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BAG, Ur­teil vom 16.04.2014, 4 AZR 802/11

   
Schlagworte: Mindestlohn, Mindestlohnanspruch
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 4 AZR 802/11
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 16.04.2014
   
Leitsätze: Bestimmt ein aufgrund Rechtsverordnung verbindlicher Tarifvertrag einen Mindestlohnanspruch „je Stunde“ unabhängig von der zeitlichen Lage der Arbeitszeit, können vom Arbeitgeber aufgrund anderer Rechtsgrundlagen geleistete Zulagen für erbrachte Spätschichten vorbehaltlich anderslautender gesetzlicher oder tariflicher Regelungen auf einen Mindestlohnanspruch angerechnet werden. Dies gilt jedenfalls dann, wenn dem Mindestlohntarifvertrag nicht entnommen werden kann, dass die Arbeitsleistung unter den Bedingungen einer Spätschicht einer gesonderten Vergütungsregelung vorbehalten worden ist.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Eberswalde, Urteil vom 9.12.2010 - 1 Ca 769/10
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 1.9.2011 - 25 Sa 131/11, 25 Sa 151/11
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

4 AZR 802/11
25 Sa 131/11 und 151/11

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

16. April 2014

UR­TEIL

Frei­tag, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­vi­si­onskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter, Be­ru­fungskläger, Re­vi­si­ons­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 16. April 2014 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Creutz­feldt und
 

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Dr. Tre­ber so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kie­fer und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Hols­bo­er für Recht er­kannt:

1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 1. Sep­tem­ber 2011 - 25 Sa 131/11, 25 Sa 151/11 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird un­ter Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on im Übri­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 1. Sep­tem­ber 2011 - 25 Sa 131/11, 25 Sa 151/11 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben.

Auf die Be­ru­fung des Klägers wird un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ebers­wal­de vom 9. De­zem­ber 2010 - 1 Ca 769/10 - teil­wei­se ab­geändert:

Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt an den Kläger wei­te­re 239,28 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent-punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29. Au­gust 2010 zu zah­len.

3. Von den Kos­ten des Rechts­streits ha­ben der Kläger 1/10 und die Be­klag­te 9/10 zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Ansprüche des Klägers nach ei­nem Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trag.

Die Be­klag­te ist ein Ent­sor­gungs­fach­un­ter­neh­men. Sie be­treibt ua. ei­ne Nie­der­las­sung in S. Dort ist der Kläger als Alt­pa­pier­sor­tie­rer im „4-Schicht­sys­tem“ beschäftigt. Im Ar­beits­ver­trag vom 21. Sep­tem­ber 2005 heißt es ua.:

„4. Sie er­hal­ten die Vergütungs­grup­pe 6 = 6,73 €/St­un­de.

Die Vergütung rich­tet sich nach den der­zeit gülti­gen Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen.
 

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5. Zu­schläge und Zu­la­gen wer­den ent­spre­chend den hierfür gel­ten­den Be­stim­mun­gen gewährt. Al­le der­zeit oder später ge­zahl­ten Zu­la­gen sind ar­beits­platz­be­zo­gen. Außer­dem sind sie stets frei­wil­li­ge und wi­der­ruf­li­che Leis­tun­gen und können auf Loh­nerhöhun­gen, auch wenn sie durch ei­ne Ände­rung der Lohn­grup­pe be­dingt sind, an­ge­rech­net wer­den, so-weit sie nicht aus­drück­lich als fes­te Zu­la­gen ver­ein­bart sind.“
 

Der Kläger wird bei ei­ner ver­ein­bar­ten wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den in wech­seln­den Schich­ten im Um­fang von 37,5 St­un­den ein­ge­setzt. Wöchent­li­che Pau­sen­zei­ten wer­den von der Be­klag­ten mit dem ver­trag­lich ver­ein­bar­ten St­un­den­lohn vergütet.

Die Be­klag­te kauft Alt­pa­pier an. Das an­ge­lie­fer­te Alt­pa­pier wird in ih­rem Be­trieb für die wei­te­re Be­ar­bei­tung in sog. De-In­king-Pa­pier für die Pa­pier- so­wie in Kar­ton und Pa­pier für die Kar­ton­her­stel­lung ge­trennt. Nach ei­ner ma­schi­nel­len Grob­sor­tie­rung am Förder­band ei­ner Sor­tier­an­la­ge, an der ua. der Kläger tätig ist, wird das sor­tier­te Alt­pa­pier aus­sch­ließlich von der auf dem­sel­ben Gelände täti­gen L GmbH (L GmbH) wei­ter­ver­ar­bei­tet. Die Alt­pa­pier­ver­sor­gung der L GmbH, die al­lei­ni­ge Ge­sell­schaf­te­rin der Be­klag­ten ist, bil­det den Be­triebs­zweck der Be­klag­ten. Bei der L GmbH geht das sor­tier­te Pa­pier vom Förder­band in ei­ne Pres­se und dann in ei­nen Stoff­auflöser (sog. Pul­per).

Die Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten hat­te im Jahr 1999 mit dem am Stand­ort S ge­bil­de­ten Be­triebs­rat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung (BV 1999) ge-schlos­sen, in der ua. Zu­schläge bei re­gelmäßiger Nacht­ar­beit iHv. 25 vH und für Spätschich­ten iHv. 5 vH je St­un­de ge­re­gelt sind.

Am 31. De­zem­ber 2009 wur­de im Bun­des­an­zei­ger (BAnz. Nr. 198 S. 4573) die auf Grund­la­ge von § 7 Abs. 1, Abs. 2 und Abs. 5 Satz 1 und Satz 2 AEntG (vom 20. April 2009, BGBl. I S. 799) er­las­se­ne „Ver­ord­nung über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen für die Ab­fall­wirt­schaft ein­sch­ließlich Straßen­rei­ni­gung und Win­ter­dienst“ (Ab­fall­ArbbV) veröffent­licht. In die­ser heißt es ua.:
 

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㤠1
Zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen

Die in der An­la­ge zu die­ser Ver­ord­nung auf­geführ­ten Rechts­nor­men des Min­dest­lohn­ta­rif­ver­tra­ges für die Bran­che Ab­fall­wirt­schaft vom 7. Ja­nu­ar 2009 in der Fas­sung des ers­ten Ände­rungs­ta­rif­ver­tra­ges vom 12. Au­gust 2009 ... fin­den auf al­le un­ter sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den und nicht an ihn ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber so­wie Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen An­wen­dung, wenn der Be­trieb oder die selbstständi­ge Be­triebs­ab­tei­lung über-wie­gend Abfälle im Sin­ne des § 3 Ab­satz 1 Satz 1 des Kreis­lauf­wirt­schafts- und Ab­fall­ge­set­zes sam­melt, befördert, la­gert, be­sei­tigt oder ver­wer­tet oder Dienst­leis­tun­gen des Keh­rens und Rei­ni­gens öffent­li­cher Ver­kehrs­flächen und Schnee- und Eis­be­sei­ti­gung von öffent­li­chen Ver­kehrs­flächen ein­sch­ließlich Streu­di­ens­te er­bringt. ...


