ge­nom­men wer­den, die die Mit­glied­staa­ten der Kom­mis­si­on über­mit­teln.

(24) Die Eu­ropäische Uni­on hat in ih­rer der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Ams­ter­dam bei­gefügten Erklärung Nr. 11 zum Sta­tus der Kir­chen und welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten aus­drück­lich an­er­kannt, dass sie den Sta­tus, den Kir­chen und re­li­giöse Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten in den Mit­glied­staa­ten nach de­ren Rechts­vor­schrif­ten ge­nießen, ach­tet und ihn nicht be­ein­träch­tigt und dass dies in glei­cher Wei­se für den Sta­tus von welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten gilt. Die Mit­glied­staa­ten können in die­ser Hin­sicht spe­zi­fi­sche Be­stim­mun­gen über die we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen bei­be­hal­ten oder vor­se­hen, die Vor­aus­set­zung für die Ausübung ei­ner dies­bezügli­chen be­ruf­li­chen Tätig­keit sein können.

(29) Op­fer von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung soll­ten über ei­nen an­ge­mes­se­nen Rechts­schutz verfügen. Um ei­nen ef­fek­ti­ve­ren Schutz zu gewähr­leis­ten, soll­te auch die Möglich­keit be­ste­hen, dass sich Verbände oder an­de­re ju­ris­ti­sche Per­so­nen un­be­scha­det der na­tio­na­len Ver­fah­rens­ord­nung bezüglich der Ver­tre­tung und Ver­tei­di­gung vor Ge­richt bei ei­nem ent­spre­chen­den Be­schluss der Mit­glied­staa­ten im Na­men ei­nes Op­fers oder zu sei­ner Un­terstützung an ei­nem Ver­fah­ren be­tei­li­gen.“

4 Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78 be­stimmt:

„Zweck die­ser Richt­li­nie ist die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.“

5 Art. 2 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.

(2) Im Sin­ne des Ab­sat­zes 1

a) liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde;

…“

6 Art. 4 der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„(1) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Absätze 1 und 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ei­nes Merk­mals, das im Zu­sam­men­hang mit ei­nem der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­gründe steht, kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn das be­tref­fen­de Merk­mal auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.

 

(2) Die Mit­glied­staa­ten können in Be­zug auf be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb von Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, Be­stim­mun­gen in ih­ren zum Zeit­punkt der An­nah­me die­ser Richt­li­nie gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten bei­be­hal­ten oder in künf­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten Be­stim­mun­gen vor­se­hen, die zum Zeit­punkt der An­nah­me die­ser Richt­li­nie be­ste­hen­de ein­zel­staat­li­che Ge­pflo­gen­hei­ten wi­der­spie­geln und wo­nach ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ei­ner Per­son kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung die­ser Per­son nach der Art die­ser Tätig­kei­ten oder der Umstände ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt. Ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung muss die ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und Grundsätze der Mit­glied­staa­ten so­wie die all­ge­mei­nen Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts be­ach­ten und recht­fer­tigt kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung aus ei­nem an­de­ren Grund.

So­fern die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie im Übri­gen ein­ge­hal­ten wer­den, können die Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, im Ein­klang mit den ein­zel­staat­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und Rechts­vor­schrif­ten von den für sie ar­bei­ten­den Per­so­nen ver­lan­gen, dass sie sich loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on ver­hal­ten.“

7 Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:

„Die Mit­glied­staa­ten stel­len si­cher, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie auf dem Ge­richts- und/oder Ver­wal­tungs­weg so­wie, wenn die Mit­glied­staa­ten es für an­ge­zeigt hal­ten, in Sch­lich­tungs­ver­fah­ren gel­tend ma­chen können, selbst wenn das Verhält­nis, während des­sen die Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­kom­men sein soll, be­reits be­en­det ist.“

8 Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 be­stimmt:

„Die Mit­glied­staa­ten er­grei­fen im Ein­klang mit ih­rem na­tio­na­len Ge­richts­we­sen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um zu gewähr­leis­ten, dass im­mer dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für ver­letzt hal­ten und bei ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.“

Deut­sches Recht

Grund­ge­setz

9 Art. 4 Abs. 1 und 2 des Grund­ge­set­zes für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 23. Mai 1949 (BGBl. 1949 I S. 1, im Fol­gen­den: GG) be­stimmt:

„(1) Die Frei­heit des Glau­bens, des Ge­wis­sens und die Frei­heit des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses sind un­ver­letz­lich.

(2) Die un­gestörte Re­li­gi­ons­ausübung wird gewähr­leis­tet.“

10 Gemäß Art. 140 GG sind die Be­stim­mun­gen der Art. 136 bis 139 und 141 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 (im Fol­gen­den: WRV) Be­stand­teil des GG.
11 Art. 137 WRV sieht vor:

„(1) Es be­steht kei­ne Staats­kir­che.

(2) Die Frei­heit der Ver­ei­ni­gung zu Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wird gewähr­leis­tet. Der Zu­sam­men­schluss von Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten in­ner­halb des Reichs­ge­biets un­ter­liegt kei­nen Be­schränkun­gen.

(3) Je­de Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft ord­net und ver­wal­tet ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes. Sie ver­leiht ih­re Ämter oh­ne Mit­wir­kung des Staa­tes oder der bürger­li­chen Ge­mein­de.

(7) Den Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wer­den die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen.“

12 Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Deutsch­land) sind Träger des durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV ga­ran­tier­ten kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts nicht nur die Kir­chen selbst als Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, son­dern auch al­le ih­nen in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen, wenn und so­weit sie nach dem glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis der Kir­chen ih­rem Zweck oder ih­rer Auf­ga­be ent­spre­chend be­ru­fen sind, Auf­trag und Sen­dung der Kir­chen wahr­zu­neh­men und zu erfüllen.

