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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/239

Kei­ne Ver­zugs­kos­ten­pau­scha­le bei Ge­halts­rück­stand

Ar­beit­neh­mer kön­nen bei Zah­lungs­ver­zug des Ar­beit­ge­bers kei­ne Kos­ten­pau­scha­le von 40,00 EUR ver­lan­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.09.2018, 8 AZR 26/18
Geld schenken, Geldscheine übergeben

25.09.2018. Wer sei­ne Schul­den nicht recht­zei­tig be­zahlt und dar­auf­hin in Ver­zug ge­rät, muss Ver­zugs­zin­sen zah­len.

Au­ßer­dem kann der Gläu­bi­ger ge­mäß § 288 Abs.5 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­ne Ver­zugs­kos­ten­pau­scha­le von 40,00 EUR ver­lan­gen. Da­für muss der zah­lungs­pflich­ti­ge Schuld­ner aber ein Un­ter­neh­mer sein, d.h. Ver­brau­cher, die in Zah­lungs­rück­stand ge­ra­ten sind, müs­sen die Ver­zugs­kos­ten­pau­scha­le nicht be­zah­len.

Bei re­gel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den For­de­run­gen wie z.B. Lohn- und Ge­halts­zah­lun­gen kön­nen da rasch be­trächt­li­che Sum­men zu­sam­men­kom­men, so z.B. dann, wenn der Ar­beit­ge­ber je­den Mo­nat ei­nen be­stimm­ten (strei­ti­gen) Lohn­be­stand­teil nicht zahlt.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob § 288 Abs.5 BGB über­haupt im Ar­beits­ver­hält­nis gilt, d.h. zu­guns­ten von Ar­beit­neh­mern. Nein, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Ur­teil vom heu­ti­gen Ta­ge: BAG, Ur­teil vom 25.09.2018, 8 AZR 26/18.

An­wend­bar­keit der Re­ge­lung über die Ver­zugs­kos­ten­pau­scha­le im Ar­beits­recht?

§ 288 Abs.5 BGB, der nach ei­ner zweijähri­gen Über­g­angs­zeit seit dem 01.07.2016 im Prin­zip für al­le Ver­trags­verhält­nis­se gilt, hat fol­gen­den Wort­laut:

"Der Gläubi­ger ei­ner Ent­gelt­for­de­rung hat bei Ver­zug des Schuld­ners, wenn die­ser kein Ver­brau­cher ist, außer­dem ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner Pau­scha­le in Höhe von 40 Eu­ro. Dies gilt auch, wenn es sich bei der Ent­gelt­for­de­rung um ei­ne Ab­schlags­zah­lung oder sons­ti­ge Ra­ten­zah­lung han­delt. Die Pau­scha­le nach Satz 1 ist auf ei­nen ge­schul­de­ten Scha­dens­er­satz an­zu­rech­nen, so­weit der Scha­den in Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung be­gründet ist."

Auf den ers­ten Blick scheint es zu sein, dass sich auch Ar­beit­neh­mer auf die­se Vor­schrift be­ru­fen können, wenn der Ar­beit­ge­ber mit der Lohn- bzw. Ge­halts­zah­lung in Ver­zug ge­ra­ten ist.

  • Denn als Ar­beit­neh­mer ist man "Gläubi­ger ei­ner Ent­gelt­for­de­rung", d.h. ei­nes An­spruchs auf Zah­lung von Geld, das der Ar­beit­ge­ber als Schuld­ner der For­de­rung zah­len muss.
  • Außer­dem ist der zah­lungs­pflich­ti­ge Ar­beit­ge­ber kein Ver­brau­cher, son­dern viel­mehr Un­ter­neh­mer im Sin­ne von § 14 Abs.1 BGB. Nach die­ser Vor­schrift ist ein Un­ter­neh­mer je­de "natürli­che oder ju­ris­ti­sche Per­son oder ei­ne rechtsfähi­ge Per­so­nen­ge­sell­schaft, die bei Ab­schluss ei­nes Rechts­geschäfts in Ausübung ih­rer ge­werb­li­chen oder selbständi­gen be­ruf­li­chen Tätig­keit han­delt."
  • Sch­ließlich muss der Ar­beit­ge­ber, da­mit der Ar­beit­neh­mer die Pau­scha­le von 40,00 EUR ver­lan­gen kann, mit der Zah­lung des Lohns bzw. Ge­halts in Ver­zug sein. Dafür wie­der­um ist gemäß § 286 Abs.1 BGB im All­ge­mei­nen ei­ne Mah­nung (= Zah­lungs­auf­for­de­rung) er­for­der­lich, die der Ar­beit­neh­mer nach Ein­tritt der Fällig­keit der For­de­rung aus­spre­chen muss. Bei Lohn- und Ge­halts­ansprüchen ist ei­ne Mah­nung aber in al­ler Re­gel überflüssig, da für die Lohn- bzw. Ge­halts­zah­lung "ei­ne Zeit nach dem Ka­len­der be­stimmt ist", nämlich je nach ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung oder gemäß Ta­rif der Mo­nats­letz­te oder der 15. des lau­fen­den Mo­nats oder an­sons­ten gemäß BGB der ers­te Tag des Fol­ge­mo­nats (§ 614 BGB).

