HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 12.09.2007, 18 Sa 231/07

   
Schlagworte: Arbeitszeitverlängerung, Arbeitszeitverringerung,
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 18 Sa 231/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 12.09.2007
   
Leitsätze:

Von dem Grundsatz, dass nach § 9 TzBfG nur eine Erhöhung der Arbeitszeit in dem vertraglich vereinbarten Arbeitsbereich verlangt werden kann, ist zumindest abzuweichen, wenn der Verlängerungswunsch einer Arbeitskraft betroffen ist, welche durch die Erhöhung der Arbeitszeit einen nach Qualifikation und Anforderungen generell festlegbaren Arbeitsplatz wieder einnehmen will, den sie vor der Reduzierung der Arbeitszeit bereits ausfüllte.

War mit einer vor dem Verlängerungswunsch erfolgten Verringerung der Arbeitszeit ein Kompetenzverlust verbunden und ist insbesondere der Arbeitsvertrag anlässlich der Reduzierung der geschuldeten Arbeitszeit auch inhaltlich geändert worden, ist ein Arbeitsplatz im Sinne des § 9 TzBfG auch dann „entsprechend“, wenn durch die erstrebte Verlängerung der Arbeitszeit nur die Änderungen wieder rückgängig gemacht werden, die nach dem Willen beider Vertragspartner oder nach Vorgabe des Arbeitgebers zur Realisierung des Teilzeitwunsches erforderlich waren.

Vorinstanzen:
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hes­sen
Urt. v. 12.09.2007, Az.: 18 Sa 231/07

 

Te­nor:

Auf die Be­ru­fung des Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt vom 20. De­zem­ber 2006 – 5 Ca 367/06 – un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen teil­wei­se ab­geändert und klar­stel­lend wie folgt neu ge­fasst:

Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 8.141,45 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz aus 5.489,34 € seit dem 1. Sep­tem­ber 2006,aus 402,85 € seit dem 2. Ok­to­ber 2006,aus 1.115,97 € seit dem 1. No­vem­ber 2006 und aus 1.133,29 € seit dem 1. De­zem­ber 2006zu zah­len.

Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Von den Kos­ten des Rechts­streits ers­ter In­stanz hat die Kläge­rin 46 % zu tra­gen, der Be­klag­te 54 %. Von den Kos­ten des Rechts­streits zwei­ter In­stanz hat die Kläge­rin 10 % zu tra­gen, der Be­klag­te 90 %.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Kläge­rin nimmt den Be­klag­ten auf Scha­den­er­satz we­gen Nich­terfüllung ei­nes von ihr gel­tend ge­mach­ten An­spruchs auf Verlänge­rung der Ar­beits­zeit nach § 9 Tz­B­fG in An­spruch.

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Der Be­klag­te be­treibt bun­des­weit Dro­ge­riemärk­te. Von den Ar­beit­neh­mern der den Be­zir­ken A I und II zu­ge­ord­ne­ten 40 Ver­kaufs­stel­len ist ein Be­triebs­rat gewählt wor­den, de­ren Mit­glied die Kläge­rin ist.

Die 1964 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit 1986 Ar­beit­neh­me­rin des Be­klag­ten. Be­reits nach 3-mo­na­ti­ger Tätig­keit wur­de sie En­de 1986 als Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­te­rin (fol­gend: VVW) ein­ge­setzt. Nach In­an­spruch­nah­me von El­tern­zeit und ei­ner Pha­se, in wel­cher die Kläge­rin erst­mals in Teil­zeit ar­bei­te­te, lei­te­te sie ab 26. No­vem­ber 2001 die Ver­kaufs­stel­le in B. Dort hat­te die Kläge­rin ei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit von 37,5 St­un­den und wur­de ent­spre­chend der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung nach der Ge­halts­grup­pe B III des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges für den Ein­zel- und Ver­sand­han­del des Lan­des C vergütet (vgl. Ko­pie des da­ma­li­gen Ar­beits­ver­tra­ges als An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung, Bl. 29 d.A.).

We­gen ei­nes Pfle­ge­falls in der Fa­mi­lie be­an­trag­te die Kläge­rin im Herbst 2004 die Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit nach § 8 Abs. 1 Tz­B­fG auf 20 Wo­chen­stun­den. Anläss­lich der Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit schloss sie mit dem Be­klag­ten den Ar­beits­ver­trag vom 10. No­vem­ber 2004. Da­nach ar­bei­te­te sie nicht mehr als VVW, son­dern als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin mit ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 20 St­un­den in der Ver­kaufs­stel­le A, D Straße. Zur Wie­der­ga­be des In­halts die­ses Ar­beits­ver­tra­ges wird auf die wei­te­re An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung Be­zug ge­nom­men (Bl. 30 d.A.).

Ab Herbst 2005 bemühte die Kläge­rin sich dar­um, ih­re Ar­beits­zeit wie­der auf­zu­sto­cken. Sie be­warb sich mit Schrei­ben vom 22. Ok­to­ber 2005 um ei­ne am 18. Ok­to­ber 2005 aus­ge­schrie­be­ne Stel­le ei­ner VVW in A, E Straße, mit 35 Wo­chen­stun­den. In der Aus­schrei­bung die­ser Stel­le vom 18. Ok­to­ber 2005 war zur Vergütung an­geführt: Ta­rif­grup­pe III/1. Be­rufs­jahr, € 1.843,40 (vgl. Ko­pie als An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung, Bl. 31 d.A.). Die Stel­le wur­de mit ei­ner an­de­ren Ar­beit­neh­me­rin be­setzt.

