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Arbeitsrecht aktuell: 10/248 Beleidigung eines Vorgesetzten - Entschuldigung kann fristlose Kündigung abwenden




Goethe und die Systemgastronomie

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 18.06.2010, 10 Sa 307/10

Leitsätze des Landesarbeitsgerichts Köln: "Das Götz-Zitat ist grundsätzlich als grobe Beleidigung anzusehen, die auch ohne Abmahnung als Kündigungsgrund ausreichen kann. Im Rahmen der gebotenen Interessenabwägung im Einzelfall sind allerdings die die Beleidigung auslösende Konfliktsituation, der dadurch entstehende Erregungszustand, die vor Ausspruch der Kündigung erfolgte Entschuldigung des Arbeitnehmers bei dem Betroffenen - hier dem Geschäftsführer - zu Gunsten des Arbeitnehmers in Erwägung zu ziehen."

20.12.2010. Arbeitgeber können ihrem Arbeitnehmer außerordentlich fristlos kündigen, wenn sie hierfür einen wichtigen Grund haben und ihnen auch unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses (jedenfalls bis zum Ablauf der Frist für eine ordentliche Kündigung) nicht zugemutet werden kann (§ 626 Abs. 1 Bürgerliches Gesetzbuch - BGB). "An sich" ist jeder Grund geeignet, ein in diesem Sinne "wichtiger" Grund zu sein. Über Erfolg oder Misserfolg einer Kündigungsschutzklage entscheidet sich daher meist erst anhand der Frage, ob das Arbeitsverhältnis weiter zumutbar ist oder nicht. Arbeitsgerichte finden die Antwort, in dem sie das Interesse des Arbeitgebers an der Beendigung des Arbeitsverhältnisses gegen das Interesse des Arbeitnehmers an der Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses abwägen.

Zu berücksichtigen sind hier aus Sicht des Arbeitgebers die Schwere der Verfehlung, deren Folge für den Arbeitgeber, die Betriebsordnung und den Betriebsfrieden, ein eventuell eingetretener Vertrauensverlust, die Größe des Verschuldens und der Grad einer bestehenden Wiederholungsgefahr. Aus Sicht des Arbeitnehmers muss insbesondere die Dauer des Arbeitsverhältnisses, das Lebensalter und die Möglichkeit einer anderweitigen Beschäftigung beachtet werden.

Die sich langsam ändernde Rechtsprechung zu Kündigungen wegen Bagatelldelikten (wir berichteten zuletzt in Arbeitsrecht aktuell 10/220: Fristlose Kündigung unwirksam trotz Betruges mit 166 Euro Schaden) zeigt, wie wichtig ein "gesundes Augenmaß" des zuständigen Gerichts ist.

Dies gilt insbesondere in Fällen, bei denen der zur Kündigung berechtigende Grund schon "an sich" so schwer wiegt, dass eine Abmahnung entbehrlich ist. Hierzu zählen grobe Beleidigungen und Bedrohungen (wir berichteten über derartige Fälle bereits in Arbeitsrecht aktuell 10/180: Vorgesetzte beleidigt man nicht und Arbeitsrecht aktuell 10/167: Beleidigung eines unbekannten Kunden). Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG) können in ihnen nach Form und Inhalt erhebliche Ehrverletzungen des Betroffenen und damit ein schwerer Verstoß gegen die vertraglichen Rücksichtsnahmepflichten gesehen werden. Eine einmalige Beleidigung ist dabei umso schwerwiegender, je unverhältnismäßiger sie ist und je überlegter sie erfolgte. Im groben Maße unsachliche Angriffe, die unter anderem die Position des Vorgesetzten untergraben können, muss der Arbeitgeber nicht hinnehmen.

Dementsprechend war das Landesarbeitsgericht (LAG) Köln in einer seiner Mitte diesen Jahres getroffenen Entscheidungen der Auffassung, dass das aus Goethes Schauspiel "Götz von Berlichingen" stammende so genannte Götz-Zitat ("Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken!") den betroffenen Arbeitgeber an sich zu einer fristlosen Kündigung berechtigt (Urteil vom 18.06.2010, 10 Sa 307/10; Vorinstanz: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 14.01.2010, 10 Ca 7683/09).

Ein Arbeitnehmer aus dem Bereich des Systemgastronomie - der Kläger - geriet hier in Konflikt mit dem Geschäftsführer seines Arbeitgebers, d.h. dem beklagten Unternehmen. Im Lauf einer zunehmend erregt geführten Diskussion rückte der Kläger sehr nahe an den Geschäftsführer heran und sagte ihm, er solle nicht "herumpalavern". Außerdem stellte er ihm die Frage "Wer bist Du denn?") und beendete die Auseinandersetzung schließlich mit dem Satz "Du kannst mich mal ...".

Gleichwohl ging die Einzelfallabwägung zu Gunsten des Arbeitnehmers aus. Zu seinen Gunsten wertete das LAG, dass der Kläger wegen seiner Erregung spontan und unüberlegt gehandelt hatte. Auch sprach für ihn, dass er zuvor nicht einschlägig negativ aufgefallen war und sich noch vor Ausspruch der Kündigung telefonisch bei dem Geschäftsführer entschuldigt hatte. Vor diesem Hintergrund wäre aus Sicht des Gerichts eine Abmahnung ausreichend gewesen.

Die Entscheidung ist rechtskräftig.

Fazit: Die Entscheidung entspricht ganz der in letzter Zeit zu beobachtenden Tendenz, dem "Nachtatverhalten" des Arbeitnehmers ein nicht unerhebliches Gewicht beizumessen. Arbeitnehmer sollten bei Fehlverhalten dementsprechend möglichst schnell und überzeugend Einsicht bzw. Reue zeigen, d.h. sich um Wiedergutmachung bemühen.

