HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 27.01.2005, C-188/03

   
Schlagworte: Massenentlassung, EU-Recht
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-188/03
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.01.2005
   
Leitsätze:

1. Die Artikel 2 bis 4 der Richtlinie 98/59/EG des Rates vom 20. Juli 1998 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über Massenentlassungen sind dahin auszulegen, dass die Kündigungserklärung des Arbeitgebers das Ereignis ist, das als Entlassung gilt.

2. Der Arbeitgeber darf Massenentlassungen nach Ende des Konsultationsverfahrens im Sinne des Artikels 2 der Richtlinie 98/59 und nach der Anzeige der beabsichtigten Massenentlassung im Sinne der Artikel 3 und 4 der Richtlinie vornehmen.

Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHO­FES (Zwei­te Kam­mer)

27. Ja­nu­ar 2005 *

Richt­li­nie 98/59/EG - Mas­sen­ent­las­sun­gen - Ver­fah­ren zur Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter - An­zei­ge bei der zuständi­gen Behörde - Be­griff ‚Ent­las­sung‘ - Zeit­punkt der Ent­las­sung“

In der Rechts­sa­che C-188/03

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Ar­ti­kel 234 EG, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt Ber­lin (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 30. April 2003, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 7. Mai 2003, in dem Ver­fah­ren

Irm­traud Junk

ge­gen

Wolf­gang Kühnel

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Zwei­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten C. W. A. Tim­mer­m­ans, der Rich­te­rin R. Sil­va de La­pu­er­ta so­wie der Rich­ter C. Gul­mann (Be­richt­er­stat­ter), P. Küris und G. Ares­tis,

Ge­ne­ral­an­walt: A. Tiz­za­no,

Kanz­ler: M.-F. Con­tet, Haupt­ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15. Ju­li 2004,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- der öster­rei­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch E. Riedl als Be­vollmäch­tig­ten,

- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch R. Caud­well als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von T. Ward, Bar­ris­ter,

- der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch D. Mar­tin und H. Krep­pel als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 30. Sep­tem­ber 2004

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Ar­ti­kel 1 bis 4 der Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20. Ju­li 1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen (ABl. L 225, S. 16, im Fol­gen­den: Richt­li­nie).
2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Junk (im Fol­gen­den: Kläge­rin) und Rechts­an­walt Kühnel (im Fol­gen­den: Be­klag­ter) als In­sol­venz­ver­wal­ter der Ge­sell­schaft, bei der die Kläge­rin beschäftigt war, über de­ren Ent­las­sung.

Recht­li­cher Rah­men

Ge­mein­schafts­recht

3

Die Ar­ti­kel 1 bis 4 der Richt­li­nie be­stim­men:
Ar­ti­kel 1
(1) Für die Durchführung die­ser Richt­li­nie gel­ten fol­gen­de Be­griffs­be­stim­mun­gen:
a) ‚Mas­sen­ent­las­sun­gen‘ sind Ent­las­sun­gen, die ein Ar­beit­ge­ber aus ei­nem oder meh­re­ren Gründen, die nicht in der Per­son der Ar­beit­neh­mer lie­gen, vor­nimmt und bei de­nen – nach Wahl der Mit­glied­staa­ten – die Zahl der Ent­las­sun­gen
i) ent­we­der in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 30 Ta­gen
- min­des­tens 10 in Be­trie­ben mit in der Re­gel mehr als 20 und we­ni­ger als 100 Ar­beit­neh­mern,
- min­des­tens 10 v. H. der Ar­beit­neh­mer in Be­trie­ben mit in der Re­gel min­des­tens 100 und we­ni­ger als 300 Ar­beit­neh­mern,
- min­des­tens 30 in Be­trie­ben mit in der Re­gel min­des­tens 300 Ar­beit­neh­mern,
ii) oder in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20, und zwar un­abhängig da­von, wie vie­le Ar­beit­neh­mer in der Re­gel in dem be­tref­fen­den Be­trieb beschäftigt sind,
beträgt;

