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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/064

Be­triebs­rat muss über Ar­beits­un­fäl­le von Fremd­per­so­nal in­for­miert wer­den

Be­triebs­rä­te kön­nen vom Ar­beit­ge­ber Aus­kunft über Ar­beits­un­fäl­le ver­lan­gen, die Mit­ar­bei­ter von Fremd­fir­men im Be­trieb er­lei­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 12.03.2019, 1 ABR 48/17
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13.03.2019. Die Re­form des Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­ge­set­zes (AÜG) 2017 hat un­ter an­de­rem die Aus­kunfts­rech­te des Be­triebs­rats beim Ein­satz von Fremd­per­so­nal ge­stärkt.

Seit April 2017 ist näm­lich ge­setz­lich klar­ge­stellt, dass Be­triebs­rä­te auch den kon­kre­ten Ein­satz­ort und die Ar­beits­auf­ga­ben von Leih­ar­beit­neh­mern und Fremd­fir­men­mit­ar­bei­tern er­fah­ren kön­nen (§ 80 Abs.2 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG).

In ei­ner ges­tern er­gan­ge­nen Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass Be­triebs­rä­te auch Aus­kunft über Ar­beits­un­fäl­le von Fremd­fir­men-Mit­ar­bei­tern ver­lan­gen kön­nen: BAG, Be­schluss vom 12.03.2019, 1 ABR 48/17 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Aus­kunfts­recht des Be­triebs­rats über Ar­beits­unfälle von Fremd­fir­men­kräften - pro und con­tra

Gemäß § 89 Abs.2 Satz 1 Be­trVG ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, den Be­triebs­rat bei al­len im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­schutz oder der Un­fall­verhütung ste­hen­den Fra­gen hin­zu­zu­zie­hen. Außer­dem schreibt § 80 Abs.2 Satz 1 Be­trVG vor, dass der Be­triebs­rat „zur Durchführung sei­ner Auf­ga­ben nach die­sem Ge­setz (…) recht­zei­tig und um­fas­send vom Ar­beit­ge­ber zu un­ter­rich­ten“ ist. Und schließlich er­streckt sich die­se Un­ter­rich­tung auch auf Leih­ar­beit­neh­mer und Fremd­fir­men­kräfte, d.h.

„auf die Beschäfti­gung von Per­so­nen, die nicht in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zum Ar­beit­ge­ber ste­hen, und um­fasst ins­be­son­de­re den zeit­li­chen Um­fang des Ein­sat­zes, den Ein­satz­ort und die Ar­beits­auf­ga­ben die­ser Per­so­nen.“ (§ 80 Abs.2 Satz 1 Be­trVG)

Die­se Re­ge­lun­gen spre­chen auf den ers­ten Blick dafür, dass Ar­beit­ge­ber Be­triebsräte auch über Ar­beits­unfälle von Ar­beit­neh­mern in­for­mie­ren müssen, die im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers als Fremd­fir­men­kräfte ein­ge­setzt wer­den.

Fremd­fir­men­mit­ar­bei­ter un­ter­ste­hen al­ler­dings, an­ders als Leih­ar­beit­neh­mer, nicht dem Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers bzw. Auf­trag­ge­bers. Viel­mehr ar­bei­ten sie un­ter der Re­gie der Fremd­fir­ma bzw. des Su­b­un­ter­neh­mens (wenn auch im Be­trieb des Auf­trag­ge­bers und un­ter Ver­wen­dung sei­ner Be­triebs­mit­tel).

Das Wei­sungs­recht der Fremd­fir­ma spricht ge­gen ein In­for­ma­ti­ons­recht des Be­triebs­rats bei Ar­beits­unfällen von Fremd­fir­men-Mit­ar­bei­tern. Denn da sie al­lein die Wei­sun­gen „ih­res“ Ar­beit­ge­bers be­fol­gen müssen, der Fremd­fir­ma, ist in ers­ter Li­nie ein­mal die­se für die Ar­beits­si­cher­heit zuständig.

Dem­ent­spre­chend ist auch al­lein die Fremd­fir­ma da­zu ver­pflich­tet, Ar­beits­unfälle ih­rer Mit­ar­bei­ter bei der Un­fall­ver­si­che­rung an­zu­zei­gen (§ 193 Sieb­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch - SGB VII). Wenn es da­her in § 193 Abs.5 Satz 1 SGB VII heißt, dass die An­zei­ge des Ar­beits­un­falls bei der Un­fall­ver­si­che­rung vom Be­triebs­rat mit zu un­ter­zeich­nen ist, so ist da­mit nicht der Be­triebs­rat des Un­ter­neh­mens ge­meint, das die Fremd­fir­ma be­auf­tragt hat, son­dern der Be­triebs­rat der Fremd­fir­ma.

