HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/083

EuGH be­grenzt Be­fris­tun­gen in der Kul­tur­bran­che

Auch Ar­beits­ver­hält­nis­se beim Thea­ter, Film und Fern­se­hen un­ter­lie­gen der Be­fris­tungs­kon­trol­le: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 (Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg)

30.03.2015. Die Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999 schreibt den EU-Staa­ten vor, Maß­nah­men ge­gen den Miss­brauch be­fris­te­ter Ar­beits­ver­trä­ge zu er­grei­fen.

Das Groß­her­zog­tum Lu­xem­burg nahm es mit die­ser Pflicht bis­her nicht all­zu ge­nau und wur­de da­her von der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on im Rah­men ei­nes Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) ver­klagt.

En­de Fe­bru­ar 2015 gab der EuGH der Kom­mis­si­on im We­sent­li­chen Recht, d.h. der Ge­richts­hof be­stä­tig­te, dass das Lu­xem­bur­gi­sche Be­fris­tungs­kon­troll­recht den An­for­de­run­gen der Richt­li­nie 1999/70/EG nicht ge­nügt: EuGH, Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 (Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg).

Kann der Ge­setz­ge­ber bei Ar­beits­verhält­nis­sen in der Kul­tur­bran­che im Re­gel­fall von ei­nem vorüber­ge­hen­den Ar­beits­be­darf aus­ge­hen?

Be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis­se sind mit so­zia­ler Un­si­cher­heit für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­bun­den. Da­her ha­ben sich Ar­beit­ge­ber­ver­tre­ter und Ge­werk­schaf­ten im Jahr 1999 auf eu­ropäischer Ebe­ne dar­auf verständigt, dass die EU-Mit­glieds­staa­ten et­was ge­gen den Miss­brauch von auf­ein­an­der fol­gen­den be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen un­ter­neh­men soll­ten.

Die Eck­punk­te die­ser Ei­ni­gung sind in der "EGB-UN­ICE-CEEP Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge" fest­ge­schrie­ben. Die Rah­men­ver­ein­ba­rung wie­der­um wur­de zur Grund­la­ge und zum we­sent­li­chen In­halt der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999 und gilt seit­dem als Be­stand­teil des EU-Rechts.

Die Rah­men­ver­ein­ba­rung sieht in ih­rem § 5 Nr.1 vor, dass die EU-Staa­ten und/oder die So­zi­al­part­ner (wenn kei­ne gleich­wer­ti­gen ge­setz­li­chen Maßnah­men zur Miss­brauchs­ver­hin­de­rung be­ste­hen) "ei­ne oder meh­re­re" von drei in § 5 Nr.1 ge­nann­ten Maßnah­men er­grei­fen:

  • Ent­we­der wer­den be­fris­te­te Ar­beits­verträge von ei­nem Sach­grund abhängig ge­macht (§ 5 Nr. 1 a), und/oder
  • es wird ei­ne Höchst­dau­er für auf­ein­an­der­fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge fest­ge­legt (§ 5 Nr. 1 b), und/oder
  • es wird ei­ne Höchst­zahl zulässi­ger Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge fest­ge­setzt (§ 5 Nr. 1c).

Bei der Aus­wahl zwi­schen die­sen Maßnah­men, die ge­gen den Miss­brauch von be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen ge­rich­tet sind, steht den Mit­glieds­staa­ten ein frei­es Er­mes­sen zu, doch müssen sie min­des­tens ei­ne die­ser drei Maßnah­men er­grei­fen.

Da sie dies al­ler­dings "un­ter Berück­sich­ti­gung der An­for­de­run­gen be­stimm­ter Bran­chen und/oder Ar­beit­neh­mer­ka­te­go­ri­en" tun müssen (§ 5 Nr.1 Rah­men­ver­ein­ba­rung), fragt sich, ob bei Ar­beits­verhält­nis­sen in der Kul­tur­bran­che im Re­gel­fall ein kurz­fris­ti­ger Pro­jekt­be­zug un­ter­stellt wer­den kann, so dass die o.g. drei for­mal­ju­ris­ti­schen Schran­ken hier un­an­ge­mes­sen wären und da­her nicht gel­ten sol­len.

Im Streit: Die ge­setz­li­chen Schlupflöcher des Lu­xem­bur­gi­schen Be­fris­tungs­kon­troll­rechts

Im All­ge­mei­nen sieht das Lu­xem­bur­gi­sche Ar­beits­ge­setz­buch vor, dass die Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen nur bei Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des zulässig ist (Art. L.122-1 Code du tra­vail). Die­se Re­gel lau­tet:

"Ein be­fris­te­ter Ar­beits­ver­trag kann zur Erfüllung ei­ner ge­nau be­stimm­ten, nicht dau­er­haf­ten Auf­ga­be ge­schlos­sen wer­den; er darf nicht zum Ge­gen­stand ha­ben, dau­er­haft ei­nen Ar­beits­platz zu be­set­zen, der mit der nor­ma­len, ständi­gen Geschäftstätig­keit des Un­ter­neh­mens in Ver­bin­dung steht."

