HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/026

Kün­di­gung in Un­kennt­nis ei­ner Schwer­be­hin­de­rung

Er­furt prä­zi­siert Drei­wo­chen­frist für die An­zei­ge ei­ner Schwer­be­hin­de­rung nach Kün­di­gungs­er­halt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.09.2016, 2 AZR 700/15
Parkplatz Schwerbehinderte

23.01.2017. Ge­mäß § 85 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) kann der Ar­beit­ge­ber ei­nem schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer nur kün­di­gen, wenn er zu­vor die Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes ein­ge­holt hat.

Das gilt so­gar, wenn der Ar­beit­ge­ber zum Zeit­punkt der Kün­di­gung von der Schwer­be­hin­de­rung nichts weiß.

Dann muss der Ar­beit­neh­mer die Mit­tei­lung der Schwer­be­hin­de­rung aber in­ner­halb von drei Wo­chen nach­ho­len.

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die­se Drei­wo­chen­frist zu Guns­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te prä­zi­siert: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.09.2016, 2 AZR 700/15.

Wie lan­ge hat ein schwer­be­hin­der­ter Mensch Zeit, nach Er­halt ei­ner Kündi­gung den Ar­beit­ge­ber über sei­ne Schwer­be­hin­de­rung zu in­for­mie­ren?

Wer Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben will, muss das gemäß § 4 Satz 1 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) in­ner­halb von drei Wo­chen nach Er­halt der schrift­li­chen Kündi­gung tun. Die dreiwöchi­ge Kla­ge­frist muss auch be­ach­ten, wer sich auf Un­wirk­sam­keitsründe außer­halb des KSchG be­ruft, al­so z.B. dar­auf, dass ei­ne Kündi­gung gemäß § 85 SGB IX in Verb. mit § 134 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) un­wirk­sam ist, weil die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes fehlt.

Un­ter Ver­weis auf die Drei­wo­chen­frist be­ant­wor­tet das BAG die Fra­ge, wann das Recht des gekündig­ten Schwer­be­hin­der­ten ver­wirkt, sich nachträglich auf sei­ne Schwer­be­hin­de­rung zu be­ru­fen: Lässt sich der Schwer­be­hin­der­te (deut­lich) länger als drei Wo­chen nach Er­halt der Kündi­gung da­mit Zeit, dem Ar­beit­ge­ber rei­nen Wein ein­zu­schränken, ist sein Recht zur nachträgli­chen Be­ru­fung auf die Schwer­be­hin­de­rung ver­wirkt (§ 242 BGB).

In der Ver­gan­gen­heit hat­te das BAG schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern zu­ge­stan­den, ih­re Schwer­be­hin­de­rung in der Kla­ge­schrift oder ei­nem an­de­ren an das Ge­richt ge­rich­te­ten Schrift­satz mit­zu­tei­len, auch wenn den Ar­beit­ge­ber sol­che Mit­tei­lun­gen in­fol­ge der Zu­stel­lung durch das Ge­richt erst nach Ab­lauf von drei Wo­chen er­reich­te (BAG, Ur­teil vom 23.02.2010, 2 AZR 659/08). Da­her konn­te es vor­kom­men, dass der Ar­beit­ge­ber erst deut­lich später als drei Wo­chen nach der Kündi­gung von der Schwer­be­hin­de­rung er­fuhr.

An die­ser Recht­spre­chung hält das BAG nicht mehr fest.

Im Streit: Meh­re­re frist­lo­se und or­dent­li­che Kündi­gun­gen we­gen an­geb­li­chen Ar­beits­zeit­be­trugs und Tank­be­trugs

Ein langjährig beschäftig­ter An­ge­stell­ter er­krank­te im Som­mer 2013 an Leukämie, war da­her lan­ge krank­ge­schrie­ben und wur­de mit Be­scheid vom 03.09.2013 rück­wir­kend zum 28.06.2013 als schwer­be­hin­der­ter Mensch mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung (GdB) von 70 an­er­kannt. Eben­falls im Som­mer 2013 führ­te der Ar­beit­ge­ber in­ter­ne Er­mitt­lun­gen we­gen des Ver­dachts ver­schie­de­ner Pflicht­ver­let­zun­gen durch.

Am 13.08.2013 sprach der Ar­beit­ge­ber nach Anhörung des Be­triebs­rats ei­ne frist­lo­se und hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung aus, gestützt auf den Vor­wurf des Ar­beits­zeit- und des Tank­be­trugs. An­geb­lich soll der Ar­beit­neh­mer auf Ar­beit­ge­ber­kos­ten mehr Ben­zin ge­tankt ha­ben als der Tank sei­nes Dienst­wa­gens fass­te. Das Kündi­gungs­schrei­ben wur­de dem Ar­beit­neh­mer am 15.08.2013 zu­ge­stellt. Mit An­walts­schrei­ben vom 29.08.2013, das dem Ar­beit­ge­ber ge­nau drei Wo­chen und ei­nen Tag nach Er­halt der Kündi­gung zu­ging (am 06.09.2013), in­for­mier­te der An­ge­stell­te den Ar­beit­ge­ber darüber, dass er be­reits am 28.06.2013 ei­nen An­trag auf An­er­ken­nung als Schwer­be­hin­der­ter ge­stellt hat­te, al­so et­wa ein­ein­halb Mo­na­te vor der Kündi­gung.

