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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/305

Be­tei­li­gung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor Kün­di­gun­gen

Die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung muss nicht un­be­dingt vor dem Ver­fah­ren beim In­te­gra­ti­ons­amt zu der Kün­di­gung ei­nes Schwer­be­hin­der­ten an­ge­hört wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.12.2018, 2 AZR 378/18
Diskriminierungsverbote - Behinderung, Schutz vor Diskriminierung von Menschen mit Behinderung

17.12.2018. Möch­te der Ar­beit­ge­ber ei­nen schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer kün­di­gen, braucht er da­für die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zu der Kün­di­gung (falls der Ar­beit­neh­mer be­reits län­ger als sechs Mo­na­te be­schäf­tigt ist). Dar­über hin­aus muss der Ar­beit­ge­ber vor Aus­spruch der Kün­di­gung die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung an­hö­ren.

Ob er da­bei zu­erst die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung an­hö­ren muss oder ob er auch zu­erst die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes be­an­tra­gen kann, ist ge­setz­lich nicht ge­re­gelt. In Recht­spre­chung und ju­ris­ti­scher Li­te­ra­tur war da­zu in den letz­ten zwei Jah­ren bei­na­he ein­stim­mig die Mei­nung zu le­sen, dass die An­hö­rung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung am An­fang ste­hen soll­te. In die­ser Wei­se hat z.B. das Ar­beits­ge­richt Ha­gen Stel­lung be­zo­gen (Ur­teil vom 06.03.2018, 5 Ca 1902/17 , wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/121 Erst An­hö­rung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung, dann An­trag beim In­te­gra­ti­ons­amt).

Am Don­ners­tag letz­ter Wo­che hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die­se Fra­ge an­ders­her­um ent­schie­den: BAG, Ur­teil vom 13.12.2018, 2 AZR 378/18 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Muss der Ar­beit­ge­ber vor der Kündi­gung ei­nes Schwer­be­hin­der­ten zu­erst die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung anhören oder kann er zunächst ein­mal die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes be­an­tra­gen?

Be­reits vor dem 30.12.2016 muss­te der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung (SBV) vor der ge­plan­ten Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen "un­verzüglich und um­fas­send" in­for­mie­ren und anhören, denn so war es be­reits in § 95 Abs.2 Satz 1 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) al­te Fas­sung (a.F.) ge­re­gelt.

Geändert hat sich ab dem 30.12.2016, dass ei­ne Kündi­gung, die der Ar­beit­ge­ber oh­ne die­se Vor­ab-Be­tei­li­gung der SBV aus­spricht, un­wirk­sam ist (§ 95 Abs.2 Satz 3 SGB IX in der vom 30.12.2016 bis 31.12.2017 gel­ten­den Fas­sung). Die­se Re­ge­lung ist seit dem 01.01.2018 in § 178 Abs.2 Satz 3 SGB IX ent­hal­ten.

Frag­lich ist, ob aus der vom Ge­setz ge­for­der­ten "Un­verzüglich­keit" der Be­tei­li­gung der SBV, d.h. aus § 95 Abs.2 Satz 1 SGB IX a.F. bzw. aus § 178 Abs.2 Satz 1 SGB IX (ak­tu­el­le Ge­set­zes­fas­sung) der Schluss ge­zo­gen wer­den kann, dass der Ar­beit­ge­ber im­mer schon vor dem An­trag beim In­te­gra­ti­ons­amt auf Zu­stim­mung zur Kündi­gung (§ 168 SGB IX) die SBV anhören muss, da die Anhörung ja sonst nicht "un­verzüglich" wäre. Dafür spricht, dass es in § 178 Abs.2 Satz 3 SGB IX klipp und klar heißt (vom 31.12.2016 bis zum 31.12.2017 stand das in § 95 Abs.2 Satz 3 SGB IX a.F.):

"Die Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen, die der Ar­beit­ge­ber oh­ne ei­ne Be­tei­li­gung nach Satz 1 aus­spricht, ist un­wirk­sam."