Im Streit: Mehr­fa­che Ar­beits­unfälle an ei­ner gefähr­li­chen La­de­ram­pe

Der Ar­beit­ge­ber, ein großes Lo­gis­tik­un­ter­neh­men, er­bringt deutsch­land­weit Zu­stell­diens­te und setzt da­zu ne­ben et­wa 1.300 ei­ge­nen Ar­beit­neh­mern et­wa 2.500 Mit­ar­bei­ter von Su­b­un­ter­neh­men bzw. Werk­ver­trags­neh­mern ein.

Im Ja­nu­ar und im Fe­bru­ar 2016 ver­letz­ten sich zwei Fremd­fir­men­mit­ar­bei­ter beim Ver­la­den von Pa­let­ten mit Fracht­gut, das aus dem La­ger über ei­ne Ram­pe mit Hand­hub­wa­gen in die Trans­port­fahr­zeu­ge zu brin­gen ist. Da­bei wer­den die Hand­hub­wa­gen über sog. Über­la­de­ble­che von der Ram­pe in die Trans­port­fahr­zeu­ge hin­ein­ge­fah­ren. Bei bei­den Unfällen wa­ren die Über­la­de­ble­che ver­rutscht, so dass ein Spalt zwi­schen Trans­por­ter und Ram­pe ent­stand, in den die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer mit ih­rem Bein hin­ein­rutsch­ten und sich da­bei ver­letz­ten.

Dar­auf­hin ver­lang­te der Be­triebs­rat von dem Lo­gis­tik­un­ter­neh­men die Vor­la­ge von Ko­pi­en der Un­fal­l­an­zei­gen, was das Un­ter­neh­men mit der Be­gründung ver­wei­ger­te, dass es kei­ne Un­fal­l­an­zei­gen er­stellt ha­be und auch nicht in Be­sitz der An­zei­gen sei, die das Su­b­un­ter­neh­men er­stellt hätte. Außer­dem bat der Be­triebs­rat dar­um, ihm sol­che Un­fal­l­an­zei­gen je­weils zur Ge­gen­zeich­nung vor­zu­le­gen und ihm Ko­pie aus­zuhändi­gen, was das Lo­gis­tik­un­ter­neh­men aus den­sel­ben Gründen ab­lehn­te. Sch­ließlich woll­te der Be­triebs­rat künf­tig über Ar­beits­unfälle des Fremd­per­so­nals in­for­miert wer­den.

Das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart wies die Anträge des Be­triebs­rats zurück (Be­schluss vom 06.12.2016, 7 BV 206/16), und auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg gab dem Ar­beit­ge­ber Recht (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Be­schluss vom 19.07.2017, 21 TaBV 15/16). Im­mer­hin ließ das LAG die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu.

BAG: Be­triebsräte können vom Ar­beit­ge­ber Aus­kunft über Ar­beits­unfälle ver­lan­gen, die Mit­ar­bei­ter von Fremd­fir­men im Be­trieb er­lei­den

In Er­furt vor dem BAG konn­te der Be­triebs­rat zu­min­dest ei­nen Teil­er­folg er­zie­len. Denn das BAG ent­schied, dass der Be­triebs­rat zwar kei­ne Vor­la­ge der Un­fal­l­an­zei­gen ver­lan­gen konn­te, aber im­mer­hin Aus­kunft über die Ar­beits­unfälle der Fremd­fir­men­kräfte.

Zur Be­gründung ver­weist die der­zeit al­lein vor­lie­gen­de BAG-Pres­se­mel­dung auf § 89 Abs.2 Be­trVG. Da­nach müssen Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat bei al­len im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­schutz und der Un­fall­verhütung ste­hen­den Fra­gen hin­zu­zie­hen. Da­mit kor­re­spon­diert ein Aus­kunfts­an­spruch des Be­triebs­rats, so das BAG.

Im Streit­fall um­fass­te die­ser Aus­kunfts­an­spruch nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter auch Unfälle, die Ar­beit­neh­mer er­lei­den, die we­der beim Ar­beit­ge­ber an­ge­stellt noch des­sen Leih­ar­beit­neh­mer sind.

Denn aus Ar­beits­unfällen des Fremd­per­so­nals können ar­beits­schutz­re­le­van­te Er­kennt­nis­se für die be­triebs­zu­gehöri­gen Ar­beit­neh­mer ge­won­nen wer­den, und für die­se Ar­beit­neh­mer ist der Be­triebs­rat des Auf­trag­ge­bers ja zuständig.

Fa­zit: Be­triebsräte können ver­lan­gen, dass der Ar­beit­ge­ber sie über Ar­beits­unfälle in­for­miert, die Mit­ar­bei­ter ei­nes Su­b­un­ter­neh­mens im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers er­lei­den.

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Letzte Überarbeitung: 31. März 2019

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