Dar­auf­hin hörte der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat am 09.09.2013 und am 16.09.2013 er­neut zu wei­te­ren Kündi­gun­gen an. Nach­dem er am 10.09.2013 den Be­scheid über die Schwer­be­hin­de­rung er­hal­ten hat­te, be­an­trag­te er außer­dem post­wen­dend (am 11.09.2013) beim In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zur außer­or­dent­li­chen und zur or­dent­li­chen Kündi­gung. In der kurz dar­auf (am 19.09.2013) statt­fin­den­den Anhörung vor dem In­te­gra­ti­ons­amt über­reich­te der An­walt des An­ge­stell­ten dem Ar­beit­ge­ber erst­mals ei­ne um­fang­rei­che schrift­li­che Stel­lung­nah­me zu den Vorwürfen des Ar­beit­ge­bers, die ent­las­ten­de An­ga­ben ent­hielt.

Oh­ne den Be­triebs­rat über die­se Stel­lung­nah­me zu in­for­mie­ren sprach der Ar­beit­ge­ber, je­weils nach Ein­gang der Zu­stim­mung des In­te­gra­ti­ons­am­tes, ei­ne wei­te­re frist­lo­se Tat- und Ver­dachtskündi­gung (Kündi­gung vom 26.09.2013) so­wie ei­ne wei­te­re frist­gemäße Tat- und Ver­dachtskündi­gung aus (Kündi­gung vom 28.10.2013).

Das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart (Ur­teil vom 02.07.2014, 14 Ca 6190/13) gab der Kla­ge über­wie­gend statt, das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg so­gar in vol­lem Um­fang (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 16.09.2015, 17 Sa 48/14).

BAG: Die Mit­tei­lung der Schwer­be­hin­de­rung muss bald nach Ab­lauf der Drei­wo­chen­frist beim Ar­beit­ge­ber ein­ge­hen

Das BAG wies die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers zurück. Zur Be­gründung heißt es:
Die nachträgli­che Mit­tei­lung der Schwer­be­hin­de­rung hat­te den Ar­beit­ge­ber hier im Streit­fall (ge­ra­de) noch recht­zei­tig er­reicht, nämlich drei Wo­chen und ei­nen Tag nach Zu­gang der Kündi­gung. Nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter können Schwer­be­hin­der­te nämlich die Drei­wo­chen­frist voll ausschöpfen, um sich für oder ge­gen ei­ne Of­fen­le­gung der Schwer­be­hin­de­rung zu ent­schei­den, müssen ei­ne schrift­li­che Mit­tei­lung dann aber in­ner­halb von ein oder zwei wei­te­re Ta­gen dem Ar­beit­ge­ber über­sen­den.

Der recht­zei­ti­ge Ein­gang der Mit­tei­lung bei Ge­richt am letz­ten Tag der Drei­wo­chen­frist genügt nicht, denn § 167 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) ist hier nicht zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers an­zu­wen­den, so das BAG. Da­mit rückt das BAG deut­lich von sei­ner Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2010 ab (BAG, Ur­teil vom 23.02.2010, 2 AZR 659/08).

Außer­dem hätte der Ar­beit­ge­ber im Streit­fall den Be­triebs­rat über die schrift­li­che Stel­lung­nah­me des An­ge­stell­ten, die er am 19.09.2013 er­hal­ten hat­te, in­for­mie­ren müssen, da die Be­triebs­rats­anhörung zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ab­ge­schlos­sen war.

Fa­zit: Ob­wohl sich aus § 6 KSchG er­gibt, dass Ar­beit­neh­mer noch bis zum Ab­schluss der ers­ten In­stanz Tat­sa­chen vor­brin­gen können, aus de­nen die Un­wirk­sam­keit der strei­ti­gen Kündi­gung folgt, gilt für die dem Ar­beit­ge­ber zum Kündi­gungs­zeit­punkt un­be­kann­te Schwer­be­hin­de­rung ei­ne kürze­re Frist von drei Wo­chen plus ein oder zwei Ta­gen. Nach Ab­lauf die­ser Frist ist das Recht des Schwer­be­hin­der­ten, sich auf sei­ne Be­hin­de­rung bzw. auf § 85 SGB IX in Verb. mit § 134 BGB zu be­ru­fen, ver­wirkt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 29. Oktober 2018

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c, 70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 47 09 710
Telefax: 0711 - 47 09 796
E-Mail: stuttgart@hensche.de
Bewertung: 5.0 von 5 Sternen (8 Bewertungen)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email* Nachname
  Abmelden   *Pflichtangabe

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2018:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de