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Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 04.05.2017, 19 Sa 1172/16

   
Schlagworte: Ausschlussfrist, Ausschlussklausel, Mindestlohn
   
Gericht: Hessisches Landesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 19 Sa 1172/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 04.05.2017
   
Leitsätze: Eine tarifliche Verfallklausel, wonach alle beiderseitigen Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis und solche, die mit dem Arbeitsverhältnis in Verbindung stehen, verfallen, wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist nach Fälligkeit gegenüber der anderen Vertragspartei schriftlich erhoben werden, umfasst nicht den Anspruch auf Erhalt des gesetzlichen Mindestlohns, da gem. § 3 MiLoG Vereinbarungen, die den Anspruch auf Mindestlohn unterschreiten oder seine Geltendmachung beschränken oder ausschließen, unwirksam sind.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Kassel, Urteil vom 07.07.2016, 3 Ca 20/16
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.06.2018, 5 AZR 377/17
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hes­sen
Urt. v. 04.05.2017, Az.: 19 Sa 1172/16

Te­nor:

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - wird zurück­ge­wie­sen.

Von den Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens hat der Kläger 31 % und die Be­klag­te 69 % zu tra­gen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten im Be­ru­fungs­rechts­zug wei­ter­hin um ei­nen Vergütungs­an­spruch aus ei­nem be­en­de­ten Ar­beits­verhält­nis.

Der Kläger war bei der Be­klag­ten, die ein Bau­un­ter­neh­men be­treibt, von März 2012 bis zum 31. Ok­to­ber 2015, zu­letzt zu ei­nem St­un­den­lohn von 13,00 EUR brut­to als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag für das Bau­ge­wer­be (BRTV) An­wen­dung.

Nach Er­halt des Kündi­gungs­schrei­bens vom 17. Sep­tem­ber 2015, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis zum 31. Ok­to­ber 2015 en­den soll­te, hat­te der Kläger kei­ne Ar­beits­leis­tung mehr er­bracht und der Be­klag­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gun­gen für den Zeit­raum bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31. Ok­to­ber 2015 über­mit­telt. Die­se zahl­te we­der Vergütung noch Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall für den Mo­nat Ok­to­ber 2015. Erst­mals mit sei­ner am 18. Ja­nu­ar 2016 der Be­klag­ten zu­ge­stell­ten Kla­ge be­gehr­te der Kläger die Zah­lung von Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall für den Mo­nat Ok­to­ber 2015.

We­gen des wei­te­ren un­strei­ti­gen Sach­ver­halts, des Vor­trags der Par­tei­en im ers­ten Rechts und der dort ge­stell­ten Anträge wird auf den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Be­zug ge­nom­men (Bl. 53-54 d.A.).

Das Ar­beits­ge­richt Kas­sel hat durch vor­ge­nann­tes Ur­teil der Kla­ge in Höhe von 1.525,75 EUR brut­to statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Es hat an­ge­nom­men, der Kläger ha­be auf­grund der vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Be­schei­ni­gun­gen hin­rei­chend dar­ge­legt, dass er im Ok­to­ber 2015 an der Er­brin­gung sei­ner Ar­beits­leis­tung durch Ar­beits­unfähig­keit ge­hin­dert ge­we­sen sei und ihm des­halb grundsätz­lich ein An­spruch Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall nach Maßga­be der §§ 3, 4 Ent­gelt­fort­zah­lungsG zu­ste­he. Im Hin­blick auf den, den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn über­stei­gen­den An­teil sei­ner For­de­rung sei der An­spruch des Klägers nach § 14 BRTV ver­fal­len, da die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist hin­sicht­lich des den Min­dest­lohn über­stei­gen­den Vergütungs­teils wirk­sam sei. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Be­gründung wird auf Bl. 55-57 d.A. Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen die­ses Ur­teil hat die Be­klag­te Be­ru­fung und der Kläger An­schluss­be­ru­fung, je­weils in­ner­halb der zur Nie­der­schrift über die Be­ru­fungs­ver­hand­lung am 4. Mai 2017 fest­ge­stell­ten und dort er­sicht­li­chen Fris­ten ein­ge­legt; der Kläger hat die An­schluss­be­ru­fung nach strei­ti­ger Ver­hand­lung zurück­ge­nom­men.