Da ein Hin­aus­schie­ben der Anhörung der SBV bis zu dem Zeit­punkt, in dem das In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zu Kündi­gung be­reits er­teilt hat (was nor­ma­ler­wei­se ei­ni­ge Wo­chen ab An­trag­stel­lung dau­ert), nicht mehr "un­verzüglich" ist, kann man ar­gu­men­tie­ren, dass ein sol­ches Vor­ge­hen des Ar­beit­ge­bers die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung nach sich zie­hen muss. So je­den­falls hat das Ar­beits­ge­richt Ha­gen im März 2018 ent­schie­den (Ur­teil vom 06.03.2018, 5 Ca 1902/17, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/121 Erst Anhörung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung, dann An­trag beim In­te­gra­ti­ons­amt), und so se­hen es vie­le ju­ris­ti­sche Au­to­ren.

An­de­rer An­sicht ist al­ler­dings nun­mehr das BAG.

Der Leip­zi­ger Streit­fall: Ar­beit­ge­ber be­an­tragt am 16.12.2016 die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­amts zur Kündi­gung und in­for­miert erst nach der Zu­stim­mung Mit­te März 2017 die SBV

In dem Säch­si­schen Streit­fall ging es um ei­ne 1962 ge­bo­re­ne Ar­beit­neh­me­rin, die seit 1981 bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber als Se­kretärin tätig war. Sie ist be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 40 und seit Ju­li 2016 durch Be­scheid der Ar­beits­agen­tur ei­nem schwer­be­hin­der­ten Men­schen gleich­ge­stellt.

Am 16.12.2016 (und da­mit zwei Wo­chen vor In­kraft­tre­ten von § 95 Abs.2 Satz 3 SGB IX a.F.) be­an­trag­te der Ar­beit­ge­ber bei dem in Sach­sen dafür zuständi­gen Kom­mu­na­len So­zi­al­ver­band die Zu­stim­mung zu ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung, die mit Be­scheid vom 20.02.2017 er­teilt wur­de. Dar­auf­hin hörte der Ar­beit­ge­ber An­fang März erst den Be­triebs­rat zu der ge­plan­ten Kündi­gung an und schließlich auch die SBV, die­se al­ler­dings erst mit Schrei­ben vom 15.03.2017. Am 24.03.2017 sprach der Ar­beit­ge­ber schluss­end­lich die ge­plan­te Kündi­gung zum 30.09.2017 aus.

Die Ar­beit­neh­me­rin er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Leip­zig (Ur­teil vom 17.08.2017, 8 Ca 1122/17) und in der Be­ru­fung vor dem Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Er­folg (Ur­teil vom 08.06.2018, 5 Sa 458/17). Bei­de Ge­rich­te mein­ten, der Ar­beit­ge­ber hätte die SBV nicht "un­verzüglich" an­gehört, wes­halb die Kündi­gung un­wirk­sam sei.

Ei­ne ver­bo­te­ne Ge­set­zesrück­wir­kung zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers lag hier nicht vor, so das Ar­beits­ge­richt und das LAG, da die Neu­re­ge­lung ei­nen noch lau­fen­den bzw. nicht ab­ge­schlos­se­nen Sach­ver­halt be­traf. Da­her hat­te der Ar­beit­ge­ber noch nach In­kraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung (am 30.12.2016) genügend Ge­le­gen­heit, nun­mehr "un­verzüglich" die SBV zu in­for­mie­ren, um so die Un­wirk­sam­keit sei­ner Kündi­gung zu ver­mei­den. Das tat er aber nicht, son­dern ließ sich mit der Anhörung der SBV bis zum 15.03.2017 Zeit.

