HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/298

Kün­di­gung we­gen Face­book-Kom­men­tars

Berg­mann nach 32jähriger Be­schäf­ti­gung we­gen rechts­ra­di­ka­ler Het­ze frist­los ge­kün­digt: Ar­beits­ge­richt Her­ne, Ur­teil vom 22.03.2016, 5 Ca 2806/15
Dau­men hoch bei Na­zi-Sprü­chen?

21.09.2016. Der Zu­zug von Flücht­lin­gen aus dem mitt­le­ren Os­ten sorgt für Streit in Deutsch­land und hin und wie­der für schril­le Tö­ne.

Wer nicht an den Schalt­he­beln der Macht sitzt, kann sich zu­min­dest ver­bal aus­to­ben, heut­zu­ta­ge vor al­lem in den So­zia­len Me­di­en.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Ar­beits­ge­richt Her­ne die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ei­nes Berg­man­nes ab­ge­wie­sen, der auf der Face­book-Sei­te ei­nes Fern­seh­sen­ders ge­gen Flücht­lin­ge ge­hetzt hat­te und des­halb frist­los ge­kün­digt wor­den war: Ar­beits­ge­richt Her­ne, Ur­teil vom 22.03.2016, 5 Ca 2806/15.

Wie viel Rechts­ex­tre­mis­mus können sich Ar­beit­neh­mer in ih­rer Frei­zeit leis­ten?

Ar­beit­neh­mer dürfen sich in Deutsch­land po­li­tisch frei betäti­gen und da­bei ih­re im Grund­ge­setz (GG) geschütz­te Mei­nungs­frei­heit ausüben (Art.5 Abs.1 GG). In­fol­ge­des­sen be­rech­ti­gen rechts­ex­tre­me Mei­nun­gen und/oder po­li­ti­sche Ak­ti­vitäten den Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen nicht zu ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen und schon gar nicht zu ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung. Das gilt erst recht, wenn sich ex­tre­mis­ti­sche Mei­nungsäußerun­gen und po­li­ti­sche Betäti­gun­gen in der Frei­zeit ab­spie­len, so dass sie kei­nen Be­zug zur Ar­beit bzw. zum Ar­beit­ge­ber ha­ben.

Ein sol­cher Be­zug zum Ar­beits­verhält­nis kann al­ler­dings da­durch her­ge­stellt wer­den, dass der Ar­beit­neh­mer

  • re­präsen­ta­ti­ve Auf­ga­ben wahr­nimmt oder
  • als Vor­ge­setz­ter Führungs­ver­ant­wor­tung hat oder
  • im Be­reich der Mei­nungs­bil­dung tätig ist, z.B. als Jour­na­list oder Ge­werk­schafts­se­kretär, oder
  • für die Er­zie­hung von Kin­dern und Ju­gend­li­chen ver­ant­wort­lich ist, z.B. als Leh­rer oder Hor­ter­zie­her.

Betäti­gen sich sol­che Ar­beit­neh­mer als "Frei­zeit-Na­zis", be­steht ein Be­zug zum Ar­beits­verhält­nis, weil ih­re ex­tre­mis­ti­schen Hal­tun­gen die Ar­beit und/oder den Be­triebs­frie­den stören und/oder weil sie das öffent­li­che An­se­hen ih­res Ar­beit­ge­bers beschädi­gen.

Ein An­se­hens­ver­lust bzw. Ima­ge­scha­den des Ar­beit­ge­bers kann aus­nahms­wei­se auch ein­mal ein­tre­ten und ei­ne frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen, wenn sich Ar­beit­neh­mer auf un­ter­ge­ord­ne­ten Po­si­tio­nen in ih­rer Frei­zeit als Rechts­ex­tre­mis­ten "ou­ten". Dann müssen die Äußerun­gen oder Ver­hal­tens­wei­sen aber so schwer­wie­gend sein, dass dem Ar­beit­ge­ber ei­ne wei­te­re Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann, und zwar un­ter Berück­sich­ti­gung der Tat­sa­che, dass der Ar­beit­neh­mer kei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung hat.

Ei­nen sol­chen Fall hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor ei­ni­gen Jah­ren pro Ar­beit­ge­ber ent­schie­den (BAG, Ur­teil vom 06.09.2012, 2 AZR 372/11). Da­mals ging es um ei­nen In­nen­dienst­mit­ar­bei­ter der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on Karls­ru­he, der als NPD-Anhänger zum po­li­ti­schen Um­sturz auf­ge­ru­fen hat­te (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/301 NPD-Ak­ti­vist we­gen Wei­ter­lei­tung ei­nes Auf­rufs zum ge­walt­sa­men Um­sturz gekündigt).

Mit ei­nem ähn­li­chen Fall muss­te sich vor kur­zem das Ar­beits­ge­richt Her­ne be­fas­sen: Ar­beits­ge­richt Her­ne, Ur­teil vom 22.03.2016, 5 Ca 2806/15.

