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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/128

Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge und Leih­ar­beit­neh­mer

Bei den Schwel­len­wer­ten des § 17 Abs.1 KSchG, die ei­ne Mas­sen­ent­las­sung de­fi­nie­ren, zäh­len Leih­ar­beit­neh­mer nicht mit: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 08.09.2016, 11 Sa 705/15
Stellenabbau, Entlassungen, Entlassungswelle

09.05.2017. Be­ab­sich­tigt der Ar­beit­ge­ber, ei­ne grö­ße­re An­zahl von Ar­beit­neh­mern in­ner­halb von 30 Ta­gen zu ent­las­sen, könn­te es sich um ei­ne Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne von § 17 Abs.1 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) han­deln.

Dann ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, der Ar­beits­agen­tur die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen vor­ab an­zu­zei­gen (Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge).

Ab wann ei­ne Mas­sen­ent­las­sung vor­liegt, ist zah­len­mä­ßig in § 17 Abs.1 KSchG de­fi­niert und hängt von der Be­triebs­grö­ße ab. Je grö­ßer der Be­trieb, des­to mehr Ent­las­sun­gen sind für ei­ne „Mas­sen­ent­las­sung“ er­for­der­lich.

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf die Mei­nung ver­tre­ten, dass Leih­ar­beit­neh­mer bei der Fest­stel­lung der Ar­beit­neh­mer­zahl bzw. Be­triebs­grö­ße nicht mit­zäh­len: LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 08.09.2016, 11 Sa 705/15.

Gehören Leih­ar­beit­neh­mer zu den „Ar­beit­neh­mern“ des Ent­lei­her-Be­triebs, wenn dort Mas­sen­ent­las­sun­gen im Sin­ne von § 17 Abs.1 KSchG be­vor­ste­hen?

Leih­ar­beit­neh­mer gehören gemäß § 14 Abs.1 Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz (AÜG) dem Be­trieb ih­res Ar­beit­ge­bers an, d.h. der Leih­ar­beits­fir­ma, und zwar auch während der Zeit ih­rer Über­las­sung an ei­nen Ent­lei­her. Trotz die­ser all­ge­mei­nen Zu­ord­nung zum Be­trieb der Leih­ar­beits­fir­ma sind Leih­ar­beit­neh­mer fak­tisch auch in den Be­trieb des Ent­lei­hers ein­ge­glie­dert, denn dort müssen sie nach den Wei­sun­gen des Ent­lei­hers ar­bei­ten. Da­her können sie dort zwar nicht in den Be­triebs­rat gewählt wer­den (§ 14 Abs.2 Satz 1 AÜG), sind aber wahl­be­rech­tigt d.h. ih­re Stim­me zählt bei der Be­triebs­rats­wahl im Ent­lei­her-Be­trieb (§ 7 Satz 2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG), vor­aus­ge­setzt, sie sind länger als drei Mo­na­te im Ent­lei­her-Be­trieb tätig.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im­mer wie­der ent­schie­den, dass Leih­ar­beit­neh­mer bei be­stimm­ten ar­beits­recht­li­chen Schwel­len­wer­ten im Ent­lei­her-Be­trieb mitzählen. Das ist z.B. der Fall

Bis­lang nicht klar ent­schie­den ist die Fra­ge, ob Leih­ar­beit­neh­mer auch dann zu den Ar­beit­neh­mern des Ent­lei­her-Be­triebs zu zählen sind, wenn dort ei­ne größere Ent­las­sungs­wel­le an­steht, die je nach Be­triebs­größe ei­ne an­zei­ge­pflich­ti­ge Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne von § 17 Abs.1 KSchG ist. Hier hat auch die zum 01.04.2017 in Kraft ge­tre­te­ne Re­form des AÜG (Ge­setz zur Ände­rung des AÜG und an­de­rer Ge­set­ze, vom 21.02.2017, BGBl. I S.258) kei­ne Klar­heit ge­bracht, denn die in § 14 Abs.2 AÜG ein­gefügten Ände­run­gen be­tref­fen nicht das KSchG.

Im Streit: Kündi­gung von zwölf Ar­beit­neh­mern in­ner­halb von 30 Ka­len­der­ta­gen bei ei­ner durch­schnitt­li­chen Be­triebs­größe von 120 ei­ge­nen Ar­beit­neh­mern und drei Leih­ar­beit­neh­mern

Im Streit­fall hat­te ein Be­trieb mit 120 ei­ge­nen Ar­beit­neh­mern En­de 2014 in­ner­halb von 30 Ka­len­der­ta­gen min­des­tens zwölf Ar­beit­neh­mer ent­las­sen, oh­ne zu­vor der Ar­beits­agen­tur ei­ne be­vor­ste­hen­de Mas­sen­ent­las­sung an­zu­zei­gen. Das ist ein Ver­s­toß ge­gen § 17 Abs.1 Nr.2 KSchG, denn bei der Be­triebs­größe zwi­schen 61 und 499 Ar­beit­neh­mern genügt die be­vor­ste­hen­de Ent­las­sung von zehn Pro­zent der Be­leg­schaft für ei­ne an­zei­ge­pflich­ti­ge Mas­sen­ent­las­sung, und zwölf Ar­beit­neh­mer von 120 Ar­beit­neh­mern sind ex­akt zehn Pro­zent der Be­leg­schaft.