Die Be­klag­te ver­folgt ihr Be­geh­ren auf Kla­ge­ab­wei­sung un­ter Wie­der­ho­lung und Ergänzung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens wei­ter. Sie ver­tritt die An­sicht, dem Kläger ste­he der gel­tend ge­mach­te Vergütungs­an­spruch nicht zu, da sein An­spruch auch im Um­fang des ihm zu­ge­stan­de­nen Min­dest­lohns nach § 14 BRTV ver­fal­len sei. § 14 BRTV stel­le kei­ne "Ver­ein­ba­rung" im Sin­ne von § 3 Satz 1 Mi­LoG dar. § 3 Satz 1 Mi­LoG mei­ne aus­sch­ließlich In­di­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen. Aus § 1 Abs. 3 Mi­LoG fol­ge, dass Ta­rif­verträge und erst recht für all­ge­mein ver­bind­lich erklärte Ta­rif­verträge dem Min­dest­l­ohn­ge­setz ent­ge­gen­ste­hen­de Re­ge­lun­gen wirk­sam ent­hal­ten könn­ten. Im Sin­ne der grund­ge­setz­lich ga­ran­tier­ten Ta­rif­au­to­no­mie müsse den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die recht­li­che Frei­heit und da­mit Möglich­keit ge­ge­ben blei­ben, ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen auf­recht zu er­hal­ten.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - teil­wei­se ab­zuändern und die Kla­ge ins­ge­samt ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung un­ter Wie­der­ho­lung und Ergänzung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens.

We­gen der Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze und auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 4. Mai 2017 (Bl. 101 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das am 7. Ju­li 2016 verkünde­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel ist zulässig. Das Rechts­mit­tel ist nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des statt­haft ( §§ 64 Abs. 2 , 8 Abs. 2 ArbGG ). Die Be­klag­te hat es auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet ( §§ 519 , 520 ZPO , 66 Abs. 1 ArbGG ).

Die Be­ru­fung hat je­doch kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht und mit zu­tref­fen­der Be­gründung die Be­klag­te ver­ur­teilt, an den Kläger 1.525,75 EUR brut­to zu zah­len. Das Be­ru­fungs­ge­richt kann da­her zur Ver­mei­dung unnöti­ger Wie­der­ho­lun­gen auf die zu­tref­fen­den Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wei­sen, de­nen es in vol­lem Um­fang folgt und des­halb auf sie gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Be­zug nimmt. Im Hin­blick auf die Ausführun­gen der Be­klag­ten zwei­ten Rechts­zug ist noch Fol­gen­des aus­zuführen:

I.

Der An­spruch des Klägers ge­gen die Be­klag­te auf Zah­lung von 1.525,75 EUR brut­to folgt aus § 3 Ent­gelt­fort­zah­lungsG. Da­nach hat der Kläger ei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall durch den Ar­beit­ge­ber für die Zeit der Ar­beits­unfähig­keit, wenn er durch Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge Krank­heit an sei­ner Ar­beits­leis­tung ver­hin­dert ist, oh­ne dass ihn ein Ver­schul­den trifft. Aus­ge­hend von der mo­nat­li­chen ge­schul­de­ten Ar­beits­zeit er­rech­net sich die Höhe der Kla­ge­for­de­rung un­ter Zu­grun­de­le­gung des Min­dest­lohns in Höhe von 8,50 EUR brut­to pro St­un­de.

II.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist der An­spruch des Klägers, den er nicht in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Fällig­keit gel­tend ge­macht hat, nicht gemäß § 14 BRTV ver­fal­len. Zwar ver­fal­len da­nach al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen, wenn sie nicht in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich er­ho­ben wer­den. Dies gilt je­doch nicht für den An­spruch auf Er­halt des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns nach den Vor­schrif­ten des Ge­set­zes zur Re­ge­lung ei­nes all­ge­mei­nen Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz, Mi­LoG). Da­nach hat je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber auf Zah­lung ei­nes Ar­beits­ent­gelts min­des­tens in Höhe des Min­dest­lohns ( § 1 Abs. 1 , 2 Mi­LoG ).

Nach § 3 Mi­LoG sind Ver­ein­ba­run­gen, die den An­spruch auf Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten oder sei­ne Gel­tend­ma­chung be­schränken oder aus­sch­ließen un­wirk­sam. Da­nach ist die in § 14 BRTV ge­re­gel­te Aus­schluss­frist un­wirk­sam, je­den­falls so­weit sie den Kläger in der Gel­tend­ma­chung sei­nes An­spruchs auf Min­dest­lohn be­schränken würde.

1. Dies folgt schon aus dem Wort­laut von § 3 Satz 1 Mi­LoG , da ei­ne Aus­schluss­frist ei­ne von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­schlos­se­ne Ver­ein­ba­rung ist, die die Gel­tend­ma­chung ei­nes An­spruchs in zeit­li­cher Hin­sicht ein­schränkt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers enthält das Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­ne Be­schränkung auf in­di­vi­du­al­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen. Dem­gemäß sind auch die von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, hier in § 14 BRTV ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen sol­che im Sin­ne von § 3 Satz 1 Mi­LoG .

