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BAG, Ur­teil vom 22.03.2017, 4 AZR 462/16

   
Schlagworte: Tarifvertrag
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 4 AZR 462/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 22.03.2017
   
Leitsätze: Enthält ein Arbeitsvertrag eine - dynamische - Bezugnahmeklausel auf einen Anerkennungstarifvertrag, der dynamisch auf einen Verbandstarifvertrag verweist, endet die dynamische Anwendung des Verbandstarifvertrags für das Arbeitsverhältnis, sobald der Anerkennungstarifvertrag nur noch nachwirkt.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Karlsruhe, Urteil vom 07.10.2015, 5 Ca 231/15
Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 11.03.2016, 9 Sa 44/15
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

4 AZR 462/16
9 Sa 44/15
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Ba­den-Würt­tem­berg

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
22. März 2017

UR­TEIL

Frei­tag, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 22. März 2017 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Klo­se, die Rich­te-

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rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Rinck so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Rat­a­ycz­ak und Rupp­recht für Recht er­kannt:

Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ba­den-Würt­tem­berg - Kam­mern Frei­burg - vom 11. März 2016 - 9 Sa 44/15 - wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die An­wend­bar­keit von Ta­rif­verträgen der che­mi­schen In­dus­trie in der je­wei­li­gen Fas­sung auf ihr Ar­beits­verhält­nis so­wie sich dar­aus er­ge­ben­de Ent­gelt­ansprüche.

Der Kläger ist seit 1981 bei der Be­klag­ten und ih­ren Rechts­vorgängern beschäftigt. Über das Vermögen der Rechts­vorgänge­rin F GmbH, die später in F G GmbH um­fir­mier­te, so­wie zwei­er wei­te­rer, mit ihr ver­bun­de­ner Un­ter­neh­men (B C GmbH und S GmbH) wur­de im Jahr 2009 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Mit no­ta­ri­el­lem Ver­trag vom 11. März 2010 ver­ein­bar­te die Be­klag­te, die später rechts­formändernd um­ge­wan­delt wur­de, mit den In­sol­venz­ver­wal­tern der In­sol­venz­ge­sell­schaf­ten den Er­werb und die Über­nah­me des Vermögens. Dies er­folg­te zum 1. Au­gust 2010.

Mit Schrei­ben vom 13. Ju­li 2010 teil­ten die In­sol­venz­ver­wal­ter den Mit­ar­bei­tern ua. Fol­gen­des mit:

„In­for­ma­ti­on an die Mit­ar­bei­ter der Un­ter­neh­men ...
Letz­te of­fe­ne Be­din­gung da­mit es zum Be­triebsüber­gang kommt ist, dass die Be­leg­schaft der in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men für das Jahr 2010 (nicht darüber hin­aus) ei­nen Ver­zicht auf 5 % des Brut­to­ge­halts ab dem 01.04.2010 so­wie auf das Ur­laubs- und Weih­nachts­geld erklärt.

Hier­auf ha­ben sich die In­sol­venz­ver­wal­ter der vor­ge­nann­ten Un­ter­neh­men be­reits mit der zuständi­gen Ge­werk­schaft, der Ta­rif­kom­mis­si­on und den Be­triebsräten ver-

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ständigt. Ein Haus­ta­rif­ver­trag (An­er­kennt­nis­ta­rif­ver­trag ge­nannt) mit ent­spre­chen­dem In­halt ist fi­xiert und von al­len Par­tei­en bestätigt.

Man­gels bis­he­ri­ger Ein­be­zie­hung von Haus­ta­rif­verträgen in die Ar­beits­verträge der Mit­ar­bei­ter ist es er­for­der­lich, dass je­der Mit­ar­bei­ter die bei­gefügte Ver­ein­ba­rung un­ter­schreibt, in der ge­re­gelt wird, dass die Re­geln des Haus­ta­rif­ver­tra­ges Be­stand­teil je­des Ar­beits­ver­tra­ges wer­den.

