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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/088

Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung erst nach Gleich­stel­lung

Ar­beit­ge­ber müs­sen vor der Ent­schei­dung über die Gleich­stel­lung nicht die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung be­tei­li­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 22.01.2020, 7 ABR 18/18
Diskriminierungsverbote - Behinderung, Schutz vor Diskriminierung von Menschen mit Behinderung

01.09.2020. Bei Ver­set­zun­gen und Kün­di­gun­gen ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers muss der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung be­tei­li­gen. Das glei­che gilt für Men­schen mit Be­hin­de­rung, die das Ar­beits­amt auf An­trag mit schwer­be­hin­der­ten Per­so­nen gleich­ge­stellt hat.

Aber ist die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung be­reits dann zu in­vol­vie­ren, wenn der An­trag auf Gleich­stel­lung ei­nes Ar­beit­neh­mers schon ge­stellt, über die­sen aber noch nicht ent­schie­den wur­de?

Nein, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG): BAG, Be­schluss vom 22.01.2020, 7 ABR 18/18.

Muss die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung bei der Ver­set­zung ei­nes be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers be­tei­ligt wer­den, be­vor über des­sen Gleich­stel­lungs­an­trag ent­schie­den ist?

Ar­beit­ge­ber müssen die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung (SBV) auf der Grund­la­ge von § 178 Abs.2 Satz 1 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) bei Ein­stel­lun­gen, Ver­set­zun­gen, Ab­mah­nun­gen und Kündi­gun­gen schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer be­tei­li­gen. Für den be­son­ders gra­vie­ren­den Fall ei­ner Kündi­gung ei­nes Schwer­be­hin­der­ten durch den Ar­beit­ge­ber sieht das Ge­setz so­gar vor, dass die Kündi­gung un­wirk­sam ist, wenn der Ar­beit­ge­ber die SBV nicht zu­vor in­for­miert und an­gehört hat (§ 178 Abs.2 Satz 3 SGB IX).

Die Pflicht zur Be­tei­li­gung der SBV be­steht bei schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern und bei Gleich­ge­stell­ten. Schwer­be­hin­dert sind Men­schen mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung (GdB) von min­des­tens 50 (§ 2 Abs.2 SGB IX). Gleich­ge­stellt sind Be­hin­der­te mit ei­nem GdB von un­ter 50, aber min­des­tens 30, die in­fol­ge ih­rer Be­hin­de­rung oh­ne die Gleich­stel­lung ei­nen ge­eig­ne­ten Ar­beits­platz nicht be­kom­men oder be­hal­ten können (§ 2 Abs.3 SGB IX). Zuständig für die Gleich­stel­lung ist die Ar­beits­agen­tur, bei der der Be­hin­der­te ei­nen Gleich­stel­lungs­an­trag stel­len muss (§ 151 Abs.2 SGB IX).

Nicht ein­deu­tig ge­setz­lich ge­re­gelt ist die Fra­ge, ob Ar­beit­ge­ber die SBV schon dann über die ge­plan­te Ver­set­zung ei­nes be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers be­tei­li­gen müssen, wenn die­ser zwar ei­nen An­trag auf Gleich­stel­lung ge­stellt hat, aber auf die Ent­schei­dung der Ar­beits­agen­tur noch war­ten muss. Be­steht die Pflicht des Ar­beit­ge­bers zur Be­tei­li­gung der SBV auch während die­ser Schwe­be­zeit?

Im Streit: Ver­set­zung ei­ner be­hin­der­ten Job­cen­ter-An­ge­stell­ten vor Ent­schei­dung über ih­ren Gleich­stel­lungs­an­trag

Ei­ne Job­cen­ter-An­ge­stell­te war als be­hin­der­ter Mensch mit ei­nem GdB von 30 an­er­kannt. Im Fe­bru­ar 2015 stell­te sie ei­nen An­trag auf Gleich­stel­lung bei der Ar­beits­agen­tur und in­for­mier­te auch ih­ren Ar­beit­ge­ber darüber. Noch vor Ent­schei­dung über den An­trag, im No­vem­ber 2015, setz­te das Job­cen­ter die An­ge­stell­te für sechs Mo­na­te in ein an­de­res Team um. Die SBV des Job­cen­ters wur­de darüber we­der un­ter­rich­tet noch an­gehört.

