HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/274

Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Be­lei­di­gung auf Face­book

Kei­ne Kün­di­gung nach 16 Jah­ren Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit we­gen Face­book-Be­lei­di­gung ei­nes Vor­ge­setz­ten als "fet­tes Schwein" oh­ne Ab­mah­nung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 22.06.2016, 4 Sa 5/16
Ein Emo sagt oft mehr als vie­le Wor­te.

30.08.2016. Wer ei­nen Vor­ge­setz­ten be­lei­digt, ver­letzt sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten und muss mit ei­ner Ab­mah­nung oder so­gar mit ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung rech­nen.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg hat­te ein Ar­beit­neh­mer ei­nen Vor­ge­setz­ten ge­gen­über Kol­le­gen in ei­nem Face­book-Chat als "fet­tes Schwein" be­zeich­net, und zwar un­ter Ver­wen­dung des ent­spre­chen­den Bild­sym­bols bzw. Emo­ti­cons "". Da­für be­kam er die frist­lo­se Kün­di­gung.

Ob­wohl das LAG von ei­ner Be­lei­di­gung aus­ging, war die Kün­di­gung letzt­lich un­ver­hält­nis­mä­ßig, da der Ar­beit­neh­mer schon 16 Jah­re lang oh­ne Be­an­stan­dun­gen sei­ne Ar­beit ge­macht hat­te: LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 22.06.2016, 4 Sa 5/16.

Be­lei­di­gen­de Kom­men­ta­re in ei­nem Face­book-Chat mit Emo­ti­cons: Grund ge­nug für ei­ne Kündi­gung?

Wer sei­nen Ar­beit­ge­ber, ei­nen Vor­ge­setz­ten oder ei­nen Ar­beits­kol­le­gen grob be­lei­digt, ver­letzt sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten und muss mit ei­ner außer­or­dent­li­chen und frist­lo­sen Kündi­gung rech­nen. Rechts­grund­la­ge ist § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Nach die­ser Vor­schrift kann der Ar­beit­ge­ber "aus wich­ti­gem Grund" oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist kündi­gen, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer ihm

"un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Dienst­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Dienst­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann."

Bei der An­wen­dung von § 626 Abs.1 BGB prüfen die Ar­beits­ge­rich­te erst ein­mal, ob der Kündi­gungs­sach­ver­halt „an sich“ (ty­pi­scher­wei­se) als wich­ti­ger Grund an­zu­se­hen ist, wo­bei die Umstände des Ein­zel­falls zunächst aus­ge­blen­det wer­den. Ist das der Fall, ist in ei­nem zwei­ten Schritt zu prüfen, ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner so­for­ti­gen Ver­trags­be­en­di­gung oder das Fort­set­zungs­in­ter­es­se des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers wich­ti­ger sind (In­ter­es­sen­abwägung).

Da For­mal­be­lei­di­gun­gen ("Schwach­kopf", A-Wörter usw.) nicht durch das Grund­ge­setz (GG) bzw. durch die Mei­nungs­frei­heit (Art.5 Abs.1 GG) geschützt sind, sind sie in der Re­gel als ein "an sich" für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus­rei­chen­der "wich­ti­ger Grund" an­zu­se­hen. Das gilt auch dann, wenn ein Ar­beit­neh­mer Vor­ge­setz­te oder Kol­le­gen auf Face­book mit Hil­fe von Emo­ti­cons be­lei­digt.

Im Streit: Schweins­na­sen, Smi­leys, Af­fen­ge­sich­ter und Ted­dybären

Ein Me­tall­un­ter­neh­men hat­te ei­nen Mon­ta­ge­ar­bei­ter nach knapp 16jähri­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit An­fang Au­gust 2015 frist­los gekündigt, weil die­ser in ei­nem Face­book-Chat ei­nen sei­ner Vor­ge­setz­ten als "fet­tes Schwein" be­zeich­net ha­ben soll.

In dem Chat ging es um die länge­re Krank­schrei­bung ei­nes Kol­le­gen, zu der sich ins­ge­samt 21 Per­so­nen äußer­ten, dar­un­ter der gekündig­te Mon­ta­ge­ar­bei­ter und vier wei­te­re Ar­beit­neh­mer des Me­tall­un­ter­neh­mens. Die­se Krank­schrei­bung würde vor­aus­sicht­lich, so die Dis­kus­si­ons­beiträge, zur Verärge­rung bei den Vor­ge­setz­ten führen. In die­sem Zu­sam­men­hang äußer­te der Ar­beit­neh­mer

"Das Fet­te dreht durch!!! "

so­wie

"Und der kopf auch!!! "

Aus Sicht des Ar­beit­ge­bers hat­te der Ar­beit­neh­mer mit "" den Pro­duk­ti­ons­lei­ter Herrn F. ge­meint und mit "kopf" bzw. „Bären­kopf“ ei­nen Grup­pen­lei­ter.