Un­ter Be­ru­fung auf die­se Re­ge­lun­gen ha­ben vie­le Ar­beit­neh­mer bei Mahn­schrei­ben und Lohn­kla­gen die 40-Eu­ro-Pau­scha­le ver­langt, und ei­ni­ge Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAG) ha­ben den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung der Pau­scha­le ver­ur­teilt (so z.B. das LAG Köln mit Ur­teil vom 22.11.2016, 12 Sa 524/16, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/370 LAG Köln: Bei Zah­lungs­ver­zug wer­den 40,00 EUR fällig).

Da­mit macht das BAG nicht mit, wie ges­tern be­kannt wur­de.

Im Streit: Ar­beit­neh­mer klagt ei­ne mo­nat­li­che Be­sitz­stands­zu­la­ge von 128,23 EUR brut­to ein, und zu­dem die Ver­zug­s­pau­scha­le von 40,00 EUR pro Mo­nat

Manch­mal nützt es et­was, wenn man sich be­schwert, so je­den­falls in dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall.

Hier hat­te ein seit 2002 beschäftig­ter und nach Ta­rif be­zahl­ter Ma­schi­nenführer es ab April 2014 mit ei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber zu tun, und zwar auf­grund ei­nes Be­triebsüber­gangs gemäß § 613a BGB. Der neue Ar­beit­ge­ber muss­te auf­grund ei­nes Über­lei­tungs­ta­rif­ver­trags (ÜTV) nicht den zu­vor vom al­ten Ar­beit­ge­ber be­zahl­ten Lohn ent­rich­ten, son­dern konn­te (auf­grund des ÜTV ta­rif­ver­trag­lich ab­ge­si­chert) den Lohn ab­sen­ken.

Der Ma­schi­nenführer be­schwer­te sich nach Er­halt der ers­ten Lohn­ab­rech­nung für April 2014 zu­sam­men mit ei­ni­gen eben­falls be­trof­fe­nen Kol­le­gen beim Be­triebs­rat, der dem Be­triebs­er­wer­ber die­se Be­schwer­den vor­trug. Dar­auf­hin zahl­te der Be­triebs­er­wer­ber ab April 2014 mo­nat­lich ei­ne frei­wil­li­ge "Be­sitz­stands­zu­la­ge" von 128,23 EUR brut­to, stell­te die­se Zu­satz­zah­lung dann aber ab Mai 2016 ein.

Der Ma­schi­nenführer er­hob Zah­lungs­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Ober­hau­sen, wo­bei er die Zu­la­ge für Mai bis Sep­tem­ber 2016 ver­lang­te. Zusätz­lich be­an­trag­te er, den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung der Ver­zugs­kos­ten­pau­scha­le von 40,00 EUR pro Mo­nat zu ver­ur­tei­len, und zwar für die drei Mo­na­te Ju­li bis Sep­tem­ber 2016.

Das Ar­beits­ge­richt Ober­hau­sen (Ur­teil vom 09.03.2017, 4 Ca 1280/16) und das für die Be­ru­fung zuständi­ge LAG Düssel­dorf ga­ben dem Kläger recht (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 10.10.2017, 8 Sa 284/17). Denn durch die vor­be­halt­lo­se Zah­lung der Zu­la­ge über 25 Mo­na­te hin­weg war ei­ne be­trieb­li­che Übung ent­stan­den, so das LAG, an die der Ar­beit­ge­ber recht­lich ge­bun­den war. Außer­dem konn­te der Kläger auch die Pau­scha­le ver­lan­gen, so das LAG, das aber in die­sem Punkt die Re­vi­si­on zum BAG zu­ließ.

