HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/308

Be­fris­tung auf der Grund­la­ge des Nor­mal­ver­trags Büh­ne

Mas­ken­bild­ner ge­hö­ren zum künst­le­ri­schen Büh­nen­per­so­nal, wenn sie nach ih­rem Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tä­tig sind: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.12.2017, 7 AZR 369/16
Maskenbildner, künstlerische Tätigkeit, Befristung von Künstlern, Normalvertrag Bühne

14.12.2017. Ab­ge­se­hen von Neu­ein­stel­lun­gen und der Be­schäf­ti­gung schwer ver­mit­tel­bar äl­te­rer Ar­beit­neh­mer sind be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge im All­ge­mei­nen nur mög­lich, wenn es da­für ei­nen Sach­grund gibt.

Die wich­tigs­ten sach­li­chen Grün­de für Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen sind in § 14 Abs.1 Satz 2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ge­nannt. Auf die­ser ge­setz­li­chen Grund­la­ge sind be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge mit Schau­spie­lern und Pro­fi­sport­lern durch die „Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung“ ge­recht­fer­tigt (§ 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG).

Aber ge­nügt es auch, mit nach­ge­ord­ne­ten Büh­nen­mit­ar­bei­tern wie z.B. Mas­ken­bild­nern oder Be­leuch­tern ar­beits­ver­trag­lich zu ver­ein­ba­ren, dass sie „über­wie­gend künst­le­risch“ tä­tig sein sol­len? Im Prin­zip ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG): BAG, Ur­teil vom 13.12.2017, 7 AZR 369/16 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Kann der Nor­mal­ver­trag (NV) Bühne Be­fris­tungsmöglich­kei­ten schaf­fen?

Der Nor­mal­ver­trag (NV) Bühne ist ein Ta­rif­ver­trag, der zwi­schen dem Deut­schen Bühnen­ver­ein (als Ar­beit­ge­ber­ver­band) und der Ge­nos­sen­schaft Deut­scher Bühnen-An­gehöri­ger (als Ge­werk­schaft) im Jah­re 2002 ver­ein­bart wur­de. Er gilt für sog. So­lo­mit­glie­der wie z.B. Schau­spie­ler, Re­gis­seu­re und Di­ri­gen­ten, da­ne­ben aber auch für Bühnen­tech­ni­ker, Opern­chor­mit­glie­der und Tanz­grup­pen­mit­glie­der (§ 1 Abs.1 und 2 NV Bühne), die an Bühnen der Länder und Ge­mein­den tätig sind.

Bei den Bühnen­tech­ni­kern un­ter­schei­det § 1 Abs.3 NV Bühne zwi­schen En­sem­ble­mit­glie­dern mit künst­le­ri­schen Lei­tungs­auf­ga­ben, für die der NV Bühne oh­ne wei­te­res gilt, und nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern wie z.B. Be­leuch­tern, Bühnen­plas­ti­kern, Mas­ken­bild­nern, Re­qui­si­teu­ren oder Ton­tech­ni­kern, auf de­ren Ar­beits­verhält­nis­se der NV Bühne nur dann an­zu­wen­den ist, „wenn mit ih­nen im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bart wird, dass sie über­wie­gend künst­le­risch tätig sind“. Im Er­geb­nis ent­schei­det da­mit so et­was wie ei­ne „Kunst­klau­sel“ im Ar­beits­ver­trag über die An­wend­bar­keit des NV Bühne auf nach­ge­ord­ne­te Bühnen­tech­ni­ker.

