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LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 16.06.2015, 7(2) Sa 229/07

   
Schlagworte: Änderungskündigung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Nürnberg
Aktenzeichen: 7(2) Sa 229/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 16.06.2015
   
Leitsätze: Personenbedingte Änderungskündigung eines Arbeitnehmers, der wegen eines bei einem Unfall erlittenen Hirnschadens die bisherige Tätigkeit eines Programmierers nicht mehr ausüben kann.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Weiden, Urteil vom 18.12.2006, 5 Ca 468/06
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 26.01.2017, 2 AZR 68/16
   

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT NÜRN­BERG

7(2) Sa 229/07
5 Ca 468/06 S
(Ar­beits­ge­richt Wei­den - Kam­mer Schwan­dorf -)

Da­tum: 16.06.2015

Rechts­vor­schrif­ten: §§ 1 Abs. 2, 2 KSchG; § 138 Abs. 3 ZPO

Ur­teil:

1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Wei­den – Kam­mer Schwan­dorf – vom 18.12.2006 wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner Ände­rungskündi­gung.

Der Kläger ist seit 03.03.1997 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Nach dem Ar­beits­ver­trag vom 03.03.1997 war er als Elek­tro­tech­ni­ker tätig. Da­nach um­schloss das Auf­ga­ben­ge­biet u.a. die Soft­ware­er­stel­lung, Pro­jekt­be­treu­ung und –ab­wick­lung, In­be­trieb­set­zung, Kun­den­schu­lung. Der Kläger erklärte sich darüber hin­aus mit dem Ein­satz auf Bau­stel­len ein­ver­stan­den.

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Der Kläger er­litt am 23.11.2001 ei­nen Ver­kehrs­un­fall, bei dem es zu ei­ner schwe­ren Hirn­ver­let­zung kam. Ab 15.04.2002 nahm der Kläger im Rah­men ei­ner Wie­der­ein­glie­de­rungs­maßnah­me sei­ne Tätig­keit wie­der auf, ab 17.06.2002 war er voll­schich­tig tätig.
Ab Mai 2004 beschäftig­te die Be­klag­te den Kläger nicht mehr.

Die Be­klag­te sprach am 23.09.2004 ei­ne Be­en­di­gungskündi­gung zum 31.12.2004 so­wie am 19.07.2005 ei­ne Ände­rungskündi­gung aus. Die hier­ge­gen ge­rich­te­ten Kla­gen gin­gen zu­guns­ten des Klägers aus.

Am 08.08.2005 nahm der Kläger im Rah­men ei­nes Pro­zess­beschäfti­gungs­verhält­nis­ses sei­ne Tätig­keit für die Be­klag­te wie­der auf. Er wur­de mit Über­set­zungs- und Do­ku­men­ta­ti­ons­auf­ga­ben be­traut.

Nach den von der Be­klag­ten her­aus­ge­ge­be­nen Be­triebs­nach­rich­ten (Aus­ga­ben 11-2005, 12-2006, 9-2006 und 3-2007) wur­den zum 01.11.2005 ein In­dus­trie­me­cha­ni­ker, zum 01.01.2006 zwei Ro­bo­ter­pro­gram­mie­rer und ein Elek­tro­tech­ni­ker, zum 01.10.2006 ein Tech­ni­ker und ein Elek­tro­in­stal­la­teur, zum 16.10.2006 ein Ma­schi­nen­bau­tech­ni­ker und ein Ro­bo­ter­pro­gram­mie­rer, zum 01.01.2007 ein Elek­tro­tech­ni­ker, zum 26.03.2007 ein Fein­werk­me­cha­ni­ker­meis­ter, zum 01.04.2007 ein In­dus­trie­meis­ter (Me­tall), ein Elek­tro­tech­ni­ker, ein Elek­tro­in­stal­la­teur und ein Di­plom­in­ge­nieur Mess-Steu­er-Re­gel­tech­nik so­wie zum 16.04.2007 ein Ro­bo­ter­pro­gram­mie­rer ein­ge­stellt.

Im De­zem­ber 2005 führ­te die Be­klag­te mit dem Kläger ei­nen Ar­beits­test durch. Der Kläger er­hielt am 13.12.2005 ei­ne kon­kre­te Pro­gram­mier­auf­ga­be für die Fir­ma C.... Die Auf­ga­be be­stand dar­in, die be­ste­hen­de Si­cher­heits-SPS an­zu­pas­sen und kon­kre­te Vor­ga­ben ei­nes Kun­den D... um­zu­set­zen.

Un­ter dem 16.03.2006 erklärte die Be­klag­te ein wei­te­res Mal ei­ne Ände­rungskündi­gung. Auch in­so­weit war ei­ne hier­ge­gen ge­rich­te­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­folg­reich.

Mit Schrei­ben vom 30.03.2006 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis er­neut or­dent­lich zum 30.06.2006. Gleich­zei­tig bot sie dem Kläger ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung zu geänder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen an. Das Auf­ga­ben­ge­biet soll nun­mehr al­le Ar­bei­ten im La­ger, vor­ran­gig Fah­rer- und Ku­riertätig­kei­ten, vor al­lem Be- und Ent­la­den von Baus­tel-

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len- oder sons­ti­gem Ma­te­ri­al in und von Trans­port­fahr­zeu­gen, Stap­ler­fah­ren so­wie all­ge­mei­ne La­gertätig­kei­ten um­fas­sen. Die Ar­beits­vergütung soll von ei­nem mo­nat­li­chen Ge­halt von 2.709,00 € brut­to auf ei­nen St­un­den­lohn von 8,50 € brut­to re­du­ziert wer­den.

Mit Schrei­ben vom 03.04.2006 nahm der Kläger die Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen un­ter dem Vor­be­halt an, dass die­se nicht so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt sei­en, und er­hob im Übri­gen am 04.04.2006 die vor­lie­gen­de Kla­ge zum Ar­beits­ge­richt Wei­den.

Das Erst­ge­richt ver­nahm den Ab­tei­lungs­lei­ter R... so­wie den Grup­pen­lei­ter B... als Zeu­gen und wies die Kla­ge mit Ur­teil vom 18.12.2006 ab. Das Ur­teil wur­de dem Kläger am 05.03.2007 zu­ge­stellt.