Am 28. No­vem­ber 2005 wur­den al­le Ar­beit­neh­mer der Be­zir­ke A I und II über die Aus­schrei­bung ei­ner VVW-Stel­le für die Ver­kaufs­stel­le F-G, H Straße, ab 01. Ja­nu­ar 2006 mit 35 Wo­chen­stun­den in­for­miert. Zur Vergütung war an­ge­ge­ben: Ta­rif­grup­pe III/2. Be­rufs­jahr, € 1.843,00. Die Be­wer­bung soll­te an die zuständi­ge Be­zirks­lei­te­rin ge­rich­tet wer­den (vgl. An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung, Bl. 32 d.A.).

Am 01. De­zem­ber 2005 be­warb sich die Kläge­rin für die­se Stel­le. Ih­re Be­wer­bung lau­te­te aus­zugs­wei­se:

„Be­wer­bung um die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le als VVW 37,5 VST. F-G, H Straße (...) Die er­for­der­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on für ei­ne VVW-Po­si­ti­on brin­ge ich
selbst­verständ­lich mit. Der­zeit ar­bei­te ich als VK 20 in der VST. A - D Straße 98.Da ich wie­der Voll­zeit ar­bei­ten möch­te, wäre es su­per, wenn ich die­se Stel­le
bekäme!(...)“

Die Kläge­rin wur­de nicht berück­sich­tigt. Auf die Stel­le der VVW für die­se Fi­lia­le wur­de die Ar­beit­neh­me­rin I ver­setzt. De­ren Ar­beits­zeit blieb un­verändert (vgl. Ko­pie der Ver­tragsände­rung als An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung, Bl. 38 d.A.)

Nach die­sem Zeit­punkt be­warb sich die Kläge­rin noch am 14. März 2006, 24. März 2006, 26. April 2006 und 21. Ju­ni 2006 auf wei­te­re Stel­len, die je­weils mit wöchent­li­chen Ar­beits­zei­ten zwi­schen 30 und 35 St­un­den aus­ge­schrie­ben wa­ren. Her­vor­zu­he­ben ist die Be­wer­bung der Kläge­rin vom 14. März 2006. Die­se be­traf kei­ne VVW-Stel­le, son­dern ei­ne Stel­le als Verkäufe­r­in/Kas­sie¬re­rin mit 30 Wo­chen­stun­den für die Fi­lia­le A, J Str.

Die Kläge­rin hat gel­tend ge­macht, dass der Be­klag­te gem. § 9 Tz­B­fG ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, ih­re Ar­beits­zeit zu verlängern.

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Mit ih­rer beim Ar­beits­ge­richt Darm­stadt am 25. Au­gust 2006 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat­te sie zunächst be­an­tragt, den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, ei­ner Verlänge­rung ih­rer Ar­beits­zeit auf 37,5 St­un­den zu­zu­stim­men und for­der­te Scha­den­er­satz in Höhe von € 10.134,52. Nach­dem der Be­klag­te die Kläge­rin seit 01. De­zem­ber 2006 auf ei­ner VVW-Stel­le mit 37,5 Wo­chen­stun­den ein­setzt, macht die Kläge­rin nur noch Scha­den­er­satz gel­tend. Die Kläge­rin hat ih­ren Scha­den aus der Dif­fe­renz zwi­schen der Vergütung be­rech­net, wel­che sie in der Zeit vom 01. No­vem­ber 2005 bis 30. De­zem­ber 2006 las VVW er­zielt hätte und dem Be­trag, wel­chen sie in der maßgeb­li­chen Zeit tatsächlich als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin ver­dien­te.

Die Kläge­rin hat, so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren er­heb­lich, be­an­tragt,

den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an sie € 9.065,14 brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem je­weils gülti­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 25. Au­gust 2006 zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Er hat die An­sicht ver­tre­ten, die Kläge­rin ha­be we­der bei der Stel­len­be­set­zung für die Ver­kaufs­stel­le in A, E Straße, noch bei der Fi­lia­le in F berück­sich­tigt wer­den können. Der Be­klag­te hat in die­sem Zu­sam­men­hang gel­tend ge­macht, dass er sei­ne Ver­kaufs­stel­len - un­strei­tig - als Pro­fit­cen­ter führt und die ei­ner Ver­kaufs­stel­le zu­ge­stan­de­nen Per­so­nal­kos­ten vom Um­satz der je­wei­li­gen Ver­kaufs­stel­le abhängig sind. Die Ein­grup­pie­rung der Kläge­rin hätte in die Ge­halts­grup­pe III a/ “nach dem 4. Tätig­keits­jahr“ des Ge­halts­ta­rif­ver­trags für den hes­si­schen Ein­zel­han­del er­fol­gen müssen. Die Per­so­nal­kos­ten der je­wei­li­gen Stel­le hätten dann über dem in den Aus­schrei­bun­gen fest­ge­leg­ten Bud­get ge­le­gen.

Das Ar­beits­ge­richt Darm­stadt hat der Kla­ge in dem zu­letzt von der Kläge­rin noch auf­recht­er­hal­te­nen Um­fang durch am 20. De­zem­ber 2006 verkünde­tes Ur­teil statt­ge­ge­ben. Zur Be­gründung hat es aus­geführt, dass der Be­klag­te nach § 9 Tz­B­fG ver­pflich­tet ge­we­sen wäre, die Kläge­rin auf der VVW-Stel­le in A, E Straße, ein­zu­set­zen. Der Um­stand, dass ei­ner Stel­le nach dem Per­so­nal­kos­ten­bud­get der je­wei­li­gen Fi­lia­le nur Lohn­kos­ten in be­grenz­ter Höhe zu­ge­wie­sen sei­en, bil­de kei­nen drin­gen­den be­trieb­li­chen Grund im Sin­ne die­ser Vor­schrift. Der Zweck des § 9 Tz­B­fG würde an­de­ren­falls ver­ei­telt, da der Ar­beit­ge­ber dann im­mer erst kurz­fris­tig ein­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer be­vor­zu­gen dürfe. Hin­sicht­lich der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten so­wie die vom Ar­beits­ge­richt Darm­stadt vor­ge­nom­me­ne Scha­dens­be­rech­nung wird auf Tat­be­stand und Ent­schei­dungs­gründe der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung (Bl. 82 - 89 d.A.) ver­wie­sen.

