HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 19.01.2010, C-555/07

   
Schlagworte: Altersdiskriminierung, Diskriminierung: Alter, AGG, Kündigungsfrist, Kündigung: AGG
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-555/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 19.01.2010
   
Leitsätze:

1. Das Unionsrecht, insbesondere das Verbot der Diskriminierung wegen des Alters in seiner Konkretisierung durch die Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf, ist dahin auszulegen, dass es einer Regelung wie der im Ausgangsverfahren fraglichen entgegensteht, nach der vor Vollendung des 25. Lebensjahrs liegende Beschäftigungszeiten des Arbeitnehmers bei der Berechnung der Kündigungsfrist nicht berücksichtigt werden.

2. Es obliegt dem nationalen Gericht, in einem Rechtsstreit zwischen Privaten die Beachtung des Verbots der Diskriminierung wegen des Alters in seiner Konkretisierung durch die Richtlinie 2000/78 sicherzustellen, indem es erforderlichenfalls entgegenstehende Vorschriften des innerstaatlichen Rechts unangewendet lässt, unabhängig davon, ob es von seiner Befugnis Gebrauch macht, in den Fällen des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Gerichtshof der Europäischen Union im Wege der Vorabentscheidung um Auslegung dieses Verbots zu ersuchen.

Vorinstanzen: Landesarbeitsgericht Düsseldorf,
Vorlagebeschluss vom 21.11.2007, 12 Sa 1311/07
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

19. Ja­nu­ar 2010(*)

„Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters – Richt­li­nie 2000/78/EG – Na­tio­na­le Kündi­gungs­schutz­re­ge­lung, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den – Recht­fer­ti­gung der Maßnah­me – Der Richt­li­nie ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung – Rol­le des na­tio­na­len Rich­ters“

In der Rechts­sa­che C-555/07

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 21. No­vem­ber 2007, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 13. De­zem­ber 2007, in dem Ver­fah­ren

Se­da Kücükde­ve­ci

ge­gen

Swe­dex GmbH & Co. KG

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts und J.-C. Bo­ni­chot, der Kam­mer­präsi­den­tin­nen R. Sil­va de La­pu­er­ta, P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) und C. Toa­der so­wie der Rich­ter C. W. A. Tim­mer­m­ans, A. Ro­sas, P. Kûris, T. von Dan­witz, A. Ara­b­ad­jiev und J.‑J. Ka­sel,

Ge­ne­ral­an­walt: Y. Bot,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 31. März 2009,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– der Swe­dex GmbH & Co. KG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Ne­be­ling,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

– der tsche­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek als Be­vollmäch­tig­ten,

– der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Be­ring Liis­berg als Be­vollmäch­tig­ten,

– von Ir­land, ver­tre­ten durch D. O’Ha­gan als Be­vollmäch­tig­ten im Bei­stand von N. Tra­vers, BL, und A. Col­lins, SC,

– der nie­derländi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. Wis­sels und M. de Mol als Be­vollmäch­tig­te,

– der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch I. Rao als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von J. Strat­ford, Bar­ris­ter,

– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz und J. En­e­gren als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 7. Ju­li 2009

fol­gen­des

Ur­teil

1. Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
2.

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Kücükde­ve­ci und ih­rem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber Swe­dex GmbH & Co. KG (im Fol­gen­den: Swe­dex) über die Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3.

Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de auf der Grund­la­ge von Art. 13 EG er­las­sen. Die Erwägungs­gründe 1, 4 und 25 die­ser Richt­li­nie lau­ten:

„(1) Nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 2 des Ver­trags über die Eu­ropäische Uni­on be­ruht die Eu­ropäische Uni­on auf den Grundsätzen der Frei­heit, der De­mo­kra­tie, der Ach­tung der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten so­wie der Rechts­staat­lich­keit; die­se Grundsätze sind al­len Mit­glied­staa­ten ge­mein­sam. Die Uni­on ach­tet die Grund­rech­te, wie sie in der [am 4. No­vem­ber 1950 in Rom un­ter­zeich­ne­ten] Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet sind und wie sie sich aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungsüber­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts er­ge­ben.

