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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/043

So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen und Nach­teils­aus­gleich kön­nen ver­rech­net wer­den

Mit der Zah­lung ei­nes Nach­teils­aus­gleichs er­füllt der Ar­beit­ge­ber auch Ab­fin­dungs­an­sprü­che, die sich aus ei­nem So­zi­al­plan er­ge­ben: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 12.02.2019, 1 AZR 279/17
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16.02.2019. Ge­mäß § 17 Abs.2 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) muss der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat über ei­ne ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung vor­ab in­for­mie­ren (§ 17 Abs.2 Satz 1 KSchG).

Und er muss mit dem Be­triebs­rat be­ra­ten, ob die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen ver­mie­den oder ein­ge­schränkt wer­den kön­nen und wel­che Mög­lich­kei­ten es gibt, ih­re Fol­gen zu mil­dern (§ 17 Abs.2 Satz 2 KSchG).

Die­se sog. Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht ge­mäß § 17 Abs.2 Satz 2 KSchG ent­spricht in­halt­lich der Pflicht des Ar­beit­ge­bers, vor Be­trieb­s­än­de­run­gen ge­mäß § 111 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) mit dem Be­triebs­rat über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich zu ver­han­deln. Trotz­dem be­ste­hen Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht und Pflicht zu In­ter­es­sen­aus­gleichs-Ver­hand­lun­gen recht­lich ne­ben­ein­an­der, d.h. es han­delt sich um ver­schie­de­ne Pflich­ten.

Das zeigt sich dar­an, dass Pflicht­ver­stö­ße ver­schie­de­ne Rechts­fol­gen ha­ben. Spricht der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Mas­sen­ent­las­sung oh­ne vor­he­ri­ge Kon­sul­ta­ti­on des Be­triebs­rats be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus, sind die­se nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) un­wirk­sam (BAG, Ur­teil vom 21.03.2013, 2 AZR 60/12).

Dem­ge­gen­über führt das Un­ter­las­sen von Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich (nur) da­zu, dass die Ar­beit­neh­mer ei­nen ge­setz­li­chen An­spruch auf Aus­gleich ih­rer Nach­tei­le ha­ben, die sie in­fol­ge der Ent­las­sun­gen er­lei­den (sog. Nach­teils­aus­gleich, § 113 Be­trVG).

Frag­lich ist, ob So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen mit Ab­fin­dun­gen ver­rech­net wer­den kön­nen, die die Ar­beit­neh­mer als Nach­teils­aus­gleich ge­mäß § 113 Be­trVG ver­lan­gen kön­nen, weil der Ar­beit­ge­ber sie vor­ei­lig, d.h. oh­ne ei­nen vor­he­ri­gen Ver­such des In­ter­es­sen­aus­gleichs (und un­ter Ver­let­zung der Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht) ent­las­sen hat.

Ja, so das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg, denn bei­de Zah­lun­gen sol­len die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Ent­las­sung mil­dern und die­nen da­her dem­sel­ben Zweck. Au­ßer­dem sind Mas­sen­kün­di­gun­gen oh­ne vor­he­ri­ge Kon­sul­ta­ti­on wie oben er­wähnt laut BAG un­wirk­sam (BAG, Ur­teil vom 21.03.2013, 2 AZR 60/12), so dass Deutsch­land ge­nug ge­tan hat, um die Richt­li­nie 98/59/EG (Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie) aus­rei­chend um­zu­set­zen (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 29.03.2017, 4 Sa 1619/16, Leit­sät­ze 3 und 4).

Die­se Mei­nung hat das BAG am Diens­tag die­ser Wo­che ab­ge­seg­net (Ur­teil vom 12.02.2019, 1 AZR 279/17, Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

In dem Ber­li­ner Streit­fall hat­te ein Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat En­de März 2014 über die ge­plan­te Be­triebs­still­le­gung in­for­miert. Noch be­vor ein ar­beits­ge­richt­lich be­stell­ter Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­der Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber an ei­nen Tisch brin­gen konn­te, um mit ih­nen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich zu ver­han­deln, sprach der Ar­beit­ge­ber die ge­plan­ten be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen aus. Da Ar­beit­ge­ber aber zu­min­dest ein­mal (wenn auch er­folg­los) in der Ei­ni­gungs­stel­le un­ter ei­nem neu­tra­len Vor­sit­zen­den über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­han­deln müs­sen, um ih­re Ver­hand­lungs­pflicht aus §§ 111 Satz 1, 112 Abs.2 Be­trVG zu er­fül­len, konn­ten die ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer mit Er­folg ei­nen Nach­teils­aus­gleich (§ 113 Be­trVG) ein­kla­gen.

Den Nach­teils­aus­gleich zahl­te der Ar­beit­ge­ber in dem Fall des BAG auch aus (16.307,20 EUR), ver­rech­ne­te die Zah­lung aber mit der Ab­fin­dung, die aus ei­nem nach Aus­spruch der Kün­di­gun­gen ver­ein­bar­tem So­zi­al­plan folg­te (9.000,00 EUR). Der Ar­beit­neh­mer mein­te, ihm stün­den die­se 9.000,00 EUR zu­sätz­lich zum Nach­teils­aus­gleich zu, doch hat­te er mit die­ser Zah­lungs­kla­ge kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin (Ur­teil vom 10.08.2016, 12 Ca 16673/15), das LAG Ber­lin-Bran­den­burg (Ur­teil vom 29.03.2017, 4 Sa 1619/16, Leit­sät­ze 3 und 4) und das BAG ent­schie­den zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers (Ur­teil vom 12.02.2019, 1 AZR 279/17 - Pres­se­mel­dung).

In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung heißt es da­zu, dass Nach­teils­aus­gleich und So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen weit­ge­hend de­ckungs­glei­che Zwe­cke ver­fol­gen. Auch aus der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie er­gibt sich nicht, dass das deut­sche Ar­beits­recht zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer nach­ge­bes­sert wer­den müss­te, d.h. dass die Ver­let­zung der Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht wei­te­re fi­nan­zi­el­le An­sprü­che aus­lö­sen müss­te. Denn wenn der Ar­beit­ge­ber oh­ne vor­he­ri­ge Kon­sul­ta­ti­on des Be­triebs­rats Kün­di­gun­gen aus­spricht, sind die­se un­wirk­sam, wo­mit die Richt­li­nie aus­rei­chend um­ge­setzt ist.

Fa­zit: Mit der Zah­lung ei­nes Nach­teils­aus­gleichs er­füllt der Ar­beit­ge­ber auch Ab­fin­dungs­an­sprü­che, die sich aus ei­nem So­zi­al­plan er­ge­ben.

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Letzte Überarbeitung: 18. Februar 2019

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