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LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 27.04.2017, 5 Sa 449/16

   
Schlagworte: Persönlichkeitsrecht, Schmerzensgeld, Videoüberwachung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Aktenzeichen: 5 Sa 449/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.04.2017
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Kaiserslautern, Urteil vom 30.08.2016, 8 Ca 1012/15
   

Ak­ten­zei­chen:
5 Sa 449/16
8 Ca 1012/15
ArbG Kai­sers­lau­tern

Verkündet am:
27.04.2017
D.,
Jus­tiz­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT

RHEIN­LAND-PFALZ

IM NA­MEN DES VOL­KES

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

A., A-Straße, A-Stadt

- Kläger und Be­ru­fungskläger -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter: Rechts­an­walt B., B-Straße, B-Stadt

ge­gen

Fir­ma C., C-Straße, C-Stadt

- Be­klag­te und Be­ru­fungs­be­klag­te -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter: Ar­beit­ge­ber­ver­band D., D-Straße, D-Stadt

hat die 5. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Rhein­land-Pfalz auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 27. April 2017 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Von­derau als Vor­sit­zen­de und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Birk und Best als Bei­sit­zer für Recht er­kannt:

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1. Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kai­sers­lau­tern vom 30. Au­gust 2016, Az. 8 Ca 1012/15, ab­geändert und die Be­klag­te ver­ur­teilt, an den Kläger ei­ne Entschädi­gung in Höhe von 10.000,00 EUR zu zah­len.

2. Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

3. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Ver­pflich­tung der Be­klag­ten, dem Kläger we­gen ei­ner Ob­ser­va­ti­on durch ei­ne De­tek­tei ei­ne Gel­dentschädi­gung zu zah­len.

Die Be­klag­te be­treibt ein Un­ter­neh­men, das Dienst­leis­tun­gen zur In­stand­set­zung und -hal­tung von Schie­nen­fahr­zeu­gen des Güter- und Per­so­nen­ver­kehrs an­bie­tet. Sie beschäftigt an fünf Stand­or­ten im Bun­des­ge­biet über 800 Ar­beit­neh­mer. Im Werk K. sind re­gelmäßig we­ni­ger als 200 Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Der Kläger ist Vor­sit­zen­der des Be­triebs­rats des Werks K. und außer­dem Vor­sit­zen­der des Ge­samt­be­triebs­rats. Er ist Mit­glied der Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EGV). Die Be­klag­te hat­te den Kläger bis zu den Be­triebs­rats­wah­len 2014 in der vor­he­ri­gen Wahl­pe­ri­ode - frei­wil­lig - vollständig von sei­ner be­ruf­li­chen Tätig­keit frei­ge­stellt, ob­wohl die ge­setz­li­che Min­dest­staf­fel des § 38 Abs. 1 Be­trVG nicht er­reicht war. Seit der Neu­wahl 2014 war sie hier­zu nicht mehr be­reit. Zwi­schen der Be­klag­ten und dem Be­triebs­rat be­stan­den in der Fol­ge Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten darüber, ob die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, den Kläger vollständig von der be­ruf­li­chen Tätig­keit frei­zu­stel­len. Am 22.08.2014 lei­te­te die Be­klag­te beim Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern (Az. 8 BV 20/14) ein Be­schluss­ver­fah­ren ein. Sie be­gehr­te die Fest­stel­lung, dass der Be­triebs­rat oh­ne kon­kre­te Dar­le­gung der Er­for­der­lich­keit kei­nen An­spruch auf ei­ne pau­scha­le, vollständi­ge Frei­stel­lung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds hat, so­lan­ge die ge­setz­li­che Min­dest­staf­fel des § 38 Be­trVG nicht über­schrit­ten ist. Dem An­trag wur­de zweit­in­stanz­lich statt­ge­ge­ben (vgl. LAG Rhein­land-Pfalz 16.07.2015 - 5 TaBV 5/15).