Ge­gen die­ses Ur­teil, wel­ches dem Be­klag­ten am 07. Fe­bru­ar 2007 zu­ge­stellt wor­den ist, hat die­ser mit am 15. Fe­bru­ar 2007 bei dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­ner Be­ru­fungs­schrift Be­ru­fung ein­ge­legt. Die Be­ru­fung ist mit am 05. März 2007 bei dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz recht­zei­tig be­gründet wor­den.

Der Be­klag­te stützt die Be­ru­fung im We­sent­li­chen dar­auf, er ha­be nicht ge­gen § 9 Tz­B­fG ver­s­toßen.

Da die Kläge­rin seit No­vem­ber 2004 als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin ge­ar­bei­tet hat­te, ha­be es sich bei den VVW-Stel­len, auf die sie sich be­warb, nicht um „ent­spre­chen­de“ freie Ar­beitsplätze im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG ge­han­delt. Der Be­klag­te meint, auf § 9 Tz­B­fG könne kei­ne Beförde­rung oder die Über­tra­gung ei­ner höher­wer­ti­gen Tätig­keit gestützt wer­den. In die­sem Zu­sam­men­hang hat der Be­klag­te dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ei­ne VVW fach­li­che Vor­ge­setz­te al­ler in ei­ner Ver­kaufs­stel­le beschäftig­ten Verkäufe­r­in­nen/Kas­sie­re­rin­nen ist und nach in den Ar­beits­verträgen ver­ein­bar­ten An­wen­dung des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges auch höher ein­zu­grup­piert ist. Dies ist un­strei­tig ge­blie­ben.

Hilfs­wei­se be­haup­tet der Be­klag­te, die Kläge­rin ha­be im No­vem­ber 2004 anläss­lich ih­res An­trags auf Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit ei­ne Beschäfti­gung als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin ver­langt. Vor­sorg­lich hat der Be­klag­te er­neut die An­sicht ver­tre­ten, dass er Stel­len nur nach Vor­ga­be des

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Per­so­nal­kos­ten­kon­zepts der je­wei­li­gen Ver­kaufs­stel­le be­set­zen müsse.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt vom 20. De­zem­ber 2006 - 5 Ca 367/06 - ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin ist der Auf­fas­sung, das Ad­jek­tiv „ent­spre­chend“ in § 9 Tz­B­fG be­zie­he sich nur auf die Dau­er der Ar­beits­zeit. Ein An­spruch nach § 9 Tz­B­fG sei nicht durch die höhe­re Wer­tig­keit ei­ner Stel­le aus­ge­schlos­sen.

Hilfs­wei­se hat die Kläge­rin be­haup­tet, dass die Re­du­zie­rung ih­rer Ar­beits­zeit auf 20 St­un­den pro Wo­che nur mit ih­rer Ein­wil­li­gung in ei­ne Ver­tragsände­rung durchführ­bar ge­we­sen sei. Der Be­klag­te leh­ne es ab, VVW als Teil­zeit­kräfte zu beschäfti­gen. Des­halb ha­be sie ihr Ein­verständ­nis mit ei­ner Ver­tragsände­rung zu ei­ner Tätig­keit als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin erklären müssen. Die Kläge­rin ist der An­sicht, dass der Re­ge­lungs­zweck des § 9 Tz­B­fG nur er­reicht wer­de, wenn bei Verlänge­rung der Ar­beits­zeit auch ei­ne höher­wer­ti­ge Tätig­keit er­reicht wer­den könne, die vor der Verkürzung der Ar­beits­zeit be­reits aus­geübt wur­de. Äußerst hilfs­wei­se macht die Kläge­rin gel­tend, dass ihr zu­min­dest die mit 30 St­un­den aus­ge­schrie­be­ne Stel­le als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin in der Ver­kaufs­stel­le A, J Straße, hätte zu­ge­wie­sen wer­den müssen, auf die sie sich mit Schrei­ben vom 14. März 2006 be­wor­ben hat­te.

We­gen des wei­te­ren Vor­trags der Par­tei­en wird auf den In­halt der in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­tra­ge­nen Schriftsätze und die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 04. Ju­li 2007 Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ist gem. §§ 64 Abs. 2 b , 8 Abs. 2 ArbGG nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des statt­haft. Der Be­klag­te hat die Be­ru­fung form- und frist­ge­recht ein­ge­legt, die­se ist recht­zei­tig und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den ( §§ 519 , 520 ZPO , 66 Abs. 1 ArbGG ).

Die Be­ru­fung bleibt je­doch über­wie­gend oh­ne Er­folg. Der Be­klag­te ist ver­pflich­tet, der Kläge­rin Scha­den­er­satz in Höhe von € 8.141,45 nebst Zin­sen gem. §§ 280 Abs. 1 , 283 Satz 1 , 275 Abs. 1 , Abs. 4 , 251 Abs. 1 , 252 BGB i.V.m. § 9 Tz­B­fG zu zah­len. Der Be­klag­te hätte die ab 01. Ja­nu­ar 2006 mit 35 Wo­chen­stun­den aus­ge­schrie­be­ne Stel­le der Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­te­rin (VVW) für die Fi­lia­le in F-G mit der Kläge­rin be­set­zen müssen. Ein An­spruch der Kläge­rin, auf Zu­wei­sung der VVW-Stel­le in A, E Straße, auf wel­che sie sich be­reits am 22. Ok­to­ber 2005 be­wor­ben hat­te, be­stand ent­ge­gen der Fest­stel­lung des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt nicht.