Der Kläger leg­te ge­gen das Ur­teil am 29.03.2007 Be­ru­fung ein und be­gründe­te sie am 05.06.2007. Bis da­hin war die Be­ru­fungs­be­gründungs­frist verlängert wor­den.

Der Kläger macht gel­tend, die Be­haup­tung ei­ner an­geb­lich dau­er­haf­ten Leis­tungs­ein­schränkung im Be­reich der Pro­gram­miertätig­keit könne nicht an­hand ei­nes ein­zi­gen Ar­beits­tests der Be­klag­ten so­wie die Zeu­gen­aus­sa­gen zwei­er abhängig Beschäftig­ten der Be­klag­ten ve­ri­fi­ziert wer­den. Der Zeu­ge R... ha­be sich bei sei­ner Ver­neh­mung ein­deu­tig zu sei­nen Aus­sa­gen in der Ab­schluss­be­spre­chung der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft am 14.06.2002 in Wi­der­spruch ge­setzt. Dort ha­be Herr R... her­vor­ge­ho­ben, dass der Ar­beits­ver­such mit ihm, dem Kläger, sehr po­si­tiv ver­lau­fen sei und, ver­gli­chen mit sei­ner Leis­tung und sei­nem Auf­tre­ten vor dem Un­fall, kei­ner­lei Verände­run­gen in sei­ner Ar­beits­leis­tung und sei­ner Be­las­tungsfähig­keit fest­zu­stel­len und folg­lich un­ein­ge­schränk­te Ar­beitsfähig­keit be­ste­he.

Der Kläger macht gel­tend, es sei nicht be­wie­sen, dass er nicht mehr in der La­ge sei, die nach dem Ar­beits­ver­trag vom 03.03.1997 ge­schul­de­ten Tätig­kei­ten zu ver­rich­ten.

Die Be­klag­te ha­be darüber hin­aus nicht in aus­rei­chen­dem Maße Wei­ter­beschäfti­gungsmöglich­kei­ten ge­prüft. Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung könne er im An­la­gen­bau bzw. in der An­la­gen­fer­ti­gung beschäftigt wer­den.

Es ha­be auch die recht­li­che Ver­pflich­tung der Be­klag­ten be­stan­den, für ihn ei­nen Ar­beits­platz not­falls frei­zukündi­gen.

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Der Be­klag­ten sei es darüber hin­aus zu­zu­mu­ten, ihm durch Wei­ter- bzw. Fort­bil­dungs­maßnah­men wei­te­re Qua­li­fi­ka­tio­nen zu ver­mit­teln und ei­nen Ein­satz in wei­te­ren Ar­beits­be­rei­chen zu ermögli­chen.

Der Kläger macht gel­tend, nach­dem er die Über­set­zungs- und Do­ku­men­ta­ti­ons­auf­ga­ben über ei­nen er­heb­li­chen Zeit­raum hin­weg ver­rich­tet ha­be, be­ste­he in­so­fern of­fen­bar auch Ar­beits­kräfte­be­darf. Der Be­klag­ten sei es zu­zu­mu­ten, die­se Ar­bei­ten nicht ex­tern zu ver­ge­ben.

Auf­grund der in den Jah­ren 2005 bis 2007 er­folg­ten Neu­ein­stel­lun­gen sei­en bei der Be­klag­ten of­fen­sicht­lich auch ent­spre­chen­de freie Ar­beitsplätze vor­han­den ge­we­sen.

Der Kläger macht gel­tend, die Be­klag­te ha­be es un­ter­las­sen, auf die An­ge­bo­te der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ein­zu­ge­hen und ge­eig­ne­te Maßnah­men zu er­grei­fen, um ihn zu un­terstützen und ihm die Möglich­keit zu ge­ben, in sei­nem ursprüng­li­chen Be­reich als Pro­gram­mie­rer zu blei­ben. Sie wäre ver­pflich­tet ge­we­sen, ei­nen neu­en Ar­beits­platz ein­zu­rich­ten oder ei­nen vor­han­de­nen um­zu­ge­stal­ten und die Tätig­kei­ten um­zu­ver­tei­len.

Der Kläger be­an­tragt:

1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wei­den – Kam­mer Schwan­dorf – vom 18.12.2006, zu­ge­stellt am 05.03.2007, mit dem Az. 5 Ca 468/05 S, wird auf­ge­ho­ben.

2. Es wird fest­ge­stellt, dass die Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen durch die Ände­rungskündi­gung vom 30.03.2006, der kläge­ri­schen Par­tei am 31.03.2006 zu­ge­gan­gen, so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und un­wirk­sam ist und dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en über den 30.06.2006 hin­aus un­verändert fort­be­steht.

3. Die be­klag­te Par­tei trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

Die Be­klag­te be­an­tragt:

1. Die Be­ru­fung wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens.

Die Be­klag­te trägt vor, schon in der Ein­ar­bei­tungs­pha­se sei auf­ge­fal­len, dass der Kläger

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ge­stellt ha­be, weil er of­fen­sicht­lich auf­grund sei­ner Schädel/Hirn­ver­let­zung sei­ne frühe­re Gedächt­nis­leis­tung nicht mehr ha­be ab­ru­fen bzw. die kom­pli­zier­ten Zu­sam­menhänge in der Soft­ware nicht mehr ha­be er­fas­sen können. Es sei not­wen­dig ge­we­sen, dem Kläger im­mer ei­nen an­de­ren Mit­ar­bei­ter zur Sei­te zu stel­len. Bei den Pro­gram­mier­ar­bei­ten des Klägers ha­be es sich aus­sch­ließlich um sog. Si­cher­heits-SPS (spei­cher­pro­gram­mier­ba­re Steue­rung) bei Fer­ti­gungs­an­la­gen ge­han­delt. Die­se Pro­gram­mie­rung müsse ab­so­lut feh­ler­frei ge­sche­hen, da hier­von nicht nur das Funk­tio­nie­ren der Fer­ti­gungs­an­la­gen abhänge, son­dern auch die Si­cher­heit der Mit­ar­bei­ter in un­mit­tel­ba­rer Nähe der An­la­ge.