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Durch ei­nen an­ony­men In­for­man­ten er­hielt die Ge­werk­schaft EGV den Hin­weis, dass die Be­klag­te ei­ne Ob­ser­va­ti­on des Klägers durch ei­ne De­tek­tei ver­an­lasst hat­te. Im Dienst­leis­tungs­ver­trag mit der De­tek­tei vom 10.09.2014 ist fol­gen­des Ho­no­rar (oh­ne MwSt.) ver­ein­bart:

Grund­gebühr für Ver­wal­tungs­auf­wand, Maßnah­men-
pla­nung und Be­richt­er­stat­tung

135,- EUR

St­un­den­ho­no­rar pro De­tek­tiv ab Ein­satz­ort

69,- EUR

Zu­schlag Son­der­zeit (Sonn- und Fei­er­ta­ge so­wie
Nacht­stun­den von 18:00 Uhr bis 6:00 Uhr)

50 %

Ki­lo­me­ter­vergütung ab Ein­satz­ort

0,95 EUR/km

An­fahrts­pau­scha­le (pro De­tek­tiv) 

69,- EUR

Ins­ge­samt stell­te die De­tek­tei der Be­klag­ten fol­gen­de Rech­nun­gen:

Rech­nungs-
da­tum
für Dienst-
Leis­tun­gen von
bis Be­trag EUR
(oh­ne MwSt.)
08.10.2014 22.09.2014 26.09.2014 6.795,80
23.10.2014 13.10.2014
20.10.2014
17.10.2014
23.10.2014
17.156,70
10.11.2014 30.10.2014 07.11.2014 15.245,35
SUM­ME 39.197,85

Mit sei­ner am 14.08.2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge ver­langt der Kläger die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung we­gen schwe­rer Ver­let­zung sei­nes Persönlich­keits­rechts. Das am sel­ben Tag von der Ge­werk­schaft EGV, dem Ge­samt­be­triebs­rat, dem Be­triebs­rat und dem Kläger ge­gen die Be­klag­te we­gen der Ob­ser­va­ti­on ein­ge­lei­te­te Be­schluss­ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern (Az. 3 BV 23/15) en­de­te durch Ab­schluss ei­nes Ver­gleichs am 11.04.2016.

In ei­nem an die Be­klag­te ge­rich­te­ten Bestäti­gungs­schrei­ben vom 26.08.2015 führ­te die De­tek­tei fol­gen­des aus:

UI...

In­halt des von Ih­nen er­teil­ten Auf­tra­ges (Ok­to­ber bis No­vem­ber 2014) war die Ob­ser­va­ti­on des [Klägers] mit dem Ziel ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten bzw. Fehl­ver­hal­ten im Rah­men sei­ner Tätig­keit [bei der Be­klag­ten] fest­zu­stel­len. Im Raum stand der

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Ver­dacht des Ar­beits­zeit­be­tru­ges aus ei­ner Zweittätig­keit re­sul­tie­rend. Die­sen Ver­dacht galt es zu ve­ri­fi­zie­ren bzw. zu fal­si­fi­zie­ren.

Die Ob­ser­va­tio­nen fan­den aus­sch­ließlich zu den Ar­beits­zei­ten [des Klägers] statt, der pri­va­te Le­bens­be­reich wur­de durch die Er­mitt­lun­gen nicht tan­giert. Es wur­den we­der Te­le­fo­na­te ab­gehört noch wur­den E-Mails ab­ge­fan­gen, auch sons­ti­ge Ar­ten der Kor­re­spon­denz wur­den nicht über­prüft.

Im Zu­ge der Ob­ser­va­tio­nen wur­den we­der Fo­to- und/oder Film­auf­nah­men [des Klägers] getätigt noch wur­de ein sog. Be­we­gungs­pro­fil er­stellt.

Ge­gen­stand der Ob­ser­va­ti­on war aus­sch­ließlich [der Kläger], an­de­re Per­so­nen oder Ge­mein­schaf­ten wur­den nicht über­wacht."