Ar­ti­kel 2
(1) Be­ab­sich­tigt ein Ar­beit­ge­ber, Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­zu­neh­men, so hat er die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter recht­zei­tig zu kon­sul­tie­ren, um zu ei­ner Ei­ni­gung zu ge­lan­gen.
(2) Die­se Kon­sul­ta­tio­nen er­stre­cken sich zu­min­dest auf die Möglich­keit, Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder zu be­schränken, so­wie auf die Möglich­keit, ih­re Fol­gen durch so­zia­le Be­gleit­maßnah­men, die ins­be­son­de­re Hil­fen für ei­ne an­der­wei­ti­ge Ver­wen­dung oder Um­schu­lung der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer zum Ziel ha­ben, zu mil­dern.
Die Mit­glied­staa­ten können vor­se­hen, dass die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter gemäß den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Prak­ti­ken Sach­verständi­ge hin­zu­zie­hen können.
(3) Da­mit die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter kon­struk­ti­ve Vor­schläge un­ter­brei­ten können, hat der Ar­beit­ge­ber ih­nen recht­zei­tig im Ver­lauf der Kon­sul­ta­tio­nen
a) die zweck­dien­li­chen Auskünf­te zu er­tei­len und
b) in je­dem Fall schrift­lich Fol­gen­des mit­zu­tei­len:
i) die Gründe der ge­plan­ten Ent­las­sung;
ii) die Zahl und die Ka­te­go­ri­en der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer;
iii) die Zahl und die Ka­te­go­ri­en der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer;
iv) den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len;
v) die vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, so­weit die in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Prak­ti­ken dem Ar­beit­ge­ber die Zuständig­keit dafür zu­er­ken­nen;
vi) die vor­ge­se­he­ne Me­tho­de für die Be­rech­nung et­wai­ger Ab­fin­dun­gen, so­weit sie sich nicht aus den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Prak­ti­ken er­ge­ben.
Der Ar­beit­ge­ber hat der zuständi­gen Behörde ei­ne Ab­schrift zu­min­dest der in Un­ter­ab­satz 1 Buch­sta­be b) Zif­fern i) bis v) ge­nann­ten Be­stand­tei­le der schrift­li­chen Mit­tei­lung zu über­mit­teln.

Ar­ti­kel 3
(1) Der Ar­beit­ge­ber hat der zuständi­gen Behörde al­le be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen schrift­lich an­zu­zei­gen.
Die Mit­glied­staa­ten können je­doch vor­se­hen, dass im Fall ei­ner ge­plan­ten Mas­sen­ent­las­sung, die auf­grund ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung über die Ein­stel­lung der Tätig­keit des Be­triebs er­folgt, der Ar­beit­ge­ber die­se der zuständi­gen Behörde nur auf de­ren Ver­lan­gen schrift­lich an­zu­zei­gen hat.
Die An­zei­ge muss al­le zweck­dien­li­chen An­ga­ben über die be­ab­sich­tig­te Mas­sen­ent­las­sung und die Kon­sul­ta­tio­nen der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter gemäß Ar­ti­kel 2 ent­hal­ten, ins­be­son­de­re die Gründe der Ent­las­sung, die Zahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, die Zahl der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer und den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len.
(2) Der Ar­beit­ge­ber hat den Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern ei­ne Ab­schrift der in Ab­satz 1 ge­nann­ten An­zei­ge zu über­mit­teln.
Die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter können et­wai­ge Be­mer­kun­gen an die zuständi­ge Behörde rich­ten.