I. Hat ei­ne Teil­zeit­kraft nach § 9 Tz­B­fG An­spruch auf Verlänge­rung der Ar­beits­zeit und über­geht der Ar­beit­ge­ber bei der Be­set­zung ei­nes ge­eig­ne­ten frei­en Ar­beits­plat­zes den Ar­beit­neh­mer/die Ar­beit­neh­me­rin schuld­haft, ent­steht ein Scha­den­er­satz­an­spruch we­gen Unmöglich­keit der Erfüllung ( BAG Ur­teil vom 25.10.1994 - 3 AZR 987/93 - AuR 2001, 146; BAG Ur­teil vom 15.08.2006 - 9 AZR 8/06 – NZA 2007, 255; LAG Düssel­dorf Ur­teil vom 23.03.2006 - 5 (3) Sa 13/06 - zi­tiert nach ju­ris; LAG Ber­lin Ur­teil vom 02.12.2003 - 3 Sa 1041/03 - AuR 2004, 275; Busch­mann/Die­ball/Ste­vens-Bar­tol, TZA Das Recht der Teil­zeit­ar­beit, 2. Aufl., § 9 Rz 32; Ar­nold/Gräfl - Hem­ke, Pra­xis­kom­men­tar zum Tz­B­fG, § 9 Rz 41; Sie­vers, Tz­B­fG, § 9 Rz 16).Nach § 9 Tz­B­fG muss ein Ar­beit­ge­ber ei­nen teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, der ihm den Wunsch nach Verlänge­rung sei­ner ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit an­ge­zeigt hat, bei der Be­set­zung ei­nes frei­en Ar­beits­plat­zes berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe oder Ar­beits­zeitwünsche an­de­rer teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen.

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1. Die Kläge­rin erfüllt die all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen der Norm. Sie war bei dem Be­klag­ten seit 15. No­vem­ber 2004 mit 20 Wo­chen­stun­den teil­zeit­beschäftigt im Sin­ne von § 2 Tz­B­fG . Der Be­klag­te setzt Voll­zeit­kräfte ent­spre­chend der ta­rif­li­chen Re­ge­lung durch den Man­tel­ta­rif­ver­trag vom 24. Sep­tem­ber 1996 in der seit 01. Ju­li 2001 gel­ten­den Fas­sung für den Ein­zel- und Ver­sand­han­del in C mit 37,5 Wo­chen­stun­den ein.

2. Die Kläge­rin hat auch den Wunsch nach ei­ner Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber an­ge­zeigt, wie § 9 Tz­B­fG ver­langt. Die­se Vor­aus­set­zung hat die Kläge­rin je­doch erst mit ih­rer Be­wer­bung vom 01. De­zem­ber 2005 um die VVW-Stel­le in F-G erfüllt (vgl. Ko­pie der Be­wer­bung als An­la­ge zur Sit­zungs­nie­der­schrift vom 04.07.2007, Bl. 137 d.A.).

Vor Zu­gang die­ses Schrei­bens be­stand kein An­lass für den Be­klag­ten, die Kläge­rin bei der Zu­wei­sung ei­ner frei­en Stel­le be­son­ders zu berück­sich­ti­gen. Der Um­stand, dass die Kläge­rin bei der Be­set­zung der VVW-Stel­le für die Fi­lia­le in A, E Straße, auf die sie sich be­reits am 22. Ok­to­ber 2005 be­wor­ben hat­te, kei­nen Er­folg hat­te, ist kein An­knüpfungs­punkt für ei­nen auf ein Ver­s­toß ge­gen § 9 Tz­B­fG gestütz­ten Scha­den­er­satz­an­spruch. Nach dem fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt hat­te die Kläge­rin zum Zeit­punkt die­ser Be­wer­bung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber ih­ren Wunsch auf Verlänge­rung der Ar­beits­zeit noch nicht an­ge­zeigt. Die­ser war des­halb nicht ver­pflich­tet, bei Be­set­zung der Stel­le ei­nen nach § 9 Tz­B­fG un­ter den dort ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen vor­ran­gi­gen An­spruch der Kläge­rin ge­genüber an­de­ren Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern zu prüfen. So­weit das Ar­beits­ge­richt Darm­stadt bei der Be­rech­nung des Scha­dens­er­satz­an­spru­ches der Kläge­rin da­von aus­ge­gan­gen ist, dass die­se be­reits ab 1. No­vem­ber 2004 als VVW in ei­nem Um­fang von 35 Wo­chen­stun­den hätte ein­ge­setzt wer­den müssen, war die Ent­schei­dung da­her auf­zu­he­ben.

a) § 9 Tz­B­fG ord­net kei­nen „au­to­ma­ti­schen“ Vor­rang ei­ner Teil­zeit­kraft vor an­de­ren Be­wer­bern bei ei­ner Stel­len­be­set­zungs­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers an. Nur wenn die Ar­beit­neh­me­rin bzw. der Ar­beit­neh­mer ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber oder ei­nem Ver­tre­ter erklärt hat, dass die Verlänge­rung der Ar­beits­zeit gewünscht wird, ent­steht ein An­spruch nach § 9 Tz­B­fG un­ter den dort im Übri­gen ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen. Adres­sat die­ser An­zei­ge ist der Ar­beit­ge­ber oder ei­ne ver­tre­tungs­be­rech­tig­te Per­son. Sie muss vor der Be­set­zung des Ar­beits­plat­zes ge­sche­hen sein, ei­ne be­son­de­re Form ist nicht vor­ge­schrie­ben (Ar­nold/Gräfl - Hem­ke, Pra­xis­kom­men­tar zum Tz­B­fG, § 9 Rz 8 f.).