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne Entschädi­gung zu zah­len, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Ei­ne schwe­re Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts des Klägers sei nicht er­kenn­bar. Da­ge­gen spre­che, dass die Über­wa­chung nur während der Ar­beits­zeit des Klägers statt­ge­fun­den ha­be, so dass der Be­reich der pri­va­ten Le­bensführung nicht be­trof­fen wor­den sei. Außer­dem ha­be die De­tek­tei nach dem - be­strit­te­nen - Vor­trag der Be­klag­ten kei­ne Film- oder Vi­deo­auf­nah­men ge­fer­tigt. Letzt­lich sei der Kläger in sei­nem Persönlich­keits­recht nicht mehr be­ein­träch­tigt wor­den, als hätte die Be­klag­te ei­nen Vor­ge­setz­ten oder Kol­le­gen auf­ge­for­dert, ein Au­ge auf ihn zu ha­ben.

Der Kläger hat ge­gen das am 16.09.2016 zu­ge­stell­te Ur­teil mit am 17.10.2016 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se in­ner­halb der bis zum 16.01.2017 verlänger­ten Be­gründungs­frist mit am 16.01.2017 ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründet.

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Der Kläger ist der An­sicht, er sei schwer­wie­gend in sei­nem all­ge­mei­nen Persönlich­keits­recht ver­letzt wor­den, weil er im Auf­trag der Be­klag­ten an­lass­los durch ei­ne De­tek­tei über­wacht wor­den sei. Die Be­klag­te be­haup­te zwar, es ha­be der Ver­dacht be­stan­den, dass er die an­ge­ge­be­nen Zei­ten der Be­triebs­rats­ar­beit für an­de­res ver­wen­det ha­be. Sie ha­be je­doch kei­ner­lei An­knüpfungs­tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, aus de­nen sich ein sol­cher Ver­dacht ab­lei­ten ließe. Die Be­klag­te ha­be die De­tek­tei "ins Blaue hin­ein" be­auf­tragt, um ei­nen An­lass zu fin­den, das Ar­beits­verhält­nis we­gen sei­ner un­lieb­sa­men Tätig­kei­ten für den Be­triebs­rat und den Ge­samt­be­triebs­rat so­wie we­gen sei­ner ge­werk­schaft­li­chen Funk­tio­nen und Betäti­gun­gen außer­or­dent­lich kündi­gen zu können. Die Be­klag­te ha­be zu kei­nem Zeit­punkt ihm ge­genüber ei­nen sub­stan­ti­ier­ten Vor­wurf da­hin­ge­hend er­ho­ben, dass er sei­ne Frei­stel­lung für Be­triebs­rats­ar­beit da­zu miss­braucht ha­be, et­wa für die Ge­werk­schaft oder an­der­wei­tig tätig zu sein. Die Ob­ser­va­ti­on durch ei­ne De­tek­tei stel­le nicht nur ei­ne schwe­re Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung, son­dern zu­gleich ei­ne schwe­re Ver­let­zung des Ver­bots der Be­nach­tei­li­gung ei­nes Mit­glieds des Be­triebs­rats und des Ge­samt­be­triebs­rats gem. § 78 Be­trVG so­wie ei­ne Straf­tat iSd. § 119 Abs. 1 Be­trVG dar. Dies ha­be das Ar­beits­ge­richt bei der Be­wer­tung des Vor­ge­hens der Be­klag­ten außer Acht ge­las­sen. Das Ar­beits­ge­richt ha­be außer­dem ver­kannt, dass die Über­wa­chung durch Pri­vat­de­tek­ti­ve ei­ne gänz­lich an­de­re Qua­lität ha­be, als wenn ein Vor­ge­setz­ter ein Au­ge auf ei­nen Un­ter­ge­be­nen ha­be. Die Über­wa­chung durch De­tek­ti­ve wer­de re­gelmäßig nur bei kon­kre­tem Ver­dacht des Vor­lie­gens straf­ba­rer Hand­lun­gen (bspw. Dieb­stahl, Un­ter­schla­gung, Be­trug oder Un­treue) an­ge­ord­net. Die Ob­ser­va­ti­on ha­be da­her auch ei­nen dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ter ge­habt. Durch die Maßnah­me sei nicht nur das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen ihm und der Geschäftsführung, son­dern auch zwi­schen ihm und sei­nen Kol­le­gen, die ihn in sei­ne Eh­renämter gewählt ha­ben, beschädigt wor­den.