2. Auch aus der sys­te­ma­ti­schen Aus­le­gung von § 3 Mi­LoG folgt, dass Aus­schluss­firs­ten je­den­falls so­weit sie den ge­setz­lich ge­re­gel­ten Min­dest­lohn aus­sch­ließen, un­wirk­sam sind. § 4 Abs. 4 Satz 3 TVG bzw. § 9 Satz 3 AEntG sind Vor­bild­vor­schrif­ten der Re­ge­lun­gen im Min­dest­l­ohn­ge­setz. Sie ver­bie­ten Aus­schluss­fris­ten, die auf an­de­rer nie­der­ran­gi­ge­rer Grund­la­ge als auf der je­wei­li­gen Re­ge­lungs­ebe­ne - Ta­rif­ver­trag oder er­streck­ter Ta­rif­ver­trag nach dem Ar­beit­neh­mer­ent­sen­de­ge­setz (AEntG) - er­gan­gen sind. Der Ge­setz­ge­ber hätte da­nach - überträgt man die­sen Ge­dan­ken der ge­nann­ten Vor­bild­vor­schrif­ten auf das Min­dest­l­ohn­ge­setz - die Möglich­keit ge­habt, Aus­schluss­fris­ten durch Ge­setz zu nor­mie­ren oder zu­zu­las­sen. Dies hat der Ge­setz­ge­ber im Min­dest­l­ohn­ge­setz nicht ge­tan (vgl. ErfK/ Oet­ker § 3 Mi­LoG Rn. 3f).

3. Zum sel­ben Er­geb­nis führt die te­leo­lo­gi­sche Aus­le­gung. Der Sinn und Zweck des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes be­steht un­ter an­de­rem dar­in, ei­nen un­ab­ding­ba­ren ge­setz­li­chen Min­dest­lohn fest­zu­le­gen und so ei­nen an­ge­mes­se­nen Min­dest­schutz für Ar­beit­neh­mer zu gewähr­leis­ten (BT-Drs. 18/1558, S. 34). Hierfür stellt das Min­dest­l­ohn­ge­setz Min­dest­be­din­gun­gen im Hin­blick auf das Ar­beits­ent­gelt auf ( § 1 Mi­LoG ). § 3 Mi­LoG si­chert die­sen Sinn und Zweck. Da­nach ist der An­spruch auf Min­dest­lohn nach der Kon­zep­ti­on des Ge­setz­ge­bers nicht dis­po­si­tiv; er darf durch an­der­wei­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen nicht ab­be­dun­gen wer­den (vgl. ErfK/Oet­ker § 3 Mi­LoG Rn. 1). Die­sem Sinn und Zweck des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes ent­spricht es, dass dem Kläger der Min­dest­lohn, al­so der ge­setz­lich fest­ge­leg­te "So­ckel­be­trag" sei­ner ver­ein­bar­ten Vergütung un­ge­ach­tet be­ste­hen­der Aus­schluss­fris­ten ver­bleibt. Ob die Aus­schluss­frist gemäß § 14 BRTV ober­halb des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns wirkt, kann an­ge­sichts der Rück­nah­me der An­schluss­be­ru­fung da­hin­ge­stellt blei­ben.

4. Zu­tref­fend ist, dass die hier ver­tre­te­ne Auf­fas­sung mit Blick auf die Ta­rif­au­to­no­mie den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die Ge­stal­tung von Mo­da­litäten des auf den Min­dest­lohn ent­fal­len­den Teils ent­zieht. Zu­dem wird der Zweck von Aus­schluss­fris­ten, schnell Klar­heit über das Be­ste­hen von Ansprüchen aus dem Ar­beits­verhält­nis zu schaf­fen, da­mit nicht er­reicht wer­den. Bei­des ist zum ei­nen die Kon­se­quenz der ge­setz­li­chen Re­ge­lung in § 3 Mi­LoG in Ver­bin­dung mit § 1 Mi­LoG , zum an­de­ren der Tat­sa­che ge­schul­det, dass der Ge­setz­ge­ber von der Möglich­keit ei­ner Re­ge­lung zu Aus­schluss­fris­ten im Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­nen Ge­brauch ge­macht hat. Dies ist von den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen an­zu­wen­den, oh­ne dass ih­nen ein Ge­stal­tungs­raum ver­bleibt.

III.

1. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 1 ZPO .

2. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on folgt aus der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge, ob § 3 Satz 1 Mi­LoG auf ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­te Aus­schluss­fris­ten an­zu­wen­den ist ( § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG ).

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