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ARBEITSRECHT AKTUELL // 11/017

Darf der Ar­beit­ge­ber zwecks Kün­di­gung nach ei­ner Schwer­be­hin­de­rung fra­gen?

Ist die Fra­ge nach ei­ner Schwer­be­hin­de­rung im be­ste­hen­den Ar­beits­ver­hält­nis zu­läs­sig?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 30.06.2010, 2 Sa 49/10
Drei Äpfel Dis­kri­mi­nie­rung im schei­den­den Ar­beits­ver­hält­nis

25.01.2011. Schwer­be­hin­der­te Men­schen wer­den ins­be­son­de­re durch Vor­schrif­ten des So­zi­al­ge­setz­bu­ches neun­tes Buch (SGB IX) und des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ge­schützt. Bei­spiels­wei­se ist vor­ge­se­hen, dass Ar­beit­ge­ber mit min­des­tens 20 Ar­beits­plät­zen ab­hän­gig von der An­zahl der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Ar­beits­plät­ze ei­nen oder meh­re­re schwer­be­hin­der­te Men­schen zu be­schäf­ti­gen ha­ben (§ 71 Abs. 1 SGB IX).

Dar­über hin­aus dür­fen schwer­be­hin­der­te Be­schäf­tig­te grund­sätz­lich nicht we­gen ih­rer Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wer­den (§ 81 Abs. 2 SGB IX). Ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ist al­ler­dings dann zu­läs­sig, wenn die Be­hin­de­rung we­gen der Art der aus­zu­üben­den Tä­tig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Aus­übung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck recht­mä­ßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist (§ 8 Abs. 1 AGG).

We­gen die­ser ver­gleichs­wei­se neu­en Re­ge­lun­gen nimmt die jün­ge­re ar­beits­ge­richt­li­che Recht­spre­chung an, dass der Ar­beit­ge­ber - je­den­falls bei Ein­stel­lun­gen - nicht nach der Schwer­be­hin­de­rung fra­gen darf, so­fern ei­ne Be­hin­de­rung kein Ein­fluss auf die Tä­tig­keit ha­ben kann (so­ge­nann­te "tä­tig­keits­neu­tra­le Be­hin­de­rung", vgl. z.B. Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 06.09.2010, 4 Sa 18/10 und Ar­beits­ge­richt Ulm, Ur­teil vom 17.12.2009, 5 Ca 316/09). Zwar hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Jahr 2000 die all­ge­mei­ne Fra­ge nach dem Schwer­be­hin­der­ten­sta­tus für zu­läs­sig ge­hal­ten (BAG, Ur­teil vom 18.10.2000, 2 AZR 380/99). Da­mals gab es je­doch das AGG noch nicht.

Schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer, die län­ger als sechs Mo­na­te für ih­ren Ar­beit­ge­ber ar­bei­ten, ha­ben nach den §§ 85 bis 92 SGB IX auch ei­nen Son­der-Kün­di­gungs­schutz. Da­nach ist ei­ne Kün­di­gung nur wirk­sam, wenn der Ar­beit­ge­ber vor­her die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes be­an­tragt und die­ses - nach pflicht­ge­mä­ßem Er­mes­sen - zu­ge­stimmt hat. Dies gilt grund­sätz­lich selbst dann, wenn der Ar­beit­ge­ber von dem Schwer­be­hin­der­ten­sta­tus sei­nes Ar­beit­neh­mers gar nichts wuss­te. Grund­sätz­lich ge­nügt es hier, wenn der Ar­beit­neh­mer nach sei­ner Kün­di­gung den Ar­beit­ge­ber in­ner­halb von drei Wo­chen über sei­ne Schwer­be­hin­de­rung in­for­miert (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/242: Schwer­be­hin­de­rung muss in­ner­halb von drei Wo­chen nach Kün­di­gung mit­ge­teilt wer­den). Frag­lich ist, ob dies auch dann noch aus­reicht, wenn der Ar­beit­ge­ber vor­her aus­drück­lich nach ei­ner Schwer­be­hin­de­rung ge­fragt hat.