BAG: Die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung muss nicht un­be­dingt vor dem Ver­fah­ren beim In­te­gra­ti­ons­amt zu der Kündi­gung ei­nes Schwer­be­hin­der­ten an­gehört wer­den

Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ver­wies den Rechts­streit zurück zum LAG, das den Fall jetzt noch ein­mal prüfen muss. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Die Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers ist nicht al­lein des­halb un­wirk­sam, weil der Ar­beit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ent­ge­gen § 178 Abs.2 Satz 1 SGB IX (bis 31.12.2017 § 95 Abs.2 Satz 1 SGB IX a.F.) nicht "un­verzüglich" über sei­ne Kündi­gungs­ab­sicht un­ter­rich­tet hat. Viel­mehr rich­ten sich so­wohl der In­halt der Anhörung als auch die Dau­er der Frist für ei­ne Stel­lung­nah­me der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung nach den Grundsätzen, die für die Anhörung des Be­triebs­rats auf der Grund­la­ge von § 102 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) gel­ten, so das BAG. Da­mit sind drei recht­li­che Fra­gen be­ant­wor­tet:

Ers­tens: Der Ar­beit­ge­ber hat die Wahl, ob er zu­erst die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung anhört oder zu­erst ei­nen An­trag auf Zu­stim­mung zur Kündi­gung beim In­te­gra­ti­ons­amt stellt. Je­den­falls führt die nachträgli­che (= nicht "un­verzügli­che") Anhörung der SBV nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung. Hier be­steht künf­tig kein Un­ter­schied zwi­schen der Anhörung des Be­triebs­rats und der SBV, denn der Ar­beit­ge­ber hat (un­strei­tig) die recht­li­che Möglich­keit, den Be­triebs­rat erst nach der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes zu der ge­plan­ten Kündi­gung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers an­zuhören. Die­se Rei­hen­fol­ge können Ar­beit­ge­ber künf­tig auch bei der Anhörung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ein­hal­ten.

Zwei­tens: Der Ar­beit­ge­ber muss die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung im Rah­men der Anhörung eben­so ge­nau in­for­mie­ren wie den Be­triebs­rat. An die­ser Stel­le enthält die vom BAG ge­zo­ge­ne Par­al­le­le zur Anhörung des Be­triebs­rats ei­ne gu­te Nach­richt für die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung. Denn wenn sich der Ar­beit­ge­ber bei dem "In­halt der Anhörung" künf­tig eben­so große Mühe ge­ben muss wie bei der Be­triebs­rats­anhörung, muss er bei der Anhörung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ge­nau­er ar­bei­ten als das der­zeit von ei­ni­gen ju­ris­ti­schen Au­to­ren an­ge­nom­men wird.

Drit­tens: Die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung hat künf­tig eben­so lan­ge Zeit wie der Be­triebs­rat, um zu ei­ner In­for­ma­ti­on über ei­ne ge­plan­te Kündi­gung Stel­lung zu neh­men. Kon­kret sind das sie­ben Ta­ge bei ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ge­plan­ten or­dent­li­chen Kündi­gung (§ 102 Abs.2 Satz 1 und 2 Be­trVG) und drei Ta­ge bei ei­ner außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kündi­gung (§ 102 Abs.2 Satz 3 Be­trVG).

Fa­zit: Das BAG-Ur­teil war auf der Grund­la­ge der Ge­set­zes­fas­sung und der bis­lang vor­herr­schen­den Aus­le­gung nicht zu er­war­ten. Da das BAG in sei­ner Pres­se­mel­dung selbst da­von spricht, dass ein Han­deln des Ar­beit­ge­bers "ent­ge­gen" der ge­setz­li­chen Pflicht zur un­verzügli­chen In­for­ma­ti­on der SBV nicht die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung zur Fol­ge hat, kann man auf die Ur­teils­gründe ge­spannt sein.

Po­si­tiv ist aber je­den­falls zu be­wer­ten, dass das BAG die drei o.g., bis­lang of­fe­nen Rechts­fra­gen geklärt und die Rechts­la­ge beim The­ma Anhörung der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung durch die Par­al­le­le zur Be­triebs­rats­anhörung ver­ein­facht hat. Das dient der Rechts­si­cher­heit und ist, was den In­halt der Anhörung an­geht, auch aus Sicht der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung po­si­tiv zu be­wer­ten.

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Letzte Überarbeitung: 30. August 2019

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