...

So­bald al­le un­ter­schrie­ben ha­ben, wird es um­ge­hend zum Be­triebsüber­gang auf die B AG kom­men und das Ziel, auf das nun ein­ein­halb Jah­re hin­ge­ar­bei­tet wur­de, ist er­reicht. Da­durch si­chern Sie sich al­le bis­her in Ih­rem Ar­beits­verhält­nis vor­han­de­nen Vor­tei­le wie Kündi­gungs­schutz seit Ein­stel­lung etc.

An­bei fin­den Sie den Text des Haus­ta­rif­ver­tra­ges (An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag ge­nannt) und die Ver­ein­ba­rung zur Ein­be­zie­hung des Haus­ta­rif­ver­tra­ges (An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag ge­nannt) in Ihr Ar­beits­verhält­nis.“

Am 14. Ju­li 2010 schlos­sen der In­sol­venz­ver­wal­ter und der Kläger fol­gen­de Ver­ein­ba­rung:

„Zwi­schen Herrn F als In­sol­venz­ver­wal­ter über das Vermögen der F G GmbH und dem un­ter­zeich­nen­den Mit­ar­bei­ter wird hier­mit ver­ein­bart, dass der zwi­schen der In­dus­trie­ge­werk­schaft Berg­bau, Che­mie, En­er­gie Lan­des­be­zirk Ba­den-Würt­tem­berg und der B AG und Herrn F als In­sol­venz­ver­wal­ter über das Vermögen der Schuld­ne­rin ge­schlos­se­ne An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag über die An­er­ken­nung der Gel­tung der von der IG BCE ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie und die für das Jahr 2010 gel­ten­den Son­der­re­ge­lun­gen ins­be­son­de­re Ge­halts­ver­zicht Be­stand­teil des zwi­schen der F G GmbH und dem un­ter­zeich­nen­den Mit­ar­bei­ter be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses ist und die Re­ge­lun­gen die­ses An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges (auch Haus­ta­rif­ver­trag ge­nannt) voll­umfäng­lich auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den.

Als An­la­ge zu die­ser Ver­ein­ba­rung wur­de mit über­ge­ben

- In­for­ma­ti­ons­schrei­ben zum An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag der In­sol­venz­ver­wal­ter und der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den

- Text des An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges (auch Haus­ta­rif­ver­trag ge­nannt).“

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Am 2. Au­gust 2010 schlos­sen die Be­klag­te und die „In­sol­venz­ge­sell­schaf­ten“ rück­wir­kend zum 1. April 2010 mit der In­dus­trie­ge­werk­schaft Berg­bau, Che­mie, En­er­gie (IG BCE) ei­nen An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag (ATV), in dem es ua. heißt:

„Präam­bel
Über die Vermögen der F G GmbH, der B C GmbH so­wie der S GmbH wur­de am 1. Ju­li 2009 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Die B AG hat durch no­ta­ri­el­len Ver­trag vom 11. März 2010 mit den In­sol­venz­ver­wal­tern der In­sol­venz­ge­sell­schaf­ten den Er­werb und die Über­nah­me des we­sent­li­chen Vermögens der In­sol­venz­ge­sell­schaf­ten ent­we­der durch die Fir­ma selbst oder durch ei­ne an­de­re Ge­sell­schaft der B-Grup­pe ver­ein­bart.

...

§ 2
An­er­ken­nung
Es wer­den im Rah­men die­ses An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges al­le Ta­rif­verträge von der Fir­ma an­er­kannt und an­ge­wen­det, wel­che von der IG BCE im Be­reich der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie ab­ge­schlos­sen wur­den bzw. wer­den.

Im ein­zel­nen um­fasst dies fol­gen­de Ta­rif­verträge:

...

Bun­des­ent­gelt­ta­rif­ver­trag

...