Auf­grund der Tat­sa­che, dass die Kol­le­gen des Klägers zunächst sei­ne Feh­ler ge­deckt und die Hoff­nung ge­habt hätten, dass er die Ar­beits­leis­tung mit der Zeit wie­der wer­de her­stel­len können, sei die Ein­glie­de­rungs­pha­se zunächst als po­si­tiv be­schrie­ben wor­den.

Die Be­klag­te trägt vor, die Aus­wer­tung der dem Kläger am 13.12.2005 er­teil­ten Auf­ga­be ha­be er­ge­ben, dass völlig un­ty­pi­sche Feh­ler auf­ge­tre­ten sei­en. Es sei­en fol­gen­de Feh­ler fest­ge­stellt wor­den:

a) die Pro­gramm­kom­men­ta­re (im Spe­zi­el­len die Sym­bo­lik) sei nicht an­ge­passt wor­den, so dass für den Soft­ware­an­wen­der ei­ne fal­sche Zu­ord­nung sym­bo­li­siert wor­den sei

b) nicht mehr be­nutz­te Bau­stei­ne sei­en aus der Soft­ware nicht ent­fernt wor­den

c) das sog. Mu­ting sei vom Kläger nicht an­ge­passt wor­den: es sei­en vom Kläger pro Be­ge­hungs­schutz in der An­la­ge ins­ge­samt vier Mu­ting Eingänge pro­gram­miert wor­den, ob­wohl in der An­la­ge nur zwei vor­han­den ge­we­sen sei­en

d) die Ar­beits­raumüber­wa­chung im Aus­lauf der An­la­ge sei nicht aus der Soft­ware ent­fernt wor­den, was zur Ab­schal­tung al­ler Ag­gre­ga­te führe und ei­nen unnöti­gen Pro­duk­ti­ons­stopp her­vor­ru­fe. Da die Eingänge für den Licht­vor­hang laut dem Schalt­plan nicht ver­ka­belt ge­we­sen sei­en, hätten die Ag­gre­ga­te nicht ein­ge­schal­tet wer­den können; dies ha­be der Kläger er­ken­nen müssen

e) die sog. Mu­ting­lam­pe im Be­geh­schutz 1 des Ein­laufs sei vom Kläger dop­pelt pro­gram­miert wor­den. Dem­ge­genüber sei die Mu­ting­lam­pe im Ein­lauf 2 der An­la­ge über­haupt nicht pro­gram­miert wor­den. Dies ha­be dem Kläger durch ei­ne Kon­trol­le der Quer­ver­weis-

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lis­te so­fort auf­fal­len müssen. Fol­ge die­ses Pro­gram­mier­feh­lers wäre es, dass der feh­ler­si­che­re Teil der Si­cher­heits­soft­ware in der sog. Si­cher­heits­steue­rung so­fort bei Ein­schal­ten der An­la­ge in den Zu­stand „Stopp“ ge­hen würde

f) die in der An­la­ge zu pro­gram­mie­ren­den Not-Aus-Tas­ter sei­en vom Kläger nicht ein­ge­ar­bei­tet wor­den, son­dern mit „1“-Mer­ker an­pa­ra­me­triert und da­durch re­gel­recht über­brückt wor­den. Des Wei­te­ren ha­be er im Be­reich die­ser Not-Aus-Tas­ter im Be­reich PB3, NW4 ei­nen Tipp­feh­ler be­gan­gen; folg­lich sei ein Ein­gang nicht über­brückt wor­den

g) ein Aus­wahl­schal­ter der Ro­bo­ter­aus­wahl für Be­triebs­ar­ten­schal­ter T1/T2/Au­to sei vom Kläger über­haupt nicht pro­gram­miert wor­den, statt­des­sen sei vom Vor­ga­be­pro­jekt je Ro­bo­ter ein ei­ge­ner Pro­gram­mier­schal­ter pro­gram­miert wor­den

h) des Wei­te­ren sei­en Eingänge für nicht vor­han­de­ne Not-Aus-Tas­ter im PB99 (Schnell­ab­schal­tung) nicht mit „1“-Mer­ker er­setzt oder auch die Aus­wer­tung der Feh­ler ent­fernt wor­den. Dies ha­be da­zu geführt, dass die Ein­schal­tung der Ag­gre­ga­te über­haupt nicht möglich ge­we­sen sei.

Die Be­klag­te führt aus, der un­ter b) auf­geführ­te Feh­ler führe bei je­dem Über­set­zungs­lauf zu ei­ner völlig unnöti­gen Warn­mel­dung und ei­ner ent­spre­chen­den Ir­ri­ta­ti­on des In­stand­hal­tungs­per­so­nals. Auch der Feh­ler c) führe zu Ir­ri­ta­tio­nen und bei Fol­ge­pro­gram­mie­run­gen zu unnöti­gen Feh­lern. Der Feh­ler d) führe zur Ab­schal­tung al­ler Ag­gre­ga­te und ru­fe ei­nen unnöti­gen Pro­duk­ti­ons­stopp her­vor.

Die zahl­rei­chen und zum Teil si­cher­heits­re­le­van­ten Feh­ler sei­en völlig un­ty­pisch und nur da­durch zu erklären, dass beim Kläger ei­ne ir­re­ver­si­ble leich­te bis mit­tel­gra­di­ge Hirn­leis­tungsstörung nach fron­ta­ler Hirnschädi­gung vor­lie­ge. Der Kläger sei nicht mehr in der La­ge, kom­ple­xe Pro­gram­miertätig­kei­ten, ins­be­son­de­re im Be­reich der SPS-Pro­gram­mie­rung durch­zuführen.

Die Be­klag­te führt aus, die Über­set­zungs- und Do­ku­men­ta­ti­ons­auf­ga­ben würden im gewöhn­li­chen Ver­lauf von an­de­ren Mit­ar­bei­tern mit­er­le­digt. Der Kläger sei da­mit le­dig­lich im Rah­men der Pro­zess­beschäfti­gung be­traut wor­den.