§ 2
In­kraft­tre­ten, Außer­kraft­tre­ten

Die­se Ver­ord­nung tritt am Tag nach der Verkündung in Kraft und am 31. Ok­to­ber 2010 außer Kraft.“

Der Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trag für die Bran­che Ab­fall­wirt­schaft (vom 7. Ja­nu­ar 2009 idF vom 12. Au­gust 2009, nach­fol­gend TV Min­dest­lohn) enthält ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen:

㤠1
Gel­tungs­be­reich

(1) Räum­li­cher Gel­tungs­be­reich

Die­ser Ta­rif­ver­trag gilt für das Ge­biet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

(2) Be­trieb­li­cher Gel­tungs­be­reich

Die­ser Ta­rif­ver­trag gilt für die Bran­che Ab­fall­wirt­schaft. Die­se um­fasst al­le Be­trie­be oder selbstständi­gen Be­triebs­ab­tei­lun­gen, die über­wie­gend ge­werbs- oder geschäftsmäßig Abfälle sam­meln, befördern, la­gern, be­han­deln, ver­wer­ten oder be­sei­ti­gen und/oder öffent­li­che Ver­kehrs­flächen rei­ni­gen.

Pro­to­kollerklärung ...


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§ 2
Min­dest­lohn

Der Min­dest­lohn beträgt mit Wir­kung vom 1. Mai 2009 8,02 Eu­ro je St­un­de.

(2) Der An­spruch auf den Min­dest­lohn wird spätes­tens am letz­ten Werk­tag des Mo­nats fällig, der auf den Mo­nat folgt, für den der Min­dest­lohn zu zah­len ist.

(3) Höhe­re Ent­gelt­ansprüche auf­grund an­de­rer Ta­rif­verträge, be­trieb­li­cher oder ein­zel­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen blei­ben un­berührt.“

Die Be­klag­te, die kei­nem der ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­verbände des TV Min­dest­lohn an­gehört, zahl­te dem Kläger in den Mo­na­ten Ja­nu­ar 2010 bis ein­sch­ließlich Ju­ni 2010 ei­nen St­un­den­lohn von 6,73 Eu­ro brut­to so­wie für Zei­ten von Ur­laub und Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall 7,45 Eu­ro brut­to bzw. 7,47 Eu­ro brut­to. Der Kläger er­hielt auf Ba­sis des ver­trag­lich ver­ein­bar­ten St­un­den­lohns ei­nen Zu­schlag iHv. 25 vH für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit, für Spätschich­ten ei­nen iHv. 5 vH so­wie vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen iHv. 39,88 Eu­ro brut­to im Mo­nat.

Der Kläger hat mit sei­ner der Be­klag­ten am 28. Au­gust 2010 zu­ge­stell­ten Kla­ge für die Mo­na­te Ja­nu­ar 2010 bis ein­sch­ließlich Ju­li 2010 die mo­nat­li­che - rech­ne­risch zwi­schen den Par­tei­en un­strei­ti­ge - Dif­fe­renz zwi­schen dem ihm tatsächlich ge­zahl­ten St­un­den­lohn (oh­ne Berück­sich­ti­gung der Zu­schläge für Spätschich­ten und Nacht­ar­beit so­wie den vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen) und dem Min­dest­lohn von 8,02 Eu­ro brut­to ver­langt. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Be­trieb der Be­klag­ten wer­de als Ab­fall­ver­wer­tungs­be­trieb vom be­trieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des TV Min­dest­lohn er­fasst. We­der die ge­zahl­ten Zu­schläge für die Spätschich­ten und die Nacht­ar­beit noch die vermögens­wirk-sa­men Leis­tun­gen könn­ten auf den Min­dest­lohn­an­spruch an­ge­rech­net wer­den. Glei­ches gel­te für die be­zahl­ten Pau­sen, die vergütet würden, weil Vor- und Nach­ar­bei­ten so­wie Zei­ten der Überg­a­ben oh­ne Be­zah­lung blie­ben.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 1.285,85 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis-


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zins­satz seit dem 29. Au­gust 2010 zu zah­len.


Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie meint, der Min­dest­lohn stel­le ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Son­der­ab­ga­be dar. Zu­dem ha­be der Vor­ord­nungs­ge­ber den An­wen­dungs­be­reich des TV Min­dest­lohn er­wei­tert. Dies führe zur Nich­tig­keit der Ab­fall­ArbbV. Nach der Richt­li­nie 2008/98/EG (vom 19. No­vem­ber 2008) sei Alt­pa­pier kein Ab­fall, son­dern ein re­cy­clingfähi­ger Roh­stoff, der von ihr für die Pro­duk­ti­on von Pa­pier sor­tiert wer­de. Es lie­ge we­der ei­ne Be­hand­lung noch ei­ne Ver­wer­tung von Abfällen vor. Ne­ben den Spätschicht- und Nacht­ar­beits­zu­schlägen so­wie den vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen müss­ten die vergüte­ten Pau­sen­zei­ten bei der Er­mitt­lung des für wöchent­lich 37,5 St­un­den ge­zahl­ten Ent­gelts berück­sich­tigt wer­den. Selbst wenn nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG ein Aus­gleich für Nacht­ar­beit zu zah­len sei, wäre ein Zu­schlag iHv. 10 vH oder 5 vH des St­un­den­lohns be­reits aus­rei­chend und an­ge­mes­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge nur teil­wei­se statt­ge­ge­ben und sie un­ter An­rech­nung der ge­zahl­ten Spätschicht­zu­la­gen und der vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die hier­ge­gen ge­rich­te­ten Be­ru­fun­gen der Par­tei­en zurück­ge­wie­sen und für bei­de die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen. Mit sei­ner Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­nen Zah­lungs­an­spruch in vol­lem Um­fang wei­ter. Die Be­klag­te be­gehrt mit der von ihr ein­ge­leg­ten Re­vi­si­on die vollständi­ge Kla­ge­ab­wei­sung.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­gründet, die des Klägers ist teil­wei­se be­gründet.

Der Kläger kann nach § 2 Abs. 1 TV Min­dest­lohn iVm. § 5 Nr. 1, § 7 Abs. 1 Satz 1, § 8 Abs. 1 Satz 1 AEntG für die in der Zeit von Ja­nu­ar 2010 bis ein­sch­ließlich Ju­ni 2010 vergüte­ten Ar­beits­stun­den ein Ent­gelt iHv. 8,02 Eu­ro brut­to ver­lan­gen. Die Rechts­nor­men des TV Min­dest­lohn gel­ten für das zwi-

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schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis (un­ter I). Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ha­ben die von ihr ge­leis­te­ten Zu­schläge für Nacht­ar­beit und die vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen den Min­dest­lohn­an­spruch des Klägers in den je­wei­li­gen Mo­na­ten nicht teil­wei­se erfüllt. Dem­ge­genüber ist der Vergütungs­an­spruch in den ein­zel­nen Mo­na­ten durch Zah­lung der Spätschicht­zu­schläge iHv. 104,99 Eu­ro brut­to er­lo­schen (§ 362 Abs. 1 BGB), wes­halb die Be­klag­te nur ver­pflich­tet ist, an den Kläger ins­ge­samt 1.180,96 Eu­ro brut­to zu zah­len (un­ter II).