Ar­ti­kel 4
(1) Die der zuständi­gen Behörde an­ge­zeig­ten be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen wer­den frühes­tens 30 Ta­ge nach Ein­gang der in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten An­zei­ge wirk­sam; die im Fall der Ein­zelkündi­gung für die Kündi­gungs­frist gel­ten­den Be­stim­mun­gen blei­ben un­berührt.
Die Mit­glied­staa­ten können der zuständi­gen Behörde je­doch die Möglich­keit einräum­en, die Frist des Un­ter­ab­sat­zes 1 zu verkürzen.
(2) Die Frist des Ab­sat­zes 1 muss von der zuständi­gen Behörde da­zu be­nutzt wer­den, nach Lösun­gen für die durch die be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me zu su­chen.
(3) So­weit die ursprüng­li­che Frist des Ab­sat­zes 1 we­ni­ger als 60 Ta­ge beträgt, können die Mit­glied­staa­ten der zuständi­gen Behörde die Möglich­keit einräum­en, die ursprüng­li­che Frist auf 60 Ta­ge, vom Zu­gang der An­zei­ge an ge­rech­net, zu verlängern, wenn die Ge­fahr be­steht, dass die durch die be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me in­ner­halb der ursprüng­li­chen Frist nicht gelöst wer­den können.
Die Mit­glied­staa­ten können der zuständi­gen Behörde wei­ter ge­hen­de Verlänge­rungsmöglich­kei­ten einräum­en.
Die Verlänge­rung ist dem Ar­beit­ge­ber vor Ab­lauf der ursprüng­li­chen Frist des Ab­sat­zes 1 mit­zu­tei­len und zu be­gründen.
(4) Die Mit­glied­staa­ten können da­von ab­se­hen, die­sen Ar­ti­kel im Fall von Mas­sen­ent­las­sun­gen in­fol­ge ei­ner Ein­stel­lung der Tätig­keit des Be­triebs an­zu­wen­den, wenn die­se Ein­stel­lung auf­grund ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung er­folgt.“

Na­tio­na­les Recht

4 Im deut­schen Recht sind die Ver­fah­ren für Mas­sen­ent­las­sun­gen in den §§ 17 und 18 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes ge­re­gelt, die im Rah­men ei­nes ge­richt­li­chen In­sol­venz­ver­fah­rens gel­ten. Die maßgeb­li­che Fas­sung die­ses Ge­set­zes ist die der Be­kannt­ma­chung vom 25. Au­gust 1969 (BGBl. 1969 I, S. 1317), geändert durch das Ge­setz vom 23. Ju­li 2001 (BGBl. 2001 I, S. 1852) (im Fol­gen­den: KSchG).
5 Gemäß § 17 KSchG ist der Ar­beit­ge­ber, wenn er be­ab­sich­tigt, ei­ne be­stimm­te An­zahl von Ar­beit­neh­mern in­ner­halb von 30 Ka­len­der­ta­gen zu ent­las­sen, ver­pflich­tet,
- dem Be­triebs­rat recht­zei­tig die zweck­dien­li­chen Auskünf­te zu er­tei­len und ihn ins­be­son­de­re zu un­ter­rich­ten über die Gründe für die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen, die Zahl und die Be­rufs­grup­pen der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer so­wie der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len, so­wie die vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer;
- sei­ne Ab­sicht dem Ar­beits­amt an­zu­zei­gen und ihm gleich­zei­tig ei­ne Ab­schrift der Mit­tei­lung an den Be­triebs­rat und des­sen Stel­lung­nah­me zu den Ent­las­sun­gen zu­zu­lei­ten.
6 § 18 KSchG sieht Fol­gen­des vor:
„(1) Ent­las­sun­gen, die nach § 17 an­zu­zei­gen sind, wer­den vor Ab­lauf ei­nes Mo­nats nach Ein­gang der An­zei­ge beim Ar­beits­amt nur mit des­sen Zu­stim­mung wirk­sam; die Zu­stim­mung kann auch rück­wir­kend bis zum Ta­ge der An­trag­stel­lung er­teilt wer­den.
(2) Das Ar­beits­amt kann im Ein­zel­fall be­stim­men, dass die Ent­las­sun­gen nicht vor Ab­lauf von längs­tens zwei Mo­na­ten nach Ein­gang der An­zei­ge wirk­sam wer­den.
…“
7 Da­ne­ben hat ein Ar­beit­ge­ber, der Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­neh­men will, gemäß § 102 des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes in der Fas­sung vom 25. Sep­tem­ber 2001 (BGBl. 2001 I, S. 2518), geändert durch das Ge­setz vom 10. De­zem­ber 2001 (BGBl. 2001 I, S. 3443) (im Fol­gen­den: Be­trVG), das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats zu be­ach­ten. Ei­ne oh­ne Anhörung des Be­triebs­rats aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung ist un­wirk­sam.
8 Sch­ließlich verfügt der Be­triebs­rat im Fall ei­ner Be­triebsände­rung, die ei­ne Mas­sen­ent­las­sung ein­sch­ließt, nach §§ 111 ff. Be­trVG über ein Be­tei­li­gungs­recht. Wird ei­ne Be­triebsände­rung oh­ne Be­ach­tung die­ser Be­stim­mun­gen vor­ge­nom­men, so ist der Ar­beit­ge­ber gemäß § 113 Be­trVG zum Er­satz des Scha­dens in Form ei­ner Ab­fin­dungs­zah­lung ver­pflich­tet.

Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­gen

9 Die Kläge­rin war bei der AWO Ge­meinnützi­ge Pfle­ge­ge­sell­schaft Südwest mbH (im Fol­gen­den: AWO) als Pfle­ge­hel­fe­rin/Haus­pfle­ge­rin beschäftigt. Die AWO be­trieb ein Un­ter­neh­men für Haus­pfle­ge­dienst­leis­tun­gen und beschäftig­te et­wa 430 Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer. Ein Be­triebs­rat war ge­bil­det wor­den.
10 Am 31. Ja­nu­ar 2002 stell­te die AWO auf­grund von Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten ei­nen An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens. Mit Wir­kung vom 1. Fe­bru­ar 2002 stell­te sie sämt­li­che Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung frei und zahl­te auch die Vergütung für den Mo­nat Ja­nu­ar 2002 nicht. Mit­te Ju­ni 2002 wa­ren noch 176 Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer beschäftigt. En­de Au­gust 2002 war die­se Zahl auf 172 zurück­ge­gan­gen.
11 Am 5. Fe­bru­ar 2002 wur­de das vorläufi­ge In­sol­venz­ver­fah­ren und am 1. Mai 2002 das endgülti­ge In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Als In­sol­venz­ver­wal­ter wur­de der Be­klag­te be­stellt.
12 Mit Schrei­ben vom 19. Ju­ni 2002, das dem Vor­sit­zen­den des Be­triebs­rats noch am sel­ben Tag zu­ging, teil­te der Be­klag­te dem Be­triebs­rat mit, dass er we­gen der Sch­ließung des Be­trie­bes be­ab­sich­ti­ge, sämt­li­che noch be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­se, dar­un­ter das der Kläge­rin, mit der im In­sol­venz­ver­fah­ren vor­ge­se­he­nen Höchst­frist von drei Mo­na­ten zum 30. Sep­tem­ber 2002 zu kündi­gen und ei­ne Mas­sen­ent­las­sung durch­zuführen. Dem Schrei­ben bei­gefügt war ei­ne Lis­te mit den Na­men, An­schrif­ten und Ge­burts­da­ten so­wie wei­te­ren Da­ten der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer.
13 Mit Schrei­ben vom 26. Ju­ni 2002 teil­te der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de dem Be­klag­ten mit, dass ei­ne zügi­ge Ab­wick­lung der An­ge­le­gen­heit auch im Sin­ne des Be­triebs­rats sei.
14 Zu­vor hat­te der Be­klag­te mit dem Be­triebs­rat am 23. Mai 2002 ei­nen so ge­nann­ten In­ter­es­sen­aus­gleich über die Ein­stel­lung des Geschäfts­be­triebs der AWO und ei­nen So­zi­al­plan im Sin­ne des § 112 Be­trVG ver­ein­bart.
15 Mit Schrei­ben vom 27. Ju­ni 2002, das der Kläge­rin am 29. Ju­ni 2002 zu­ging, kündig­te der Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zum 30. Sep­tem­ber 2002.
16 Mit der beim Ar­beits­ge­richt Ber­lin am 17. Ju­li 2002 ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge wand­te sich die Kläge­rin ge­gen die­se Kündi­gung.
17 Mit Schrei­ben vom 27. Au­gust 2002, das am sel­ben Tag beim Ar­beits­amt ein­ging, zeig­te der Be­klag­te die­sem die Ent­las­sung von 172 Beschäftig­ten zum 30. Sep­tem­ber 2002 gemäß § 17 Ab­satz 3 KSchG an. Er fügte die­ser An­zei­ge die Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats bei.
18 Vor dem Ar­beits­ge­richt macht die Kläge­rin gel­tend, dass ih­re Kündi­gung un­wirk­sam sei.
19 Nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts hängt die Ent­schei­dung des Rechts­streits von der Fra­ge ab, ob die frag­li­che Kündi­gung we­gen Ver­s­toßes ge­gen die Vor­schrif­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen gemäß § 18 Ab­satz 1 KSchG un­wirk­sam ist.