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Im An­la­gen­bau und in der An­la­gen­fer­ti­gung könne der Kläger we­gen feh­len­den Aus­bil­dungs­be­ru­fes nicht ein­ge­setzt wer­den.

We­gen des wei­ter­ge­hen­den Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze Be­zug ge­nom­men.

Gemäß Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 12.11.2009 (Bl. 266/267 d.A.) bzw. vom 26.05.2010 (Bl. 283 d.A.), 14.10.2010 (Bl. 291 d.A.) und 01.03.2013 (Bl. 462 d.A.) sind Gut­ach­ten von Herrn Pro­fes­sor Dr. H..., Herrn Pro­fes­sor Dr. S... und Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. med. W... (Bl. 462 d.A.) ein­ge­holt wor­den. We­gen des In­halts der Be­gut­ach­tun­gen wird auf die schrift­li­chen Gut­ach­ten vom 17.01.2011 (Bl. 297 ff d.A.), vom 12.03.2012 (Bl. 340 ff d.A.) in­klu­si­ve des Teil­gut­ach­tens vom 12.08.2010 (Bl. 363 ff d.A.) und vom 08.08.2013 (Bl. 491 ff d.A.) Be­zug ge­nom­men. Darüber hin­aus ist Herr Pro­fes­sor Dr. Dr. W... als Gut­ach­ter an­gehört wor­den. We­gen des Er­geb­nis­ses der Be­fra­gung wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 02.04.2015 ver­wie­sen (Bl. 607 ff d.A.).

Mit Schrift­satz vom 18.10.2013 lehn­te der Kläger Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... we­gen Be­sorg­nis der Be­fan­gen­heit ab. Der An­trag wur­de mit Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 20.11.2014 ab­ge­wie­sen. We­gen der Be­gründung wird auf den Be­schluss Be­zug ge­nom­men (Bl. 578 ff d.A.).

Ent­schei­dungs­gründe:

Die Be­ru­fung ist zulässig. Sie ist statt­haft, § 64 Ab­satz 2 c) ArbGG, so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, § 66 Ab­satz 1 Satz 1 und 2, 64 Ab­satz 6 Satz 1 ArbGG iVm den §§ 519, 520 ZPO.

Die Be­ru­fung ist un­be­gründet.

In­fol­ge der Ände­rungskündi­gung der Be­klag­ten vom 30.03.2006 sind die Ar­beits­be­din­gun­gen des Klägers wirk­sam geändert wor­den. Die von der Be­klag­ten an­ge­streb­te Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen ist so­zi­al ge­recht­fer­tigt. Ins­be­son­de­re lie­gen in der Per­son

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des Klägers Umstände, die die Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen be­din­gen, §§ 1 Ab­satz 2, 2 KSchG.

Ei­ne Ände­rungskündi­gung iSd. § 2 KSchG ist so­zi­al ge­recht­fer­tigt, wenn das Ände­rungs­an­ge­bot des Ar­beit­ge­bers durch Gründe iSd. § 1 Ab­satz 2 KSchG be­dingt ist und sich dar­auf be­schränkt, sol­che Ände­run­gen vor­zu­se­hen, die der Ar­beit­neh­mer bil­li­ger­wei­se hin­neh­men muss. Die­ser Maßstab gilt un­abhängig da­von, ob der Ar­beit­neh­mer das Ände­rungs­an­ge­bot ab­ge­lehnt oder - wie vor­lie­gend - un­ter Vor­be­halt an­ge­nom­men hat. Ob der Ar­beit­neh­mer ei­ne ihm vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung bil­li­ger­wei­se ak­zep­tie­ren muss, ist nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz zu be­ur­tei­len. Die Ände­run­gen müssen ge­eig­net und er­for­der­lich sein, um den In­halt des Ar­beits­ver­trags den geänder­ten Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten an­zu­pas­sen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen müssen für al­le vor­ge­se­he­nen Ände­run­gen vor­lie­gen. Aus­gangs­punkt ist die bis­he­ri­ge ver­trag­li­che Re­ge­lung. Die an­ge­bo­te­nen Ände­run­gen dürfen sich von de­ren In­halt nicht wei­ter ent­fer­nen, als zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels er­for­der­lich ist. Als Gründe in der Per­son, die ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung nach § 1 Ab­satz 2 Satz 1 KSchG so­zi­al recht­fer­ti­gen können, kom­men Umstände in Be­tracht, die auf den persönli­chen Verhält­nis­sen oder Ei­gen­schaf­ten des Ar­beit­neh­mers be­ru­hen. Ei­ne auf sie gestütz­te Kündi­gung kann so­zi­al ge­recht­fer­tigt sein, wenn der Ar­beit­neh­mer aus Gründen in sei­ner Per­son - die nicht von ihm ver­schul­det sein müssen - zu der nach dem Ver­trag vor­aus­ge­setz­ten Ar­beits­leis­tung ganz oder teil­wei­se nicht mehr in der La­ge ist. In die­sen Fällen liegt in der Re­gel ei­ne er­heb­li­che und dau­er­haf­te Störung des ver­trag­li­chen Aus­tausch­verhält­nis­ses vor, der der Ar­beit­ge­ber, wenn kei­ne an­de­re Beschäfti­gung mehr möglich ist, mit ei­ner Kündi­gung be­geg­nen kann. Es ist im Rah­men von § 2 iVm. § 1 Ab­satz 2 Satz 2 KSchG nicht er­for­der­lich, dass der Ar­beit­neh­mer ei­nen ganz be­stimm­ten frei­en Ar­beits­platz be­zeich­net, auf dem er wei­ter­beschäftigt wer­den könn­te. Er genügt sei­ner Dar­le­gungs­last in der Re­gel schon da­durch, dass er an­gibt, wel­che Art der Beschäfti­gung er meint (vgl. Bun­des­ar­beits­ge­richt - Ur­teil vom 10.04.2014 - 2 AZR 812/12; ju­ris).

Ge­mes­sen an die­sen Kri­te­ri­en hält die Ände­rungskündi­gung der Be­klag­ten ei­ner recht­li­chen Über­prüfung stand.