Die an­er­kann­ten Ta­rif­verträge gel­ten in ih­rer je­weils ak­tu­el­len Fas­sung.

Die An­er­ken­nung um­fasst aus­drück­lich auch die Ta­rif­verträge der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie, die erst nach Ab­schluss die­ses An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges ab­ge­schlos­sen wer­den.

§ 3
Son­der­re­ge­lun­gen für das Jahr 2010
Für das Jahr 2010 gel­ten fol­gen­de Son­der­re­ge­lun­gen:

1. Aus dem Ta­rif­ver­trag über Ein­mal­zah­lung und Al­ters­vor­sor­ge fin­det der § 3 (Jah­res­leis­tung) im Jah­re

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2010 kei­ne An­wen­dung.

2. Aus dem Ta­rif­ver­trag über Ein­mal­zah­lung und Al­ters­vor­sor­ge fin­det der § 10 (zusätz­li­ches Ur­laubs­geld) im Jah­re 2010 kei­ne An­wen­dung.

3. Für den Zeit­raum ab dem 1. April 2010 bis zum 31. De­zem­ber 2010 wer­den die be­zirk­li­chen Ta­ri­fent­geltsätze um 5 % ab­ge­senkt.

4. Die im Rah­men des Ta­rif­ab­schlus­ses vom 21.04.2010 für den Be­reich der che­mi­schen In­dus­trie zu leis­ten­den Ein­mal­zah­lun­gen fin­den kei­ne An­wen­dung.

...

§ 4
Schlußbe­stim­mun­gen
1. Die­ser An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag tritt (rück­wir­kend) zum 1. April 2010 in Kraft.

2. Die­ser An­er­ken­nungs­ta­rif­ver­trag ist künd­bar mit ei­ner Frist von sechs Mo­na­ten, frühes­tens zum 31. De­zem­ber 2011.

...“

Die Be­klag­te kündig­te den ATV mit Wir­kung zum 31. De­zem­ber 2011. Sie gab nach die­sem Zeit­punkt die in der che­mi­schen In­dus­trie ver­ein­bar­ten Ta­rif­erhöhun­gen nicht mehr an den Kläger wei­ter.

Mit sei­ner der Be­klag­ten am 17. Ju­ni 2015 zu­ge­stell­ten Kla­ge hat der Kläger die Auf­fas­sung ver­tre­ten, auf­grund der mit der Ver­ein­ba­rung vom 14. Ju­li 2010 wirk­sam er­folg­ten Be­zug­nah­me auf den ATV be­ste­he die dy­na­mi­sche Ver­wei­sung auf die Ta­rif­verträge der che­mi­schen In­dus­trie auch noch nach des­sen Kündi­gung fort. Bei ei­ner zwei­stu­fi­gen Ver­wei­sungs­tech­nik sei für die Aus­le­gung der ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel oh­ne Be­deu­tung, ob das Re­gel­werk, auf das ver­wie­sen wer­de, gekündigt oder be­en­det sei. Die ver­trag­li­che Ver­wei­sung auf den ATV er­hal­te ih­ren ma­te­ri­el­len In­halt erst durch des­sen dy­na­mi­sche Ver­wei­sung auf die Ver­bands­ta­rif­verträge. Die Kündi­gung des ATV las­se bei ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me des­halb die ver­ein­bar­te Ta­rif­dy­na­mik eben­so we­nig ent­fal­len wie ein mögli­cher Ver­bands­aus­tritt.

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Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 

1. fest­zu­stel­len, dass auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en die Ta­rif­verträge, die von der In­dus­trie­ge­werk­schaft Berg­bau, Che­mie, En­er­gie im Be­reich der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie ab­ge­schlos­sen wur­den bzw. noch wer­den, in ih­rer je­weils ak­tu­el­len Fas­sung An­wen­dung fin­den;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 8.094,00 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz im näher be­stimm­ten Um­fang und zeit­li­cher Staf­fe­lung zu zah­len.

