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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/122

Kün­di­gung nach Kir­chen­aus­tritt

Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen (Ca­ri­tas, Dia­ko­nie) ris­kie­ren bei ei­nem Kir­chen­aus­tritt die au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.04.2013, 2 AZR 579/12
Gesetzestext mit darauf liegendem Holzkreuz

30.04.2013. Am Don­ners­tag letz­ter Wo­che hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über die Fra­ge zu ent­schei­den, ob ei­ne der ka­tho­li­schen Ca­ri­tas an­ge­hö­ren­de Ein­rich­tung ei­nem So­zi­al­ar­bei­ter au­ßer­or­dent­lich kün­di­gen kann, weil die­ser aus der ka­tho­li­schen Kir­che aus­ge­tre­ten ist. 

Nach­dem be­reits das Ar­beits­ge­richt Mann­heim und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg die Kün­di­gung als wirk­sam an­ge­se­hen hat­ten, ent­schied nun­mehr auch das BAG ge­gen den So­zi­al­ar­bei­ter.

Denn mit dem Aus­tritt aus der Kir­che hat­te der So­zi­al­ar­bei­ter nicht nur ge­gen sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten ver­sto­ßen, son­dern sei­nem Ar­beit­ge­ber die wei­te­re Durch­füh­rung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses un­mög­lich ge­macht: BAG, Ur­teil vom 25.04.2013, 2 AZR 579/12.

Aus­tritt aus der Kir­che als Kündi­gungs­grund?

Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen können sich wie an­de­re Ar­beit­neh­mer auch auf den Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG be­ru­fen. Al­ler­dings müssen sie zu­gleich auch kirch­li­che Rechts­re­geln be­ach­ten. Denn die­se Re­geln sind gemäß dem Ar­beits­ver­trag und den dar­in in Be­zug ge­nom­me­nen Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) Grund­la­ge des Ar­beits­verhält­nis­ses. Da­her können auch Verstöße ge­gen die Grund­re­geln der Kir­che zu ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung führen.

Kommt es dann zu ei­nem Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren, müssen die Ge­rich­te das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen, das durch Art. 140 Grund­ge­setz (GG) in Verb. mit Art.137 Abs. 3 Wei­ma­rer Rechts­ver­fas­sung (WRV) und durch die Re­li­gi­ons­frei­heit (Art. 4 GG) geschützt wird, mit dem staat­li­chen Kündi­gungs­schutz­recht in Ein­klang brin­gen.

Klar ist da­bei, dass der Aus­tritt aus der Kir­che den kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen zur Kündi­gung be­rech­tigt. Mögli­cher­wei­se ist ei­ne Kündi­gung we­gen ei­nes Kir­chen­aus­tritts aber im Ein­zel­fall trotz­dem un­wirk­sam, wenn der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te be­ruf­li­che Po­si­ti­on be­klei­det.

Aber wie ist es mit ei­nem So­zi­al­ar­bei­ter, der für sei­nen kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber Schüler be­treut? Er ist, so das BAG, im "verkündi­gungs­na­hen Be­reich" tätig, d.h. er hat kei­ne un­ter­ge­ord­ne­te und/oder in­ter­ne Po­si­ti­on in­ne.

Der Streit­fall: Bei der Ca­ri­tas täti­ger So­zi­al­ar­bei­ter tritt aus der Kir­che aus und teilt das sei­nem Ar­beit­ge­ber mit

Im Streit­fall ging es um ei­nen 1952 ge­bo­re­nen So­zi­al­ar­bei­ter, der seit 1992 bei ei­ner zur Ca­ri­tas gehören­den Ein­rich­tung ar­bei­te­te, und zwar in ei­nem so­zia­len Zen­trum, in dem Schul­kin­der bis zum 12. Le­bens­jahr nach­mit­tags be­treut wer­den. Die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit der Kin­der ist in die­sem Zen­trum oh­ne Be­deu­tung, d.h. es wer­den nicht nur ka­tho­li­sche Kin­der be­treut. Auch re­li­giöse In­hal­te wer­den nicht ver­mit­telt.

