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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/268

Wie­der­ein­stel­lung im Klein­be­trieb

Ar­beit­neh­mer oh­ne Kün­di­gungs­schutz ha­ben kei­nen An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung bei ge­än­der­ter Sach­la­ge nach Aus­spruch der Kün­di­gung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.10.2017, 8 AZR 845/15
Aufhebungsvertrag Personalsachbearbeiter

20.10.2017. Manch­mal än­dern sich die Um­stän­de, die zum Aus­spruch ei­ner Kün­di­gung ge­führt ha­ben, in der Zeit zwi­schen Kün­di­gungs­er­klä­rung und Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist.

So ist es z.B. dann, wenn der der Ar­beit­ge­ber ei­ne Be­triebs­schlie­ßung plant und da­her ei­ni­ge Mo­na­te zu­vor be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus­spricht, es sich dann aber an­ders über­legt.

Un­ter sol­chen Um­stän­den kön­nen die ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer nach der Recht­spre­chung Wie­der­ein­stel­lung ver­lan­gen. Aber kann man von ei­nem nach­träg­li­chen Weg­fall des Kün­di­gungs­grun­des auch dann spre­chen, wenn der Ar­beit­ge­ber gar kei­ne Be­grün­dung für ei­ne (or­dent­li­che) Kün­di­gung braucht, weil der Be­trieb als Klein­be­trieb vom Kün­di­gungs­schutz aus­ge­nom­men ist?

Nein, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Ta­ge: BAG, Ur­teil vom 19.10.2017, 8 AZR 845/15 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Setzt der An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung vor­aus, dass der gekündig­te Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz hat?

Ob ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung wirk­sam ist oder nicht, hängt bei An­wend­bar­keit des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) vor al­lem da­von ab, ob sie zum Zeit­punkt ih­rer Erklärung so­zi­al ge­recht­fer­tigt ist im Sin­ne von § 1 KSchG. Das wie­der­um setzt im Nor­mal­fall vor­aus, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ne Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung ge­trof­fen hat, die zum dau­er­haf­ten Weg­fall von Ar­beits­be­darf führt, dass ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu geänder­ten Be­din­gun­gen auf ei­nem frei­en Ar­beits­platz nicht möglich ist und dass die So­zi­al­aus­wahl in Ord­nung ist.

Lie­gen die­se drei Vor­aus­set­zun­gen zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung vor, fal­len aber später (noch vor Ab­lauf der Kündi­gungs­frist) wie­der weg, ist die be­triebs­be­ding­te Kündi­gung wirk­sam, denn dafür kommt es aus­sch­ließlich auf den Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung an. Das wie­der­um hat zur Fol­ge, dass der Ar­beit­neh­mer noch vor Ab­lauf der Kündi­gungs­frist mit an­se­hen muss, dass es am En­de doch kei­ne vernünf­ti­ge sach­li­che Recht­fer­ti­gung für sei­ne Ent­las­sung gibt.

Un­ter sol­chen Umständen hat der gekündig­te Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung, d.h. auf er­neu­te Be­gründung des (wirk­sam gekündig­ten) Ar­beits­verhält­nis­ses. Der An­spruch er­gibt sich aus dem Prin­zip von Treu und Glau­ben (§ 242 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB), d.h. als Ne­ben­pflicht aus dem Ar­beits­verhält­nis.

Frag­lich ist, ob ein sol­cher Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch auch Ar­beit­neh­mern in Klein­be­trie­ben zu­steht, d.h. in Be­trie­ben mit zehn oder we­ni­ger Ar­beit­neh­mern (§ 23 Abs.1 KSchG), auf die das KSchG kei­ne An­wen­dung fin­det.

Dafür spricht, dass der nachträgli­che Weg­fall jeg­li­cher Ent­las­sungs­be­gründung auch für Ar­beit­neh­mer in Klein­be­trie­ben ei­ne Zu­mu­tung ist. Da­ge­gen spricht, dass Ar­beit­ge­ber in Klein­be­trie­ben den Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG nicht be­ach­ten müssen, d.h. sie ha­ben Kündi­gungs­frei­heit, so dass sie recht­lich ge­se­hen gar kei­ne sach­li­che Be­gründung für ih­re Kündi­gungs­ent­schei­dung brau­chen. So ge­se­hen kann auch kei­ne "Kündi­gungs­be­gründung" nach Aus­spruch der Kündi­gung weg­fal­len.

Der Streit­fall: Langjährig beschäftig­ter Apo­the­ken­an­ge­stell­ter wird or­dent­lich gekündigt und ver­langt nach Ver­kauf der Apo­the­ke Wie­der­ein­stel­lung

Im Streit­fall war ein über 27 Jah­re beschäftig­ter Apo­the­ken­an­ge­stell­ter im No­vem­ber 2013 or­dent­lich zum 30.06.2014 gekündigt wor­den, da sei­ne Che­fin die Apo­the­ke aus ge­sund­heit­li­chen Gründen auf­ge­ben woll­te. Weil in der Apo­the­ke nicht mehr als zehn Ar­beit­neh­mer tätig wa­ren, muss­te die Apo­the­ke­rin im Prin­zip kei­nen Kündi­gungs­schutz gemäß dem KSchG be­ach­ten.