I. Der Be­trieb der Be­klag­ten in S wird vom be­trieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des TV Min­dest­lohn er­fasst. Auf­grund der wirk­sa­men Ab­fall­ArbbV fin­det der TV Min­dest­lohn im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en An­wen­dung.


1. Die Ab­fall­ArbbV ist wirk­sam. 


a) Ein Ver­s­toß ge­gen die durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te wirt­schaft­li­che Betäti­gungs­frei­heit der Be­klag­ten (zu die­sem ein­schlägi­gen Maßstab BVerfG 16. Ju­li 2012 - 1 BvR 2983/10 - Rn. 25) liegt nicht vor.


aa) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten han­delt es sich bei der Ver­pflich­tung zur Zah­lung des Min­dest­lohns nach § 2 Abs. 1 TV Min­dest­lohn nicht um ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Son­der­ab­ga­be. Es fehlt be­reits an ei­ner Geld­leis­tungs­pflicht ge­genüber der öffent­li­chen Hand (zu den Vor­aus­set­zun­gen ausf. BVerfG 23. Ja­nu­ar 1990 - 1 BvL 44/86, 1 BvL 48/87 - zu C I 2 a der Gründe, BVerfGE 81, 156; s. auch 16. Ju­li 2012 - 1 BvR 2983/10 - Rn. 25).


bb) Glei­ches gilt für die ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den­de Ver­pflich­tung, zusätz­li­che Beiträge zur ge­setz­li­chen So­zi­al­ver­si­che­rung, die sich aus der erhöhten Zah­lungs­ver­pflich­tung er­ge­ben, zu zah­len. Es han­delt sich bei die­sen um Beiträge im so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sin­ne, die nicht zur Fi­nan­zie­rung all­ge­mei­ner Staats­auf­ga­ben ver­wen­det wer­den (vgl. da­zu BSG 25. Ja­nu­ar 2006 - B 12 KR 27/04 R - Rn. 18 mwN zur Rspr. des BVerfG).

b) Ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten in der Re­vi­si­on ver­letzt § 4 AEntG auch nicht Art. 3 Abs. 1 GG, in dem die ge­setz­li­che Re­ge­lung die Mög-


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lich­keit der zwin­gen­den An­wen­dung ta­rif­li­cher Re­ge­lun­gen nur auf be­stimm­te Bran­chen ermöglicht.

aa) Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ge­bie­tet dem Norm­ge­ber, we­sent­lich Glei­ches gleich und we­sent­lich Un­glei­ches un­gleich zu be­han­deln. Er gilt so­wohl für un­glei­che Be­las­tun­gen als auch für un­glei­che Begüns­ti­gun­gen. Der Gleich­heits­satz ist dann ver­letzt, wenn ei­ne Grup­pe von Nor­madres­sa­ten oder Norm­be­trof­fe­nen im Ver­gleich zu ei­ner an­de­ren an­ders be­han­delt wird, ob­wohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Un­ter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Ge­wicht be­ste­hen, dass sie die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung recht­fer­ti­gen können (vgl. zum Prüfungs­maßstab BVerfG 7. Mai 2013 - 2 BvR 909/06 ua. - Rn. 73 ff., BVerfGE 133, 377; 21. Ju­li 2010 - 1 BvR 611/07, 1 BvR 2464/07 - Rn. 78, BVerfGE 126, 400).


bb) Die Ent­schei­dung des Ge­setz­ge­bers, in § 4 AEntG nur be­stimm­te Bran­chen auf­zu­neh­men, kann sich auf ei­nen hin­rei­chen­den Dif­fe­ren­zie­rungs­grund stützen. Der Ge­setz­ge­ber konn­te, nach­dem (le­dig­lich) die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der in § 4 Nr. 4 bis Nr. 8 AEntG ge­nann­ten Bran­chen be­reits bis zum 31. März 2008 Anträge auf Auf­nah­me in den Re­ge­lungs­be­reich des AEntG ge­stellt hat­ten (vgl. BT-Drucks. 16/11669 S. 23), da­von aus­ge­hen, dass die dort übli­cher­wei­se durch Ta­rif­verträge ge­re­gel­ten Ar­beits­be­din­gun­gen (vgl. BT-Drucks. 16/11669 S. 23) ak­tu­ell gefähr­det sei­en (vgl. da­zu die Ge­set­zes­be­gründung BR-Drucks. 542/08 S. 13, un­ter Hin­weis auf die Erwägun­gen in BT-Drucks. 13/2414 S. 7). Das ge­setz­ge­be­ri­sche Han­deln war des­halb auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Maßstäbe des Art. 3 Abs. 1 GG möglich (eben­so für das Bau­ge­wer­be nach dem AEntG idF vom 19. De­zem­ber 1998, BGBl. I S. 3843 BAG 25. Ju­ni 2002 - 9 AZR 405/00 - zu II 5 d aa der Gründe, BA­GE 101, 357; so­wie Däubler/Lak­ies TVG 3. Aufl. An­hang 2 zu § 5 TVG Rn. 71).

c) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist die Ab­fall­ArbbV auch nicht des­halb un­wirk­sam, weil der Ver­ord­nungs­ge­ber den An­wen­dungs­be­reich des TV Min­dest­lohn in un­zulässi­ger Wei­se er­wei­tert hat. So­weit § 1 Ab­fall­ArbbV den An­wen­dungs­be­reich auf nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber er­streckt, wenn der Be­trieb oder die Be­triebs­ab­tei­lung „Abfälle im Sin­ne des § 3 Ab­satz 1
 

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Satz 1 des Kreis­lauf­wirt­schafts- und Ab­fall­ge­set­zes sam­melt, befördert, la­gert, be­sei­tigt oder ver­wer­tet“, ist die ge­setz­li­che Be­stim­mung in­halt­lich iden­tisch mit § 2 Abs. 2 TV Min­dest­lohn. Das er­gibt die Aus­le­gung des Ta­rif­ver­trags (zu den Maßstäben et­wa BAG 28. Ja­nu­ar 2009 - 4 ABR 92/07 - Rn. 26 mwN, BA­GE 129, 238).


aa) Be­die­nen sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­nes Rechts­be­griffs, der im ju­ris­ti­schen Sprach­ge­brauch ei­ne be­stimm­te Be­deu­tung hat, ist der Be­griff in sei­ner all­ge­mei­nen ju­ris­ti­schen Be­deu­tung aus­zu­le­gen, so­fern sich nicht aus dem Ta­rif­ver­trag et­was an­de­res er­gibt (BAG 22. Ju­li 2010 - 6 AZR 78/09 - Rn. 20; 17. März 2010 - 5 AZR 317/09 - Rn. 13, BA­GE 133, 337).