Im Fe­bru­ar 2011 trat der So­zi­al­ar­bei­ter aus der ka­tho­li­schen Kir­che aus und teil­te das sei­nem Ar­beit­ge­ber schrift­lich mit. Der be­stell­te ihn zu ei­nem Gespräch ein. In dem Gespräch nann­te der So­zi­al­ar­bei­ter als Grund für sei­nen Kir­chen­aus­tritt die zahl­rei­chen Miss­brauchsfälle in ka­tho­li­schen Ein­rich­tun­gen, die Vorgänge um die „Pi­us­bru­der­schaft“ so­wie die Kar­frei­tags­lit­ur­gie, in der ei­ne an­ti­ju­da­i­sche Tra­di­ti­on zu Ta­ge tre­te.

Dar­auf­hin erklärte der Ca­ri­tas­ver­band Mit­te März 2011 die außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Gewährung ei­ner Aus­lauf­frist bis zum 30.09.2011.

Da­ge­gen er­hob der So­zi­al­ar­bei­ter Kündi­gungs­schutz­kla­ge, hat­te da­mit aber we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Mann­heim (Ur­teilt vom 11.08.2011, 7 Ca 106/11) noch vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg Er­folg (Ur­teil vom 09.03.2012, 12 Sa 55/11).

BAG: Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen ris­kie­ren bei ei­nem Kir­chen­aus­tritt die außer­or­dent­li­che Kündi­gung

Auch das BAG ent­schied ge­gen den den So­zi­al­ar­bei­ter. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung heißt es zur Be­gründung, dass der Kir­chen­aus­tritt ei­nes Ca­ri­tas­mit­ar­bei­ters die außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen kann.

Denn nach Art.140 GG in Verb. mit Art.137 Abs.3 Satz 1 WRV ord­nen Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten ih­re An­ge­le­gen­hei­ten in­ner­halb der Schran­ken der all­ge­mei­nen Ge­set­ze selbst. Die­ses Selbst­be­stim­mungs­recht ha­ben auch die ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen der Kir­chen. Und nach der für die ka­tho­li­sche Kir­che und die Ca­ri­ats gel­ten­den "Grund­ord­nung" des kirch­li­chen Diens­tes (von 1993) ist der Aus­tritt aus der Kir­che ein schwer­wie­gen­der Loya­litäts­ver­s­toß, der ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung nicht zulässt.

Im Kündi­gungs­schutz­pro­zess müssen die Ar­beits­ge­rich­te die Grund­rech­te des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers und das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ge­gen­ein­an­der abwägen. Hier zog der So­zi­al­ar­bei­ter den Kürze­ren, denn ihm fehl­te in­fol­ge sei­nes Kir­chen­aus­tritts nach dem Glau­bens­verständ­nis des be­klag­ten Ca­ri­tas­ver­ban­des die Eig­nung für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung. Die be­trof­fe­nen Grund­rech­te des So­zi­al­ar­bei­ters wa­ren hier we­ni­ger wich­tig, da sei­nem Ar­bei­ge­ber nicht zu­zu­mu­ten war, ei­nen Mit­ar­bei­ter "im verkündi­gungs­na­hen Be­reich" wei­ter­zu­beschäfti­gen, der sich "ins­ge­samt von der ka­tho­li­schen Glau­bens­ge­mein­schaft los­ge­sagt hat".

Da­her führ­ten letzt­lich auch Beschäfti­gungs­dau­er und Le­bens­al­ter des So­zi­al­ar­bei­ters zu kei­ner an­de­ren Ent­schei­dung. Für So­zi­alpädago­gen ge­be es zu­dem auch außer­halb der ka­tho­li­schen Kir­che und ih­rer Ein­rich­tun­gen Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten, so das BAG.

Fa­zit: Wer als So­zi­al­ar­bei­ter, Leh­rer oder Kin­dergärt­ner ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung re­präsen­tiert, muss die kirch­li­chen Grund­re­geln der Le­bensführung be­ach­ten. Da­mit ist ei­ne Kir­chen­aus­tritt nicht ver­ein­bar. Wer aus der Kir­che aus­tritt, ris­kiert da­her auch nach lan­ger Beschäfti­gungs­zeit und bei fort­ge­schrit­te­nem Al­ter die Kündi­gung.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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