Der Kläger be­an­tragt zweit­in­stanz­lich,

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das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kai­sers­lau­tern vom 30.08.2016, Az. 8 Ca 1012/15, ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne Entschädi­gung zu zah­len, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Sie macht gel­tend, die Über­wa­chung des Klägers durch die De­tek­tei sei nicht an­lass­los er­folgt. Weil der Kläger be­haup­tet ha­be, sei­ne Be­triebs­ratstätig­keit ha­be ein Aus­maß an­ge­nom­men, dass er trotz Nicht­vor­lie­gens der Grenz­zah­len des § 38 Be­trVG von der be­ruf­li­chen Tätig­keit frei­ge­stellt wer­den soll­te, ha­be sie an der Rich­tig­keit sei­ner An­ga­ben ge­zwei­felt und so­mit ei­nen ge­wis­sen An­lass ge­habt, die­se über­prüfen zu las­sen. Der Kläger ha­be sich be­harr­lich ge­wei­gert, sei­ner be­ruf­li­chen Tätig­keit nach­zu­ge­hen, ob­wohl sie in ih­rem Werk Kai­sers­lau­tern we­ni­ger als 200 Ar­beit­neh­mer beschäftigt ha­be. Sie ha­be die Ver­wei­ge­rungs­hal­tung des Klägers zum An­lass ge­nom­men, ein Be­schluss­ver­fah­ren ge­gen den Be­triebs­rat (vgl. LAG Rhein­land-Pfalz 16.07.2015 - 5 TaBV 5/15) ein­zu­lei­ten. Im Rah­men die­ses Be­schluss­ver­fah­rens ha­be der Kläger an­hand von Ei­gen­auf­zeich­nun­gen zu be­wei­sen ver­sucht, dass sei­ne Be­triebs­ratstätig­keit ei­nen Um­fang an­ge­nom­men ha­be, die sei­ne vollständi­ge Frei­stel­lung von der be­ruf­li­chen Tätig­keit recht­fer­ti­gen soll­te. Sie ha­be er­heb­li­che Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ser Auf­zeich­nun­gen ge­habt. Die Be­auf­tra­gung ei­ner De­tek­tei, die dafür be­kannt sei, dis­kret und un­auffällig ih­re Auf­ga­ben zu erfüllen, ha­be die Gewähr dafür ge­bo­ten, dass - im Fall der er­geb­nis­lo­sen Über­wa­chung - die Be­schat­tung als sol­che kei­nem größeren Per­so­nen­kreis zur Kennt­nis ge­lan­ge. Sie ha­be die Über­wa­chung des Klägers nie­man­dem of­fen­bart.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze und die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men. Au-

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ßer­dem wird Be­zug ge­nom­men auf den In­halt der zur In­for­ma­ti­on des Ge­richts bei­ge­zo­ge­nen Ak­te 3 BV 23/15.

Ent­schei­dungs­gründe:

I.

Die nach § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung des Klägers ist gem. §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG iVm. §§ 519, 520 ZPO zulässig. Sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den.

II.

Die Be­ru­fung des Klägers hat auch in der Sa­che Er­folg. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts hat die Be­klag­te durch die von ihr in Auf­trag ge­ge­be­ne Ob­ser­va­ti­on durch ei­ne De­tek­tei das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des Klägers schwer­wie­gend ver­letzt. Nach den ge­sam­ten Umständen des Ein­zel­falls steht dem Kläger ein An­spruch auf ei­ne Gel­dentschädi­gung iHv. 10.000,00 EUR zu.

1. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, der die Be­ru­fungs­kam­mer folgt, ist das durch Art. 2 Abs. 1 iVm. Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 8 Abs. 1 EM­RK gewähr­leis­te­te all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht auch im Ar­beits­verhält­nis zu be­ach­ten. Ein auf § 823 Abs. 1 BGB gestütz­ter An­spruch auf Gel­dentschädi­gung we­gen ei­ner schwe­ren Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung - nur ei­ne sol­che kommt dafür in Be­tracht - setzt vor­aus, dass die Be­ein­träch­ti­gung nicht auf an­de­re Wei­se be­frie­di­gend aus­ge­gli­chen wer­den kann. Die Zu­bil­li­gung ei­ner Gel­dentschädi­gung im Fall ei­ner schwe­ren Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung be­ruht auf dem Ge­dan­ken, dass oh­ne ei­nen sol­chen An­spruch Ver­let­zun­gen der Würde und Eh­re des Men­schen häufig oh­ne Sank­ti­on blie­ben mit der Fol­ge, dass der Rechts­schutz der Persönlich­keit verkümmern würde. Bei die­ser Entschädi­gung steht - an­ders als beim Schmer­zens­geld - re­gelmäßig der Ge­sichts­punkt der Ge­nug­tu­ung

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des Op­fers im Vor­der­grund. Außer­dem soll sie der Präven­ti­on die­nen (vgl. BAG 19.02.2015 - 8 AZR 1007/13 - Rn. 14 mwN). Ob ei­ne so schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts vor­liegt, dass die Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung er­for­der­lich ist, ist auf­grund der ge­sam­ten Umstände des Ein­zel­falls zu be­ur­tei­len. Hier­bei sind in ge­bo­te­ner Ge­samtwürdi­gung ins­be­son­de­re die Be­deu­tung und Trag­wei­te des Ein­griffs, fer­ner An­lass und Be­weg­grund des Han­deln­den so­wie der Grad des Ver­schul­dens zu berück­sich­ti­gen (vgl. BAG 19.02.2015 - 8 AZR 1007/13 - Rn. 16 mwN; BAG 19.08.2010 - 8 AZR 530/09 - Rn. 69 mwN).

2. Ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts kann das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht ei­nes Ar­beit­neh­mers auch dann schwer­wie­gend ver­letzt sein, wenn der Ar­beit­ge­ber - wie hier - be­haup­tet, er ha­be den Ar­beit­neh­mer aus­sch­ließlich während sei­ner Ar­beits­zeit von ei­ner De­tek­tei be­ob­ach­ten las­sen, die im Rah­men der Ob­ser­va­tio­nen kei­ne Fo­to­gra­fi­en oder Vi­deo­auf­zeich­nun­gen an­ge­fer­tigt ha­be. Wie be­reits aus­geführt, ist das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht selbst­verständ­lich auch im Ar­beits­verhält­nis und während der Ar­beits­zeit zu be­ach­ten. Ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts des Klägers ist auch nicht des­halb zu ver­nei­nen, weil die De­tek­tei in ih­rem Schrei­ben vom 26.08.2015 an die Be­klag­te bestätigt, dass die Ob­ser­va­tio­nen aus­sch­ließlich zu den Ar­beits­zei­ten des Klägers statt­ge­fun­den ha­ben sol­len, dass sie we­der Te­le­fo­na­te ab­gehört noch E-Mails ab­ge­fan­gen und auch die sons­ti­ge Kor­re­spon­denz des Klägers nicht über­prüft, dass sie we­der Fo­to- und/oder Film­auf­nah­men ge­fer­tigt noch ein sog. Be­we­gungs­pro­fil des Klägers er­stellt ha­be. Selbst wenn die Be­klag­te und/oder die De­tek­tei durch die Ob­ser­va­ti­on des Klägers kei­ne Straf­ta­ten be­gan­gen ha­ben soll­ten (§ 119 Be­trVG, §§ 201, 202 StGB), was vor­lie­gend da­hin­ste­hen kann, schließt dies das Vor­lie­gen ei­ner schwe­ren Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung nicht aus.