Die Be­klag­te hat zur Be­gründung ih­res Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Wort­laut der Be­zug­nah­me­klau­sel sei ein­deu­tig. Die Be­zug­nah­me sei aus­drück­lich auf den kon­kre­ten Ta­rif­ver­trag mit ei­nem kon­kret be­nann­ten Ta­ri­fin­halt be­schränkt wor­den. Sie ent­hal­te da­nach kei­ne dy­na­mi­sche Ver­wei­sung. Je­den­falls sei die Ver­wei­sung auf das Ta­rif­werk der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie durch die Kündi­gung des ATV zu ei­ner sta­ti­schen ge­wor­den.

Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit sei­ner vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sein Kla­ge­be­geh­ren wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Die mit dem - als Ele­men­ten­fest­stel­lungs­an­trag zulässi­gen (vgl. zu den An­for­de­run­gen nur BAG 18. April 2012 - 4 AZR 426/10 - Rn. 17; 19. Mai 2010 - 4 AZR 796/08 - Rn. 11, BA­GE 134, 283) und hin­rei­chend be­stimm­ten - An­trag zu 1. und dem Zah­lungs­an­trag zu 2. gel­tend ge­mach­ten ta­rif­li­chen Ansprüche ste­hen dem Kläger nicht zu. Das Ta­rif­werk der IG BCE im Be­reich der west­deut­schen che­mi­schen In­dus­trie fin­det auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nur noch in sei­ner am 31. De­zem­ber 2011 gülti­gen Fas­sung An­wen­dung. Da­nach er­folg­te Ände­run­gen ha­ben auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en kei­nen Ein­fluss mehr. Ins­be-

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son­de­re hat der Kläger kei­nen An­spruch auf nach die­sem Zeit­punkt ver­ein­bar­te Ta­rif­erhöhun­gen. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob es sich - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat - bei der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung vom 14. Ju­li 2010 um ei­ne sta­ti­sche oder - wie der Kläger meint - ei­ne zeit­dy­na­mi­sche Be­zug­nah­me­klau­sel han­delt. Auch ei­ne dy­na­mi­sche Ver­wei­sung auf den ATV ver­mag kei­ne wei­ter­ge­hen­den Ansprüche als die­je­ni­gen zu be­gründen, die sich un­mit­tel­bar aus die­sem er­ge­ben. Die Dy­na­mik der Ver­wei­sung des ATV auf die Ver­bands­ta­rif­verträge hat aber mit dem Ein­tritt sei­ner Nach­wir­kung ge­en­det.

1. Be­zug­nah­me­ob­jekt der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­wei­sungs­klau­sel ist aus­sch­ließlich der ATV. Das er­gibt de­ren Aus­le­gung.

a) Die Ver­ein­ba­rung vom 14. Ju­li 2010 ist ei­ne For­mu­lar­ver­ein­ba­rung, de­ren Be­stim­mun­gen nach den Re­ge­lun­gen über All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen aus­zu­le­gen sind (zu den Maßstäben sh. nur BAG 14. De­zem­ber 2011 - 4 AZR 28/10 - Rn. 29 mwN). Die Aus­le­gung von ty­pi­schen Ver­trags­klau­seln ist der un­ein­ge­schränk­ten Über­prüfung durch das Re­vi­si­ons­ge­richt zugäng­lich (st. Rspr. des BAG, zB 7. De­zem­ber 2016 - 4 AZR 414/14 - Rn. 21; 19. März 2003 - 4 AZR 331/02 - zu I 2 a der Gründe, BA­GE 105, 284).

b) Be­reits nach dem kla­ren Wort­laut der Ver­ein­ba­rung soll­ten - nur - die Re­ge­lun­gen des ATV In­halt des Ar­beits­ver­trags sein. Die Ver­bands­ta­rif­verträge sind hin­ge­gen nicht von der Be­zug­nah­me­klau­sel als sol­cher er­fasst. De­ren An­wend­bar­keit wird le­dig­lich durch den ATV ver­mit­telt.