(4) Die Gleich­heit al­ler Men­schen vor dem Ge­setz und der Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung ist ein all­ge­mei­nes Men­schen­recht; die­ses Recht wur­de in der All­ge­mei­nen Erklärung der Men­schen­rech­te, im VN-Übe­r­ein­kom­men zur Be­sei­ti­gung al­ler For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über bürger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über wirt­schaft­li­che, so­zia­le und kul­tu­rel­le Rech­te so­wie in der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten an­er­kannt, die von al­len Mit­glied­staa­ten un­ter­zeich­net wur­den. Das Übe­r­ein­kom­men 111 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­sagt Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäfti­gung und Be­ruf.

(25) Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters stellt ein we­sent­li­ches Ele­ment zur Er­rei­chung der Zie­le der beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en und zur Förde­rung der Viel­falt im Be­reich der Beschäfti­gung dar. Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters können un­ter be­stimm­ten Umständen je­doch ge­recht­fer­tigt sein und er­for­dern da­her be­son­de­re Be­stim­mun­gen, die je nach der Si­tua­ti­on der Mit­glied­staa­ten un­ter­schied­lich sein können. Es ist da­her un­be­dingt zu un­ter­schei­den zwi­schen ei­ner Un­gleich­be­hand­lung, die ins­be­son­de­re durch rechtmäßige Zie­le im Be­reich der Beschäfti­gungs­po­li­tik, des Ar­beits­mark­tes und der be­ruf­li­chen Bil­dung ge­recht­fer­tigt ist, und ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung, die zu ver­bie­ten ist.“

4. Zweck der Richt­li­nie 2000/78 ist nach ih­rem Art. 1 die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.
5. Art. 2 die­ser Richt­li­nie be­stimmt:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘ dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.

(2) Im Sin­ne des Ab­sat­zes 1

a) liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde;

…“

6.

Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:

„Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf

c) die Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Ar­beits­ent­gelts;

…“

7. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie lau­tet:

„Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand.“

8. Die Richt­li­nie 2000/78 war nach ih­rem Art. 18 Abs. 1 bis spätes­tens 2. De­zem­ber 2003 in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen. Al­ler­dings sieht Art. 18 Abs. 2 vor:

„Um be­son­de­ren Be­din­gun­gen Rech­nung zu tra­gen, können die Mit­glied­staa­ten er­for­der­li­chen­falls ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. De­zem­ber 2003, d. h. ins­ge­samt sechs Jah­re, in An­spruch neh­men, um die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie über die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und ei­ner Be­hin­de­rung um­zu­set­zen. In die­sem Fall set­zen sie die Kom­mis­si­on un­verzüglich da­von in Kennt­nis. …“

9. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat von die­ser Möglich­keit Ge­brauch ge­macht, so dass die Vor­schrif­ten über die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und we­gen ei­ner Be­hin­de­rung in die­sem Mit­glied­staat bis spätes­tens 2. De­zem­ber 2006 um­ge­setzt wer­den muss­ten.

Na­tio­na­les Recht

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz

10. Die §§ 1, 2 und 10 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG), mit dem die Richt­li­nie 2000/78 um­ge­setzt wor­den ist, be­stim­men:

,,§ 1 Ziel des Ge­set­zes

Ziel des Ge­set­zes ist, Be­nach­tei­li­gun­gen aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität zu ver­hin­dern oder zu be­sei­ti­gen.

§ 2 An­wen­dungs­be­reich

(4) Für Kündi­gun­gen gel­ten aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz.

§ 10 Zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters

Un­ge­ach­tet des § 8 ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters auch zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

1. die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­loh­nung und Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Beschäftig­ten und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

…“

Die Re­ge­lung über die Kündi­gungs­frist

11.

§ 622 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs (BGB) be­stimmt:

„(1) Das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Ar­bei­ters oder ei­nes An­ge­stell­ten (Ar­beit­neh­mers) kann mit ei­ner Frist von vier Wo­chen zum Fünf­zehn­ten oder zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats gekündigt wer­den.