Kündi­gungs­schutz­ge­setz

13 Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz vom 25. Au­gust 1969 (BGBl. 1969 I S. 1317) sieht in sei­ner auf den Aus­gangs­rechts­streit an­wend­ba­ren Fas­sung in § 1 vor:

„So­zi­al un­ge­recht­fer­tig­te Kündi­gun­gen

(1) Die Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­genüber ei­nem Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beits­verhält­nis in dem­sel­ben Be­trieb oder Un­ter­neh­men oh­ne Un­ter­bre­chung länger als sechs Mo­na­te be­stan­den hat, ist rechts­un­wirk­sam, wenn sie so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist.

(2) So­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist die Kündi­gung, wenn sie nicht durch Gründe, die in der Per­son oder in dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen, oder durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers in die­sem Be­trieb ent­ge­gen­ste­hen, be­dingt ist. …“

All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz

14 Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. 2006 I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG) soll die Richt­li­nie 2000/78 in deut­sches Recht um­set­zen.
15 § 1 AGG, in dem das Ziel die­ses Ge­set­zes be­stimmt wird, lau­tet:

„Ziel des Ge­set­zes ist, Be­nach­tei­li­gun­gen aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität zu ver­hin­dern oder zu be­sei­ti­gen.“

16 § 7 Abs. 1 AGG be­stimmt:

„(1) Beschäftig­te dürfen nicht we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des be­nach­tei­ligt wer­den; dies gilt auch, wenn die Per­son, die die Be­nach­tei­li­gung be­geht, das Vor­lie­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des bei der Be­nach­tei­li­gung nur an­nimmt.“

17 § 9 AGG lau­tet:

„(1) Un­ge­ach­tet des § 8 ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung bei der Beschäfti­gung durch Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form oder durch Ver­ei­ni­gun­gen, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen, auch zulässig, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung un­ter Be­ach­tung des Selbst­verständ­nis­ses der je­wei­li­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft oder Ver­ei­ni­gung im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt.

(2) Das Ver­bot un­ter­schied­li­cher Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung berührt nicht das Recht der in Ab­satz 1 ge­nann­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, der ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form oder der Ver­ei­ni­gun­gen, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen, von ih­ren Beschäftig­ten ein loya­les und auf­rich­ti­ges Ver­hal­ten im Sin­ne ih­res je­wei­li­gen Selbst­verständ­nis­ses ver­lan­gen zu können.“

Ka­no­ni­sches Recht

18 In Ca­non 1085 des Co­dex Iu­ris Ca­no­ni­ci (Ge­setz­buch des Kir­chen­rechts) heißt es:

„§ 1 Ungültig schließt ei­ne Ehe, wer durch das Band ei­ner frühe­ren Ehe ge­bun­den ist, auch wenn die­se nicht voll­zo­gen wor­den ist.

§ 2 Mag auch ei­ne frühe­re Ehe aus ir­gend­ei­nem Grund nich­tig oder auf­gelöst wor­den sein, so ist des­halb ei­ne neue Ehe­sch­ließung noch nicht er­laubt, be­vor die Nich­tig­keit bzw. die Auflösung der frühe­ren Ehe rechtmäßig und si­cher fest­steht.“

19 Die Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se vom 22. Sep­tem­ber 1993 (Amts­blatt des Erz­bis­tums Köln 1993, S. 222, im Fol­gen­den: GrO 1993) sieht in Art. 1 vor:

„Grund­prin­zi­pi­en des kirch­li­chen Diens­tes

Al­le in ei­ner Ein­rich­tung der ka­tho­li­schen Kir­che Täti­gen tra­gen durch ih­re Ar­beit oh­ne Rück­sicht auf die ar­beits­recht­li­che Stel­lung ge­mein­sam da­zu bei, dass die Ein­rich­tung ih­ren Teil am Sen­dungs­auf­trag der Kir­che erfüllen kann (Dienst­ge­mein­schaft). …“

20 In Art. 4 („Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten“) GrO 1993 heißt es:

„(1) Von den ka­tho­li­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern wird er­war­tet, dass sie die Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re an­er­ken­nen und be­ach­ten. Ins­be­son­de­re im pas­to­ra­len, ka­te­che­ti­schen und er­zie­he­ri­schen Dienst so­wie bei Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern, die auf­grund ei­ner Mis­sio ca­no­ni­ca tätig sind, ist das persönli­che Le­bens­zeug­nis im Sin­ne der Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re er­for­der­lich. Dies gilt auch für lei­ten­de Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter.

(2) Von nicht ka­tho­li­schen christ­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern wird er­war­tet, dass sie die Wahr­hei­ten und Wer­te des Evan­ge­li­ums ach­ten und da­zu bei­tra­gen, sie in der Ein­rich­tung zur Gel­tung zu brin­gen.

(4) Al­le Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter ha­ben kir­chen­feind­li­ches Ver­hal­ten zu un­ter­las­sen. Sie dürfen in ih­rer persönli­chen Le­bensführung und in ih­rem dienst­li­chen Ver­hal­ten die Glaubwürdig­keit der Kir­che und der Ein­rich­tung, in der sie beschäftigt sind, nicht gefähr­den.“

21 Art. 5 („Verstöße ge­gen Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten“) GrO 1993 be­stimmt:

„(1) Erfüllt ei­ne Mit­ar­bei­te­rin oder ein Mit­ar­bei­ter die Beschäfti­gungs­an­for­de­run­gen nicht mehr, so muss der Dienst­ge­ber durch Be­ra­tung ver­su­chen, dass die Mit­ar­bei­te­rin oder der Mit­ar­bei­ter die­sen Man­gel auf Dau­er be­sei­tigt. … Als letz­te Maßnah­me kommt ei­ne Kündi­gung in Be­tracht.