Ei­ne der we­sent­li­chen Rechts­fol­gen, die sich aus dem NV Bühne er­ge­ben, ist die Be­fris­tung der Ar­beits­verträge. Denn nach § 2 Abs.2 NV Bühne ist der Ar­beits­ver­trag „mit Rück­sicht auf die künst­le­ri­schen Be­lan­ge der Bühne ein Zeit­ver­trag.“

Der Zeit­ver­trag verlängert sich au­to­ma­tisch um ei­ne wei­te­re Pe­ri­ode (z.B. um ein oder zwei Jah­re, ei­ne Spiel­sai­son usw.), wenn der Ar­beit­ge­ber dem Bühnen­mit­glied nicht schrift­lich mit­teilt, dass sein En­ga­ge­ment nicht verlängert wird (§§ 42, 61, 69, 83, 96 NV Bühne). Vor ei­ner sol­chen Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung muss das be­trof­fe­ne Bühnen­mit­glied an­gehört wer­den. Bei Strei­tig­kei­ten ent­schei­det die Bühnen­schieds­ge­richts­bar­keit (§ 53 NV Bühne).

Frag­lich ist, ob die­se Be­fris­tungs­wirt­schaft mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist. Denn im­mer­hin sieht die Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999 bzw. die in die­se Richt­li­nie auf­ge­nom­me­ne „Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge“ vor, dass die EU-Mit­glied­staa­ten ef­fek­ti­ve Maßnah­men zur Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs von Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen tref­fen. Da­zu müssen be­fris­te­te Ar­beits­verträge von ei­nem Sach­grund abhängig ge­macht wer­den (§ 5 Nr.1a) und/oder es muss ei­ne Höchst­dau­er auf­ein­an­der­fol­gen­der Ar­beits­verträge fest­ge­legt wer­den (§ 5 Nr.1b) und/oder es muss ei­ne Höchst­zahl zulässi­ger Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge vor­ge­schrie­ben wer­den (§ 5 Nr.1c).

Im Ge­gen­satz zu die­sen eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben sind Ket­ten­be­fris­tun­gen mit nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern gemäß dem NV Bühne im Prin­zip oh­ne Ein­schränkun­gen recht­lich zulässig. Das ist mit der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) kaum zu ver­ein­ba­ren, da der EuGH erst vor kur­zem be­tont hat, dass auch die Ar­beits­verhält­nis­se von Ar­beit­neh­mern beim Thea­ter, Film und Fern­se­hen der Miss­brauchs­kon­trol­le un­ter­lie­gen müssen (Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 - Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/083 EuGH be­grenzt Be­fris­tun­gen in der Kul­tur­bran­che).

Aber auch nach deut­schem Ar­beits­recht wäre ei­ne Be­fris­tungs­pra­xis nach dem Mot­to „Kunst ist was im Ar­beits­er­trag steht“ ge­set­zes­wid­rig. Denn die Be­fris­tungs­schran­ken nach dem Tz­B­fG sind zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer zwin­gend (§ 22 Tz­B­fG), und auch § 14 Abs.1 Tz­B­fG enthält kei­nen Ta­rif­vor­be­halt. Der NV Bühne bzw. die hin­ter die­sem Ta­rif­ver­trag ste­hen­den Ta­rif­par­tei­en ha­ben da­her nicht die Re­ge­lungs­macht, gan­ze Ar­beit­neh­mer­grup­pen von dem ge­setz­li­chen Be­fris­tungs­schutz aus­zu­neh­men.

Es ist da­her un­ter Ar­beits­recht­lern um­strit­ten, ob Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern wie z.B. mit Ton­tech­ni­kern oder Mas­ken­bild­nern auf der Grund­la­ge von § 1 Abs.3 NV Bühne und ei­ner ent­spre­chen­den ar­beits­ver­trag­li­chen Kunst­klau­sel wirk­sam sind.

Der Streit­fall: Mas­ken­bild­ne­rin klagt über fünf In­stan­zen ge­gen Be­fris­tung und Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung

Ei­ne an ei­nem Lan­des­thea­ter auf der Grund­la­ge des NV Bühne ar­bei­ten­de Mas­ken­bild­ne­rin war gemäß Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tätig. Da­her war das Ar­beits­verhält­nis be­fris­tet, zu­letzt bis zum 31.08.2014. Im Ju­li 2013 sprach der Ar­beit­ge­ber nach vor­he­ri­ger Anhörung ei­ne Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung aus, der zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis wie ver­ein­bart zum 31.08.2014 en­den soll­te.