Der Kläger ist auf­grund sei­nes Un­falls vom 23.11.2001 aus ge­sund­heit­li­chen Gründen

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ger wur­de als Elek­tro­tech­ni­ker bei der Be­klag­ten ein­ge­stellt. Die Tätig­keit, die ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lag, um­fass­te u.a. die Soft­ware­er­stel­lung, die Pro­jekt­be­treu­ung und –ab­wick­lung, die In­be­trieb­set­zung und Kun­den­schu­lung. Dies ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig. Bei den Pro­gram­mier­ar­bei­ten des Klägers han­del­te es sich aus­sch­ließlich um sog. Si­cher­heits-SPS (= spei­cher­pro­gram­mier­ba­re Steue­rung) bei Fer­ti­gungs­an­la­gen. Dies er­gibt sich aus dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten, das der Kläger nicht be­strei­tet und das da­her als zu­ge­stan­den an­zu­se­hen ist, § 138 Ab­satz 3 ZPO.

Der Kläger hat bei die­ser Tätig­keit Feh­ler ge­macht.

Al­ler­dings hat der Kläger seit 25.09.2004 auf Ver­an­las­sung der Be­klag­ten kei­ne nach dem Ver­trag ge­schul­de­te Leis­tung mehr er­bracht. Die Be­klag­te hat­te ihn mit Aus­spruch der ers­ten Kündi­gung vom 23.09.2004 von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt. In­fol­ge die­ser und der nach­fol­gen­den Kündi­gun­gen wur­de der Kläger nicht bzw. wenn, mit an­de­ren Auf­ga­ben be­traut.

Der Kläger er­hielt in­des am 13.12.2005 ei­ne Ar­beits­auf­ga­be, die da­zu dien­te, zu tes­ten, ob er in der La­ge war, die ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tun­gen zu er­brin­gen. Dies ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig. Es han­del­te sich um ei­ne kon­kre­te Pro­gram­mier­auf­ga­be für die Fir­ma C.... Die Auf­ga­be be­stand dar­in, die be­ste­hen­de Si­cher­heits-SPS in ei­ner Ro­bo­ter­an­la­ge an­zu­pas­sen und kon­kre­te Vor­ga­ben ei­nes Kun­den D... um­zu­set­zen.

Auch darüber be­steht zwi­schen den Par­tei­en kein Streit.

Dem Kläger un­ter­lie­fen bei der Er­le­di­gung der Ar­beits­auf­ga­be er­heb­li­che Feh­ler, die da­zu führ­ten, dass die An­la­ge nicht ge­lau­fen wäre bzw. dass die Ar­beit des Klägers so nicht an den Kun­den hätte aus­ge­lie­fert wer­den können.

So hat­te der Kläger nicht mehr be­nutz­te Bau­stei­ne nicht ent­fernt, was da­zu geführt hätte, dass die An­la­ge wie­der hätte still­ge­legt und die Soft­ware er­neut hätte übe­r­ar­bei­tet wer­den müssen. Fer­ner be­stand an der An­la­ge kein BG-Schutz am Aus­lauf, die­ser Schutz war aber in der Soft­ware vor­ge­se­hen. Der Kläger un­ter­ließ es, die Soft­ware ent­spre­chend an­zu­pas­sen, was be­wirkt hätte, dass die An­la­ge, si­mu­lie­rend, es stünde dort ein Mensch, nicht ge­lau­fen wäre. Sch­ließlich kon­trol­lier­te der Kläger nicht den Ro­bo­ter­aus­wahl­schal­ter, mit dem ge­re­gelt wird, ob ein oder zwei Ro­bo­ter gleich­zei­tig ar­bei­ten soll­ten.

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Der Kläger mach­te auch si­cher­heits­re­le­van­te Feh­ler. So wäre die Ro­bo­ter­an­la­ge, hätte je­mand den Not – Aus – Schal­ter ge­drückt, nach der Pro­gram­mie­rung des Klägers wei­ter­ge­lau­fen.

Das er­ken­nen­de Ge­richt folgt – wie das Erst­ge­richt – in­so­weit dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten, das es durch das Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me vor dem Ar­beits­ge­richt Wei­den als er­wie­sen an­sieht.

Die Zeu­gen R... und vor al­lem auch B... ha­ben das tatsächli­che Vor­brin­gen der Be­klag­ten bei ih­rer Ein­ver­nah­me vor dem Ar­beits­ge­richt bestätigt. Das er­ken­nen­de Ge­richt hat kei­ne Ver­an­las­sung, an der Rich­tig­keit der Aus­sa­gen zu zwei­feln, ins­be­son­de­re gibt auch die Be­weiswürdi­gung des Erst­ge­richts kei­nen An­lass hier­zu.

Zwar rügt der Kläger, die ver­nom­me­nen Zeu­gen besäßen kei­ne aus­rei­chend Sach­kennt­nis.

Die­sem Ein­wand kann in­des nicht um­fas­send ge­folgt wer­den.

Bei­de Zeu­gen be­sit­zen auf­grund ih­rer Aus­bil­dung und ih­rer Tätig­keit die Kom­pe­tenz, fest­zu­stel­len, ob der Kläger bei den Pro­gram­mier­ar­bei­ten anläss­lich des Ar­beits­tests im De­zem­ber 2005 Feh­ler ge­macht hat.

Da­ge­gen ist dem Kläger dar­in zu fol­gen, dass die Zeu­gen nichts da­zu aus­sa­gen können – dies ist auch nicht er­folgt –, wor­auf die Feh­ler zurück­zuführen sind, ins­be­son­de­re ob sie auf hirn­or­ga­ni­schen De­fi­zi­ten be­ru­hen, die der Kläger bei dem Un­fall am 23.11.2001 da­von­ge­tra­gen hat.

In­so­weit hat der Kläger zu Recht gel­tend ge­macht, dies ha­be nur auf­grund ei­nes ent­spre­chen­den Sach­verständi­gen­gut­ach­tens fest­ge­stellt wer­den können.