(2) Für ei­ne Kündi­gung aus kir­chen­spe­zi­fi­schen Gründen sieht die Kir­che ins­be­son­de­re fol­gen­de Loya­litäts­verstöße als schwer­wie­gend an:

– Ab­schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe,

(3) Ein nach Abs. 2 ge­ne­rell als Kündi­gungs­grund in Be­tracht kom­men­des Ver­hal­ten schließt die Möglich­keit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung aus, wenn es be­gan­gen wird von … lei­tend täti­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern … Von ei­ner Kündi­gung kann aus­nahms­wei­se ab­ge­se­hen wer­den, wenn schwer­wie­gen­de Gründe des Ein­zel­fal­les die­se als un­an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen.“

22 Die Grund­ord­nung für ka­tho­li­sche Kran­kenhäuser in Nord­rhein-West­fa­len vom 5. No­vem­ber 1996 (Amts­blatt des Erz­bis­tums Köln, S. 321) sieht vor:

„A. Zu­ord­nung zur Kir­che

6. Für den Träger ist die auf der Grund­la­ge der Erklärung der deut­schen Bischöfe zum kirch­li­chen Dienst er­las­se­ne [GrO 1993] nebst Ände­run­gen und Ergänzun­gen ver­bind­lich. Als lei­tend täti­ge Mit­ar­bei­ter im Sin­ne der ge­nann­ten Grund­ord­nung gel­ten die Mit­glie­der der Kran­ken­haus­be­triebs­lei­tung und die Ab­tei­lungsärz­te.“

Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­gen

23 IR ist ei­ne Ge­sell­schaft mit be­schränk­ter Haf­tung nach deut­schem Recht. Ihr Ge­sell­schafts­zweck ist die Ver­wirk­li­chung von Auf­ga­ben der Ca­ri­tas (der in­ter­na­tio­na­len Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on der ka­tho­li­schen Kir­che) als Le­bens- und We­sensäußerung der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che durch u. a. den Be­trieb von Kran­kenhäusern. IR ver­folgt nicht in ers­ter Li­nie ei­gen­wirt­schaft­li­che Zwe­cke und un­ter­liegt der Auf­sicht des ka­tho­li­schen Erz­bi­schofs von Köln (Deutsch­land).
24 JQ ist ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on. Er ist aus­ge­bil­de­ter Arzt und ar­bei­tet seit 2000 als Chef­arzt der Ab­tei­lung „In­ne­re Me­di­zin“ ei­nes Kran­ken­hau­ses der IR auf­grund ei­nes auf der Grund­la­ge der GrO 1993 ge­schlos­se­nen Dienst­ver­trags.
25 JQ war nach ka­tho­li­schem Ri­tus ver­hei­ra­tet. Im Jahr 2005 trenn­te sich sei­ne ers­te Ehe­frau von ihm, und im März 2008 wur­de die Ehe ge­schie­den. Im Au­gust 2008 hei­ra­te­te JQ sei­ne neue Le­bens­gefähr­tin stan­des­amt­lich, oh­ne dass sei­ne ers­te Ehe für nich­tig erklärt wor­den war.
26 Nach­dem IR durch ein Schrei­ben vom 30. März 2009 von der er­neu­ten Hei­rat Kennt­nis er­langt hat­te, kündig­te sie das Ar­beits­verhält­nis ge­genüber JQ zum 30. Sep­tem­ber 2009.
27 JQ er­hob hier­ge­gen beim Ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) Kündi­gungs­schutz­kla­ge und mach­te gel­tend, dass sei­ne er­neu­te Ehe­sch­ließung kein gülti­ger Kündi­gungs­grund sei. Die Kündi­gung ver­s­toße ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, da nach der GrO 1993 die Wie­der­hei­rat ei­nes evan­ge­li­schen oder kon­fes­si­ons­lo­sen Chef­arz­tes der Ab­tei­lung kei­ne Fol­gen für des­sen Ar­beits­verhält­nis mit IR ge­habt hätte.
28 IR trug vor, die Kündi­gung ge­genüber JQ sei so­zi­al ge­recht­fer­tigt ge­we­sen. Da JQ ein lei­tend täti­ger Mit­ar­bei­ter im Sin­ne von Art. 5 Abs. 3 GrO 1993 ge­we­sen sei, ha­be er durch Ein­ge­hung ei­ner nach ka­no­ni­schem Recht ungülti­gen Ehe in er­heb­li­cher Wei­se ge­gen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Ar­beits­verhält­nis mit IR ver­s­toßen.
29 Das Ar­beits­ge­richt gab der Kla­ge von JQ statt. Die von IR da­ge­gen ein­ge­leg­te Be­ru­fung wur­de vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) zurück­ge­wie­sen, wor­auf IR Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) ein­leg­te, die mit Ur­teil vom 8. Sep­tem­ber 2011 im We­sent­li­chen mit der Be­gründung zurück­ge­wie­sen wur­de, dass die ge­genüber JQ aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung nicht ge­recht­fer­tigt sei, da IR nicht ka­tho­li­schen Ar­beit­neh­mern, die die­sel­be Art von Dienst­pos­ten wie JQ in­nehätten, bei Wie­der­hei­rat nicht kündi­ge.
30 IR er­hob Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (Deutsch­land), das mit Be­schluss vom 22. Ok­to­ber 2014 das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­hob und die Sa­che an die­ses zurück­ver­wies.
31 Nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Deutsch­land) hängt die Ent­schei­dung über den Aus­gangs­rechts­streit da­von ab, ob die von IR ge­genüber JQ aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung im Hin­blick auf § 9 Abs. 2 AGG zulässig sei. Die­se Be­stim­mung sei je­doch im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­zu­le­gen, wes­halb die Ent­schei­dung über den Rechts­streit von der Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 abhänge, der durch § 9 Abs. 2 AGG in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt wor­den sei.
32 Ge­nau­er ge­sagt fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt ers­tens, ob IR als ei­ne von der ka­tho­li­schen Kir­che ge­hal­te­ne Ka­pi­tal­ge­sell­schaft des Pri­vat­rechts vom An­wen­dungs­be­reich von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 er­fasst wer­de und von ih­ren Beschäftig­ten ver­lan­gen könne, dass sie sich loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos die­ser Kir­che ver­hiel­ten. Es sei nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich ei­ne sol­che pri­vat­recht­lich ver­fass­te Ge­sell­schaft, die sich in marktübli­cher Wei­se im Ge­sund­heits­we­sen betäti­ge, uni­ons­recht­lich kei­ne kirch­li­chen Son­der­rech­te in An­spruch neh­men könne.
33 In­so­weit fragt sich das Ge­richt, ob die Kir­chen oder an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, ver­bind­lich be­stim­men könn­ten, was ein loya­les und auf­rich­ti­ges Ver­hal­ten „im Sin­ne des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on“ im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 dar­stel­le, und ob sie da­bei - ent­spre­chend dem deut­schen Ver­fas­sungs­recht - au­to­nom auch ei­ne Ab­stu­fung von Loya­litätsan­for­de­run­gen bei glei­cher Lei­tungs­funk­ti­on al­lein nach der Kon­fes­si­ons­zu­gehörig­keit des Beschäftig­ten vor­se­hen könn­ten.
34 Zwei­tens führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass es nach der Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 durch den Ge­richts­hof die Auf­ga­be ha­ben wer­de, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der da­nach an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu be­ur­tei­len, ob und in­wie­weit § 9 Abs. 2 AGG ei­ner im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ste­hen­den Aus­le­gung zugäng­lich sei und ob die­se na­tio­na­le Be­stim­mung, falls sie nicht uni­ons­rechts­kon­form aus­ge­legt wer­den könne, ganz oder teil­wei­se un­an­ge­wen­det zu las­sen sei.
35 In­so­weit fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob das in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) nie­der­ge­leg­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung dem Ein­zel­nen ein sub­jek­ti­ves Recht ver­lei­he, das die­ser vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten gel­tend ma­chen könne und die­se Ge­rich­te in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­vat­per­so­nen ver­pflich­te, von der An­wen­dung na­tio­na­ler Vor­schrif­ten ab­zu­se­hen, die mit die­sem Ver­bot nicht im Ein­klang stünden. Die Char­ta sei zwar erst am 1. De­zem­ber 2009 in Kraft ge­tre­ten, während die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Kündi­gung im März 2009 aus­ge­spro­chen wor­den sei, doch er­schei­ne es nicht aus­ge­schlos­sen, dass auch schon vor In­kraft­tre­ten der Char­ta ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung als all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts be­stan­den ha­be. Das Uni­ons­recht gin­ge auf­grund sei­nes An­wen­dungs­vor­rangs dem na­tio­na­len Recht ein­sch­ließlich des Ver­fas­sungs­rechts vor.
36