b) Das Be­wer­bungs­schrei­ben vom 01. De­zem­ber 2005 (Ko­pie als An­la­ge zur Sit­zungs­nie­der­schrift vom 04.07.2007, Bl. 137 d.A.) ist im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG aus­rei­chend. Es ist an die Be­zirks­lei­te­rin und da­mit an die Per­so­nen im Un­ter­neh­men des Be­klag­ten ge­rich­tet, wel­che über die Be­set­zung der Fi­lia­le mit ei­ner Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­te­rin ent­schei­den. In der Stel­len­an­zei­ge vom 28. No­vem­ber 2005 wa­ren die Mit­ar­bei­te­rin­nen auf­ge­for­dert wor­den, ih­re Be­wer­bung an die zuständi­ge Be­zirks­lei­te­rin zu rich­ten (vgl. Ko­pie als An­la­ge zum Schrift­satz des Be­klag­ten vom 19.10.2006, Bl. d.A.). Ver­tre­ter des Ar­beit­ge­bers für ei­ne An­zei­ge des Ar­beit­neh­mers auf Erhöhung der Ar­beits­zeit im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG ist nach ei­ner Auf­fas­sung die Stel­le im Un­ter­neh­men, wel­che für Per­so­nal­an­ge­le­gen­hei­ten zuständig ist (An­nuß/Thüsing - Ja­cobs, Tz­B­fG, 2. Aufl., § 9 Rz 8). Nach an­de­rer Auf­fas­sung muss sich der Ar­beit­ge­ber die Kennt­nis je­der Per­son zu­rech­nen las­sen, die ge­genüber der Teil­zeit­kraft Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on ausübt (Busch­mann/Die­ball/Ste­vens-Bar­tol, TZA, 2. Aufl., § 9 Rz 14).

Die Mit­tei­lung im Zu­sam­men­hang mit der an die der Kläge­rin vor­ge­setz­te Be­zirks­lei­te­rin genügt nach bei­den Vor­aus­set­zun­gen. Der der Be­zirks­lei­te­rin wie­der­um vor­ge­setz­te Ver­kaufs­lei­ter hat­te die­se mit Aus­schrei­bung der Stel­le als Erklärungs­empfänge­rin be­stimmt.

c) Der mit der Be­wer­bung erklärte Wunsch nach Verlänge­rung der Ar­beits­zeit erfüllt auch in­halt­lich die An­for­de­run­gen des § 9 Tz­B­fG . Die Kläge­rin hat an­ge­ge­ben, dass sie als Teil­zeit­kraft ar­bei­te. Sie hat sich mit der Abkürzung „VK 20“ als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von 20 St­un­den be­zeich­net. Außer­dem hat sie mit­ge­teilt, dass sie wie­der „Voll­zeit ar­bei­ten möch­te“. Ei­ne Be­gründung des Verlänge­rungs­wun­sches ist nicht er­for­der­lich. Es ist nicht er­heb­lich, dass die Stel­le nur mit 35 Wo­chen­stun­den aus­ge­schrie­ben war, statt wie von der Kläge­rin in der Be­wer­bung

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an­ge­ge­ben mit 37,5. § 9 Tz­B­fG er­fasst je­de Erhöhung der ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit. Die frag­li­che Stel­le ist durch die ört­li­che Be­zeich­nung der Fi­lia­le ein­deu­tig be­stimmt wor­den. Bei er­folg­rei­cher Be­wer­bung hätte die Kläge­rin ih­re zu die­sem Zeit­punkt auf 20 Wo­chen­stun­den be­schränk­te Ar­beits­zeit erhöht.

II. Der Be­klag­te wäre ver­pflich­tet ge­we­sen, die Kläge­rin als VVW ab 01. Ja­nu­ar 2006 mit 35 Wo­chen­stun­den ent­spre­chend der Aus­schrei­bung vom 28. No­vem­ber 2005 ein­zu­set­zen.

1.Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten han­delt es sich bei der VVW-Stel­le auch um ei­nen „ent­spre­chen­den Ar­beits­platz“ im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG . Ent­schei­dend ist, dass die Kläge­rin durch ei­ne Zu­wei­sung die­ser Stel­le nicht erst­mals ei­ne höher­wer­ti­ge Tätig­keit oder ei­ne Beförde­rung er­reicht hätte, son­dern ei­ne Rück­kehr zu den Ar­beits­be­din­gun­gen, wel­che für sie vor der Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit gal­ten und die sie rückgängig ma­chen woll­te.