20 Nach der bis­her herr­schen­den Mei­nung knüpften die Mas­sen­ent­las­sungs­vor­schrif­ten nicht an die Kündi­gun­gen, son­dern an das tatsächli­che Aus­schei­den der Ar­beit­neh­mer aus dem Be­trieb in der Re­gel mit dem Aus­lau­fen der Kündi­gungs­fris­ten an.
21 In den §§ 17 und 18 KSchG eben­so wie in der deut­schen Fas­sung der Richt­li­nie 98/59 sei von „Ent­las­sung“ und nicht von „Kündi­gung“ die Re­de.
22 Bei­de Be­grif­fe hätten im deut­schen Recht ei­ne un­ter­schied­li­che Be­deu­tung: Un­ter „Kündi­gung“ wer­de die auf die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­rich­te­te ein­sei­ti­ge Wil­lens­erklärung ei­ner der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ver­stan­den, während un­ter „Ent­las­sung“ die tatsächli­che Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf­grund ar­beit­ge­ber­sei­ti­ger Kündi­gung ver­stan­den wer­de.
23 Über­tra­gen auf die Mas­sen­ent­las­sungs­vor­schrif­ten be­deu­te die­se Un­ter­schei­dung, dass es für das Vor­lie­gen ei­ner Mas­sen­ent­las­sung nicht auf den Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gun­gen an­kom­me, son­dern auf den Zeit­punkt des Aus­lau­fens der in­di­vi­du­el­len Kündi­gungs­fris­ten. Da­her ha­be der Ar­beit­ge­ber die Möglich­keit, auch erst nach dem Aus­spruch der Kündi­gun­gen den Be­triebs­rat zu be­tei­li­gen und An­zei­ge beim Ar­beits­amt zu er­stat­ten, so­lan­ge er dies vor der tatsächli­chen Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se tue.
24 Nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts ist der Be­griff „Ent­las­sung“ im Sin­ne der Richt­li­nie 98/59 je­doch als gleich­be­deu­tend mit ar­beit­ge­ber­sei­ti­ger Kündi­gung aus­zu­le­gen, so dass nach den Be­stim­mun­gen der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie das Ver­fah­ren zur Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter und zur An­zei­ge bei der Behörde vor dem Aus­spruch der Kündi­gun­gen vollständig ab­ge­schlos­sen sein müsse.
25 Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat da­her das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Ist die Richt­li­nie 98/59/EG da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass un­ter „Ent­las­sung“ im Sin­ne des Ar­ti­kels 1 Ab­satz 1 Buch­sta­be a der Richt­li­nie die Kündi­gung als der ers­te Akt zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu ver­ste­hen ist, oder meint „Ent­las­sung“ die Be­en­di­gung des Ar­beit­verhält­nis­ses mit dem Ab­lauf der Kündi­gungs­frist?
2. Falls un­ter „Ent­las­sung“ die Kündi­gung zu ver­ste­hen ist, ver­langt die Richt­li­nie, dass so­wohl das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 der Richt­li­nie als auch das An­zei­ge­ver­fah­ren im Sin­ne der Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie vor dem Aus­spruch der Kündi­gun­gen ab­ge­schlos­sen sein müssen?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

26 Im Aus­gangs­rechts­streit geht es um die Be­ur­tei­lung der Rechtmäßig­keit ei­ner Ent­las­sung un­ter dem Ge­sichts­punkt der Kon­sul­ta­ti­ons- und An­zei­ge­ver­fah­ren im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 so­wie der Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie. Für die­se Be­ur­tei­lung muss der Zeit­punkt be­stimmt wer­den, zu dem ei­ne Ent­las­sung er­folgt, d. h. das Er­eig­nis ein­tritt, das als Ent­las­sung gilt.
27

Für die Ent­schei­dung des Aus­gangs­rechts­streits muss al­so der In­halt des Be­grif­fes „Ent­las­sung“ im Sin­ne der Richt­li­nie be­stimmt wer­den.