3. Ei­ne schwer­wie­gen­de Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung liegt - un­abhängig da­von, ob der Kläger fo­to­gra­fiert oder ge­filmt wor­den sein soll­te - be­reits in der von der Be­klag­ten ver­an­lass­ten heim­li­chen Ob­ser­va­ti­on des Klägers für die Dau­er

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von 20 Ar­beits­ta­gen in der Zeit vom 22.09. bis 07.11.2014. Bei ei­nem Rech­nungs­be­trag (net­to) von ca. 1.960,00 EUR pro Ar­beits­tag (Rech­nungs­sum­me ca. 39.200,00 EUR : 20 Ta­ge) bei ei­nem ver­ein­bar­ten St­un­den­satz von 69,00 EUR muss der Kläger täglich über vie­le St­un­den von meh­re­ren De­tek­ti­ven heim­lich über­wacht wor­den sein. Die­se lan­ge Dau­er der Über­wa­chung ist für die In­ten­sität des Ein­griffs von großer Be­deu­tung. Die heim­li­che Ob­ser­va­ti­on durch Straf­ver­fol­gungs­behörden (vgl. § 163f St­PO) über ei­nen länge­ren Zeit­raum steht - auch bei zu­rei­chen­den tatsächli­chen An­halts­punk­ten für ei­ne Straf­tat von er­heb­li­cher Be­deu­tung - un­ter Rich­ter­vor­be­halt. Zwar können die den Staat in sei­nen Über­wa­chungsmöglich­kei­ten be­gren­zen­den Be­stim­mun­gen nicht oh­ne wei­te­res auf das Verhält­nis zwi­schen Pri­va­ten über­tra­gen wer­den. Gleich­wohl wird in ih­nen zum ei­nen deut­lich, wel­che Be­deu­tung ge­ra­de auch die Dau­er der Über­wa­chung für die In­ten­sität des Ein­griffs hat. Zum an­dern können dem Ar­beit­ge­ber zu­min­dest nicht viel wei­ter ge­hen­de Ein­grif­fe in die Persönlich­keits­recht der Ar­beit­neh­mer zu­ge­stan­den wer­den, als sie bei In­an­spruch­nah­me staat­li­cher Or­ga­ne zulässig wären (vgl. zu die­sem As­pekt BAG 29.06.2004 - 1 ABR 21/03 - Rn. 45 mwN).

Verschärfend kommt hin­zu, dass die Be­klag­te die heim­li­che Ob­ser­va­ti­on des Klägers am 10.09.2014 be­auf­tragt hat, ob­wohl sie be­reits mit An­trags­schrift vom 22.08.2014 ein ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren (vgl. LAG Rhein­land-Pfalz 16.07.2015 - 5 TaBV 5/15) ge­gen den Be­triebs­rat mit dem Ziel ein­ge­lei­tet hat­te, fest­stel­len zu las­sen, dass sie nicht ver­pflich­tet ist, den Kläger pau­schal und vollständig für Be­triebs­rats­auf­ga­ben von sei­ner be­ruf­li­chen Tätig­keit frei­zu­stel­len. Für die heim­li­che Über­wa­chung des Klägers par­al­lel zum ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren, das be­reits anhängig war, gab es kei­ne hin­rei­chen­de Recht­fer­ti­gung. Die Be­klag­te und der Be­triebs­rat ha­ben ei­nen of­fe­nen Kon­flikt über die Frei­stel­lungs­pflich­ten für Be­triebs­ratstätig­kei­ten in ei­nem ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren, für das nach § 83 Abs. 1 ArbGG der Un­ter­su­chungs­grund­satz galt, aus­ge­tra­gen. Da­ne­ben be­stand kein be­rech­tig­ter An­lass für heim­li­che Ob­ser­va­ti­ons­maßnah­men. Nicht zu­letzt verstößt die heim­li­che Über­wa­chung des Klä-