a) Das Berück­sich­ti­gungs­ge­bot des § 9 Tz­B­fG be­zieht sich grundsätz­lich nur auf Ar­beitsplätze, wel­che dem ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Tätig­keits­be­reich des Ar­beit­neh­mers ent­spre­chen, wie der Be­klag­te aus­geführt hat. An­halts­punkt ist in­so­fern, ob der Ar­beit­ge­ber dem be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auch im We­ge des Di­rek­ti­ons­rechts den Ar­beits­platz zu­wei­sen könn­te. Ist ei­ne Ver­set­zung nur im We­ge der Ände­rungskündi­gung möglich, soll der Ar­beits­platz nicht „ent­spre­chend“ sein, wie von § 9 Tz­B­fG vor­ge­se­hen (Rolfs, RdA 2001, 129, 139; Ar­nold/Gräfl - Hem­ke, Pra­xis­kom­men­tar zum Tz­B­fG, § 9 Rz 19; ErfK-Preis, 7. Aufl., § 9 Tz­B­fG Rz 7; An­nuß/Thüsing - Ja­cobs, Tz­B­fG, 2. Aufl., § 9 Rz 17; a.A.: Kitt­ner/Däubler/Zwan­zi­ger, KSchR, 6. Aufl., § 9 Tz­B­fG Rz 4; vgl. auch: BAG Ur­teil vom 25.10.1994 - 3 AZR 987/93 - AuR 2001, 146 für ei­ne § 9 Tz­B­fG ent­spre­chen­de Ta­rif­norm). Von dem vor­ste­hen­den Grund­satz ist zu­min­dest ab­zu­wei­chen, wenn der Verlänge­rungs­wunsch ei­ner Ar­beits­kraft be­trof­fen ist, wel­che durch die Erhöhung der Ar­beits­zeit ei­nen nach Qua­li­fi­ka­ti­on und An­for­de­run­gen ge­ne­rell fest­leg­ba­ren Ar­beits­platz wie­der ein­neh­men will, den sie vor der Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit be­reits ausfüll­te. War mit ei­ner vor dem Verlänge­rungs­wunsch er­folg­ten Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit ein Kom­pe­tenz­ver­lust ver­bun­den und ist ins­be­son­de­re der Ar­beits­ver­trag anläss­lich der Re­du­zie­rung der ge­schul­de­ten Ar­beits­zeit auch in­halt­lich geändert wor­den, ist ein Ar­beits­platz im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG auch dann „ent­spre­chend“, wenn durch die er­streb­te Verlänge­rung der Ar­beits­zeit nur die Ände­run­gen wie­der rückgängig ge­macht wer­den, die nach dem Wil­len bei­der Ver­trags­part­ner oder nach Vor­ga­be des Ar­beit­ge­bers zur Rea­li­sie­rung des Teil­zeit­wun­sches er­for­der­lich wa­ren.Ein „ent­spre­chen­der Ar­beits­platz“ im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG ist da­mit auch „ein Ar­beits­platz, der bei frühe­rer Ver­ein­ba­rung ei­ner höhe­ren Ar­beits­zeit schon be­setzt wor­den war“.Die­ses Verständ­nis ge­bie­tet der Re­ge­lungs­zweck des § 9 Tz­B­fG . Die Norm ziel­te dar­auf, Teil­zeit­ar­beit zu fördern. Be­rech­tig­ter­wei­se wird ver­mu­tet, dass die Be­reit­schaft zur Teil­zeit­ar­beit größer ist, wenn auch die Aus­sicht be­steht, ei­nen Wech­sel in die Teil­zeit wie­der rückgängig ma­chen zu können (vgl. BT-Dr. 14/4374, S. 18). Hier­bei geht § 9 Tz­B­fG über den Re­ge­lungs­zweck des § 5 Abs. 3 b) und c) der Richt­li­nie 97/81/EG hin­aus.

b) Die vor­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt:

Für die Kläge­rin geht es um die Rück­kehr auf ei­nen früher in­ne­ge­hab­ten Ar­beits­platz. Nach den zur Ak­te ge­reich­ten Ar­beits­verträgen der Kläge­rin und an­de­rer Ar­beit­neh­me­rin­nen behält sich der Be­klag­te ar­beits­ver­trag­lich das Recht vor, Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­te­rin­nen auch in ei­ne an­de­re Ver­kaufs­stel­le zu ver­set­zen als aus­drück­lich im Ver­trag an­geführt. Es genügt al­so, dass die Kläge­rin schon als VVW für den Be­klag­ten tätig war. Ob und ge­ge­be­nen­falls wie lan­ge sie in der kon­kre­ten Fi­lia­le schon ein­mal ge­ar­bei­tet hat­te, spielt kei­ne Rol­le. Der Be­klag­te setzt in sei­nen Ver­kaufs­stel­len im Re­gel­fall Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­te­rin­nen nur in Voll­zeit oder mit ei­ner ge­ringfügig dar­un­ter­lie­gen­den Ar­beits­zeit ein. Da­bei leis­ten in den Ver­kaufs­stel­len des Be­zirks A I und II nach den An­ga­ben des Be­klag­ten al­le VVW min­des­tens 30 Wo­chen­stun­den. Die­se VVW sind für den Ein­satz der wei­te­ren Verkäufe­r­in­nen/Kas­sie­re­rin­nen ih­rer Fi­lia­le ver­ant­wort­lich, die wie­der­um ge­ne­rell nur als Teil­zeit­kräfte beschäftigt wer­den. Die un­ter­schied­li­che Ein­grup­pie­rung des Ver­kaufs­per­so­nals ist durch die Vor­ge­setz­ten­funk­ti­on der VVW und die im Rah­men der Stel­len­be­schrei­bung vor­ge­ge­be­nen Auf­ga­ben bei der Fi­li­alführung ge­recht­fer­tigt (vgl. die Ko­pie ei­ner Stel­len­be­schrei­bung Ver­kaufs­stel­len­ver­wal­tung als An­la­ge B 1 zur Be­ru­fungs­be­gründung, Bl.

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103 d.A.). Auf­grund der Ge­stal­tung der Ar­beits­verträge durch den Be­klag­ten wer­den (in C) VVW nach der Ge­halts­grup­pe B III des je­weils gülti­gen Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges für den Ein­zel- und Ver­sand­han­del des Lan­des C vergütet. Teil­zeit­kräfte in der Funk­ti­on ei­ner Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin er­hal­ten je nach den persönli­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­ne Vergütung nach der Ge­halts­grup­pe A oder B I a des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges.