Von die­sem Rechts­mit­tel hat der be­klag­te Ar­beit­ge­ber Ge­brauch ge­macht, so dass das BAG nur noch über die strei­ti­gen 120,00 EUR Ver­zug­s­pau­scha­le zu ent­schei­den hat­te.

BAG: Ar­beit­neh­mer können bei Zah­lungs­ver­zug des Ar­beit­ge­bers kei­ne Kos­ten­pau­scha­le von 40,00 EUR ver­lan­gen

Der Ach­te BAG-Se­nat kam zu dem Er­geb­nis, dass Ar­beit­neh­mer die Kos­ten­pau­scha­le nicht ver­lan­gen können, und gab da­her dem Ar­beit­ge­ber recht. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zu Be­gründung:

§ 288 Abs.5 BGB ist zwar "grundsätz­lich" auch an­zu­wen­den, wenn sich Ar­beit­ge­ber mit der Zah­lung von Löhnen bzw. Gehältern in Ver­zug be­fin­den. Al­ler­dings schließt § 12a Abs.1 Satz 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) im Er­geb­nis doch die Be­ru­fung von Ar­beit­neh­mern auf § 288 Abs.5 BGB aus, denn § 12a Abs.1 Satz 1 ArbGG ist nach An­sicht der Er­fur­ter Rich­ter die spe­zi­el­le­re ge­setz­li­che Re­ge­lung. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"In Ur­teils­ver­fah­ren des ers­ten Rechts­zugs be­steht kein An­spruch der ob­sie­gen­den Par­tei auf Entschädi­gung we­gen Zeit­versäum­nis und auf Er­stat­tung der Kos­ten für die Zu­zie­hung ei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten oder Bei­stands."

Aus die­ser Vor­schrift folgt nach der Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te nicht nur, dass Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber vor dem Ar­beits­ge­richt (in der ers­ten In­stanz) kei­ne Kos­ten­er­stat­tung vom Pro­zess­geg­ner ver­lan­gen können (wenn die­ser den Pro­zess ver­liert), son­dern dass auch bei der vor­ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung über klag­ba­re Ansprüche von bei­den Ver­trags­par­tei­en kei­ne An­walts­kos­ten­er­stat­tung ver­langt wer­den kann.

Da­her, so der Ach­te BAG-Se­nat, schließt § 12a Abs.1 Satz 1 ArbGG "auch ei­nen ent­spre­chen­den ma­te­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch und da­mit auch den An­spruch auf Pau­scha­len nach § 288 Abs.5 BGB aus."

Für das BAG spricht § 288 Abs.5 Satz 3 BGB, denn dar­aus er­gibt sich, dass die 40-Eu­ro-Pau­scha­le ein Bei­trag zu den Kos­ten sein soll, die dem Gläubi­ger für die "Rechts­ver­fol­gung" ent­stan­den sind. Ist die Er­stat­tung sol­cher Kos­ten aber ge­ne­rell durch § 12a Abs.1 Satz 1 ArbGG aus­ge­schlos­sen, gilt das auch für ei­ne Kos­ten­pau­scha­le.

Kri­tisch ist aber an­zu­mer­ken, dass der vom BAG be­haup­te­te Vor­rang (bzw. der spe­zi­el­le Cha­rak­ter) von § 12a Abs.1 Satz 1 ArbGG ge­genüber § 288 Abs.5 Satz 3 BGB nicht wirk­lich klar ist. Denn im­mer­hin ist § 288 Abs.5 Satz 3 BGB das jünge­re Ge­setz, und es re­gelt ei­nen ein­deu­ti­gen (be­zif­fer­ten) An­spruch auf Er­satz von Ver­zugsschäden, wo­hin­ge­gen § 12a Abs.1 Satz 1 ArbGG von sei­nem Wort­laut da­zu gar nichts sagt, son­dern erst ein­mal nur für Ge­richts­pro­zes­se gilt.

Fa­zit: Mit die­sem Ur­teil hat das BAG die Recht­spre­chung ei­ni­ger LAGs ge­kippt, die in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung der Pau­scha­le ver­ur­teilt hat­ten (so z.B. LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 13.10.2016, 3 Sa 34/16 und LAG Köln, Ur­teil vom 22.11.2016, 12 Sa 524/16, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/370 LAG Köln: Bei Zah­lungs­ver­zug wer­den 40,00 EUR fällig). Es ist da­her künf­tig nicht mehr sinn­voll, die Pau­scha­le außer­ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen oder gar ein­zu­kla­gen.

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Letzte Überarbeitung: 26. September 2018

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