Im Streit: Rechts­ra­di­ka­le Auf­sta­che­lung zur Ge­walt ge­gen Flücht­lin­ge auf Face­book ("hof­fe dass al­le ver­bren­nen")

An­fang Ok­to­ber 2015 be­rich­te­te der Fern­seh­sen­der nt-v über ei­nen Brand in ei­ner Flücht­lings­un­ter­kunft, dem ein Flücht­ling zum Op­fer ge­fal­len war. Ein 48-jähri­ger Berg­mann, der un­ter sei­nem Na­men ei­nen Face­book-Ac­count un­ter­hielt und in sei­nem frei zugäng­li­chen Face­book-Pro­fil sei­nen Ar­beit­ge­ber nann­te („Berg­wer­ke Q I bei S AG“), kom­men­tier­te den Brand auf der Face­book-Sei­te von n-tv fol­gen­der­maßen:

„hof­fe das al­le ver­bren­nen,,, die nicht ge­mel­det sind.“

Ne­ben die­sem Kom­men­tar er­schien ein Pro­fil­bild so­wie der Pro­fil­na­me des Berg­manns. Wer bei Face­book an­ge­mel­det war, konn­te da­her das Pro­fil des Berg­manns ein­se­hen und so er­fah­ren, wer sein Ar­beit­ge­ber war. Ein an­de­rer Be­su­cher der n-tv-Sei­te ver­fass­te dar­auf­hin fol­gen­den Kom­men­tar:

„E U, du bist ja mal der Ober­knal­ler. Scheint so als wenn du mit „brau­ner“ Koh­le zu tun hadt.“

Der Ar­beit­ge­ber war nicht amüsiert und sprach dar­auf­hin nach Anhörung des Berg­man­nes und des Be­triebs­rats die frist­lo­se Kündi­gung aus. Hilfs­wei­se kündig­te er frist­ge­recht. Der Berg­mann er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Für ihn sprach vor al­lem, dass er be­reits mehr als 32 Jah­re beschäftigt war.

Ar­beits­ge­richt Her­ne: Die volks­ver­het­zen­den Äußerun­gen hat­ten we­gen des frei zugäng­li­chen Face­book-Pro­fils ei­nen Be­zug zum Ar­beit­ge­ber, so dass die frist­lo­se Kündi­gung rech­tens war

Das Ar­beits­ge­richt kam zu dem Er­geb­nis, dass die frist­lo­se Kündi­gung durch § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­recht­fer­tigt war. Da­nach können Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer das Ar­beits­verhält­nis frist­los aus wich­ti­gem Grun­de kündi­gen, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf Grund de­rer ih­nen die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.

Ei­ne sol­che Un­zu­mut­bar­keit lag hier, so das Ar­beits­ge­richt, auf Sei­ten des Ar­beit­ge­bers vor, weil der Berg­mann ihn auf sei­nem frei zugäng­li­chen Face­book-Pro­fil ge­nannt hat­te und sei­ne volks­ver­het­zen­den Äußerun­gen auf der Sei­te des Fern­seh­sen­ders dem­ent­spre­chend mit dem Ar­beit­ge­ber in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den konn­ten. Die­se Ver­bin­dung wur­de auch tatsächlich her­ge­stellt, wie der Kom­men­tar des Nut­zers be­legt, der ei­ne An­spie­lung auf "brau­ne Koh­le" mach­te.

Bei der Abwägung des Ar­beit­ge­ber-In­ter­es­ses an ei­ner so­for­ti­gen Be­en­di­gung und des Fort­set­zungs­in­ter­es­ses des Berg­manns über­wo­gen nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts die In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers, auch wenn zu­guns­ten des Berg­manns sei­ne lan­ge Beschäfti­gungs­zeit zu berück­sich­ti­gen war. Denn der Ar­beit­ge­ber en­ga­gier­te sich für Flücht­lin­ge, so dass das Ge­richt ihm das Recht zu­ge­stand, zur Ver­rin­ge­rung des Ima­ge­scha­dens das Ar­beits­verhält­nis mit so­for­ti­ger Wir­kung zu be­en­den.

Der Berg­mann hat­te zwar Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm ein­ge­legt (AZ: 3 Sa 451/16), die­se dann aber zurück­ge­nom­men, so dass das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Her­ne rechts­kräftig ist.

Fa­zit: Wer in so­zia­len Me­di­en zum Hass und zur Ge­walt ge­gen Flücht­lin­ge oder po­li­tisch an­ders­den­ken­de Men­schen auf­ruft, be­geht ei­ne Straf­tat, nämlich ei­ne Volks­ver­het­zung gemäß § 130 Abs.1 Nr.1 Straf­ge­setz­buch (StGB). Sol­che Ge­walt- und Hass­ti­ra­den sind nicht durch das Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit ge­deckt, denn die Mei­nungs­frei­heit wird durch die all­ge­mei­nen Ge­set­ze und das Recht der persönli­chen Eh­re be­schränkt (Art.5 Abs.2 GG).

Ar­beit­neh­mer, die sich in die­ser Wei­se öffent­lich äußern und da­bei Rück­schlüsse auf ih­ren Ar­beit­ge­ber ermögli­chen, müssen auch dann mit ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung rech­nen, wenn sie schon lan­ge beschäftigt sind und kei­ne her­vor­ge­ho­be­ne Po­si­ti­on im Be­trieb ih­res Ar­beit­ge­bers be­klei­den.

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Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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Thomas Becker
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