Das Ar­beits­ge­richt Pforz­heim gab der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt (Ur­teil vom 08.12.2015, 4 Sa 5/16), da es die Kündi­gung auf­grund der fast 16jähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit als un­verhält­nismäßig an­sah.

LAG Ba­den-Würt­tem­berg: Die Be­lei­di­gung von Vor­ge­setz­ten in der Kom­men­tar­funk­ti­on der Face­book-Chro­nik ei­nes Ar­beits­kol­le­gen mit Hil­fe von Emo­ti­cons kann ein wich­ti­ger Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung sein

Auch das LAG hielt die Kündi­gung für un­verhält­nismäßig und da­her für un­wirk­sam.

In den Ur­teils­gründen stellt das LAG zunächst klar, dass der Kläger mit "fet­tes " of­fen­bar den Pro­duk­ti­ons­lei­ter ge­meint hat und mit "kopf" ei­nen Grup­pen­lei­ter, der Vor­ge­setz­ter ei­nes Kol­le­gen des Klägers war. Die Über­set­zung von "kopf" mit "Bären­kopf" be­ruht da­bei auf ei­ner ge­mein­sa­men Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der Pro­zess­be­tei­lig­ten, so das Ge­richt. Denn das Emo­ti­con "" steht für "Af­fen­ge­sicht" bzw. "mon­key face", so dass man für ei­ne Be­bil­de­rung von "Bären­kopf" bes­ser das Emo­ti­con "" ver­wen­den würde.

Die Äußerun­gen des Ar­beit­neh­mers stell­ten wei­ter­hin ei­ne Be­lei­di­gung dar und wa­ren da­mit an sich ei­nen "wich­ti­ger Grund" für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung. Dass der Kläger sei­ne Be­lei­di­gun­gen auf der Face­book-Chro­nik ei­nes Ar­beits­kol­le­gen geäußert hat­te, sprach nicht zu sei­nen Guns­ten, denn da­mit war die Möglich­keit ge­ge­ben, dass die Be­lei­di­gun­gen von ei­ner un­be­stimm­ten Viel­zahl von Per­so­nen ge­le­sen wer­den könn­ten.

Al­ler­dings ging die Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu­guns­ten des Klägers aus, da das Ge­richt ihm die Ver­wen­dung ei­nes In­si­der-Jar­gons zu­gu­te hielt. Wer die ge­mein­ten Per­so­nen nicht kennt, so das Ge­richt, wird kaum ver­ste­hen, wer ge­meint ist und/oder war­um der Aus­druck "Bären­kopf" über­haupt ei­ne Be­lei­di­gung sein könn­te. Zu­guns­ten des Klägers sprach ne­ben sei­ner lan­gen Beschäfti­gungs­dau­er auch, dass er mit den bei­den be­lei­dig­ten Vor­ge­set­zen vor­aus­sicht­lich kaum in Kon­takt ge­ra­ten würde, so dass ei­ne Be­ein­träch­ti­gung des Be­triebs­kli­mas im Fal­le der Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers nicht zu befürch­ten war. Letzt­lich hätte ei­ne Ab­mah­nung als Re­ak­ti­on auf den Vor­fall genügt, so das LAG.

Fa­zit: Es gibt bei der ar­beits­recht­li­chen Be­wer­tung von Be­lei­di­gun­gen kei­nen So­ci­al-Me­dia-Bo­nus. Dass ein Bei­trag auf Face­book schnell ge­likt ist oder dass man sich beim an­ony­men Chat­ten mit sei­nen Kom­men­ta­ren ge­gen­sei­tig über­trump­fen will, gibt So­ci­al-Me­dia-Nut­zern kei­ne Nar­ren­frei­heit.

Das gilt erst recht bei der ziel­ge­nau­en Ver­wen­dung von Emo­ti­cons. Ob "fet­tes " oder "fet­tes Schwein", das bleibt sich gleich.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c, 70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 47 09 710
Telefax: 0711 - 47 09 796
E-Mail: stuttgart@hensche.de

Bewertung: Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Be­lei­di­gung auf Face­book 4.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de