28 In Ar­ti­kel 1 Ab­satz 1 Buch­sta­be a der Richt­li­nie wird der Be­griff „Mas­sen­ent­las­sun­gen“ de­fi­niert, aber we­der an­ge­ge­ben, wel­cher Um­stand ei­ne Ent­las­sung be­wirkt, noch in­so­weit auf das Recht der Mit­glied­staa­ten ver­wie­sen.
29 Hier­zu ist dar­an zu er­in­nern, dass die ein­heit­li­che An­wen­dung des Ge­mein­schafts­rechts und der Gleich­heits­satz ver­lan­gen, dass Be­grif­fe ei­ner Vor­schrift des Ge­mein­schafts­rechts, die für die Er­mitt­lung ih­res Sin­nes und ih­rer Be­deu­tung nicht aus­drück­lich auf das Recht der Mit­glied­staa­ten ver­weist, in der Re­gel in der ge­sam­ten Ge­mein­schaft au­to­nom und ein­heit­lich aus­ge­legt wer­den, wo­bei die­se Aus­le­gung un­ter Berück­sich­ti­gung des Re­ge­lungs­zu­sam­men­hangs und des mit der Re­ge­lung ver­folg­ten Zwe­ckes zu er­mit­teln ist (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le vom 19. Sep­tem­ber 2000 in der Rechts­sa­che C-287/98, Lins­ter, Slg. 2000, I-6917, Rand­nr. 43, und vom 12. Ok­to­ber 2004 in der Rechts­sa­che C-55/02, Kom­mis­si­on/Por­tu­gal, Slg. 2004, I-0000, Rand­nr. 45).
30

Der Be­griff „Ent­las­sung“ im Sin­ne der Ar­ti­kel 2 bis 4 der Richt­li­nie ist da­her in der Ge­mein­schafts­rechts­ord­nung au­to­nom und ein­heit­lich aus­zu­le­gen.