Drit­tens möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, an­hand wel­cher Kri­te­ri­en zu be­stim­men sei, ob das Ver­lan­gen nach ei­nem loya­len und auf­rich­ti­gen Ver­hal­ten mit Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar sei.

37 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Ist Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen, dass die Kir­che für ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on wie die Be­klag­te des vor­lie­gen­den Rechts­streits ver­bind­lich be­stim­men kann, bei ei­nem an Ar­beit­neh­mer in lei­ten­der Stel­lung ge­rich­te­ten Ver­lan­gen nach loya­lem und auf­rich­ti­gem Ver­hal­ten zwi­schen Ar­beit­neh­mern zu un­ter­schei­den, die der Kir­che an­gehören, und sol­chen, die ei­ner an­de­ren oder kei­ner Kir­che an­gehören?

2. So­fern die ers­te Fra­ge ver­neint wird:

a) Muss die Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts, wie hier § 9 Abs. 2 AGG, wo­nach ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung auf­grund der Kon­fes­si­ons­zu­gehörig­keit der Ar­beit­neh­mer ent­spre­chend dem je­wei­li­gen Selbst­verständ­nis der Kir­che ge­recht­fer­tigt ist, im vor­lie­gen­den Rechts­streit un­an­ge­wen­det blei­ben?

b) Wel­che An­for­de­run­gen gel­ten gemäß Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 für ein an die Ar­beit­neh­mer ei­ner Kir­che oder ei­ner der dort ge­nann­ten an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­rich­te­tes Ver­lan­gen nach ei­nem loya­len und auf­rich­ti­gen Ver­hal­ten im Sin­ne des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge und zum zwei­ten Teil der zwei­ten Fra­ge