Der Fall wäre dem­zu­fol­ge glas­klar, hätte der Ar­beit­ge­ber nicht zusätz­lich zu den 120 ei­ge­nen Ar­beit­neh­mern ei­ni­ge Leih­ar­beit­neh­mer beschäftigt, nämlich et­wa drei. Er be­rief sich dem­zu­fol­ge dar­auf, dass die maßgeb­li­che Be­triebs­größe hier 123 Ar­beit­neh­mer be­trug, so dass die strei­ti­gen zwölf Ent­las­sun­gen knapp un­ter­halb der Schwel­le der an­zei­ge­pflich­ti­gen Mas­sen­ent­las­sung blie­ben.

Ei­ne der gekündig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und be­rief sich vor Ge­richt un­ter an­de­rem dar­auf, dass die Kündi­gung we­gen Ver­s­toß ge­gen § 17 Abs.1 Nr.2 KSchG un­wirk­sam sei, denn ei­ne Miss­ach­tung der An­zei­ge­pflicht führt als Ge­set­zes­ver­s­toß gemäß § 134 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung. Mit die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on hat­te sie in der ers­ten In­stanz kein Glück, denn das Ar­beits­ge­richt wies ih­re Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab (Ar­beits­ge­richt Es­sen, Ur­teil vom 11.06.2015, 1 Ca 3390/14).

LAG Düssel­dorf: Bei den Schwel­len­wer­ten des § 17 Abs.1 KSchG, die ei­ne Mas­sen­ent­las­sung de­fi­nie­ren, zählen Leih­ar­beit­neh­mer nicht mit

Das LAG ent­schied an­ders­her­um und gab der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt. Aus sei­ner Sicht lag hier ei­ne an­zei­ge­pflich­ti­ge Mas­sen­ent­las­sung vor, denn die Leih­ar­beit­neh­mer, auf die der Ar­beit­ge­ber sich be­ru­fen hat­te, zähl­ten aus Sicht des LAG bei der Be­triebs­größe im Sin­ne von § 17 Abs.1 Nr.2 KSchG nicht mit.

Zur Be­gründung be­ruft sich das LAG auf den Zweck der An­zei­ge­pflicht bei Mas­sen­ent­las­sun­gen. Hier geht es ers­tens dar­um, die Ar­beits­ver­wal­tung möglichst früh über ei­nen be­vor­ste­hen­den An­stieg der ört­li­chen Ar­beits­lo­sig­keit zu in­for­mie­ren, zwei­tens sol­len die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer kündi­gungs­schutz­recht­lich bes­ser ab­ge­si­chert sein, und drit­tens sol­len auch die Be­triebsräte durch das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren (§ 17 Abs.2 KSchG) bes­ser in der La­ge sein, ih­re Mit­wir­kungs­rech­te wahr­zu­neh­men.

Al­le die­se drei Zwe­cke sind nach An­sicht des LAG un­abhängig da­von, ob im Be­trieb Leih­ar­beit­neh­mer ein­ge­setzt wer­den oder nicht.

Denn ers­tens führt ei­ne größere Kündi­gungs­wel­le im Ent­lei­her-Be­trieb nicht zur Ent­las­sung der dort ein­ge­setz­ten Leih­ar­beit­neh­mer, denn die­se sind ja gar nicht Ar­beit­neh­mer des Ent­lei­hers, son­dern der Zeit­ar­beits­fir­ma. Wer­den sie im Ent­lei­her-Be­trieb nicht mehr benötigt, heißt das noch nicht, dass sie auch von ih­rem Ver­trags­ar­beit­ge­ber (der Zeit­ar­beits­fir­ma) gekündigt wer­den.

Zwei­tens geht ei­ne größere Kündi­gungs­wel­le im Ent­lei­her-Be­trieb an den dort ein­ge­setz­ten Leih­ar­beit­neh­mern vor­bei, so dass auch die (durch § 17 Abs.1 KSchG be­zweck­te) Ver­bes­se­rung des Kündi­gungs­schut­zes der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer kein Grund dafür ist, Leih­ar­beit­neh­mer bei den Schwel­len­wer­ten die­ser Vor­schrift mit­zuzählen.

Und drit­tens ist auch den Be­triebs­rat des Ent­lei­her-Be­triebs nicht ge­hol­fen, wenn Leih­ar­beit­neh­mer bei der Er­mitt­lung an­zei­ge­pflich­ti­ger Mas­sen­ent­las­sun­gen mitzählen, da sie ja ih­re An­stel­lung bei der Zeit­ar­beits­fir­ma be­hal­ten. Ih­re Ein­be­zie­hung in Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich und ei­nen So­zi­al­plan ist da­her nicht er­for­der­lich.

Fa­zit: Ob ei­ne an­zei­ge­pflich­ti­ge Mas­sen­ent­las­sung vor­liegt oder nicht, be­ur­teilt sich auf der Grund­la­ge der im Be­trieb beschäftig­ten Stamm­ar­beit­neh­mer, d.h. Leih­ar­beit­neh­mer zählen hier nicht mit. So je­den­falls das LAG Düssel­dorf, das die Re­vi­si­on zum BAG zu­ge­las­sen hat. Da der Ar­beit­ge­ber die­ses Rechts­mit­tel ein­ge­legt hat, wird demnächst das BAG über die­se Fra­ge ent­schei­den müssen (Ak­ten­zei­chen des BAG: 2 AZR 90/17).


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Letzte Überarbeitung: 5. August 2017

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