bb) Nach die­sen Grundsätzen ent­spricht der Be­griff „Ab­fall“ in § 1 Abs. 2 TV Min­dest­lohn dem Ab­fall­be­griff in § 3 Abs. 1 KrW-/Ab­fG (vom 27. Sep­tem­ber 1994, BGBl. I S. 2705, in Kraft bis zum 31. Mai 2012). Da­nach sind „Abfälle im Sin­ne die­ses Ge­set­zes ... al­le be­weg­li­chen Sa­chen, die un­ter die in An­hang I auf­geführ­ten Grup­pen fal­len und de­ren sich ihr Be­sit­zer ent­le­digt, ent­le­di­gen will oder ent­le­di­gen muss. Abfälle zur Ver­wer­tung sind Abfälle, die ver­wer­tet wer­den; Abfälle, die nicht ver­wer­tet wer­den, sind Abfälle zur Be­sei­ti­gung.“ An­halts­punk­te dafür, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en von die­sem langjährig un­verändert ge­setz­lich de­fi­nier­ten Ab­fall­be­griff ab­wei­chen woll­ten, sind we­der von der Be­klag­ten vor­ge­tra­gen noch er­sicht­lich.

2. Der Be­trieb der Be­klag­ten wird vom be­trieb­li­chen Gel­tungs­be­reich nach § 1 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 TV Min­dest­lohn er­fasst. Bei dem dort sor­tier­ten Alt­pa­pier han­delt es sich um Ab­fall iSd. TV Min­dest­lohn und nicht be­reits um ei­nen sog. Se­kundärroh­stoff. Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt.

a) Für die Aus­le­gung der Be­grif­fe „Abfälle“ und „ver­wer­ten“ nach § 1 Abs. 2 Satz 2 TV Min­dest­lohn sind nach den ge­nann­ten Maßstäben (oben I 1 c bb) die ein­schlägi­gen, durch das KrW-/Ab­fG näher be­stimm­ten Rechts­be­grif­fe her­an­zu­zie­hen.


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b) Bei dem von der Be­klag­ten an­ge­kauf­ten Alt­pa­pier han­delt es sich um Ab­fall iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 KrW-/Ab­fG (in der bis zum 31. Mai 2012 gel­ten­den Fas­sung).


aa) Abfälle iSd. Ge­set­zes sind al­le be­weg­li­chen Sa­chen, die un­ter die in An­hang I auf­geführ­ten Grup­pen fal­len und de­ren sich ihr Be­sit­zer ent­le­digt, ent­le­di­gen will oder ent­le­di­gen muss. Zu die­sen be­weg­li­chen Sa­chen zählen nach der Grup­pe Q14 „Pro­duk­te, die vom Be­sit­zer nicht oder nicht mehr ver­wen­det wer­den (z.B. in der Land­wirt­schaft, den Haus­hal­tun­gen, Büros, Ver­kaufs­stel­len, Werkstätten usw.)“. Die frühe­ren Be­sit­zer ha­ben ih­re Sach­herr­schaft an dem Pa­pier auf­ge­ge­ben und es ei­ner Ver­wer­tung iSd. § 3 Abs. 2 KrW-/Ab­fG iVm. dem An­hang II B zum KrW-/Ab­fG - Fall R2: Ver­wer­tung or­ga­ni­scher Stof­fe - zu­geführt. Das ist in­so­weit zwi­schen den Par­tei­en auch nicht strei­tig.

bb) Die Ab­fall­ei­gen­schaft des Alt­pa­piers war we­der schon vor der An­lie­fe­rung ent­fal­len noch wur­de sie durch die bei der Be­klag­ten vor­ge­nom­me­ne Sor­tie­rung und da­mit vor Ver­las­sen des Be­triebs­geländes be­en­det.

(1) Das En­de der Ab­fall­ei­gen­schaft ei­nes Stof­fes setzt nach § 4 Abs. 3 KrW-/Ab­fG die Be­en­di­gung des Ver­wer­tungs­ver­fah­rens bei gleich­zei­ti­ger Erfüllung der sich aus dem Ab­fall­recht er­ge­ben­den Pflich­ten des Ab­fall­be­sit­zers in Be­zug auf die Schad­lo­sig­keit der Ver­wer­tung vor­aus. Erst mit der ord­nungs­gemäßen und schad­lo­sen Ver­wer­tung des Ab­falls en­det das Re­gime des Ab­fall­rechts. Die stoff­li­che Ver­wer­tung iSd. § 4 Abs. 3 Satz 1 Fall 1 KrW-/Ab­fG durch Ge­win­nung von Se­kundärroh­stof­fen aus Abfällen und so­mit die Be­en­di­gung der Ab­fall­ei­gen­schaft ei­nes Stof­fes setzt vor­aus, dass die Ei­gen­schaf­ten der ge­won­ne­nen Stof­fe mit den Ei­gen­schaf­ten der zu sub­sti­tu­ie­ren­den Primärroh­stof­fe iden­tisch oder ver­gleich­bar sind und ein Auf­tre­ten ab­fall­ty­pi­scher Ge­fah­ren­la­gen aus­schei­det (BVerwG 19. No­vem­ber 1998 - 7 C 31/97 - zu 1 der Gründe). Dies liegt et­wa - un­ter bloßer Ände­rung der stoff­li­chen Ei­gen­schaf­ten - vor bei der Ge­win­nung von Pap­pe aus Alt­pa­pier, von Glas aus Alt­glas oder von Kup­fer aus Ka­beln (BVerwG 14. De­zem­ber 2006 - 7 C 4/06 - Rn. 21 f., 14, BVerw­GE 127, 250; s. auch 4. Sep­tem­ber 2009 - 7 B 8/09 - Rn. 9 mwN).


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(2) Da­nach han­delt es sich beim Vor­sor­tie­ren un­ter­schied­li­cher (Alt-)Pa­pier­sor­ten im Be­trieb der Be­klag­ten nicht um ein ei­genständi­ges Ver­wer­tungs-ver­fah­ren, son­dern nur um ei­nen ers­ten Teil­schritt ei­ner be­ab­sich­tig­ten wei­te­ren Ver­wer­tung - die Be­reit­stel­lung des sor­tier­ten Aus­gangs­ma­te­ri­als für den Be­trieb der L GmbH, die im Rah­men ei­nes wei­te­ren Ver­wer­tungs­pro­zes­ses das sor­tier­te Alt­pa­pier in ei­nem sog. Pul­per wei­ter be­ar­bei­tet, um die­je­ni­ge Fa­ser­stoffsus­pen­si­on zu ge­win­nen, die für die Pa­pier- und Kar­to­na­gen­pro­duk­ti­on ge­eig­net ist. Je­den­falls bei der Be­klag­ten ist der Ver­wer­tungs­vor­gang noch nicht ab­ge­schlos­sen. Des­halb hat die Ab­fall­ei­gen­schaft des Alt­pa­piers noch nicht ge­en­det. Dem ent­spricht auch die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH 19. Ju­ni 2003 - C-444/00 - [May­er Par­ry Re­cy­cling] Rn. 84, Slg. 2003, I-6163; so­wie 11. No­vem­ber 2004 - C-457/02 - [An­to­nio Nis­el­li] Rn. 52, Slg. 2004, I-10853; 18. De­zem­ber 1997 - C-129/96 - [In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie] Rn. 34, Slg. 1997, I-7411 zur RL 91/156/EG).