(2) Für ei­ne Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber beträgt die Kündi­gungs­frist, wenn das Ar­beits­verhält­nis in dem Be­trieb oder Un­ter­neh­men

1. zwei Jah­re be­stan­den hat, ei­nen Mo­nat zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

2. fünf Jah­re be­stan­den hat, zwei Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

3. acht Jah­re be­stan­den hat, drei Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

4. zehn Jah­re be­stan­den hat, vier Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

5. zwölf Jah­re be­stan­den hat, fünf Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

6. 15 Jah­re be­stan­den hat, sechs Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,

7. 20 Jah­re be­stan­den hat, sie­ben Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats.

Bei der Be­rech­nung der Beschäfti­gungs­dau­er wer­den Zei­ten, die vor der Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs des Ar­beit­neh­mers lie­gen, nicht berück­sich­tigt.“ 

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

12. Frau Kücükde­ve­ci wur­de am 12. Fe­bru­ar 1978 ge­bo­ren. Sie war seit dem 4. Ju­ni 1996, so­mit seit ih­rem voll­ende­ten 18. Le­bens­jahr, bei Swe­dex beschäftigt.
13. Mit Schrei­ben vom 19. De­zem­ber 2006 erklärte Swe­dex un­ter Berück­sich­ti­gung der ge­setz­li­chen Frist die Kündi­gung zum 31. Ja­nu­ar 2007. Der Ar­beit­ge­ber be­rech­ne­te die Kündi­gungs­frist un­ter Zu­grun­de­le­gung ei­ner Beschäfti­gungs­dau­er von drei Jah­ren, ob­wohl die Ar­beit­neh­me­rin seit zehn Jah­ren bei ihm beschäftigt war.
14. Frau Kücükde­ve­ci focht die Kündi­gung vor dem Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach an. Sie mach­te gel­tend, dass nach § 622 Abs. 2 Un­terabs. 1 Nr. 4 BGB ei­ne vier­mo­na­ti­ge Kündi­gungs­frist vom 31. De­zem­ber 2006 bis zum 30. April 2007 hätte ein­ge­hal­ten wer­den müssen. Die­se Frist ent­spre­che ei­ner zehnjähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit. In die­sem Rechts­streit ste­hen sich al­so zwei Pri­va­te ge­genüber, nämlich Frau Kücükde­ve­ci ei­ner­seits und Swe­dex an­de­rer­seits.
15.

Nach Auf­fas­sung von Frau Kücükde­ve­ci stellt § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB, so­weit da­nach vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Be­triebs­zu­gehörig­keits­zei­ten bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist un­berück­sich­tigt blie­ben, ei­ne ge­gen das Uni­ons­recht ver­s­toßen­de Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar, so dass er un­an­ge­wen­det blei­ben müsse.

16. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf als Be­ru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die Um­set­zungs­frist für die Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung be­reits ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei. Es hat wei­ter aus­geführt, dass § 622 BGB ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ent­hal­te, von de­ren Ver­fas­sungs­wid­rig­keit es nicht über­zeugt sei, de­ren Ver­ein­bar­keit mit dem Uni­ons­recht je­doch zwei­fel­haft sei. Frag­lich sei in­so­weit, ob die Fra­ge ei­ner un­mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung an­hand des Primärrechts der Uni­on, wie das Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold (C-144/04, Slg. 2005, I-9981), na­he­zu­le­gen schei­ne, oder aber an­hand der Richt­li­nie 2000/78 zu be­ur­tei­len sei. Da die Vor­schrift ein­deu­tig und ei­ner richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich sei, stel­le sich die Fra­ge, ob das vor­le­gen­de Ge­richt, um sie in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten un­an­ge­wen­det las­sen zu können, zur Si­cher­stel­lung des Schut­zes des Ver­trau­ens der Nor­mun­ter­wor­fe­nen ver­pflich­tet sei, zu­vor den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu er­su­chen, um durch ihn die Un­ver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestäti­gen zu las­sen.
17. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf hat da­her be­schlos­sen, dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. a) Verstößt ei­ne na­tio­na­le Ge­set­zes­re­ge­lung, nach der sich die vom Ar­beit­ge­ber ein­zu­hal­ten­den Kündi­gungs­fris­ten mit zu­neh­men­der Dau­er der Beschäfti­gung stu­fen­wei­se verlängern, je­doch hier­bei vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers un­berück­sich­tigt blei­ben, ge­gen das ge­mein­schafts­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, na­ment­lich ge­gen Primärrecht der Ge­mein­schaft oder ge­gen die Richt­li­nie 2000/78?