Mit die­sem Pro­blem muss­te sich En­de Ju­ni 2010 das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm aus­ein­an­der­set­zen (Ur­teil vom 30.06.2010, 2 Sa 49/10). Über das Ver­mö­gen ei­nes Ar­beit­ge­bers war das In­sol­venz­ver­fah­ren er­öff­net ge­wor­den. Der In­sol­venz­ver­wal­ter ver­han­del­te da­her mit dem Be­triebs­rat über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te, mit des­sen Hil­fe er­leich­ter­te be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen mög­lich ge­macht wer­den soll­ten (vgl. § 125 In­sol­venz­ord­nung - In­sO, § 1 Abs.2ff. Kün­di­gungs­schutz­ge­setz - KSchG). Um Feh­ler bei der so­zia­len Aus­wahl zu ver­mei­den, hat­te der Ver­wal­ter al­len Mit­ar­bei­tern ein Fra­ge­bo­gen vor­ge­legt, in de­nen un­ter an­de­rem auch die bei be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen zu be­rück­sich­ti­gen­den So­zi­al­kri­te­ri­en ab­ge­fragt wur­den. Ein Ma­schi­nen­schlos­ser - der spä­te­re Klä­ger - hat­te bei der Fra­ge nach der Schwer­be­hin­de­rung das Feld "nein" an­ge­kreuzt.

Er lan­de­te auf der Na­mens­lis­te und wur­de ei­ni­ge Zeit spä­ter oh­ne Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ent­las­sen. Ers­te im Rah­men sei­ner dar­auf­hin er­ho­be­nen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge be­rief er sich auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung - zu spät, mein­te das LAG im Ge­gen­satz zu sei­ner Vor­in­stanz (Ar­beits­ge­richt Iser­lohn, Ur­teil vom 26.11.2009, 4 Ca 2001/09). Er ha­be sich im Sin­ne des § 242 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch wi­der­sprüch­lich ver­hal­ten, weil er zu­nächst die ihm ge­stell­te Fra­ge grund­los nicht wahr­heits­ge­mäß be­ant­wor­tet hat­te, nur um sich spä­ter dann doch auf den Kün­di­gungs­schutz zu be­ru­fen. Die Fra­ge sei zu­läs­sig ge­we­sen, da sie nach den vor­lie­gen­den Um­stän­den al­lein dem Zweck dien­te, dem In­sol­venz­ver­wal­ter zu er­mög­li­chen, sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach § 85 ff. SGB IX nach­zu­kom­men. Bei sei­ner Ent­schei­dung be­rück­sich­tig­te das Ge­richt auch, dass das In­te­gra­ti­ons­amt im Rah­men ei­ner hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­nen Kün­di­gung zu­ge­stimmt hat­te.

Ins­ge­samt sei da­her ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se des In­sol­venz­ver­wal­ters an der wahr­heits­ge­mä­ßen Be­ant­wor­tung sei­ner Fra­ge an­zu­er­ken­nen. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Klä­gers sei da­mit nicht ver­bun­den. "Im Ge­gen­teil", meint das LAG Hamm. "An­de­ren­falls hät­te es der Klä­ger in der Hand, die Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses hin­aus­zu­schie­ben und ge­mäß §§ 615 BGB, 55 Abs.1 Nr.2 In­sO Ver­gü­tungs­an­sprü­che zu­las­ten der Mas­se zu be­grün­den. Es ist aber ge­ra­de nicht Sinn und Zweck des Son­der­kün­di­gungs­schut­zes, für schwer­be­hin­der­te Men­schen ei­ne Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist zu er­rei­chen."

Das LAG ließ die Re­vi­si­on ge­gen sei­ne Ent­schei­dung zu, die nun un­ter dem Ak­ten­zei­chen 6 AZR 553/10 beim BAG an­hän­gig ist.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Letzte Überarbeitung: 17. Mai 2015

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