(3) Dass die Be­klag­te das Alt­pa­pier am Markt er­wirbt, ist für des­sen Ab­fall­ei­gen­schaft oh­ne Be­deu­tung. Auch die Ver­wer­tung von Abfällen ist Teil des Wirt­schafts­ge­sche­hens (vgl. EuGH Ur­teil vom 25. Ju­ni 1997 - C-304/94 - [Tom­be­si] Rn. 54, Slg. 1997, I-3561). So­wohl das eu­ropäische als auch das deut­sche Ab­fall­recht wol­len im In­ter­es­se der Scho­nung der natürli­chen Res­sour­cen die Ge­win­nung von se­kundären Roh­stof­fen oder von En­er­gie aus dafür ge­eig­ne­ten Abfällen befördern. Um dies si­cher­zu­stel­len, soll der be­tref­fen­de Stoff so lan­ge den spe­zi­fi­schen An­for­de­run­gen des Ab­fall­rechts un­ter­lie­gen, bis der Ver­wer­tungs­er­folg ein­ge­tre­ten ist. Ob auf dem Weg zu dem Ver­wer­tungs­er­folg Veräußerungs­geschäfte statt­fin­den, ist grundsätz­lich oh­ne Be­lang (BVerwG 19. No­vem­ber 1998 - 7 C 31/97 - zu 1 der Gründe). Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten kann aus Art. 6 Abs. 1 Richt­li­nie 2008/98/EG (vom 19. No­vem­ber 2008, ABl. EG L 312 vom 22. No­vem­ber 2008 S. 3) nicht ge­fol­gert wer­den, dass „wie­der­wert­ba­re Stof­fe nicht als Ab­fall gel­ten dürfen“. Die Be­klag­te über­sieht, dass schon nach dem Wort­laut der Be­stim­mung das Durch­lau­fen ei­nes Ver­wer­tungs­ver­fah­rens er­for­der­lich ist und wei­te­re spe­zi­fi­sche Kri­te­ri­en zu erfüllen sind.


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II. Den Min­des­tent­gelt­an­spruch auf Grund­la­ge ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den hat die Be­klag­te in den ein­zel­nen Mo­na­ten von Ja­nu­ar 2010 bis Ju­li 2010, die nach der Fällig­keits­re­ge­lung in § 2 Abs. 2 TV Min­dest­lohn je­weils maßge­bend sind, nicht in vol­lem Um­fang erfüllt.

1. Die Vor­in­stan­zen sind zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass der An­spruch des Klägers auf ei­ne Vergütung mit ei­nem Min­dest­lohn iHv. 8,02 Eu­ro brut­to gemäß § 2 Abs. 1 TV Min­dest­lohn nicht nur im Um­fang der von der Be­klag­ten an­ge­nom­me­nen Ar­beits­leis­tung von 37,5 St­un­den be­steht, son­dern auf­grund des bei ihr be­ste­hen­den Schicht­sys­tems und der Vergütung von wei­te­ren 2,5 St­un­den als „be­zahl­te Pau­sen“ im Um­fang der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten 40 St­un­den. Des­halb kommt ei­ne Um­rech­nung der auf Ba­sis von wöchent­lich 40 St­un­den ge­leis­te­ten Vergütung auf ei­nen Min­dest­lohn­an­spruch iHv. le­dig­lich 37,5 St­un­den in der Wo­che - wie es die Be­klag­te gel­tend macht - nicht in Be­tracht.

So­weit die Be­klag­te die Ar­beits­leis­tung des Klägers ent­ge­gen der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung im Um­fang von 2,5 St­un­den nicht an­ge­nom­men hat, be­fand sie sich ent­we­der - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­geführt hat - im An­nah­me­ver­zug (§ 615 BGB) oder - was nach dem Vor­brin­gen des Klägers näher liegt - die tatsächli­che Durchführung des Ar­beits­ver­trags ist da­hin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass die be­zahl­ten Pau­sen als Be­stand­teil der Ar­beits­zeit zu vergüten war (vgl. da­zu et­wa BAG 24. No­vem­ber 1999 - 4 AZR 479/98 - zu I 3 der Gründe, BA­GE 93, 26; s. auch 24. Mai 2007 - 6 AZR 706/06 - Rn. 20, BA­GE 122, 371; 23. Ja­nu­ar 2001 - 9 AZR 4/00 - zu II 3 c bb (3) der Gründe).

2. Die von der Be­klag­ten in den Mo­na­ten Ja­nu­ar 2010 bis Ju­li 2010 ge­leis­te­ten Spätschicht­zu­schläge ha­ben den Min­dest­lohn­an­spruch des Klägers erfüllt (un­ter a). Die wei­te­ren Zah­lun­gen für Nacht­ar­beit (un­ter b) so­wie die vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen (un­ter c) ha­ben ihn hin­ge­gen nicht zum Erlöschen ge­bracht (§ 362 Abs. 1 BGB).

a) Die ge­zahl­ten Spätschicht­zu­schläge iHv. 5 vH zum ver­ein­bar­ten St­un­den­ent­gelt sind auf den An­spruch des Klägers nach dem TV Min­dest­lohn an­zu-


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rech­nen, so­dass sich der gel­tend ge­mach­te An­spruch um 104,99 Eu­ro brut­to ver­rin­gert. Der Ent­gelt­an­spruch nach dem TV Min­dest­lohn ist in die­ser Höhe erfüllt.


aa) Bei der An­rech­nung von Leis­tun­gen auf ta­rif­lich be­gründe­te For­de­run­gen ist dar­auf ab­zu­stel­len, ob die vom Ar­beit­ge­ber er­brach­te Leis­tung ih­rem Zweck nach die­je­ni­ge Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers ent­gel­ten soll, die mit der ta­rif­lich be­gründe­ten Zah­lung zu vergüten ist. Da­her ist dem er­kenn­ba­ren Zweck des ta­rif­li­chen Min­dest­lohns, den der Ar­beit­neh­mer als un­mit­tel­ba­re Leis­tung für die ver­rich­te­te Tätig­keit be­gehrt, der zu er­mit­teln­de Zweck der je­wei­li­gen Leis­tung des Ar­beit­ge­bers, die die­ser auf­grund an­de­rer (in­di­vi­du­al-oder kol­lek­tiv­recht­li­cher) Re­ge­lun­gen er­bracht hat, ge­genüber­zu­stel­len. Be­steht da­nach - ähn­lich wie bei ei­nem Güns­tig­keits­ver­gleich mit Sach­grup­pen­bil­dung nach § 4 Abs. 3 TVG - ei­ne funk­tio­na­le Gleich­wer­tig­keit der zu ver­glei­chen­den Leis­tun­gen (vgl. da­zu et­wa BAG 30. März 2004 - 1 AZR 85/03 - zu II 4 b bb der Gründe; 27. Ja­nu­ar 2004 - 1 AZR 148/03 - zu II 2 b aa der Gründe, BA­GE 109, 244: „funk­tio­nal äqui­va­lent“), ist die er­brach­te Leis­tung auf den zu erfüllen­den An­spruch an­zu­rech­nen (ausf. BAG 18. April 2012 - 4 AZR 139/10 - Rn. 28, BA­GE 141, 163).