38 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge und dem zwei­ten Teil sei­ner zwei­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht und die ei­ne Kli­nik in Form ei­ner pri­vat­recht­li­chen Ka­pi­tal­ge­sell­schaft be­treibt, ver­bind­lich be­stim­men kann, an ih­re lei­tend täti­gen Beschäftig­ten je nach de­ren Kon­fes­si­on oder Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit un­ter­schied­li­che An­for­de­run­gen hin­sicht­lich der Loya­lität und Auf­rich­tig­keit zu stel­len, und, falls nicht, an­hand wel­cher Kri­te­ri­en im Ein­zel­fall zu prüfen ist, ob sol­che An­for­de­run­gen mit die­ser Vor­schrift ver­ein­bar sind.
39 In An­be­tracht der Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts zu sei­ner ers­ten Fra­ge ist ers­tens in Be­zug auf den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 darüber zu be­fin­den, ob sich die Körper­schaft, die von ih­ren Beschäftig­ten ein loya­les und auf­rich­ti­ges Ver­hal­ten ver­langt hat, des­halb nicht auf die­se Vor­schrift be­ru­fen kann, weil sie ei­ne pri­vat­recht­li­che Ka­pi­tal­ge­sell­schaft ist.
40 In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass an­ge­sichts des all­ge­mei­nen Cha­rak­ters der in Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 zur Fest­le­gung des persönli­chen An­wen­dungs­be­reichs ver­wen­de­ten Be­grif­fe, nämlich „Kir­chen und an­de­re öffent­li­che oder pri­va­te Or­ga­ni­sa­tio­nen“, Erwägun­gen zur Rechts­na­tur und zur Rechts­form der be­tref­fen­den Körper­schaft kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Fra­ge ha­ben können, ob die­se Vor­schrift auf ei­nen Sach­ver­halt wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens an­wend­bar ist. Ins­be­son­de­re er­fasst die Be­zug­nah­me auf pri­va­te Or­ga­ni­sa­tio­nen Ein­rich­tun­gen, die wie IR nach dem Pri­vat­recht ge­gründet sind.
41 So­dann ist zum ei­nen fest­zu­stel­len, dass Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 nur auf die Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen an­wend­bar ist, „de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht“.
42 Zum an­de­ren nimmt Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 auf die für sol­che Kir­chen oder Or­ga­ni­sa­tio­nen „ar­bei­ten­den Per­so­nen“ Be­zug, was be­deu­tet, dass der An­wen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift eben­so wie der von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb die­ser Ein­rich­tun­gen er­fasst.
43 Was zwei­tens die Fra­ge der Kon­trol­le der An­wen­dung von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 durch die na­tio­na­len Ge­rich­te an­be­langt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof im Rah­men ei­ner Rechts­sa­che, die die Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie be­traf, ent­schie­den hat, dass die letzt­ge­nann­te Vor­schrift da­hin aus­zu­le­gen ist, dass für den Fall, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, zur Be­gründung ei­ner Ent­schei­dung oder Hand­lung wie der Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung auf ei­ne bei ihr zu be­set­zen­de Stel­le gel­tend macht, die Re­li­gi­on sei nach der Art der be­tref­fen­den Tätig­kei­ten oder den vor­ge­se­he­nen Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, ein sol­ches Vor­brin­gen ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein können muss, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in der Vor­schrift ge­nann­ten Kri­te­ri­en im kon­kre­ten Fall erfüllt sind (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 59).
44 Zu­dem darf der Um­stand, dass Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 auf die zum Zeit­punkt von de­ren An­nah­me gel­ten­den na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten so­wie auf die zu die­sem Zeit­punkt be­ste­hen­den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten Be­zug nimmt, nicht da­hin ge­hend ver­stan­den wer­den, dass er den Mit­glied­staa­ten ge­stat­tet, die Ein­hal­tung der in die­ser Be­stim­mung ge­nann­ten Kri­te­ri­en ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le zu ent­zie­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 54).
45 Die Ausführun­gen des Ge­richts­hofs zu die­sem Er­for­der­nis ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le, die auf das Ziel der Richt­li­nie 2000/78, auf den Kon­text von Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie, auf die nach den Art. 9 und 10 der Richt­li­nie von den Mit­glied­staa­ten ge­for­der­ten Ga­ran­ti­en hin­sicht­lich der Ein­hal­tung der sich aus der Richt­li­nie er­ge­ben­den Ver­pflich­tun­gen und hin­sicht­lich des Schut­zes von Per­so­nen, die sich für dis­kri­mi­niert hal­ten, so­wie auf das in Art. 47 der Char­ta verbürg­te Recht auf wirk­sa­men ge­richt­li­chen Rechts­schutz gestützt sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 47 bis 49), gel­ten in glei­cher Wei­se für ei­nen Sach­ver­halt wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens, in dem ei­ne pri­va­te Or­ga­ni­sa­ti­on ei­nem ih­rer Beschäftig­ten mit der Be­gründung kündigt, dass er sich nicht nach Maßga­be von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on ver­hal­ten hat.
46 Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 enthält nämlich ge­genüber Un­terabs. 1 die­ser Vor­schrift die ergänzen­de An­ga­be, dass zu den be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen, die ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re öffent­li­che oder pri­va­te Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, von den für sie ar­bei­ten­den Per­so­nen ver­lan­gen kann, die An­for­de­rung gehört, dass sich die­se Per­so­nen loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on ver­hal­ten. Wie sich ins­be­son­de­re aus dem Satz­teil „[s]ofern die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie im Übri­gen ein­ge­hal­ten wer­den“ er­gibt, muss die­se Be­fug­nis je­doch un­ter Be­ach­tung der übri­gen Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2000/78 und ins­be­son­de­re der in ih­rem Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 ge­nann­ten Kri­te­ri­en aus­geübt wer­den, die ge­ge­be­nen­falls ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le un­ter­lie­gen können müssen, wie in Rn. 43 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt.
47 Ent­ge­gen dem Vor­brin­gen ins­be­son­de­re von IR und der deut­schen Re­gie­rung kann die Prüfung der Rechtmäßig­keit ei­ner von ei­ner Kir­che oder ei­ner an­de­ren Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, ge­stell­ten An­for­de­rung, sich loy­al und auf­rich­tig zu ver­hal­ten, so­mit nicht aus­sch­ließlich an­hand des na­tio­na­len Rechts vor­ge­nom­men wer­den, son­dern muss auch die Be­stim­mun­gen von Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 und die dort ge­nann­ten Kri­te­ri­en berück­sich­ti­gen, de­ren Ein­hal­tung ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le nicht ent­zo­gen sein darf.
48 Art. 17 AEUV ver­mag die­se Schluss­fol­ge­rung nicht in Fra­ge zu stel­len. Zum ei­nen ent­spricht der Wort­laut die­ser Be­stim­mung nämlich im Kern dem der Erklärung Nr. 11 zum Sta­tus der Kir­chen und welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten, die der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Ams­ter­dam bei­gefügt ist. Die aus­drück­li­che Be­zug­nah­me auf die­se Erklärung im 24. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 macht deut­lich, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber sie beim Er­lass die­ser Richt­li­nie und ins­be­son­de­re ih­res Art. 4 Abs. 2 berück­sich­tigt ha­ben muss, da die­se Vor­schrift ge­ra­de auf die zum Zeit­punkt der An­nah­me der Richt­li­nie gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten und ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten ver­weist. Zum an­de­ren bringt Art. 17 AEUV zwar die Neu­tra­lität der Uni­on dem­ge­genüber, wie die Mit­glied­staa­ten ih­re Be­zie­hun­gen zu den Kir­chen und re­li­giösen Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten ge­stal­ten, zum Aus­druck, doch kann die­ser Ar­ti­kel nicht be­wir­ken, dass die Ein­hal­tung der in Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten Kri­te­ri­en ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 56 bis 58).