b) Kann ein Recht­fer­ti­gungs­grund dafür, dass der Ar­beit­ge­ber bei der Kündi­gung von jünge­ren Ar­beit­neh­mern nur ei­ne Grundkündi­gungs­frist ein­zu­hal­ten hat, dar­in ge­se­hen wer­den, dass dem Ar­beit­ge­ber ein - durch länge­re Kündi­gungs­fris­ten be­ein­träch­tig­tes - be­trieb­li­ches In­ter­es­se an per­so­nal­wirt­schaft­li­cher Fle­xi­bi­lität zu­ge­stan­den wird und jünge­ren Ar­beit­neh­mern nicht der (durch länge­re Kündi­gungs­fris­ten den älte­ren Ar­beit­neh­mern ver­mit­tel­te) Be­stands- und Dis­po­si­ti­ons­schutz zu­ge­stan­den wird, z. B. weil ih­nen im Hin­blick auf ihr Al­ter und/oder ge­rin­ge­re so­zia­le, fa­mi­liäre und pri­va­te Ver­pflich­tun­gen ei­ne höhe­re be­ruf­li­che und persönli­che Fle­xi­bi­lität und Mo­bi­lität zu­ge­mu­tet wird?

2. Wenn die Fra­ge zu 1a be­jaht und die Fra­ge zu 1b ver­neint wird:

Hat das Ge­richt ei­nes Mit­glied­staats in ei­nem Rechts­streit un­ter Pri­va­ten die dem Ge­mein­schafts­recht ex­pli­zit ent­ge­gen­ste­hen­de Ge­set­zes­re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen, oder ist dem Ver­trau­en, das die Nor­mun­ter­wor­fe­nen in die An­wen­dung gel­ten­der in­ner­staat­li­cher Ge­set­ze set­zen, da­hin ge­hend Rech­nung zu tra­gen, dass die Un­an­wend­bar­keits­fol­ge erst nach Vor­lie­gen ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs über die in­kri­mi­nier­te oder ei­ne im We­sent­li­chen ähn­li­che Re­ge­lung ein­tritt?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

18. Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die des Aus­gangs­ver­fah­rens, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den, ei­ne durch das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re durch das Primärrecht oder die Richt­li­nie 2000/78, ver­bo­te­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters dar­stellt. Es möch­te im Ein­zel­nen wis­sen, ob ei­ne sol­che Re­ge­lung da­durch ge­recht­fer­tigt ist, dass bei der Ent­las­sung jünge­rer Ar­beit­neh­mer nur ei­ne Grundkündi­gungs­frist ein­zu­hal­ten ist, um zum ei­nen den Ar­beit­ge­bern per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität, die mit länge­ren Kündi­gungs­fris­ten nicht möglich sein soll, zu­zu­ge­ste­hen, und zum an­de­ren, weil jünge­ren Ar­beit­neh­mern ei­ne höhe­re persönli­che und be­ruf­li­che Mo­bi­lität als ältern Ar­beit­neh­mern zu­zu­mu­ten sein soll.
19. Um die­se Fra­ge be­ant­wor­ten zu können, ist vor­ab, wie auch das vor­le­gen­de Ge­richt an­regt, fest­zu­stel­len, ob sie an­hand des Primärrechts der Uni­on oder an­hand der Richt­li­nie 2000/78 zu prüfen ist.
20. In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Rat der Eu­ropäischen Uni­on - gestützt auf Art. 13 EG - die Richt­li­nie 2000/78 er­las­sen hat, die, wie der Ge­richts­hof ent­schie­den hat, selbst nicht den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nie­der­legt, son­dern le­dig­lich ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung in die­sen Be­rei­chen, u. a. we­gen des Al­ters, schaf­fen soll (vgl. Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 74).
12. Der Ge­richts­hof hat in die­sem Zu­sam­men­hang an­er­kannt, dass ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters be­steht, das als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts an­zu­se­hen ist (vgl. Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 75). Die Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert die­sen Grund­satz (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 8. April 1976, De­fren­ne, 43/75, Slg. 1976, 455, Rand­nr. 54).
22. Zu­dem ist auf Art. 6 Abs. 1 EUV hin­zu­wei­sen, wo­nach die Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on und die Verträge recht­lich gleich­ran­gig sind. Nach Art. 21 Abs. 1 die­ser Char­ta sind „Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re we­gen … des Al­ters“ ver­bo­ten.
23. Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters gilt in ei­nem Fall wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens aber nur dann, wenn die­ser in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.
24. An­ders als in der Rechts­sa­che, in der das Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Bartsch (C-427/06, Slg. 2008, I-7245), er­gan­gen ist, ist es zu dem auf der frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung be­ru­hen­den, ver­meint­lich dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­ten im Aus­gangs­ver­fah­ren nach Ab­lauf der dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat ge­setz­ten Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78, die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 2. De­zem­ber 2006 en­de­te, ge­kom­men.
25. Zu die­sem Zeit­punkt hat die­se Richt­li­nie be­wirkt, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung, die ei­nen von der Richt­li­nie ge­re­gel­ten Be­reich er­fasst, nämlich die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen, in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.
26. Ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung wie § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB berührt nämlich da­durch, dass sie be­stimmt, dass die vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs zurück­ge­leg­ten Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist un­berück­sich­tigt blei­ben, die Be­din­gun­gen der Ent­las­sung von Ar­beit­neh­mern. Mit ei­ner der­ar­ti­gen Re­ge­lung wer­den dem­nach Be­stim­mun­gen über Ent­las­sungs­be­din­gun­gen auf­ge­stellt.
27. Dar­aus folgt, dass die Fra­ge, ob das Uni­ons­recht ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, auf der Grund­la­ge des je­de Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ver­bie­ten­den all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Uni­ons­rechts, wie er in der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert ist, zu prüfen ist.
28. Was zwei­tens die Fra­ge be­trifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters enthält, so be­deu­tet nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 „Gleich­be­hand­lungs­grund­satz“ im Sin­ne die­ser Richt­li­nie, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe ge­ben darf. Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie stellt klar, dass ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Abs. 1 vor­liegt, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde (vgl. Ur­tei­le vom 16. Ok­to­ber 2007, Pa­la­ci­os de la Vil­la, C-411/05, Slg. 2007, I-8531, Rand­nr. 50, und vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land, C-388/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 33).
29.

Im vor­lie­gen­den Fall sieht § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung für Ar­beit­neh­mer vor, die ih­re Beschäfti­gung bei dem Ar­beit­ge­ber vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs auf­ge­nom­men ha­ben. Die­se na­tio­na­le Re­ge­lung be­han­delt so­mit Per­so­nen, die die glei­che Be­triebs­zu­gehörig­keits­dau­er auf­wei­sen, un­ter­schied­lich, je nach­dem, in wel­chem Al­ter sie in den Be­trieb ein­ge­tre­ten sind.