Die Kläge­rin hat­te anläss­lich der Ver­rin­ge­rung ih­rer Ar­beits­zeit von 37,5 St­un­den (VVW der Fi­lia­le B) ab 15. No­vem­ber 2004 auf 20 Wo­chen­stun­den ei­ner Ver­tragsände­rung zu­ge­stimmt, wo­nach sie nur noch als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin in der Ge­halts­grup­pe B I a) ar­bei­te­te (vgl. Ko­pie des Ver­tra­ges als An­la­ge zur Kla­ge­schrift, Bl. 14 f. d.A.). Dies be­ruh­te dar­auf, dass der Be­klag­te die Stel­le ei­ner VVW nicht mit ei­ner Teil­zeit­kraft be­setzt, die (le­dig­lich) 20 Wo­chen­stun­den leis­tet. Der Vor­trag des Be­klag­ten, die Kläge­rin ha­be ei­ne Beschäfti­gung als VK be­gehrt, schließt nicht ein, dass die Kläge­rin auf ei­ne der­ar­ti­ge Ver­tragsände­rung hätte ver­zich­ten können. Die Kläge­rin wuss­te, dass sie als VVW kei­ne Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit auf 20 Wo­chen­stun­den er­rei­chen konn­te und war da­her be­reit, als Verkäufe­r­in/Kas­sie­re­rin zu ar­bei­ten. Dies ent­spricht auch der Kam­mer aus ei­nem an­de­ren Rechts­streit um die Gewährung von Teil­zeit­ar­beit be­kann­ten Vor­ga­be des Be­klag­ten, VVW-Stel­len nur mit Voll­zeit­ar­beits­kräften oder sol­chen Per­so­nen zu be­set­zen, wel­che die Ar­beits­zeit ei­ner vol­len Stel­le nur ge­ringfügig un­ter­schrei­ten. Die­ser Fest­stel­lung ist von den Ver­tre­tern des Be­klag­ten in der Ver­hand­lung vom 04. Ju­li 2007 nicht wi­der­spro­chen wor­den.

2. Die Kläge­rin war für die VVW-Stel­le in Roßbach-G ge­eig­net. Sie hat seit Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses im Jahr 1986 min­des­tens 8 Jah­re als VVW ge­ar­bei­tet. Außer­dem ver­trat sie im Jahr 2005 für 11 Wo­chen ei­ne an­de­re VVW.

3. Dem Ein­satz der Kläge­rin auf der zum 01. Ja­nu­ar 2006 aus­ge­schrie­be­nen Stel­le stan­den kei­ne drin­gen­den be­trieb­li­chen Gründe im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG ent­ge­gen. Der Be­klag­te kann sich nicht dar­auf be­ru­fen, dass die Kläge­rin auf­grund ih­rer nach dem Ge­halts­ta­rif­ver­trag als vergütungs­re­le­vant zu berück­sich­ti­gen­den Tätig­keits­jah­re nach dem für die Ver­kaufs­stel­le maßgeb­li­chen Per­so­nal­kos­ten­kon­zept „zu teu­er“ ge­we­sen sei.

Ein be­trieb­li­cher Grund im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG muss be­zo­gen auf den an­ge­streb­ten Ar­beits­platz oder auf den Ar­beits­platz, wel­chen die Teil­zeit­kraft auf­ge­ben will, dar­ge­legt wer­den. Dies ist z.B. der Fall, wenn der bis­he­ri­ge Ar­beits­platz nicht neu be­setzt wer­den kann oder Rechts­ansprüche Drit­ter, z.B. we­gen Per­so­nal­ab­baus, auf den frei wer­den­den Ar­beits­platz be­ste­hen (vgl. An­nuß/Thüsing - Ja­cobs, Tz­B­fG, § 9 Rz 25 f.). Nur dann liegt ein Grund von er­heb­li­chem Ge­wicht vor, nach­dem das grundsätz­lich vor­ran­gi­ge In­ter­es­se des teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mers zurück­zu­tre­ten hat. Das Per­so­nal­kos­ten­kon­zept des Be­klag­ten be­grenzt die vor­aus­sicht­li­chen Per­so­nal­kos­ten ei­ner je­wei­li­gen Ver­kaufs­stel­le durch den Um­satz die­ser Ver­kaufs­stel­le. Die ei­nem Ar­beit­neh­mer/ei­ner Ar­beit­neh­me­rin zu zah­len­de Vergütung er­gibt sich aus ar­beits­ver­trag­li­cher Re­ge­lung so­wie - bei An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges – den An­for­de­run­gen des kon­kre­ten Ar­beits­plat­zes und ge­ge­be­nen­falls persönli­chen Merk­ma­len, die an Be­rufs- oder Tätig­keits­jah­re an­knüpfen. Die zu­letzt an­geführ­ten per­so­nen­be­zo­ge­nen Vergütungs­be­stand­tei­le sind vom kon­kre­ten Ar­beits­platz un­abhängig. Sie können al­so nicht der Be­set­zung ei­ner be­stimm­ten Stel­le wi­der­spre­chen (vgl. LAG Düssel­dorf Ur­teil vom 11.08.2006 - 9 Sa 172/06 - AuR 2006, 452; auf­ho­ben durch Ur­teil des BAG vom 08.05.2007 - 9 AZR 874/06 - zi­tiert nach Pres­se­mit­tei­lung Nr. 30/07). Dem fol­gend kann der Be­klag­te nicht aus be­trieb­li­chen Gründen Ar­beitsplätze nur für Ar­beit­neh­mer mit ge­rin­ger Ein­stiegs­vergütung vor­ge­ben.

4. Der Be­klag­te hat nicht gel­tend ge­macht, dass Teil­zeitwünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer vor­ran­gig bei Be­set­zung der Stel­le in F-G zu berück­sich­ti­gen wa­ren.