Nach dem nun­mehr vor­lie­gen­den Gut­ach­ten von Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... ist da­von aus­zu­ge­hen, dass beim Kläger ei­ne ir­re­ver­si­ble hirn­or­ga­ni­sche Ver­let­zung vor­liegt, die da­zu führt, dass er die an sich ge­schul­de­ten Pro­gram­mier­ar­bei­ten nicht (mehr) durchführen kann.

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Nach dem Gut­ach­ten ist beim Kläger ei­ne rechts im Fron­tal­hirn ge­le­ge­ne Nar­ben­zo­ne vor­han­den. Die­se be­ein­träch­tigt nach den Ausführun­gen des Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... zwei ko­gni­ti­ve Funk­tio­nen des Ge­hirns, nämlich tem­po­ral das Gedächt­nis und die exe­ku­ti­ven Funk­tio­nen, wo­bei zu letz­te­ren bei­spiels­wei­se Pla­nung, Kon­taktfähig­keit und Pro­blemlösung gehören.

Nach dem Er­geb­nis der gut­ach­ter­li­chen Un­ter­su­chung weist der Kläger in den Be­rei­chen Gedächt­nis­leis­tung und Lernfähig­keit deut­li­che De­fi­zi­te auf, die da­zu führen, dass sei­ne Leis­tungsfähig­keit in sei­nem Tätig­keits­feld um 30 bis 40% ge­min­dert ist. Die­se Einschätzung be­ruht auf den vom Gut­ach­ter schrift­lich dar­ge­stell­ten und nach­voll­zieh­ba­ren Test­ergeb­nis­sen. Die Leis­tungs­min­de­rung be­dingt, dass die er­brach­ten Leis­tun­gen nicht über­nom­men wer­den können, son­dern von Drit­ten kon­trol­liert und re­vi­diert wer­den müssen.

Das er­ken­nen­de Ge­richt folgt den Ausführun­gen und dem Er­geb­nis des Gut­ach­ters Pro­fes­sor Dr. Dr. W.... Ins­be­son­de­re sind die Ein­wen­dun­gen des Klägers nicht ge­eig­net, Zwei­fel an der Rich­tig­keit des fest­ge­stell­ten Er­geb­nis­ses zu ver­ur­sa­chen.

Die Gut­ach­ten von Herrn Pro­fes­sor Dr. med. S... und von Herrn Pro­fes­sor Dr. med. H... ste­hen dem Gut­ach­ten von Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... nicht ent­ge­gen.

Im Gut­ach­ten von Pro­fes­sor Dr. med. S... ist zwar auf Bl. 26 (Bl. 322 d.A.) aus­geführt, dass es durch­aus vor­stell­bar sei, dass der Kläger die frühe­re Tätig­keit wie­der auf­neh­me. Dies­bezüglich er­folgt in­so­weit ei­ne Ein­schränkung, wenn im Er­geb­nis aus­geführt wird, es sei dem Kläger ei­ne et­was länge­re Zeit zur Selbst­kon­trol­le bzw. zur Zu­hil­fe­nah­me von Gedächt­nis- und Pla­nungsstützen ein­zuräum­en. Maßge­bend ist in­des die Fest­stel­lung auf Blatt 27 des Gut­ach­tens (Bl. 323 d.A.), ob Herr K. we­gen der beim Ver­kehrs­un­fall am 23.01.2001 er­lit­te­nen Hirnschädi­gung nicht mehr in der La­ge sei, das ihm über­tra­ge­ne Auf­ga­ben­ge­biet zu be­ar­bei­ten, könne in die­ser Form aus neu­ro­lo­gisch-neu­ro­psy­cho­lo­gi­scher Sicht nicht ab­sch­ließend be­ant­wor­tet wer­den, weil es an ei­ner ex­ak­ten Spe­zi­fi­ka­ti­on der zu leis­ten­den Tätig­keit feh­le, d.h., der Gut­ach­ter be­saß kei­ne kon­kre­te Vor­stel­lung da­von, wel­che Ar­beit der Kläger zu leis­ten hat­te und wel­che An­for­de­run­gen neu­ro­lo­gi­scher Art die­se mit sich brach­te.

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Das Glei­che gilt im Er­geb­nis für das ar­beits­me­di­zi­ni­sche Gut­ach­ten von Herrn Pro­fes­sor Dr. med. H... und das psych­ia­tri­sche Teil­gut­ach­ten von Herrn L....

So wird im ar­beits­me­di­zi­ni­schen Gut­ach­ten auf Sei­te 20 (Bl. 359 d.A.) aus­geführt, in­wie­weit wei­ter­hin kom­ple­xe SPS – Pro­gram­miertätig­kei­ten vor­ge­nom­men wer­den könn­ten, sei von den Gut­ach­tern schwer be­ur­teil­bar, da sie nicht in der La­ge sei­en, dies vor Ort zu über­prüfen.

Im psych­ia­tri­schen Teil­gut­ach­ten wird auf der vor­letz­ten Sei­te (Bl. 371 d.A.) aus­geführt, der Un­ter­zeich­ner se­he sich im Er­geb­nis außer­stan­de, die Be­weis­fra­gen fach­ge­recht und sach­ge­recht zu be­ant­wor­ten.

Dem­ge­genüber ist Herr Pro­fes­sor Dr. Dr. W... so­wohl Di­plom­in­ge­nieur als auch Neu­ro­lo­ge und Psych­ia­ter. Er verfügt dem­gemäß so­wohl über die er­for­der­li­chen me­di­zi­ni­schen Kennt­nis­se als auch über Kennt­nis­se bezüglich der Pro­gram­miertätig­keit und ist des­halb in der La­ge, nach­zu­voll­zie­hen und zu be­wer­ten, ob die beim Kläger vor­lie­gen­den hirn­or­ga­ni­schen Ein­schränkun­gen des­sen Fähig­keit, Pro­gram­miertätig­kei­ten zu er­brin­gen, be­ein­träch­ti­gen. So hat er ins­be­son­de­re auch an­schau­lich dar­ge­stellt, wel­che An­for­de­run¬gen das Pro­gram­mie­ren mit sich bringt, in­dem er aus­geführt hat, man könne die Tätig­keit ei­nes Pro­gram­mie­rers am bes­ten mit dem Schach­spie­len ver­glei­chen.