30. Bei zwei Ar­beit­neh­mern, die bei­de 20 Jah­re Be­triebs­zu­gehörig­keit auf­wei­sen, gilt für den ei­nen, der mit 18 Jah­ren in den Be­trieb ein­ge­tre­ten ist, ei­ne Kündi­gungs­frist von fünf Mo­na­ten, während für den an­de­ren, der mit 25 Jah­ren ein­ge­tre­ten ist, ei­ne Frist von sie­ben Mo­na­ten gilt. Darüber hin­aus be­nach­tei­ligt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 36 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ge­ne­rell jun­ge Ar­beit­neh­mer ge­genüber älte­ren Ar­beit­neh­mern, da Ers­te­re, wie der Fall der Kläge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, trotz ei­ner mehrjähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit von der Vergüns­ti­gung der stu­fen­wei­sen Verlänge­rung der Kündi­gungs­fris­ten ent­spre­chend der zu­neh­men­den Beschäfti­gungs­dau­er aus­ge­schlos­sen wer­den können, während sie älte­ren Ar­beit­neh­mern mit ver­gleich­ba­rer Beschäfti­gungs­dau­er zu­gu­te­kommt.
31. Die frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung enthält folg­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung, die auf dem Kri­te­ri­um des Al­ters be­ruht.
32. Drit­tens ist zu prüfen, ob die­se Un­gleich­be­hand­lung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len kann, die durch das mit der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­sier­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters un­ter­sagt ist.
33. Nach Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
34. Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts und den Erläute­run­gen der deut­schen Re­gie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung geht § 622 BGB auf ein Ge­setz von 1926 zurück. Die Fest­le­gung der Schwel­le von 25 Jah­ren in die­sem Ge­setz sei das Er­geb­nis ei­nes Kom­pro­mis­ses zwi­schen der da­ma­li­gen Re­gie­rung, die ei­ne ein­heit­li­che Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist für Ar­beit­neh­mer über 40 Jah­ren um drei Mo­na­te gewünscht ha­be, den Befürwor­tern ei­ner stu­fen­wei­sen Verlänge­rung die­ser Frist für al­le Ar­beit­neh­mer und den Befürwor­tern ei­ner stu­fen­wei­sen Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist oh­ne Berück­sich­ti­gung der Beschäfti­gungs­dau­er; Ziel die­ser Re­gel sei es, die Ar­beit­ge­ber von den Be­las­tun­gen durch die länge­ren Kündi­gungs­fris­ten teil­wei­se frei­zu­stel­len, nämlich bei Ar­beit­neh­mern un­ter 25 Jah­ren.
35. Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge spie­gelt § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB die Einschätzung des Ge­setz­ge­bers wi­der, dass es jünge­ren Ar­beit­neh­mern re­gelmäßig leich­ter fal­le und schnel­ler ge­lin­ge, auf den Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes zu re­agie­ren, und dass ih­nen größere Fle­xi­bi­lität zu­ge­mu­tet wer­den könne. Sch­ließlich er­leich­ter­ten kürze­re Kündi­gungs­fris­ten für jünge­re Ar­beit­neh­mer de­ren Ein­stel­lung, in­dem sie die per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität erhöhten.
36. Zie­le wie die von der deut­schen Re­gie­rung und dem vor­le­gen­den Ge­richt ge­nann­ten gehören zur Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78.
37. Nach die­ser Be­stim­mung ist aber wei­ter zu prüfen, ob die zur Er­rei­chung ei­nes sol­chen le­gi­ti­men Ziels ein­ge­setz­ten Mit­tel „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
38. In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maßnah­men zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik verfügen (vgl. Ur­tei­le Man­gold, Rand­nr. 63, und Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 68).
39. Das vor­le­gen­de Ge­richt führt aus, dass das Ziel der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung dar­in be­ste­he, dem Ar­beit­ge­ber ei­ne größere per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität zu ver­schaf­fen, in­dem sei­ne Be­las­tung im Zu­sam­men­hang mit der Ent­las­sung jünge­rer Ar­beit­neh­mer ver­rin­gert wer­de, de­nen ei­ne größere be­ruf­li­che und persönli­che Mo­bi­lität zu­ge­mu­tet wer­den könne.
40. Die­se Re­ge­lung ist je­doch kei­ne im Hin­blick auf die Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­se­ne Maßnah­me, weil sie für al­le Ar­beit­neh­mer, die vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs in den Be­trieb ein­ge­tre­ten sind, un­abhängig da­von gilt, wie alt sie zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung sind.
41. Was das vom Ge­setz­ge­ber mit dem Er­lass der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung ver­folg­te und von der deut­schen Re­gie­rung an­geführ­te Ziel be­trifft, den Schutz der Ar­beit­neh­mer ent­spre­chend der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit zu verstärken, so verzögert sich die Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist ent­spre­chend der Beschäfti­gungs­dau­er des Ar­beit­neh­mers nach die­ser Re­ge­lung für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs in den Be­trieb ein­ge­tre­ten ist, selbst wenn der Be­trof­fe­ne bei sei­ner Ent­las­sung ei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit auf­weist. Die­se Re­ge­lung kann da­her nicht als zur Er­rei­chung des be­haup­te­ten Ziels ge­eig­net an­ge­se­hen wer­den.
42. Fer­ner berührt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung, wie das vor­le­gen­de Ge­richt ausführt, jun­ge Ar­beit­neh­mer un­gleich, weil sie die­je­ni­gen jun­gen Men­schen trifft, die oh­ne oder nach nur kur­zer Be­rufs­aus­bil­dung früh ei­ne Ar­beitstätig­keit auf­neh­men, nicht aber die, die nach lan­ger Aus­bil­dung später in den Be­ruf ein­tre­ten.
43. Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78, da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es ei­ner Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