49 Was drit­tens die Vor­aus­set­zun­gen für die An­wen­dung von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 an­be­langt, ist in An­be­tracht des in Rn. 46 des vor­lie­gen­den Ur­teils Aus­geführ­ten her­vor­zu­he­ben, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung bei der An­for­de­rung ei­nes loya­len und auf­rich­ti­gen Ver­hal­tens im Sin­ne des Ethos des Ar­beit­ge­bers wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, hin­sicht­lich de­ren nicht be­strit­ten wird, dass sie sich aus­sch­ließlich auf die Kon­fes­si­on der Beschäftig­ten stützt, u. a. die in Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Kri­te­ri­en ein­zu­hal­ten hat.
50 Der Ge­richts­hof hat in­so­weit ent­schie­den, dass aus die­ser Vor­schrift aus­drück­lich her­vor­geht, dass es von der „Art“ der frag­li­chen Tätig­kei­ten oder den „Umständen“ ih­rer Ausübung abhängt, ob die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne die­ser Vor­schrift dar­stel­len kann. Die Rechtmäßig­keit ei­ner Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung nach Maßga­be die­ser Vor­schrift hängt al­so vom ob­jek­tiv über­prüfba­ren Vor­lie­gen ei­nes di­rek­ten Zu­sam­men­hangs zwi­schen der vom Ar­beit­ge­ber auf­ge­stell­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung und der frag­li­chen Tätig­keit ab. Ein sol­cher Zu­sam­men­hang kann sich ent­we­der aus der Art die­ser Tätig­keit er­ge­ben – z. B. wenn sie mit der Mit­wir­kung an der Be­stim­mung des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­nem Bei­trag zu de­ren Verkündi­gungs­auf­trag ver­bun­den ist – oder aus den Umständen ih­rer Ausübung, z. B. der Not­wen­dig­keit, für ei­ne glaubwürdi­ge Ver­tre­tung der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on nach außen zu sor­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 62 und 63).
51 Was im Ein­zel­nen die in Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten drei Kri­te­ri­en an­be­langt, hat der Ge­richts­hof zunächst aus­geführt, dass die Ver­wen­dung des Ad­jek­tivs „we­sent­lich“ be­deu­tet, dass die Zu­gehörig­keit zu der Re­li­gi­on bzw. das Be­kennt­nis zu der Welt­an­schau­ung, auf der das Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on be­ruht, auf­grund der Be­deu­tung der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­keit für die Be­kun­dung die­ses Ethos oder die Ausübung des in Art. 17 AEUV und in Art. 10 der Char­ta an­er­kann­ten Rechts die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie not­wen­dig er­schei­nen muss (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 50 und 65).
52 Der Ge­richts­hof hat so­dann dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ver­wen­dung des Aus­drucks „rechtmäßig“ durch den Uni­ons­ge­setz­ge­ber zeigt, dass er si­cher­stel­len woll­te, dass die die Zu­gehörig­keit zu der Re­li­gi­on bzw. das Be­kennt­nis zu der Welt­an­schau­ung, auf der das Ethos der in Re­de ste­hen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on be­ruht, be­tref­fen­de An­for­de­rung nicht zur Ver­fol­gung ei­nes sach­frem­den Ziels oh­ne Be­zug zu die­sem Ethos oder zur Ausübung des Rechts die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie dient (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 66).
53 Der Be­griff „ge­recht­fer­tigt“ schließlich im­pli­ziert nicht nur, dass die Ein­hal­tung der in Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten Kri­te­ri­en durch ein in­ner­staat­li­ches Ge­richt über­prüfbar sein muss, son­dern auch, dass es der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, die ei­ne be­ruf­li­che An­for­de­rung auf­ge­stellt hat, ob­liegt, im Licht der tatsächli­chen Umstände des Ein­zel­falls dar­zu­tun, dass die gel­tend ge­mach­te Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung ih­res Ethos oder ih­res Rechts auf Au­to­no­mie wahr­schein­lich und er­heb­lich ist, so dass sich ei­ne sol­che An­for­de­rung als not­wen­dig er­weist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 67).
54 Da­bei muss die An­for­de­rung, um die es in Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 geht, mit dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Ein­klang ste­hen, was be­deu­tet, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te prüfen müssen, ob die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist und nicht über das zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels Er­for­der­li­che hin­aus­geht (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 68).
55 Aus den Ausführun­gen in den Rn. 49 bis 54 des vor­lie­gen­den Ur­teils geht her­vor, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re öffent­li­che oder pri­va­te Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, bei der An­for­de­rung, sich loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne die­ses Ethos zu ver­hal­ten, ih­re Beschäftig­ten in lei­ten­der Stel­lung nur dann je nach de­ren Zu­gehörig­keit zur Re­li­gi­on bzw. de­ren Be­kennt­nis zur Welt­an­schau­ung die­ser Kir­che oder die­ser an­de­ren Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­schied­lich be­han­deln darf, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung im Hin­blick auf die Art der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten oder die Umstände ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts die­ses Ethos ist.
56 In­so­weit ist es zwar letzt­lich Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts, das al­lein für die Be­ur­tei­lung des Sach­ver­halts zuständig ist, zu be­stim­men, ob ei­ne An­for­de­rung, sich loy­al und auf­rich­tig zu ver­hal­ten, die nur an die­je­ni­gen Beschäftig­ten in lei­ten­der Stel­lung ge­stellt wird, die der­sel­ben Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung an­gehören, auf der das Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on be­ruht, ei­ner we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ent­spricht. Gleich­wohl ist der Ge­richts­hof be­fugt, auf der Grund­la­ge der Ak­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens und der vor ihm ab­ge­ge­be­nen schrift­li­chen und münd­li­chen Erklärun­gen Hin­wei­se zu ge­ben, die die­sem Ge­richt ei­ne Ent­schei­dung über den bei ihm anhängi­gen Rechts­streit ermögli­chen.
57 Im vor­lie­gen­den Fall be­trifft die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de An­for­de­rung ei­nen be­stimm­ten Ge­sichts­punkt des Ethos der ka­tho­li­schen Kir­che, nämlich den hei­li­gen und un­auflösli­chen Cha­rak­ter der kirch­li­chen Ehe­sch­ließung.
58 Un­ter Berück­sich­ti­gung der von JQ aus­geübten be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten, nämlich Be­ra­tung und me­di­zi­ni­sche Pfle­ge in ei­nem Kran­ken­haus und Lei­tung der Ab­tei­lung „In­ne­re Me­di­zin“ als Chef­arzt, er­scheint die Ak­zep­tanz die­ses Ehe­verständ­nis­ses für die Be­kun­dung des Ethos von IR je­doch nicht not­wen­dig. Sie scheint so­mit nicht im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ei­ne we­sent­li­che Vor­aus­set­zung der be­ruf­li­chen Tätig­keit zu sein, was je­doch das vor­le­gen­de Ge­richt zu prüfen hat.
59 Die Fest­stel­lung, dass die Ak­zep­tanz die­ses Be­stand­teils des Ethos der be­trof­fe­nen Or­ga­ni­sa­ti­on im vor­lie­gen­den Fall kei­ne we­sent­li­che An­for­de­rung sein kann, wird durch den von IR in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ge­richts­hof bestätig­ten und vom Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 67 sei­ner Schluss­anträge ge­nann­ten Um­stand be­kräftigt, dass Stel­len, die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung und Lei­tungs­auf­ga­ben um­fas­sen und der mit JQ be­setz­ten Stel­le ähneln, Beschäftig­ten von IR an­ver­traut wur­den, die nicht ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on sind und folg­lich nicht der­sel­ben An­for­de­rung, sich loy­al und auf­rich­tig im Sin­ne des Ethos von IR zu ver­hal­ten, un­ter­wor­fen wa­ren.
60 So­dann ist fest­zu­stel­len, dass in An­be­tracht der dem Ge­richts­hof vor­ge­leg­ten Ak­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de An­for­de­rung nicht als im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt scheint. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat je­doch zu prüfen, ob in An­be­tracht der Umstände des Aus­gangs­ver­fah­rens IR dar­ge­tan hat, dass die Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung ih­res Ethos oder ih­res Rechts auf Au­to­no­mie wahr­schein­lich und er­heb­lich ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 67).
61 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge und den zwei­ten Teil der zwei­ten Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass

- zum ei­nen ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht und die ei­ne in Form ei­ner pri­vat­recht­li­chen Ka­pi­tal­ge­sell­schaft ge­gründe­te Kli­nik be­treibt, nicht be­sch­ließen kann, an ih­re lei­tend täti­gen Beschäftig­ten je nach de­ren Kon­fes­si­on oder Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit un­ter­schied­li­che An­for­de­run­gen an das loya­le und auf­rich­ti­ge Ver­hal­ten im Sin­ne die­ses Ethos zu stel­len, oh­ne dass die­ser Be­schluss ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein kann, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie ge­nann­ten Kri­te­ri­en erfüllt sind, und

- zum an­de­ren bei An­for­de­run­gen an das loya­le und auf­rich­ti­ge Ver­hal­ten im Sin­ne des ge­nann­ten Ethos ei­ne Un­gleich­be­hand­lung zwi­schen Beschäftig­ten in lei­ten­der Stel­lung je nach de­ren Kon­fes­si­on oder Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit nur dann mit der Richt­li­nie im Ein­klang steht, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung im Hin­blick auf die Art der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten oder die Umstände ih­rer Ausübung ei­ne be­ruf­li­che An­for­de­rung ist, die an­ge­sichts des Ethos der in Re­de ste­hen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on we­sent­lich, rechtmäßig und ge­recht­fer­tigt ist und dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ent­spricht, was das na­tio­na­le Ge­richt zu prüfen hat.