Zur Be­ur­tei­lung der „funk­tio­na­len Gleich­wer­tig­keit“ ist es er­for­der­lich, die „Funk­ti­on“ zu be­stim­men, die die rea­le Leis­tung des Ar­beit­ge­bers hat, um so­dann fest­zu­stel­len, ob sie sich auf die­je­ni­ge vom Ar­beit­neh­mer ge­leis­te­te oder zu leis­ten­de Ar­beit be­zieht, die nach dem durch ei­ne Rechts­ver­ord­nung ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag mit dem Min­dest­lohn ab­ge­gol­ten sein soll. Für die­se Be­stim­mung der Funk­ti­on ist je­den­falls dann der sub­jek­ti­ve Wil­le des Ar­beit­ge­bers nicht ent­schei­dend, wenn die Leis­tung nach ei­ner an an­de­rer Stel­le als in dem durch Rechts­ver­ord­nung ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag ge­trof­fe­nen Re­ge­lung er­folgt und sich ih­re Funk­ti­on aus die­ser Re­ge­lung er­gibt. So­weit die vom Ar­beit­ge­ber da­nach an­ge­wand­te Re­ge­lung et­wa die Ar­beits­leis­tung als be­son­ders schwie­rig oder als un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen ge­leis­tet an­sieht und hierfür ei­nen in den Ent­gel­tab­rech­nun­gen ge­son­dert aus­ge­wie­se­nen „Zu­schlag“ an den Ar­beit­neh­mer zahlt, ist die­ser gleich­wohl auf den Min­des­tent­gelt­an­spruch


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an­zu­rech­nen, wenn der be­tref­fen­de Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trag die­se Tätig­keit gra­de nicht als zu­schlags­pflich­tig an­sieht, son­dern sie als im Rah­men der mit dem Grun­dent­gelt ab­zu­gel­ten­den „Nor­maltätig­keit“ be­wer­tet (BAG 18. April 2012 - 4 AZR 168/10 (A) - Rn. 20, BA­GE 141, 173; - 4 AZR 139/10 - Rn. 31, BA­GE 141, 163).


Ei­ne Erfüllungs­wir­kung al­ler von der Be­klag­ten ge­leis­te­ten Zah­lun­gen er­gibt sich des­halb nicht be­reits aus dem Um­stand, dass es sich um ge­zahl­tes Ent­gelt han­delt. Die Be­klag­te kann sich für ih­re Rechts­auf­fas­sung ins­be­son­de­re nicht auf die Ent­schei­dung des Fünf­ten Se­nats vom 23. März 2011 (BAG - 5 AZR 7/10 - Rn. 33, BA­GE 137, 249) stützen. Das Ur­teil han­delt von der Gewährung der „we­sent­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen“ gemäß § 10 Abs. 4, § 9 Nr. 2 AÜG während der Dau­er ei­ner Ar­beit­neh­merüber­las­sung. Nur für die­se Fall­ge­stal­tung, nicht aber für die Leis­tung von „Min­des­tent­geltsätzen“ iSd. § 5 Nr. 1 AEntG hat der Fünf­te Se­nat auf ei­nen Ge­samt­ver­gleich al­ler Ent­gel­te im Über­las­sungs­zeit­raum ab­ge­stellt.

bb) Die von der Be­klag­ten ge­zahl­ten Spätschicht­zu­schläge ha­ben den Ent­gelt­an­spruch nach dem TV Min­dest­lohn in Höhe von 104,99 Eu­ro erfüllt.

(1) Der nach dem TV Min­dest­lohn ge­re­gel­te Min­dest­lohn er­fasst je­de Tätig­keit in der Ab­fall­wirt­schaft und zwar un­abhängig da­von, ob die Ar­beits­leis­tung un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen ei­ner Spätschicht (da­zu et­wa BAG 24. März 2010 - 10 AZR 58/09 - Rn. 32 mwN, BA­GE 134, 34; zur Zah­lung ei­ner Wec­sel­schicht­zu­la­ge we­gen der er­heb­li­chen Ein­wir­kung auf den Le­bens­rhyth­mus vgl. 24. Sep­tem­ber 2008 - 10 AZR 770/07 - Rn. 39 mwN, BA­GE 128, 42) er­bracht wird oder nicht. Der von der Be­klag­ten ge­zahl­te Spätschicht­zu­schlag vergütet ne­ben dem ver­trag­li­chen St­un­den­lohn iHv. 6,73 Eu­ro brut­to die Ar­beits­be­din­gun­gen des Klägers, die nach dem TV Min­dest­lohn al­lein ei­nen An­spruch von 8,02 Eu­ro brut­to für die dort ge­re­gel­te „Nor­maltätig­keit“ be­gründen würden (vgl. auch BAG 18. April 2012 - 4 AZR 139/10 - Rn. 32, BA­GE 141, 163 für ei­ne Ver­kehrs­mit­tel­zu­la­ge).


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(2) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers folgt aus § 2 Abs. 3 TV Min­dest­lohn kein an­de­res Er­geb­nis.

(a) Bei die­ser Be­stim­mung han­delt es sich um ei­ne ei­ge­ne ta­rif­li­che Kol­li­si­ons­re­ge­lung, die der Auflösung even­tu­el­ler An­spruchs­kon­kur­ren­zen dient (da­zu BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 4 AZR 782/10 - Rn. 33). Da­nach blei­ben so­wohl güns­ti­ge­re ta­rif­li­che als auch - na­ment­lich im Hin­blick auf § 77 Abs. 3 Be­trVG - be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen „un­berührt“. Für güns­ti­ge­re ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen wird das so­wie­so an­wend­ba­re Güns­tig­keits­prin­zip des § 4 Abs. 3 TVG im Ta­rif­ver­trag fest­ge­hal­ten (vgl. BAG 17. April 2013 - 4 AZR 592/11 - Rn. 14).