Ein hal­bes Jahr später, im April 2016, kam dann der Gleich­stel­lungs­be­scheid: Die Bun­des­agen­tur für Ar­beit stell­te die An­ge­stell­te ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen gleich, und zwar rück­wir­kend zum 04.02.2015 (dem Tag des An­trags).

Dar­auf­hin zog die SBV vor das Ar­beits­ge­richt und be­an­trag­te, das Job­cen­ter zu ver­pflich­ten, ein sol­ches Vor­ge­hen künf­tig zu un­ter­las­sen. Hilfs­wei­se be­an­trag­te die SBV ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen durch das Ge­richt.

Vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat­te die SBV Er­folg (Be­schluss vom 17.10.2017, 16 BV 16895/15). Da­ge­gen ent­schied das für die Be­schwer­de zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 09.05.2018, 23 TaBV 1699/17).

BAG: Ar­beit­ge­ber müssen vor der Ent­schei­dung über die Gleich­stel­lung die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung nicht be­tei­li­gen

Auch vor dem BAG hat­te die SBV kein Glück. Vor der Ent­schei­dung über ei­nen Gleich­stel­lungs­an­trag müssen Ar­beit­ge­ber bei der ge­plan­ten Um­set­zung ei­nes be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers die SBV nicht be­tei­li­gen, so das BAG.

Denn die Gleich­stel­lung er­folgt erst durch die kon­sti­tu­tiv wir­ken­de Fest­stel­lung der Ar­beits­agen­tur. Erst dann be­ste­hen Be­tei­li­gungs­rech­te der SBV bei ei­ner Um­set­zung nach § 178 Abs.2 Satz 1 SGB IX. Das Ar­gu­ment, dass die Gleich­stel­lung gemäß § 151 Abs.2 Satz 2 SGB IX auf den Tag des An­trags zurück­wirkt, ließ das BAG nicht gel­ten. Die Rück­wir­kung ei­ner po­si­ti­ven Ent­schei­dung über ei­nen Gleich­stel­lungs­an­trag ver­pflich­tet den Ar­beit­ge­ber nicht da­zu, die SBV be­reits vor der Ent­schei­dung über den Gleich­stel­lungs­an­trag über ei­ne Um­set­zung zu un­ter­rich­ten und an­zuhören.

Fa­zit: Dem BAG ist zu­zu­stim­men. Ar­beit­ge­ber und SBV müssen bei ei­ner Be­tei­li­gung der SBV gemäß § 178 Abs.2 SGB IX wis­sen, für wen die SBV über­haupt zuständig ist und für wen nicht.

Die Ent­schei­dung des BAG ist auch bei ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ge­plan­ten Kündi­gung zu be­ach­ten. Auch vor der ge­plan­ten Kündi­gung ei­nes be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers muss die SBV nicht be­tei­ligt wer­den, so­lan­ge der Ar­beit­neh­mer zwar ei­nen Gleich­stel­lungs­an­trag ge­stellt hat, aber noch kei­ne po­si­ti­ve Ent­schei­dung der Ar­beits­agen­tur vor­wei­sen kann.

An die­ser Stel­le hat das In­te­gra­ti­ons­amt ei­ne stärke­re Po­si­ti­on. Denn die Not­wen­dig­keit, ei­ne Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ein­zu­ho­len, be­steht auch zu­guns­ten von Ar­beit­neh­mern, die (spätes­tens drei Wo­chen) vor Aus­spruch der Kündi­gung ei­nen Gleich­stel­lungs­an­trag ge­stellt ha­ben, über den zum Kündi­gungs­zeit­punkt noch nicht ent­schie­den wur­de. Über ei­nen sol­chen An­trag ist der Ar­beit­ge­ber spätes­tens drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung zu in­for­mie­ren, da­mit er ei­nen (vor­sorg­li­chen) An­trag auf Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes stel­len kann, so dass er im Fal­le der Zu­stim­mung oh­ne all­zu großen Zeit­ver­lust vor­sorg­lich nachkündi­gen kann.

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Letzte Überarbeitung: 16. November 2020

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