Zur ers­ten Fra­ge

31 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob die Ar­ti­kel 2 bis 4 der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen sind, dass die Kündi­gungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers das Er­eig­nis ist, das als Ent­las­sung gilt, oder da­hin, dass die tatsächli­che Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Ab­lauf der Kündi­gungs­frist die­ses Er­eig­nis dar­stellt.
32 Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts be­zieht sich der in der deut­schen Fas­sung der Richt­li­nie ver­wen­de­te Be­griff „Ent­las­sung“ im deut­schen Recht auf die tatsächli­che Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und nicht auf die Kündi­gungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers.
33 Nach ständi­ger Recht­spre­chung ver­bie­tet die Not­wen­dig­keit ein­heit­li­cher An­wen­dung und da­mit Aus­le­gung ei­ner Vor­schrift des Ge­mein­schafts­rechts, sie in ei­ner ih­rer Fas­sun­gen iso­liert zu be­trach­ten, son­dern ge­bie­tet viel­mehr, sie nach dem wirk­li­chen Wil­len ih­res Ur­he­bers und dem von die­sem ver­folg­ten Zweck na­ment­lich im Licht ih­rer Fas­sung in al­len Spra­chen aus­zu­le­gen (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le vom 12. No­vem­ber 1969 in der Rechts­sa­che 26/69, Stau­der, Slg. 1969, 419, Rand­nr. 3, vom 7. Ju­li 1988 in der Rechts­sa­che 55/87, Mok­sel, Slg. 1988, 3845, Rand­nr. 15, vom 20. No­vem­ber 2001 in der Rechts­sa­che C-268/99, Ja­ny, Slg. 2001, I-8615, Rand­nr. 47).
34 Was die Richt­li­nie an­geht, so de­cken die in den an­de­ren Sprach­fas­sun­gen als der deut­schen für „Ent­las­sung“ ver­wen­de­ten Be­grif­fe ent­we­der bei­de vom vor­le­gen­den Ge­richt ge­nann­ten Er­eig­nis­se, oder sie ha­ben eher die Be­deu­tung von ar­beit­ge­ber­sei­ti­ger Kündi­gungs­erklärung.
35 So­dann ist fest­zu­stel­len, dass Ar­ti­kel 2 Ab­satz 1 der Richt­li­nie ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers vor­sieht, die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter recht­zei­tig zu kon­sul­tie­ren, wenn er „be­ab­sich­tigt, Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­zu­neh­men“. Nach Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 der Richt­li­nie hat der Ar­beit­ge­ber der zuständi­gen Behörde „al­le be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen … an­zu­zei­gen“.
36 Das Tat­be­stands­merk­mal, dass ein Ar­beit­ge­ber Mas­sen­ent­las­sun­gen „be­ab­sich­tigt“, ent­spricht ei­nem Fall, in dem noch kei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen wor­den ist. Da­ge­gen ist die Mit­tei­lung der Kündi­gung des Ar­beits­ver­trags Aus­druck ei­ner Ent­schei­dung, das Ar­beits­verhält­nis zu be­en­den, und des­sen tatsächli­che Be­en­di­gung mit dem Ab­lauf der Kündi­gungs­frist stellt nur die Wir­kung die­ser Ent­schei­dung dar.
37 Da­mit sind die vom Ge­mein­schafts­ge­setz­ge­ber ver­wen­de­ten Be­grif­fe ein In­diz dafür, dass die Kon­sul­ta­ti­ons- und An­zei­ge­pflich­ten vor ei­ner Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers zur Kündi­gung von Ar­beits­verträgen ent­ste­hen.
38 Die­se Aus­le­gung wird, was das Ver­fah­ren der Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter an­geht, schließlich durch das in Ar­ti­kel 2 Ab­satz 2 der Richt­li­nie vor­ge­ge­be­ne Ziel bestätigt, Kündi­gun­gen zu ver­mei­den oder ih­re Zahl zu be­schränken. Die­ses Ziel ließe sich nicht er­rei­chen, wenn die Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter nach der Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers stattfände.
39

Da­her ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Ar­ti­kel 2 bis 4 der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen sind, dass die Kündi­gungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers das Er­eig­nis ist, das als Ent­las­sung gilt.