c) Das dem Ver­trags­an­ge­bot bei­gefügte In­for­ma­ti­ons­schrei­ben vom 13. Ju­li 2010 bestätigt die­ses Verständ­nis. Da­nach soll­te in der zu ver­ein­ba­ren­den Be­zug­nah­me­klau­sel „ge­re­gelt [wer­den], dass die Re­geln des Haus­ta­rif­ver­tra­ges Be­stand­teil je­des Ar­beits­ver­tra­ges wer­den“. Die Re­ge­lun­gen der Ver­bands­ta­rif­verträge soll­ten da­nach ge­ra­de nicht als sol­che in die Ar­beits­verträge in­kor­po­riert wer­den.

d) So­weit der Kläger meint, bei die­ser Sicht­wei­se würden die Ka­te­go­ri­en der nor­ma­ti­ven Ta­rif­ge­bun­den­heit zu Un­recht auf die Aus­le­gung der in­di­vi­du­al-

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ver­trag­li­chen Klau­sel über­tra­gen, ver­kennt er den Ge­halt der ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me. Die­se er­fasst ent­ge­gen sei­ner Auf­fas­sung un­mit­tel­bar nur die Re­ge­lun­gen des ATV, nicht hin­ge­gen auch die des von die­sem in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­werks. De­ren An­wen­dung er­gibt sich le­dig­lich mit­tel­bar durch die ta­rif­ver­trag­li­che Ver­wei­sung. Durch die­se Re­ge­lungs­tech­nik ha­ben die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en fest­ge­legt, dass sie die wei­te­re An­wend­bar­keit der ta­rif­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­nen Flächen­ta­rif­verträge von der Fort­wir­kung des in­di­vi­du­al­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­me­nen ATV abhängig ma­chen woll­ten. Dass die Re­ge­lun­gen der Flächen­ta­rif­verträge - wie der Kläger meint - auch un­abhängig vom ATV auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en An­wen­dung fin­den soll­ten, ist der in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung nicht zu ent­neh­men.

e) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers er­gibt sich auch aus der Ent­schei­dung des Se­nats vom 22. Fe­bru­ar 2012 (- 4 AZR 8/10 - Rn. 25) nichts an­de­res. Da­nach bil­den der ver­wei­sen­de und der in Be­zug ge­nom­me­ne Ta­rif­ver­trag zwar ei­ne Ein­heit, dh. die Nor­men des Be­zugs­ta­rif­ver­trags sind Teil der Nor­men des Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trags (sh. auch BAG 9. Ju­li 1980 - 4 AZR 564/78 - BA­GE 34, 42). Die­ser - ta­rif­recht­li­che - Be­fund führt je­doch nicht da­zu, dass mit ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel, die aus­sch­ließlich den Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trag in Be­zug nimmt, gleich­sam un­mit­tel­bar auch die Re­ge­lun­gen des Be­zugs­ta­rif­ver­trags in den Ar­beits­ver­trag in­kor­po­riert würden. Im Ge­gen­teil be­wirkt die­se Ver­wei­sungs­tech­nik ei­ne Kop­pe­lung der An­wend­bar­keit der Ver­bands­ta­rif­verträge an das recht­li­che Schick­sal des ATV.

2. Die aus­sch­ließli­che ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me auf die Re­ge­lun­gen des ATV hat zur Fol­ge, dass die Dy­na­mik des Ver­bands­ta­rif­ver­trags für das Ar­beits­verhält­nis en­det, so­bald der Ver­wei­sungs­ta­rif­ver­trag sie nicht mehr zu ver­mit­teln ver­mag. Da die Dy­na­mik im Streit­fall al­lein über den ATV ver­mit­telt wird, geht sie ver­lo­ren, wenn der ATV - wie hier - nach Ab­lauf von des­sen Kündi­gungs­frist nur noch nach­wirkt (§ 4 Abs. 5 TVG; Löwisch/Rieb­le TVG 4. Aufl. § 1 Rn. 40; Däubler/Ne­be TVG 4. Aufl. § 1 Rn. 209). Sei­ne Re­ge­lun­gen und da­mit auch die Re­ge­lun­gen der durch ihn in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­verträge gel­ten seit dem 1. Ja­nu­ar 2012 le­dig­lich sta­tisch wei­ter.