Die vom Kläger ge­gen Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... gel­tend ge­mach­ten Ein­wen­dun­gen sieht das er­ken­nen­de Ge­richt als wi­der­legt an.

So weit der Kläger Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... als be­fan­gen ab­ge­lehnt hat, wird auf den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 20.11.2014 ver­wie­sen, mit dem der Ab­leh­nungs­an­trag zurück­ge­wie­sen wur­de (Bl. 578 ff d.A.).

Auch die übri­gen Ein­wen­dun­gen des Klägers grei­fen nicht.

So macht der Kläger gel­tend, dem Sach­verständi­gen sei es ein­deu­tig nicht möglich, die neu­es­ten An­for­de­run­gen an ei­nen SPS-Pro­gram­mie­rer hin­rei­chend zu be­ur­tei­len, da er le­dig­lich über ei­ge­ne Kennt­nis­se in der ma­schi­nen- und ma­schi­nen­na­hen Pro­gram­mie­rung aus den 1980er und 1990er Jah­ren verfüge. So sei­en dem Gut­ach­ter Fach­be­grif­fe wie „Hard­ware­plan“, „Zu­ord­nungs­lis­te“, „An­wei­sungs­leis­te AWL“, „Funk­ti­ons­plan FUB“,

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„Kon­takt­plan KOB“, „Funk­ti­ons­bau­stein FOB“ so­wie „Si­cher­heits­bau­stein“ nicht be­kannt ge­we­sen.

Herr Pro­fes­sor Dr. Dr. W... hat hier­zu aus­geführt, er verfüge über die Zu­satz­be­zeich­nung „Me­di­zi­ni­sche In­for­ma­tik“. Die In­for­ma­tik beschäfti­ge sich mit dem Fach­ge­biet, in dem der Kläger tätig ge­we­sen sei. Es ha­be sich zwar die in den 1960er Jah­ren ver­wen­de­te Com­pu­ter­tech­nik bezüglich der Hard­ware mas­siv verändert, die Grund­prin­zi­pi­en der Pro­gram­mie­rung sei­en je­doch gleich ge­blie­ben. Es ge­be für die vom Kläger vor­ge­nom­me­nen Pro­gram­mie­run­gen zahl­rei­che Pro­gram­mier­spra­chen, die al­le ih­re spe­zi­el­len Ei­gen­hei­ten besäßen und in de­nen ei­ge­ne Be­grif­fe ver­wen­det würden.

Dies stellt nach Auf­fas­sung des er­ken­nen­den Ge­richts ei­ne nach­voll­zieh­ba­re und plau­si­ble Be­gründung für die vom Kläger be­haup­te­ten Wis­senslücken dar. Ins­be­son­de­re stellt dies nicht die Fähig­keit von Herrn Pro­fes­sor Dr. Dr. W... in Fra­ge, zu be­ur­tei­len, ob der Kläger noch in der La­ge ist, die ge­for­der­ten Pro­gram­mier­ar­bei­ten zu er­le­di­gen.

Da­nach geht das er­ken­nen­de Ge­richt da­von aus, dass ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers auf dem ar­beits­ver­trag­li­chen Ar­beits­platz nicht mehr möglich war und die Be­klag­te des­halb be­rech­tigt war, das Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen.

Al­ler­dings ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, dem Ar­beit­neh­mer, der nicht auf dem bis­he­ri­gen Ar­beits­platz beschäftigt wer­den kann, ei­ne an­der­wei­tig be­ste­hen­de Beschäfti­gungsmöglich­keit an­zu­bie­ten. Dies er­gibt sich aus dem Prin­zip, dass ei­ne Be­en­di­gungskündi­gung die ul­ti­ma ra­tio sein muss. Die an­ge­bo­te­nen Ände­run­gen dürfen sich von de­ren In­halt nicht wei­ter ent­fer­nen, als zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels er­for­der­lich ist.

Die Be­klag­te hat dem Kläger ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz an­ge­bo­ten. Gleich­zei­tig mit der Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hat die Be­klag­te dem Kläger das An­ge­bot ge­macht, im La­ger wei­ter zu ar­bei­ten. Die­ses An­ge­bot hat der Kläger un­ter Vor­be­halt an­ge­nom­men.

Das An­ge­bot der Be­klag­ten ist ge­eig­net und er­for­der­lich, um den In­halt des Ar­beits­ver­trags den geänder­ten Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten an­zu­pas­sen. Ins­be­son­de­re be­stand kei­ne an­de­re Ein­satzmöglich­keit für den Kläger, die mit we­ni­ger ein­schränken­den Ände­run­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen ver­bun­den ge­we­sen wäre.

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Die Beschäfti­gung im La­ger stellt nicht nur ei­ne Tätig­keit dar, die von den in­tel­lek­tu­el­len An­for­de­run­gen hin­ter der bis­he­ri­gen Tätig­keit weit zurück­bleibt, son­dern ist auch deut­lich ge­rin­ger vergütet.

Gleich­wohl war die Be­klag­te nicht ver­pflich­tet, dem Kläger ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz an­zu­bie­ten.

Der Kläger führt in­so­weit zum ei­nen aus, er könne mit Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­bei­ten beschäftigt wer­den. Zwar ist zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig, dass der Kläger vorüber­ge­hend da­mit be­traut war, Do­ku­men­ta­tio­nen vor­zu­neh­men. In­so­fern hält die Be­klag­te in­des kei­ne Voll­zeit­ar­beitsplätze vor. Die Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten führen die er­for­der­li­chen Do­ku­men­ta­tio­nen idR selbst durch. Dies er­gibt sich aus dem Sach­vor­trag der Be­klag­ten, den der Kläger letzt­lich nicht be­strei­tet. Der Kläger hat le­dig­lich gel­tend ge­macht, die ver­blei­ben­den Do­ku­men­ta­ti­ons­ar­bei­ten müss­ten nicht ex­tern ver­ge­ben wer­den. Die Be­klag­te ist in­des frei dar­in, zu ent­schei­den, ob sie die im Be­trieb an­fal­len­den Ar­bei­ten von ei­ge­nen Mit­ar­bei­tern er­le­di­gen lässt oder hierfür ex­ter­ne Kräfte ein­setzt.