Zur zwei­ten Fra­ge

40 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob der Ar­beit­ge­ber Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­neh­men darf, be­vor das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 der Richt­li­nie und das An­zei­ge­ver­fah­ren im Sin­ne der Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie be­en­det sind.
41 Aus der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge geht be­reits her­vor, dass der Ar­beit­ge­ber Ar­beits­verträge nicht kündi­gen darf, be­vor er die­se bei­den Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hat.
42 Das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren wird gemäß Ar­ti­kel 2 Ab­satz 1 der Richt­li­nie geführt, „um zu ei­ner Ei­ni­gung zu ge­lan­gen“. Die Kon­sul­ta­tio­nen er­stre­cken sich nach Ab­satz 2 die­ses Ar­ti­kels „zu­min­dest auf die Möglich­keit, Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder zu be­schränken, so­wie auf die Möglich­keit, ih­re Fol­gen durch so­zia­le Be­gleit­maßnah­men … zu mil­dern“.
43 Das zeigt, dass Ar­ti­kel 2 ei­ne Ver­pflich­tung zu Ver­hand­lun­gen be­gründet.
44 Die prak­ti­sche Wirk­sam­keit ei­ner sol­chen Ver­pflich­tung wäre be­ein­träch­tigt, wenn der Ar­beit­ge­ber die Ar­beits­verträge während oder so­gar schon zu Be­ginn des Ver­fah­rens kündi­gen dürf­te. Für die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter wäre es er­heb­lich schwie­ri­ger, die Rück­nah­me ei­ner be­reits ge­trof­fe­nen Ent­schei­dung zu er­rei­chen als den Ver­zicht auf ei­ne be­ab­sich­tig­te Ent­schei­dung.
45 Die Kündi­gung des Ar­beits­ver­trags darf al­so erst nach En­de des Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­rens aus­ge­spro­chen wer­den, d. h., nach­dem der Ar­beit­ge­ber die Ver­pflich­tun­gen nach Ar­ti­kel 2 der Richt­li­nie erfüllt hat.
46 Zum An­zei­ge­ver­fah­ren sieht Ar­ti­kel 3 der Richt­li­nie, wie erwähnt, vor, dass der Ar­beit­ge­ber der zuständi­gen Behörde „al­le be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen“ an­zu­zei­gen hat.
47 Nach Ar­ti­kels 4 Ab­satz 2 der Richt­li­nie be­steht der Zweck der An­zei­ge dar­in, es der zuständi­gen Behörde zu ermögli­chen, nach Lösun­gen für die durch die be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me zu su­chen.
48 Wei­ter muss die zuständi­ge Behörde nach die­ser Be­stim­mung die Frist des Ar­ti­kels 4 Ab­satz 1 für die Su­che nach sol­chen Lösun­gen nut­zen.
49 Die­se Frist beträgt min­des­tens 30 Ta­ge ab der An­zei­ge. Un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des Ar­ti­kels 4 Ab­satz 1 Un­ter­ab­satz 2 und Ab­satz 3 der Richt­li­nie können die Mit­glied­staa­ten der zuständi­gen Behörde die Möglich­keit einräum­en, die­se Frist zu verkürzen oder zu verlängern.
50 Nach Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 Un­ter­ab­satz 1 der Richt­li­nie wer­den die Mas­sen­ent­las­sun­gen, d. h. die Kündi­gun­gen der Ar­beits­verträge, erst mit dem Ab­lauf der gel­ten­den Frist wirk­sam.
51 Die­se Frist ent­spricht folg­lich dem Min­dest­zeit­raum, der der zuständi­gen Behörde für die Su­che nach Lösun­gen zur Verfügung ste­hen muss.
52 Da nach Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 Un­ter­ab­satz 1 der Richt­li­nie die im Fall der Ein­zelkündi­gung für die Kündi­gungs­frist gel­ten­den Be­stim­mun­gen aus­drück­lich un­berührt blei­ben, muss sich die­se Be­stim­mung zwangsläufig auf den Fall be­reits aus­ge­spro­che­ner Kündi­gun­gen be­zie­hen, die ei­ne sol­che Frist in Gang set­zen. Der Vor­be­halt des Ab­laufs ei­ner an­de­ren als der in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Kündi­gungs­frist wäre nämlich sinn­los, wenn über­haupt kei­ne Frist zu lau­fen be­gon­nen hätte.
53 Dem­nach ist fest­zu­stel­len, dass die Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie der Kündi­gung von Ar­beits­verträgen während des durch sie ein­geführ­ten Ver­fah­rens nicht ent­ge­gen­ste­hen, so­fern die­se Kündi­gung nach der An­zei­ge der be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sung bei der zuständi­gen Behörde er­folgt.
54 Da­her ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass der Ar­beit­ge­ber Mas­sen­ent­las­sun­gen nach En­de des Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­rens im Sin­ne des Ar­ti­kel 2 der Richt­li­nie und nach der An­zei­ge der be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne der Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie vor­neh­men darf.

Kos­ten

55 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Zwei­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Die Ar­ti­kel 2 bis 4 der Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20. Ju­li 1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen sind da­hin aus­zu­le­gen, dass die Kündi­gungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers das Er­eig­nis ist, das als Ent­las­sung gilt.

2. Der Ar­beit­ge­ber darf Mas­sen­ent­las­sun­gen nach En­de des Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­rens im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 der Richt­li­nie 98/59 und nach der An­zei­ge der be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne der Ar­ti­kel 3 und 4 der Richt­li­nie vor­neh­men.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht C-188/03