Zum ers­ten Teil der zwei­ten Fra­ge

62 Mit dem ers­ten Teil sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob ein na­tio­na­les Ge­richt im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Pri­vat­per­so­nen nach dem Uni­ons­recht ver­pflich­tet ist, ei­ne na­tio­na­le Rechts­vor­schrift, die nicht im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­ge­legt wer­den kann, un­an­ge­wen­det zu las­sen.
63 In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es den na­tio­na­len Ge­rich­ten ob­liegt, un­ter Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher na­tio­na­ler Rechts­nor­men und der im na­tio­na­len Recht an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu ent­schei­den, ob und in­wie­weit ei­ne na­tio­na­le Rechts­vor­schrift wie § 9 Abs. 2 AGG im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­ge­legt wer­den kann, oh­ne dass sie con­tra le­gem aus­ge­legt wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 71 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
64 Der Ge­richts­hof hat außer­dem ent­schie­den, dass das Er­for­der­nis ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung die Ver­pflich­tung der na­tio­na­len Ge­rich­te um­fasst, ei­ne ge­fes­tig­te Recht­spre­chung ge­ge­be­nen­falls ab­zuändern, wenn sie auf ei­ner Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­ruht, die mit den Zie­len ei­ner Richt­li­nie un­ver­ein­bar ist (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 72 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
65 Folg­lich darf ein na­tio­na­les Ge­richt nicht da­von aus­ge­hen, dass es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­le­gen könne, nur weil sie in ständi­ger Recht­spre­chung in ei­nem nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­ba­ren Sin­ne aus­ge­legt wor­den ist (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 73 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
66 Dem­nach ob­liegt es im vor­lie­gen­den Fall dem vor­le­gen­den Ge­richt, zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift ei­ner mit der Richt­li­nie 2000/78 im Ein­klang ste­hen­den Aus­le­gung zugäng­lich ist.
67 Für den Fall, dass ihm ei­ne sol­che richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den na­tio­na­len Vor­schrift nicht möglich sein soll­te, ist zum ei­nen dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Richt­li­nie 2000/78 den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nicht selbst auf­stellt, son­dern in die­sem Be­reich le­dig­lich ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung – dar­un­ter die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung – schaf­fen soll, wie aus ih­rem Ti­tel und ih­rem Art. 1 her­vor­geht (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 75 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
68 Zum an­de­ren ist ein na­tio­na­les Ge­richt, das sich in der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer ge­schil­der­ten Si­tua­ti­on be­fin­det, ver­pflich­tet, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht er­gibt, si­cher­zu­stel­len und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung zu­wi­der­lau­fen­de Vor­schrift der na­tio­na­len Re­ge­lung un­an­ge­wen­det lässt (vgl. zum Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters Ur­teil vom 19. April 2016, DI, C-441/14, EU:C:2016:278, Rn. 35).
69 Vor dem In­kraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon, nach dem die Char­ta den glei­chen Rang wie die Verträge hat, folg­te die­ser Grund­satz nämlich aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten. Das nun­mehr in Art. 21 der Char­ta nie­der­ge­leg­te Ver­bot je­der Art von Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung hat als all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts zwin­gen­den Cha­rak­ter und ver­leiht schon für sich al­lein dem Ein­zel­nen ein Recht, das er in ei­nem Rechts­streit, der ei­nen vom Uni­ons­recht er­fass­ten Be­reich be­trifft, als sol­ches gel­tend ma­chen kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C-414/16, EU:C:2018:257, Rn. 76).
70 Folg­lich ob­liegt es im Aus­gangs­ver­fah­ren dem vor­le­gen­den Ge­richt, die in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det zu las­sen, so­fern es sich nicht in der La­ge se­hen soll­te, sie uni­ons­rechts­kon­form aus­zu­le­gen.
71 Nach al­le­dem ist auf den ers­ten Teil der zwei­ten Fra­ge zu ant­wor­ten, dass ein mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen zwei Pri­vat­per­so­nen be­fass­tes na­tio­na­les Ge­richt, wenn es ihm nicht möglich ist, das ein­schlägi­ge na­tio­na­le Recht im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­zu­le­gen, ver­pflich­tet ist, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den dem Ein­zel­nen aus den all­ge­mei­nen Grundsätzen des Uni­ons­rechts wie ins­be­son­de­re dem nun­mehr in Art. 21 der Char­ta nie­der­ge­leg­ten Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit der sich dar­aus er­ge­ben­den Rech­te zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det lässt.

Kos­ten

72 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 4 Abs. 2 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ist da­hin aus­zu­le­gen, dass

- zum ei­nen ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht und die ei­ne in Form ei­ner pri­vat­recht­li­chen Ka­pi­tal­ge­sell­schaft ge­gründe­te Kli­nik be­treibt, nicht be­sch­ließen kann, an ih­re lei­tend täti­gen Beschäftig­ten je nach de­ren Kon­fes­si­on oder Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit un­ter­schied­li­che An­for­de­run­gen an das loya­le und auf­rich­ti­ge Ver­hal­ten im Sin­ne die­ses Ethos zu stel­len, oh­ne dass die­ser Be­schluss ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein kann, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie ge­nann­ten Kri­te­ri­en erfüllt sind, und

- zum an­de­ren bei An­for­de­run­gen an das loya­le und auf­rich­ti­ge Ver­hal­ten im Sin­ne des ge­nann­ten Ethos ei­ne Un­gleich­be­hand­lung zwi­schen Beschäftig­ten in lei­ten­der Stel­lung je nach de­ren Kon­fes­si­on oder Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit nur dann mit der Richt­li­nie im Ein­klang steht, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung im Hin­blick auf die Art der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten oder die Umstände ih­rer Ausübung ei­ne be­ruf­li­che An­for­de­rung ist, die an­ge­sichts des Ethos der in Re­de ste­hen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on we­sent­lich, rechtmäßig und ge­recht­fer­tigt ist und dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ent­spricht, was das na­tio­na­le Ge­richt zu prüfen hat.

2. Ein mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen zwei Pri­vat­per­so­nen be­fass­tes na­tio­na­les Ge­richt ist, wenn es ihm nicht möglich ist, das ein­schlägi­ge na­tio­na­le Recht im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­zu­le­gen, ver­pflich­tet, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den dem Ein­zel­nen aus den all­ge­mei­nen Grundsätzen des Uni­ons­rechts wie ins­be­son­de­re dem nun­mehr in Art. 21 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on nie­der­ge­leg­ten Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit der sich dar­aus er­ge­ben­den Rech­te zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det lässt.

Lena­erts

Tiz­za­no

Sil­va de La­pu­er­ta

von Dan­witz

Da Cruz Vi­laça

Ro­sas

Ma­le­n­ovský

Juhász

Saf­jan

Šváby

Prechal

Bilt­gen

Jürimäe

Vil­a­ras

Re­gan

Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 11. Sep­tem­ber 2018.

Der Kanz­ler

A. Ca­lot Es­co­bar

Der Präsi­dent

K. Lena­erts

 

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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