Zwar konn­te sich der Apo­the­ken­an­ge­stell­te auf­grund sei­ner lan­gen Beschäfti­gungs­dau­er noch auf die ehe­ma­li­ge, bis zum 31.12.2003 gel­ten­de Klein­be­triebs­gren­ze (fünf oder we­ni­ger Ar­beit­neh­mer) be­ru­fen (§ 23 Abs.1 Satz 2 KSchG), doch half ihm das nichts, denn von den be­reits am 31.12.2003 be­triebs­an­gehöri­gen Alt-Ar­beit­neh­mern wa­ren im No­vem­ber 2013 nur noch ge­nau fünf beschäftigt und da­mit zu we­nig. Da­her er­hob der An­ge­stell­te kei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

Im Som­mer 2014 kam es dann aber an­ders als ge­plant, denn die al­te Che­fin führ­te die Apo­the­ke im Ju­li und Au­gust 2015 mit ei­ni­gen we­ni­gen Ar­beit­neh­mern fort und überg­ab sie An­fang Sep­tem­ber 2014 an ei­ne Nach­fol­ge­rin. Die­se über­nahm nur drei An­ge­stell­te, dar­un­ter nicht den im Streit­fall be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer. Der war sau­er und ver­klag­te im Som­mer 2014 sei­ne ehe­ma­li­ge Che­fin und auch die Nach­fol­ge­rin auf Wie­der­ein­stel­lung.

Mit die­ser Kla­ge hat­te er in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Duis­burg kei­nen Er­folg: Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ge­gen bei­de Be­klag­ten ab (Ur­teil vom 05.11.2014, 4 Ca 1607/14). Da­mit stand der An­ge­stell­te vor der Ent­schei­dung, ob er sei­ne Kla­ge auch in der Be­ru­fungs­in­stanz ge­gen bei­de po­ten­ti­el­len Ar­beit­ge­be­rin­nen fortführen soll­te. Er ent­schied sich dafür, den Pro­zess nur noch ge­gen die Er­wer­be­rin fort­zuführen. Da­mit wur­de das klag­ab­wei­sen­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts teil­wei­se rechts­kräftig, nämlich in der Hin­sicht, dass die Kla­ge ge­gen die al­te Apo­the­ke­rin ab­ge­wie­sen wur­de.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf ent­schied eben­falls ge­gen den Kläger, und zwar mit der Be­gründung, dass ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch we­gen ei­nes nachträgli­chen Weg­falls von Sach­gründen für ei­ne Kündi­gung nur von Ar­beit­neh­mern gel­tend ge­macht wer­den kann, die un­ter das KSchG fal­len und da­mit Kündi­gungs­schutz ha­ben (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 07.10.2015, 4 Sa 1289/14).

BAG: Ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch steht grundsätz­lich nur Ar­beit­neh­mern zu, die bei Zu­gang der Kündi­gung Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG ge­nießen

Auch in der Re­vi­si­on in Er­furt hat­te der An­ge­stell­te kein Glück. Das BAG wies sei­ne Re­vi­si­on zurück. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung: 

Ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch kann grundsätz­lich nur Ar­beit­neh­mern zu­ste­hen, die zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG ge­nießen. Das schließt ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch in Klein­be­trie­ben im All­ge­mei­nen aus.

Um­ge­kehrt heißt das: In Aus­nah­mefällen könn­te auch im Klein­be­trieb ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch be­ste­hen, doch woll­te sich das BAG hier nicht fest­le­gen. Denn der Kläger hat­te die fal­sche Be­klag­te "er­wischt". Soll­te er nämlich ei­nen (aus­nahms­wei­se auch im Klein­be­trieb denk­ba­ren) An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung ha­ben, hätte er ihn je­den­falls ge­genüber sei­ner Ver­trags­part­ne­rin gel­tend ma­chen müssen, denn sie hat­te ihn ja auch gekündigt. Das aber hat­te er nicht ge­tan, denn Be­ru­fung und Re­vi­si­on rich­te­ten sich nur noch ge­gen die Er­wer­be­rin der Apo­the­ke.

Fa­zit: Ar­beit­ge­ber in Klein­be­trie­ben brau­chen or­dent­li­che Kündi­gung nicht zu recht­fer­ti­gen, so dass nach Aus­spruch der Kündi­gung auch kei­ne Recht­fer­ti­gung fort­fal­len kann. Da­mit schei­den Ansprüche auf Wie­der­ein­stel­lung in al­ler Re­gel aus.

Außer­dem zeigt die­ser Pro­zess­ver­lauf, dass gekündig­te Ar­beit­neh­mer bei Be­triebsübergängen ih­re Kündi­gungs­schutz­kla­gen, Kla­gen auf Fest­stel­lung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses und Kla­gen auf Wie­der­ein­stel­lung im­mer ge­genüber bei­den Ar­beit­ge­bern gel­tend ma­chen soll­ten, d.h. man soll­te im­mer den Be­triebs­veräußerer ver­kla­gen und zu­gleich auch den Er­wer­ber. Denn ob über­haupt ein Be­triebsüber­gang vor­liegt oder nicht, weiß man erst dann, wenn der Pro­zess rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen ist. Da­bei wird die Kla­ge ge­gen ei­nen der bei­den Be­klag­ten zwar un­ver­meid­lich ab­ge­wie­sen. Außer (meist über­schau­ba­ren) Pro­zess­kos­ten hat das aber kei­ne Nach­tei­le für den Ar­beit­neh­mer.

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Letzte Überarbeitung: 23. Oktober 2017

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