(b) Da­nach ist es zwar zu­tref­fend, wenn der Kläger ausführt, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des TV Min­dest­lohn hätten „die Re­ge­lung ... von be­son­de­ren Er­schwer­nis­sen an­de­ren Re­gel­wer­ken ... über­las­sen“. Sei­ne wei­te­re Schluss­fol­ge­rung, da­mit sei­en et­wai­ge Er­schwer­nis­se nicht mit der „St­un­den­lohn­vergütung als ab­ge­gol­ten“ an­zu­se­hen, wird von § 2 Abs. 3 iVm. Abs. 1 TV Min­dest­lohn aber nicht ge­tra­gen. Ent­spre­chend sei­nem Re­ge­lungs­wil­len be­stimmt der TV Min­dest­lohn als Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trag den Min­dest­lohn „je St­un­de“ un­abhängig von den kon­kre­ten Ar­beits­be­din­gun­gen oder „Er­schwe­run­gen“. Ihm kann nach Wort­laut und Sys­te­ma­tik nicht ent­nom­men wer­den, ein­zel­ne Vergütungs­be­stand­tei­le, die auf­grund „an­de­rer Ta­rif­verträge, be­trieb­li­cher oder ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­run­gen“ zu zah­len sind, sei­en bei der Be­stim­mung des „höhe­ren Ent­gelt­an­spruchs“ - in An­wen­dung des TV Min­dest­lohn ei­ner­seits und nach den an­de­ren ge­nann­ten Rechts­grund­la­gen an­de­rer­seits - nicht zu berück­sich­ti­gen.

(3) Ei­ner An­re­chen­bar­keit der Spätschicht­zu­la­gen auf den Min­dest­lohn­an­spruch steht Art. 3 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. c Richt­li­nie 96/71/EG nicht ent­ge­gen.


(a) Nach der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on in Sa­chen „Is­bir“ (7. No­vem­ber 2013 - C-522/12 - Rn. 36 ff., ABl. EU 2014 Nr. C 9, 14; un­ter Hin­weis auf 14. April 2005 - C-341/02 - [Kom­mis­si­on/Deutsch­land] Rn. 39, Slg. 2005, I-2733) gibt die Richt­li­nie 96/71 selbst kei­nen An­halts­punkt

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für ei­ne in­halt­li­che De­fi­ni­ti­on des Min­dest­lohns. Viel­mehr ist im Recht des be­tref­fen­den Mit­glieds­staa­tes fest­zu­le­gen, aus wel­chen Be­stand­tei­len sich der Min­dest­lohn zu­sam­men­setzt. Die „Zu­la­gen und Zu­schläge, die durch die na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Prak­ti­ken des Mit­glied­staats, in des­sen Ho­heits­ge­biet der Ar­beit­neh­mer ent­sandt wird, nicht als Be­stand­tei­le des Min­dest­lohns de­fi­niert wer­den und die das Verhält­nis zwi­schen der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers auf der ei­nen und der ihm er­brach­ten Ge­gen­leis­tung auf der an­de­ren Sei­te verändern“, können „nicht auf­grund der Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 96/71 als der­ar­ti­ge Be­stand­tei­le be­trach­tet wer­den“ (7. No­vem­ber 2013 - C-522/12 - [Is­bir] Rn. 38, aaO).

(b) In An­wen­dung die­ser Grundsätze kann nach den Rechts­vor­schrif­ten und Prak­ti­ken der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dem TV Min­dest­lohn nicht ent­nom­men wer­den, dass Zu­schläge für Spätschich­ten „nicht als Be­stand­teil des Min­dest­lohns de­fi­niert“ wor­den sind. Die Vergütung für ei­ne Ar­beits­leis­tung un­ter den zeit­li­chen Be­din­gun­gen ei­ner Spätschicht wur­de nach dem TV Min­dest­lohn nicht ei­ner se­pa­ra­ten Re­ge­lung vor­be­hal­ten. Der ta­rif­li­che Min­dest­lohn ist „je St­un­de“ fest­ge­legt und un­abhängig von der zeit­li­chen La­ge so­wie von den da­mit ver­bun­de­nen Be­din­gun­gen, un­ter de­nen die Ar­beits­leis­tun­gen zu er­brin­gen sind. Nach den Ge­pflo­gen­hei­ten des na­tio­na­len Ta­rif­rechts be­stand für die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des TV Min­dest­lohn - grundsätz­lich und vor­be­halt­lich an­ders­lau­ten­der ge­setz­li­cher oder ta­rif­li­cher Re­ge­lun­gen - kein Er­for­der­nis, aus­drück­lich fest­zu­le­gen, dass die­se Ent­gelt­re­ge­lung auch Ar­beits­leis­tun­gen zu be­stimm­ten Ta­ges­zei­ten oder un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen er­fasst, wenn - wie hier - ein Min­dest­lohn je Ar­beits­stun­de ver­ein­bart ist.

b) Der Min­dest­lohn­an­spruch des Klägers ist nicht durch die von der Be­klag­ten ge­leis­te­ten Nacht­ar­beits­zu­schläge er­lo­schen.

aa) Dem Kläger wur­de für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit ein Zu­schlag iHv. 25 vH des ver­ein­bar­ten St­un­den­lohns ge­zahlt. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob der Zu­schlag auf Grund­la­ge der vom Kläger an­geführ­ten BV 1999 - de­ren wei­te­re Gel­tung nach dem Über­gang des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers auf die Be­klag­te und der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten „Ein­glie­de­rung in den Be­trieb


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der Be­klag­ten“ vom Kläger nicht näher dar­ge­legt wur­de (da­zu BAG 18. Sep­tem­ber 2002 - 1 ABR 54/01 - zu III 2 a bb der Gründe, BA­GE 102, 356; 19. Ju­li 1957 - 1 AZR 420/54 - zu 2 der Gründe, BA­GE 4, 232; für ei­ne be­trieb­li­che Vergütungs­ord­nung 14. Au­gust 2013 - 7 ABR 56/11 - Rn. 26), ei­ner be­trieb­li­chen Übung, wie es das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat, oder in Erfüllung der ge­setz­li­chen Ver­pflich­tung nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG ge­leis­tet wor­den ist. Da ei­ne ta­rif­li­che Aus­gleichs­re­ge­lung für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit iSd. § 6 Abs. 5 Arb­ZG für das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht be­stand (zur vor­ran­gi­gen Aus­ge­stal­tung durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en BAG 18. Mai 2011 - 10 AZR 369/10 - Rn. 18; 26. April 2005 - 1 ABR 1/04 - zu B II 2 a bb (1) (a) (aa) der Gründe, BA­GE 114, 272), war die Be­klag­te nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG ver­pflich­tet, „ei­ne an­ge­mes­se­ne Zahl be­zahl­ter frei­er Ta­ge oder ei­nen an­ge­mes­se­nen Zu­schlag auf das“ dem Kläger zu­ste­hen­de Brut­to­ar­beits­ent­gelt zu gewähren. Die­ser ge­setz­li­chen Ver­pflich­tung ist sie durch die Leis­tung der Nacht­ar­beits­zu­schläge als von ihr gewähl­ter Schuld­ner­leis­tung (BAG 5. Sep­tem­ber 2002 - 9 AZR 202/01 - zu A II 1 der Gründe, BA­GE 102, 309) nach­ge­kom­men. In­dem sie das ihr nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG zu­ste­hen­de Er­mes­sen für den Zeit­raum von Ja­nu­ar 2010 bis ein­sch­ließlich Ju­ni 2010 aus­geübt hat, hat sie je­den­falls selbst den In­halt des (ge­setz­li­chen) Wahl­schuld­verhält­nis­ses kon­kre­ti­siert.