5.Gründe, wel­che ge­gen die An­nah­me ei­nes Ver­schul­dens des Be­klag­ten ( § 276 Abs. 1 BGB ) spre­chen, sind nicht vor­ge­tra­gen wor­den.

III. Die Höhe des der Kläge­rin zu leis­ten­den Scha­den­er­sat­zes von € 8.141,45 folgt aus §§ 249 , 251 Abs. 1 , 252 BGB .

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Die Kläge­rin kann nachträglich nicht mehr die Vergütung er­zie­len, wel­che ihr bei ei­ner Beschäfti­gung als VVW in F-G ab 01. Ja­nu­ar 2006 bis 30. No­vem­ber 2006 zu­ge­stan­den hätte. Von dem Ver­dienst, den sie er­zielt hätte, ist das Ent­gelt ab­zu­zie­hen, wel­ches sie durch ih­re Tätig­keit für den Be­klag­ten tatsächlich er­ziel­te.

Da die Stel­le der VVW in F-G ent­ge­gen der Be­wer­bung der Kläge­rin nur mit ei­ner Wo­chen­ar­beits­zeit von 35 St­un­den aus­ge­schrie­ben war (vgl. Ko­pie der Stel­len­aus­schrei­bung als An­la­ge zur Kla­ge­er­wi­de­rung, Bl. 32 d.A.), be­rech­net sich der nach §§ 280 , 283 Satz 1 BGB maßgeb­li­che Scha­den aus der Dif­fe­renz des Ver­diens­tes, wel­chen die Kläge­rin in der Ge­halts­grup­pe B III in der Zeit vom 01. Ja­nu­ar 2006 bis 30. No­vem­ber 2006 bei ei­ner 35-St­un­den-Wo­che er­zielt hätte und ih­rem tatsächli­chen Ar­beits­ein­kom­men.

1. Gemäß § 3 B III, Ge­halts­staf­fel a), Stu­fe „nach dem 4. Jahr der Tätig­keit“ des Ge­halts­ta­rif­ver­tra­ges für den Ein­zel- und Ver­sand­han­del des Lan­des C vom 27. Ja­nu­ar 2007 be­trug das Ge­halt für ei­ne vol­le Stel­le (37,5 St­un­den) in der Zeit vom 01. Ja­nu­ar 2006 bis 30. Au­gust 2006: € 2.319,00, ab 01. Sep­tem­ber 2006: € 2.342,00. Dem ent­spricht ei­ne Vergütung von € 2.164,40 (Ja­nu­ar bis Au­gust) bzw. € 2.185,87 (Sep­tem­ber bis No­vem­ber) für ei­ne 35-St­un­den-Wo­che. Dies er­gibt ei­ne fik­ti­ve Vergütung von € 23.872,81für die Zeit von 01. Ja­nu­ar bis 30. No­vem­ber 2006. Die Kläge­rin ver­dien­te oh­ne Berück­sich­ti­gung der vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen, des ta­rif­li­chen Ur­laubs­gelds so­wie der seit Ju­ni 2006 ge­zahl­ten ta­rif­li­chen So­zi­al­zu­la­ge von mo­nat­lich € 10,23 in der Zeit vom 01. Ja­nu­ar 2006 bis 30. No­vem­ber 2006 ins­ge­samt € 15.731,36 brut­to. Ihr Scha­den beträgt da­nach € 8.141,45, wie aus der fol­gen­den Ta­bel­le er­sicht­lich:

Brut­to­ver­dienst Ta­rif­ge­halt Differenz2006 be­rei­nigt 35 WoStd. Ja­nu­ar 1.510,23 € 2.164,40 € 654,17 € Fe­bru­ar 1.254,24 € 2.164,40 € 910,16 € März 1.589,47 € 2.164,40 € 574,93 € April 1.729,65 € 2.164,40 € 434,75 € Mai 1.522,42 € 2.164,40 € 641,98 € Ju­ni 1.467,57 € 2.164,40 € 696,83 € Ju­li 1.327,38 € 2.164,40 € 837,02 € Au­gust 1.424,90 € 2.164,40 € 739,50 € Sep­tem­ber 1.783,02 € 2.185,87 € 402,85 € Ok­to­ber 1.069,90 € 2.185,87 € 1.115,97 € No­vem­ber 1.052,58 € 2.185,87 € 1.133,29 € 15.731,36 € 23.872,81 € 8.141,45 €

In Höhe des über­stei­gen­den Be­tra­ges war das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Darm­stadt auf­zu­he­ben.

2. Der Zins­an­spruch er­gibt sich der Höhe nach aus § 288 Abs. 1 BGB . Die Vergütung war, da kei­ne an­de­re ver­trag­li­che Re­ge­lung er­folgt ist, gem. §§ 614 , 193 BGB an dem ers­ten dem Tätig­keits­mo­nat fol­gen­den Tag fällig, wel­cher nicht auf ei­nen Sonn­tag, Sams­tag oder Fei­er­tag fiel. Dar­aus er­gibt sich die Kor­rek­tur der aus dem Te­nor er­sicht­li­chen Zins­for­de­run­gen der Kläge­rin. So­weit die Kläge­rin Zin­sen teil­wei­se erst ab Rechtshängig­keit ge­for­dert hat, sind die bis 01. Sep­tem­ber 2006 fällig ge­wor­de­nen Dif­fe­ren­zen zu­sam­men­ge­fasst.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 1 ZPO und berück­sich­tigt das Verhält­nis von Ver­lie­ren und Ob­sie­gen der Par­tei­en in bei­den Rechtszügen.

Die Re­vi­si­on war nach § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG we­gen der vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung des „ent­spre­chen­den Ar­beits­plat­zes“ im Sin­ne des § 9 Tz­B­fG zu­zu­las­sen.

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