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gers durch ei­ne De­tek­tei auch ge­gen be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Schutz­be­stim­mun­gen. Die­ser Ver­s­toß verstärkt den Ein­griff in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht zusätz­lich. Nach § 78 Satz 1 Be­trVG dürfen ua. die Mit­glie­der des Be­triebs­rats in der Ausübung ih­rer Tätig­keit nicht gestört oder be­hin­dert wer­den. Zwar ist auch durch § 78 Satz 1 Be­trVG nur die ord­nungsmäßige und pflicht­gemäße Betäti­gung des Be­triebs­rats geschützt, so dass ei­ne Ob­ser­va­ti­on im Ein­zel­fall zulässig sein könn­te. Im vor­lie­gen­den Fall be­stand je­doch kein hin­rei­chen­der An­lass. Aus­weis­lich der Bestäti­gung der De­tek­tei vom 26.08.2015 er­folg­te ih­re Be­auf­tra­gung, weil der "Ver­dacht des Ar­beits­zeit­be­tru­ges aus ei­ner Zweit­beschäfti­gung re­sul­tie­rend" im Raum ge­stan­den ha­ben soll. Wel­che kon­kre­ten An­halts­punk­te für ei­ne Zweit­beschäfti­gung des Klägers bei Be­auf­tra­gung der De­tek­tei be­stan­den ha­ben sol­len, hat die Be­klag­te nicht vor­ge­tra­gen. Al­lein der Um­stand, dass die Be­klag­te be­zwei­fel­te, dass die Be­triebs­ratstätig­keit des Klägers ei­nen Um­fang an­ge­nom­men ha­be, der - wie in der Ver­gan­gen­heit bis zur Neu­wahl 2014 - sei­ne vollständi­ge Frei­stel­lung von der be­ruf­li­chen Tätig­keit er­for­dern könn­te, recht­fer­tigt nicht die Über­wa­chung durch De­tek­ti­ve, um ei­ne Zweit­beschäfti­gung "zu ve­ri­fi­zie­ren bzw. zu fal­si­fi­zie­ren". Ein kon­kre­ter Ver­dacht ei­ner straf­ba­ren Hand­lung oder ei­ner an­de­ren schwe­ren Ver­feh­lung zu Las­ten der Be­klag­ten be­stand nicht. An­ge­sichts ei­nes von vorn­her­ein feh­len­den be­rech­ti­gen­den In­ter­es­ses an ei­ner Ob­ser­va­ti­on des Klägers durch ei­ne De­tek­tei kommt es auf ei­ne Verhält­nismäßig­keitsprüfung nicht an.

4. Die Be­ru­fungs­kam­mer hält un­ter Würdi­gung al­ler Umstände des vor­lie­gen­den Fal­les ei­ne Gel­dentschädi­gung in Höhe von 10.000,00 EUR für an­ge­mes­sen. Gemäß den obi­gen Ausführun­gen liegt ei­ne schwe­re Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung vor. Als wich­tigs­ter Be­mes­sungs­fak­tor für die Gel­dentschädi­gung hat die Kam­mer die In­ten­sität der Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung berück­sich­tigt. Ins­be­son­de­re die lan­ge Dau­er der Ob­ser­va­ti­on, die sich die Be­klag­te aus­weis­lich der vor­lie­gen­den Rech­nun­gen rund 39.200,00 EUR hat kos­ten las­sen, ge­bie­ten die Fest­set­zung ei­nes fühl­ba­ren Entschädi­gungs­be­trags. Von der Höhe der Gel­dent-

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schädi­gung muss ein ech­ter Hem­mungs­ef­fekt aus­ge­hen. In­so­fern er­scheint ei­ne Gel­dentschädi­gung in Höhe von 10.000,00 EUR an­ge­mes­sen, aber auch aus­rei­chend, um den Ge­sichts­punk­ten der Ge­nug­tu­ung und Präven­ti­on hin­rei­chend Rech­nung zu tra­gen.

III.

Die Be­klag­te hat gem. § 91 Abs. 1 ZPO die Kos­ten ers­ter und zwei­ter In­stanz zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on ist man­gels Vor­lie­gens ge­setz­li­cher Gründe nicht ver­an­lasst (§ 72 Abs. 2 ArbGG).

Rechts­be­helfs­be­leh­rung:

Auf die Möglich­keit, die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on selbständig durch Be­schwer­de an­zu­fech­ten (§ 72 a ArbGG), wird hin­ge­wie­sen.

Von­derau
Birk
Best

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