Zur zwei­ten Fra­ge

44. Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob es in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten, um ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die es für mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar hält, un­an­ge­wen­det las­sen zu können, zu­vor zur Si­cher­stel­lung des Schut­zes des be­rech­tig­ten Ver­trau­ens der Nor­mun­ter­wor­fe­nen den Ge­richts­hof nach Art. 267 AEUV an­ru­fen muss, um durch ihn die Un­ver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestäti­gen zu las­sen.
45. Was ers­tens die Rol­le des na­tio­na­len Ge­richts be­trifft, das über ei­nen Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten zu ent­schei­den hat, in dem sich zeigt, dass die frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung ge­gen das Uni­ons­recht verstößt, hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass es den na­tio­na­len Ge­rich­ten ob­liegt, den Rechts­schutz si­cher­zu­stel­len, der sich für den Ein­zel­nen aus den uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen er­gibt, und de­ren vol­le Wir­kung zu gewähr­leis­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 5. Ok­to­ber 2004, Pfeif­fer u. a., C-397/01 bis C-403/01, Slg. 2004, I-8835, Rand­nr. 111, und vom 15. April 2008, Im­pact, C-268/06, Slg. 2008, I-2483, Rand­nr. 42).
46. Zu Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten hat der Ge­richts­hof in ständi­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass ei­ne Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Ein­zel­nen be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le vom 26. Fe­bru­ar 1986, Mar­shall, 152/84, Slg. 1986, 723, Rand­nr. 48, vom 14. Ju­li 1994, Fac­ci­ni Do­ri, C-91/92, Slg. 1994, I-3325, Rand­nr. 20, so­wie Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 108).
47. Je­doch ob­lie­gen die sich aus ei­ner Richt­li­nie er­ge­ben­de Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, das in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Ziel zu er­rei­chen, und de­ren Pflicht, al­le zur Erfüllung die­ser Ver­pflich­tung ge­eig­ne­ten Maßnah­men all­ge­mei­ner oder be­son­de­rer Art zu tref­fen, al­len Trägern öffent­li­cher Ge­walt der Mit­glied­staa­ten und da­mit im Rah­men ih­rer Zuständig­kei­ten auch den Ge­rich­ten (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le vom 10. April 1984, von Col­son und Ka­mann, 14/83, Slg. 1984, 1891, Rand­nr. 26, vom 13. No­vem­ber 1990, Mar­lea­sing, C-106/89, Slg. 1990, I-4135, Rand­nr. 8, Fac­ci­ni Do­ri, Rand­nr. 26, vom 18. De­zem­ber 1997, In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, C-129/96, Slg. 1997, I-7411, Rand­nr. 40, Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 110, so­wie vom 23. April 2009, An­gel­i­da­ki u. a., C-378/07 bis C-380/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 106).
48. Folg­lich muss ein na­tio­na­les Ge­richt, das bei der An­wen­dung des na­tio­na­len Rechts die­ses Recht aus­zu­le­gen hat, sei­ne Aus­le­gung so weit wie möglich am Wort­laut und Zweck die­ser Richt­li­nie aus­rich­ten, um das in ihr fest­ge­leg­te Er­geb­nis zu er­rei­chen und so Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le von Col­son und Ka­mann, Rand­nr. 26; Mar­lea­sing, Rand­nr. 8, Fac­ci­ni Do­ri, Rand­nr. 26, und Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 113). Das Ge­bot ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts ist dem Sys­tem des Ver­trags im­ma­nent, da dem na­tio­na­len Ge­richt da­durch ermöglicht wird, im Rah­men sei­ner Zuständig­keit die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts si­cher­zu­stel­len, wenn es über den bei ihm anhängi­gen Rechts­streit ent­schei­det (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 114).
49. Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge ist § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB je­doch we­gen sei­ner Klar­heit und Ein­deu­tig­keit ei­ner der Richt­li­nie 2000/78 kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich.
50.