Nähere Informationen finden sie hier:

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Letzte Überarbeitung: 9. Mai 2012

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Arbeitsrecht aktuell:


München, 16.05.2012
Altersversorgung:

Betriebliche Übung und Betriebsrente

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.05.2012, 3 AZR 128/11

Hannover, 15.05.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaubsabgeltung bei Krankheit

Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 23.02.2012, 5 Sa 1370/11

Frankfurt, 14.05.2012
Leiharbeit:

Für Leiharbeitsfirmen werden die CGZP-Tarifverträge teuer

Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 23.04.2012, L 1 KR 95/12 B ER

Berlin, 12.05.2012
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Rettungszweckverband

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 10.05.2012, 8 AZR 639/10

Köln, 09.05.2012
Whistleblowing:

Fristlose Kündigung wegen Strafanzeige

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11

Köln, 08.05.2012
Lohnrückzahlung:

Gehaltsüberzahlung bei Überstundenvergütung

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 12.10.2011, 9 Sa 156/11

München, 07.05.2012
Kündigungsschutzklage:

LAG München zu Kündigungsschutzklage und Rücknahme der Kündigung

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 13.10.2011, 3 Sa 1187/10

Frankfurt, 04.05.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaubsabgeltung nach langer Krankheit auch für Beamte

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 03.05.2012, Rs. C-337/10 - Neidel

Köln, 03.05.2012
Korruption:

Kündigung - Schmiergeld als Kündigungsgrund

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 23.01.2012, 5 Sa 371/11

Köln, 02.05.2012
Kündigung und Krankheit:

Arbeitsgericht Trier: Kündigung nach Krankmeldung als Maßregelung

Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 08.12.2011, 3 Ca 936/11

Köln, 30.04.2012
Fristlose Kündigung:

Betriebsrat - Fristlose Kündigung und trotzdem im Amt?

Landesarbeitsgericht Köln, Beschluss vom 27.07.2011, 9 TaBVGa 2/11

Frankfurt, 25.04.2012
Urlaubsabgeltung:

Urlaubsabgeltung nach Krankheit und Verfallfrist

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 13.12.2011, 9 AZR 399/10

Köln, 24.04.2012
Diskriminierungsschutz:

Geschäftsführer und Altersdiskriminierung

Bundesgerichtshof, Urteil vom 23.04.2012, II ZR 163/10

Frankfurt, 23.04.2012
Fristlose Kündigung:

Kündigung wegen Stalkings

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 19.04.2012, 2 AZR 258/11

Hamburg, 20.04.2012
Lohnuntergrenzen:

Mindestlohn gemäß Arbeitnehmer-
Entsendegesetz (AEntG)

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.04.2012, 4 AZR 139/10, Beschluss vom 18.04.2012, 4 AZR 168/10

Hamburg, 20.04.2012
Diskriminierung:

Auskunftsanspruch des abgelehnten Stellenbewerbers?

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 19.04.2012, C-415/10 (Meister)

Hannover, 18.04.2012
Gleichbehandlung:

Altersteilzeit und Betriebsrente

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 17.04.2012, 3 AZR 280/10

Hamburg, 13.04.2012
Kündigungsschutzklage:

Anfechtung eines Vergleichs nur im Ausnahmefall

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 27.09.2011, 1 Sa 538 e/10

Stuttgart, 12.04.2012
Änderungskündigung:

Abmahnung vor Änderungskündigung

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 10.11.2011, 10 Sa 329/11

Berlin, 05.04.2012
Unkündbarkeit:

Außerordentliche betriebsbedingte Kündigung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 07.02.2012, 7 Sa 2164/11

Köln, 28.03.2012
Ermahnung:

Entfernung einer Ermahnung aus der Personalakte

Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 20.12.2011, 3 Ca 1013/11

Frankfurt, 26.03.2012
Mitarbeitergespräche:

Mitbestimmung des Betriebsrates bei Mitarbeiterjahresgesprächen

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 06.02.2012, 16 Sa 1134/11

Berlin, 22.03.2012
Massenentlassungsanzeige

Massenentlassung und Stellungnahme des Betriebsrats

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.03.2012, 6 AZR 596/10

Berlin, 21.03.2012
Gleicher Urlaub:

Urlaub nach Alter ist eine Diskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.03.2012, 9 AZR 529/10

Berlin, 18.03.2012
Änderungskündigung:

Fallstricke bei betriebsbedingter Änderungskündigung wegen Betriebsschließung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.12.2011, 15 Sa 1264/11, 15 Sa 1461/11

Berlin, 16.03.2012
Bewerberdiskriminierung

Diskriminierung - Frist zur Forderung von Entschädigung rechtens

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.03.2012, 8 AZR 160/11

Berlin, 15.03.2012
Urlaubsrecht:

Kein Urlaubsverfall bei günstigem Arbeitsvertrag

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.10.2011, 9 AZR 303/10

Berlin, 14.03.2012
Wettbewerbsverbot:

Wettbewerbsverbot - Anrechung von Arbeitslosengeld auf die Karenzentschädigung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.09.2011, 10 AZR 198/10

Hamburg, 12.03.2012
Provision:

Provisionsvorschuss - Rückzahlung auch ohne Vertrag

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 06.12.2011, 1 Sa 13 a/11

Hannover, 11.03.2012
Befristung:

Befristeter Arbeitsvertrag und auflösende Bedingung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 29.06.2011, 7 AZR 6/10