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a) Die Nach­wir­kung ei­ner Ta­rif­re­ge­lung be­schränkt sich in­halt­lich dar­auf, den Zu­stand bis zum Ab­schluss ei­ner an­de­ren Ab­ma­chung zu er­hal­ten, der bei Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­trags be­stan­den hat. Sie er­streckt sich hin­ge­gen nicht auf Ände­run­gen des Ta­rif­ver­trags nach sei­nem Ab­lauf (BAG 10. März 2004 - 4 AZR 140/03 - zu I 1 b der Gründe).

b) Dies gilt nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats auch dann, wenn die nach­wir­ken­de Ta­rif­norm auf ei­ne frem­de Re­ge­lung ver­weist, die ih­rer­seits während der Zeit der Nach­wir­kung der ver­wei­sen­den Ta­rif­be­stim­mung in­halt­lich verändert wird. An der späte­ren Ent­wick­lung der Be­stim­mung, auf die die Ta­rif­norm ver­weist, neh­men die Ta­rif­un­ter­wor­fe­nen ab Be­ginn der Nach­wir­kung nicht mehr teil. Das ent­spricht Sinn und Zweck von § 4 Abs. 5 TVG, der zwar ei­ne ver­trag­li­che - auch ein­zel­ver­trag­li­che - Ände­rung der bis­he­ri­gen Ta­rif­norm er­laubt, aber bis zu ei­ner sol­chen Ände­rung den bis­he­ri­gen Rechts­zu­stand er­hal­ten will. Da­her gel­ten im Be­reich des ver­wei­sen­den Ta­rif­ver­trags die in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­nor­men in der bei Ab­lauf der Ver­wei­sungs­norm gel­ten­den Fas­sung wei­ter, selbst wenn die in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­nor­men geändert wer­den (BAG 10. März 2004 - 4 AZR 140/03 - zu I 1 b der Gründe mwN; 24. No­vem­ber 1999 - 4 AZR 666/98 - zu I 1 e bb der Gründe, BA­GE 93, 34; 10. No­vem­ber 1982 - 4 AZR 1203/79 - BA­GE 40, 327).

3. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on wi­der­spricht die­ses Er­geb­nis nicht der Recht­spre­chung des Se­nats zu den sog. Gleich­stel­lungs­ab­re­den. Die­se be­trifft die Fälle, in de­nen der - un­mit­tel­bar - in Be­zug ge­nom­me­ne Ta­rif­ver­trag nach dem En­de der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers geändert wird. Da dort der in Be­zug ge­nom­me­ne Ta­rif­ver­trag tatsächlich ei­ne Ände­rung erfährt und der Ar­beit­ge­ber le­dig­lich man­gels fort­be­ste­hen­der Ta­rif­ge­bun­den­heit nicht mehr von die­ser be­trof­fen ist, ver­mag die Be­zug­nah­me­klau­sel Ansprüche auf die geänder­ten Ta­rif­be­din­gun­gen zu be­gründen. Im vor­lie­gen­den Fall hat aber der in Be­zug ge­nom­me­ne Ta­rif­ver­trag als sol­cher ge­en­det. Als le­dig­lich nach­wir­ken­der Ta­rif­ver­trag ver­moch­te er kei­ne Dy­na­mik der Ver­wei­sung mehr zu ver­mit­teln.

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4. Der Kläger hat gem. § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

Ey­lert
Klo­se
Rinck
J. Rat­a­ycz­ak
Rupp­recht

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