In­so­weit ist zum ei­nen zu be­ach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, wie in Rand­nr. 20 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, in der Richt­li­nie 2000/78 nicht ver­an­kert ist, son­dern dort nur kon­kre­ti­siert wird, und zum an­de­ren, dass das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts ist, da er ei­ne spe­zi­fi­sche An­wen­dung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nrn. 74 bis 76). 

51. Es ob­liegt da­her dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 anhängig ist, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht er­gibt, si­cher­zu­stel­len und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de die­sem Ver­bot ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 77).
52. Was zwei­tens die Fra­ge der Ver­pflich­tung des na­tio­na­len Ge­richts an­geht, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu er­su­chen, be­vor es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift, die es für uni­ons­rechts­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det las­sen kann, so er­gibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass die­ser As­pekt der Fra­ge dar­in be­gründet liegt, dass das vor­le­gen­de Ge­richt nach na­tio­na­lem Recht ei­ne gel­ten­de Be­stim­mung die­ses Rechts nur dann un­an­ge­wen­det las­sen darf, wenn die­se Be­stim­mung zu­vor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wur­de.
53. Die Not­wen­dig­keit, die vol­le Wirk­sam­keit des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, be­deu­tet, dass das na­tio­na­le Ge­richt ei­ne in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len­de na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für mit die­sem Ver­bot un­ver­ein­bar hält und die ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich ist, un­an­ge­wen­det las­sen muss, oh­ne dass es ver­pflich­tet oder ge­hin­dert wäre, zu­vor den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu er­su­chen.
54. Die dem na­tio­na­len Ge­richt mit Art. 267 Abs. 2 AEUV ein­geräum­te Möglich­keit, den Ge­richts­hof im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung zu er­su­chen, be­vor es die uni­ons­rechts­wid­ri­ge na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det lässt, kann sich je­doch nicht des­halb in ei­ne Ver­pflich­tung ver­keh­ren, weil das na­tio­na­le Recht es die­sem Ge­richt nicht er­laubt, ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det zu las­sen, wenn sie nicht zu­vor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den ist. Denn nach dem Grund­satz des Vor­rangs des Uni­ons­rechts, der auch dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu­kommt, ist ei­ne uni­ons­rechts­wid­ri­ge na­tio­na­le Re­ge­lung, die in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, un­an­ge­wen­det zu las­sen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 77).
55. Dar­aus folgt, dass das na­tio­na­le Ge­richt in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht ver­pflich­tet, aber be­rech­tigt ist, den Ge­richts­hof um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu er­su­chen, be­vor es ei­ne Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts, die es für mit die­sem Ver­bot un­ver­ein­bar hält, un­an­ge­wen­det lässt. Der fa­kul­ta­ti­ve Cha­rak­ter die­ser An­ru­fung des Ge­richts­hofs ist un­abhängig da­von, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen das na­tio­na­le Ge­richt nach in­ner­staat­li­chem Recht ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det las­sen kann.
56. Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass es dem na­tio­na­len Ge­richt ob­liegt, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Be­ach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, in­dem es er­for­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts un­an­ge­wen­det lässt, un­abhängig da­von, ob es von sei­ner Be­fug­nis Ge­brauch macht, in den Fällen des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Ge­richts­hof um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu er­su­chen.

Kos­ten

57.

Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, ist da­hin aus­zu­le­gen, dass es ei­ner Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

2. Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Be­ach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 si­cher­zu­stel­len, in­dem es er­for­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts un­an­ge­wen­det lässt, un­abhängig da­von, ob es von sei­ner Be­fug­nis Ge­brauch macht, in den Fällen des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu er­su­chen.

Un­ter­schrif­ten 

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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