Darüber hin­aus sieht das Lu­xem­bur­gi­sche Ar­beits­ge­setz­buch im Re­gel­fall ei­ne Höchst­dau­er be­fris­te­ter Ar­beits­verträge fest, nämlich 24 Mo­na­te (Art. L. 122-4). Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Mit Aus­nah­me des Sai­son­ar­beits­ver­trags darf die Lauf­zeit ei­nes auf der Grund­la­ge von Art. L. 122‑1 ge­schlos­se­nen be­fris­te­ten Ver­trags für ein und den­sel­ben Ar­beit­neh­mer ein­sch­ließlich Verlänge­run­gen 24 Mo­na­te nicht über­schrei­ten."

Von bei­den Schutz­vor­schrif­ten wer­den die "Kurz­zeit-Beschäftig­ten des Kul­tur­be­triebs" aus­drück­lich aus­ge­nom­men. Die­se Ar­beit­neh­mer­grup­pe ist ge­setz­lich so de­fi­niert:

"Kurz­zeit-Beschäftig­te des Kul­tur­be­triebs sind die Bühnen- bzw. Stu­diokünst­ler oder -tech­ni­ker, die ih­re Tätig­keit hauptsächlich für ein Un­ter­neh­men des Kul­tur­be­triebs oder im Rah­men u. a. von Film-, au­dio­vi­su­el­len, Thea­ter- oder Mu­sik­pro­duk­tio­nen ausüben und ih­re Diens­te ge­gen Lohn, Ho­no­rar oder Ga­ge auf der Grund­la­ge von be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen oder Werk­verträgen an­bie­ten."

Vor die­sem Hin­ter­grund war die Eu­ropäische Kom­mis­si­on der Mei­nung, Lu­xem­burg un­ter­neh­me zu we­nig, um die Vor­ga­ben der Richt­li­nie 1999/70/EG bzw. der Rah­men­ver­ein­ba­rung um­zu­set­zen. Da­her streng­te sie nach vor­he­ri­gen er­folg­lo­sen Rügen im Mai 2014 ei­ne Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge ge­gen Lu­xem­burg an.

Im Ver­fah­ren vor dem EuGH ver­tei­dig­te Lu­xem­burg sei­ne Son­der­re­ge­lun­gen für die "Kurz­zeit-Beschäftig­ten des Kul­tur­be­triebs" da­mit, dass die­se Ar­beit­neh­mer an ein­zel­nen zeit­lich be­grenz­ten Pro­jek­ten be­tei­ligt sei­en.

EuGH: Auch Ar­beits­verhält­nis­se beim Thea­ter, Film und Fern­se­hen müssen der Be­fris­tungs­kon­trol­le un­ter­stellt wer­den

Der Ge­richts­hof stell­te fest, dass Lu­xem­burg ge­gen die Vor­ga­ben der der Richt­li­nie 1999/70/EG bzw. der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­s­toßen hat.

In den Ur­teils­gründen weist der EuGH die (fa­den­schei­ni­ge) Recht­fer­ti­gung für die Lu­xem­bur­ger Son­der­re­ge­lun­gen zurück, in­dem er dar­an er­in­nert, dass nicht al­le im Kul­tur­be­trieb beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zwangsläufig Auf­ga­ben ver­rich­ten, die nicht dau­er­haft bzw. nur vorüber­ge­hend sind. Da­her sei fest­zu­stel­len, so der Ge­richts­hof (Ur­teil, Rn.48),

"dass die in Re­de ste­hen­de lu­xem­bur­gi­sche Re­ge­lung die Ar­beit­ge­ber nicht da­von abhält, auf­ein­an­der­fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge mit Kurz­zeit-Beschäftig­ten des Kul­tur­be­triebs ab­zu­sch­ließen, um ei­nen ständi­gen und dau­er­haf­ten Per­so­nal­be­darf zu de­cken."

Zur Ver­tei­di­gung die­ser Schutzlücke kann sich das Her­zog­tum auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass es den Mit­glieds­staa­ten er­laubt ist, bei der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG bzw. der Rah­men­ver­ein­ba­rung "die be­son­de­ren An­for­de­run­gen ei­ner spe­zi­el­len Bran­che zu berück­sich­ti­gen". Denn die­ser Bran­chen­vor­be­halt gibt den Mit­glieds­staa­ten nicht das Recht, gan­ze Bran­chen kom­plett von der Miss­brauchs­kon­trol­le aus­zu­neh­men, d.h. gar kei­ne Schutz­maßnah­men zu tref­fen (Ur­teil, Rn.51).

Fa­zit: Auch Ar­beit­neh­mer, die beim Thea­ter, beim Film, beim Fern­se­hen oder Rund­funk oder in der Mu­sik­bran­che tätig sind, ha­ben ein An­recht dar­auf, vor dem miss­bräuch­li­chen Ein­satz be­fris­te­ter Ar­beits­verträge geschützt zu wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re für Ar­beit­neh­mer, die tech­ni­sche, kaufmänni­sche und ad­mi­nis­tra­ti­ve Dau­er­auf­ga­ben wahr­neh­men. Es ist kein Grund er­sicht­lich, sie von der ge­setz­li­chen Be­fris­tungs­kon­trol­le aus­zu­neh­men.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Oktober 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de