Die Mas­ken­bild­ne­rin klag­te vor dem ört­lich zuständi­gen Bühnen­schieds­ge­richt München ge­gen die Be­fris­tung und die Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung, hat­te dort aber kei­nen Er­folg (Schieds­spruch vom 12.05.2014). Auch die Be­ru­fung beim Bühnen­ober­schieds­ge­richt Frank­furt am Main schei­ter­te (Spruch vom 19.01.2015).

Dar­auf­hin er­hob die Mas­ken­bild­ne­rin im März 2015 Auf­he­bungs­kla­ge beim zuständi­gen Ar­beits­ge­richt Köln, das die Kla­ge ab­wies (Ur­teil vom 03.09.2015, 5 Ha 7/15). Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln als zuständi­ges Be­ru­fungs­ge­richt ent­schied zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers (LAG Köln, Ur­teil vom 17.05.2016, 12 Sa 991/15).

Ar­gu­ment des LAG Köln: Die Par­tei­en hat­ten ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bart, dass die Kläge­rin als Mas­ken­bild­ne­rin über­wie­gend künst­le­risch ar­bei­ten soll­te. Die­se Ver­ein­ba­rung und die da­zu­gehöri­ge ta­rif­ver­trag­li­che Grund­la­ge (§ 1 Abs.3 NV Bühne) in­di­zie­ren ei­ne künst­le­ri­sche Tätig­keit der Kläge­rin, so die Kölner Rich­ter. Da­her hätte die Kläge­rin vor Ge­richt kon­kret dar­le­gen müssen, dass sie in Wahr­heit nicht mit künst­le­ri­schen, son­dern mit an­de­ren Ar­beits­auf­ga­ben be­fasst war. An die­ser Stel­le hat­te die Kläge­rin nur vor­ge­tra­gen, dass sie teil­wei­se rein tech­ni­sche Zu­ar­bei­ten oh­ne je­den künst­le­ri­schen Spiel­raum er­le­digt hätte. Das genügte dem LAG nicht.

BAG: Mas­ken­bild­ner gehören zum künst­le­ri­schen Bühnen­per­so­nal, wenn sie nach ih­rem Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tätig sind

Auch in Er­furt vor dem BAG und da­mit in der letz­ten von ins­ge­samt fünf In­stan­zen hat­te die Mas­ken­bild­ne­rin kei­nen Er­folg. Das BAG wies ih­re Re­vi­si­on zurück. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:

Die strei­ti­ge Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags war durch die Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt. Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit künst­le­risch täti­gen Bühnen­mit­ar­bei­tern sind auf der Grund­la­ge des NV Bühne rech­tens, so das BAG, das da­bei auf die ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Kunst­frei­heit des Ar­beit­ge­bers ver­weist. Auch Mas­ken­bild­ner gehören zum künst­le­risch täti­gen Bühnen­per­so­nal, wenn sie nach den ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen über­wie­gend künst­le­risch tätig sind, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Fa­zit: Ob das BAG die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung als sol­che genügen lässt oder aber (ergänzend) auch die tatsächlich aus­geübte Tätig­keit über­prüft, lässt sich der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung nicht si­cher ent­neh­men. Hier muss man die Ur­teils­be­gründung ab­war­ten.

Si­cher ist al­ler­dings, dass es Bühnen­tech­ni­ker, die kei­ne So­lo­mit­glie­der sind, künf­tig schwe­rer ha­ben wer­den, ge­gen die Be­fris­tung ih­rer Ar­beits­verträge und ge­gen ent­spre­chen­de Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lun­gen vor­zu­ge­hen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 17. Januar 2018

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Thomas Becker
Rechtsanwalt

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62, 50674 Köln
Telefon: 0221 - 70 90 718
Telefax: 0221 - 70 90 731
E-Mail: koeln@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2018:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de