Der Kläger kann auch nicht im An­la­gen­bau bzw. in der An­la­gen­fer­ti­gung beschäftigt wer­den. Auch im An­la­gen­bau sind Fähig­kei­ten ge­for­dert, über die der Kläger auf­grund der er­lit­te­nen Ver­let­zung nicht mehr verfügt. Nach dem von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten, vom Kläger nicht in Ab­re­de ge­stell­ten An­for­de­rungs­pro­fil für An­la­gen­elek­tro­ni­ker sind auch in die­sem Be­reich selbständi­ge Pro­gram­mier­ar­bei­ten von Au­to­ma­ti­sie­rungs­sys­te­men zu er­brin­gen. Da­zu kommt, dass auch selbständi­ges In­stal­lie­ren/Ver­drah­ten von Kom­po­nen­ten und Geräten zu er­brin­gen sind. We­gen der Kom­ple­xität die­ser Tätig­keit, ins­be­son­de­re der benötig­ten Gedächt­nis­leis­tung, ist der Kläger hierfür in­des nicht ge­eig­net.

An­de­re Ar­beitsplätze hat der Kläger nicht be­nannt.

Es ob­liegt nicht der Be­klag­ten, im Rah­men ei­ner er­wei­ter­ten Dar­le­gungs­last Umstände vor­zu­tra­gen, aus de­nen sich er­gibt, dass die Kündi­gung un­ver­meid­lich war, ins­be­son­de­re dass sons­ti­ge kon­kre­te und ge­eig­ne­te Ar­beitsplätze nicht vor­la­gen. Ei­ne sol­che Ver­pflich­tung be­steht zwar dann, wenn der Ar­beit­ge­ber ent­ge­gen § 84 SGB IX ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ver­fah­ren nicht durch­geführt hat. In die­sem Fall hat der Ar­beit­ge­ber dar­zu­le­gen, dass auch die Durchführung ei­nes be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ver­fah­rens nicht

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da­zu geführt hätte, ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz zu fin­den (vgl. Bun­des­ar­beits­ge­richt – Ur­teil vom 20.11.2014 ‒ 2 AZR 664/13; ju­ris).

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Durchführung ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ver­fah­rens la­gen zum Zeit­punkt der streit­ge­genständ­li­chen Kündi­gung in­des nicht vor.

Der Kläger war we­der schwer­be­hin­dert (§ 84 Ab­satz 1 SGB IX) noch war er länger als sechs Wo­chen ar­beits­unfähig er­krankt (§ 84 Ab­satz 2 SGB IX).

Nach dem Vor­brin­gen des Klägers be­stand ab 01.11.2004 ei­ne Min­de­rung der Er­werbsfähig­keit von 30 %. Erst nach Aus­spruch der Kündi­gung, nämlich am 10.04.2006, stell­te der Kläger den An­trag auf Gleich­stel­lung nach § 68 Ab­satz 2 Satz 1 SGB IX.

Sch­ließlich war die Be­klag­te nicht ver­pflich­tet, ei­nen ge­eig­ne­ten Ar­beits­platz frei­zukündi­gen.

Ei­ne Pflicht des Ar­beit­ge­bers zur "Freikündi­gung" ei­nes lei­dens­ge­rech­ten Ar­beits­plat­zes für den er­krank­ten Ar­beit­neh­mer al­lein auf der Grund­la­ge des all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schut­zes be­steht nicht (vgl. Bun­des­ar­beits­ge­richt aaO).

Darüber hin­aus ist nicht er­sicht­lich, dass ein sol­cher Ar­beits­platz über­haupt zur Verfügung stand. Nach den von der Be­klag­ten her­aus­ge­ge­be­nen Be­triebs­nach­rich­ten (Aus­ga­ben 11-2005, 12-2006, 9-2006 und 3-2007) wur­den zwar ver­schie­de­ne Ar­beitsplätze im Be­trieb der Be­klag­ten neu be­setzt. Im zeit­li­chen Um­feld zur Kündi­gung wa­ren dies die Stel­le ei¬nes In­dus­trie­me­cha­ni­kers zum 01.11.2005 und zum 01.01.2006 zwei Ro­bo­ter­pro­gram­mie­rer so­wie ein Elek­tro­tech­ni­ker. Die an­de­ren Neu­ein­stel­lun­gen er­folg­ten erst nach dem Aus­spruch der Kündi­gung.

Es ist nicht er­sicht­lich, dass der Kläger auf­grund sei­ner Ver­let­zun­gen in der La­ge ist, die aus­ge­schrie­be­nen Stel­len aus­zufüllen. So um­fasst ins­be­son­de­re auch die Tätig­keit ei­nes In­dus­trie­me­cha­ni­kers pla­ne­ri­sche Ele­men­te, die ei­ne ge­wis­se Gedächt­nis­leis­tung vor­aus­set­zen.

Da­nach ist zu­sam­men­fas­send fest­zu­stel­len, dass der Kläger zum ei­nen we­gen der bei dem von ihm un­ver­schul­de­ten Un­fall er­lit­te­nen Ver­let­zun­gen nicht mehr in der La­ge ist,

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die ursprüng­lich ge­schul­de­te Tätig­keit zu er­brin­gen, und die Be­klag­te zum an­de­ren kei­nen an­de­ren, bes­ser do­tier­ten Ar­beits­platz zur Verfügung hat­te, auf dem sie den Kläger wei­ter­beschäfti­gen könn­te.

Die Be­ru­fung des Klägers muss­te des­halb zurück­ge­wie­sen wer­den. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Ab­satz 1 ZPO.

Für die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­steht kein ge­setz­lich be­gründe­ter An­lass, § 72 Ab­satz 2 ArbGG.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben; auf § 72 a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.

Weißen­fels
Vor­sit­zen­de Rich­te­rin
am Lan­des­ar­beits­ge­richt

Hol­ler
eh­ren­amt­li­cher Rich­ter

Scheid­ler
eh­ren­amt­li­cher Rich­ter

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