bb) Auch nach den Be­stim­mun­gen des TV Min­dest­lohn hätte die Be­klag­te über den dort in § 2 Abs. 1 ge­re­gel­ten Min­dest­lohn hin­aus nach dem In­halt des von ihr kon­kre­ti­sier­ten Wahl­schuld­verhält­nis­ses ei­nen Zu­schlag für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit im Rah­men ih­rer Aus­gleichs­pflicht nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG zu leis­ten ge­habt. Der Ent­gelt­be­stim­mung in § 2 Abs. 1 TV Min­dest­lohn kann - an­ders als für ei­ne Ar­beits­leis­tung un­ter den Be­din­gun­gen ei­ner Spätschicht (oben II 2 a bb) - nicht ent­nom­men wer­den, dass mit dem ta­rif­li­chen Min­dest­lohn von 8,02 Eu­ro zu­gleich ein Aus­gleich iSd. § 6 Abs. 5 Arb­ZG für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit ge­re­gelt ist.


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(1) § 6 Abs. 5 Arb­ZG überlässt die Aus­ge­stal­tung des Aus­gleichs für Nacht­ar­beit we­gen der größeren Sachnähe den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und schafft nur sub­si­diär ei­nen ge­setz­li­chen An­spruch. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind grundsätz­lich frei dar­in, wie sie den Aus­gleich re­geln. Um den ge­setz­li­chen An­spruch nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG zu er­set­zen, muss die ta­rif­li­che Re­ge­lung ei­ne Kom­pen­sa­ti­on für die mit der Nacht­ar­beit ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen vor­se­hen. Dies folgt aus dem Wort­sinn des Be­griffs „Aus­gleichs­re­ge­lung“. Es ent­spricht auch dem Sinn und Zweck des dem Ge­sund­heits­schutz die­nen­den § 6 Abs. 5 Arb­ZG. Der ta­rif­li­che Aus­gleich braucht zwar nicht nur aus­drück­lich er­fol­gen, son­dern kann auch still­schwei­gend ge­re­gelt sein. Ei­ne still­schwei­gen­de Aus­gleichs­re­ge­lung kann den all­ge­mei­nen ta­rif­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen aber nur ent­nom­men wer­den, wenn ent­we­der der Ta­rif­ver­trag selbst ent­spre­chen­de Hin­wei­se enthält oder sich aus Be­son­der­hei­ten des Gel­tungs­be­reichs An­halts­punk­te er­ge­ben (BAG 18. Mai 2011 - 10 AZR 369/10 - Rn. 18 mwN).

(2) Der TV Min­dest­lohn enthält kei­ne aus­drück­li­che Aus­gleichs­re­ge­lung für die Nacht­ar­beit. Ihm sind auch kei­ne wei­te­ren Hin­wei­se zu ent­neh­men, dass die Be­las­tun­gen durch Nacht­ar­beit in der Ab­fall­wirt­schaft bei der Be­mes­sung des ta­rif­li­chen Min­dest­lohns - still­schwei­gend - berück­sich­tigt wor­den sind. Bei Tätig­kei­ten im Rah­men der „Bran­che Ab­fall­wirt­schaft“ (§ 1 Abs. 2 TV Min­dest­lohn) fehlt es an An­halts­punk­ten, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der Ab­fall­wirt­schaft hätten die­se Be­las­tun­gen be­reits mit dem Grund­lohn er­fasst. Al­lein der Um­stand, dass in die­ser Bran­che auch Nacht­ar­beit ge­leis­tet wird, reicht für ei­ne sol­che An­nah­me nicht aus (vgl. nur BAG 18. Mai 2011 - 10 AZR 369/10 - Rn. 18; 26. Au­gust 1997 - 1 ABR 16/97 - zu B II 1 b aa der Gründe, BA­GE 86, 249).

(3) Da die Leis­tung von Nacht­ar­beits­zu­schlägen nach den na­tio­na­len Be­stim­mun­gen des TV Min­dest­lohn „nicht als Be­stand­teil des Min­dest­lohns de­fi­niert“ wur­de (da­zu oben II 2 a bb (3) (a)), können sie, weil der Ar­beit­neh­mer „auf Ver­lan­gen des Ar­beit­ge­bers ... Ar­beits­stun­den un­ter be­son­de­ren Be­din­gun­gen leis­tet“ auch nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on bei der Be­stim­mung des Min­dest­lohns iSd. Richt­li­nie 96/71 un­be-

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rück­sich­tigt blei­ben (7. No­vem­ber 2013 - C-522/12 - [Is­bir] Rn. 39, ABl. EU 2014 Nr. C 9, 14).

cc) Die­sen in der Ver­gan­gen­heit als Nacht­zu­schlag iHv. 25 vH ge­leis­te­ten Zah­lun­gen kann die Be­klag­te auf Grund­la­ge von Nr. 5 Satz 3 des Ar­beits­ver­trags nicht rück­wir­kend ei­ne teil­wei­se an­de­re Til­gungs­be­stim­mung nach § 366 Abs. 1 BGB zu­ord­nen.

(1) Der in Nr. 5 Satz 3 des Ar­beits­ver­trags ent­hal­te­ne Frei­wil­lig­keits- und Wi­der­rufs­vor­be­halt, der als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung der In­halts­kon­trol­le der §§ 305 ff. BGB un­terfällt, ist be­reits we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB un­wirk­sam und kann auch nicht hin­sicht­lich ei­nes der bei­den Tei­le auf­recht er­hal­ten wer­den (BAG 14. Sep­tem­ber 2011 - 10 AZR 526/10 - Rn. 24 f., BA­GE 139, 156).

(2) Ob der in Nr. 5 Satz 3 des Ar­beits­ver­trags gleich­falls ent­hal­te­ne An­rech­nungs­vor­be­halt (zur Teil­bar­keit ei­ner Klau­sel in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen BAG 19. April 2012 - 6 AZR 691/10 - Rn. 33, BA­GE 141, 207) über­haupt ei­nen durch Ausübung des Wahl­rechts kon­kre­ti­sier­ten ge­setz­lich ge­re­gel­ten Zu­schlag (da­zu BAG 18. Mai 2011 - 10 AZR 369/10 - Rn. 15) nach § 6 Abs. 5 Arb­ZG für ge­leis­te­te Nacht­ar­beit er­fasst und die be­reits in der Ver­gan­gen­heit ge­leis­te­ten Nacht­ar­beits­zu­schläge auf den höhe­ren Ent­gelt­an­spruch nach dem TV Min­dest­lohn we­nigs­tens teil­wei­se an­ge­rech­net wer­den können (zum ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Vor­be­halt hin­sicht­lich der Til­gungs­be­stim­mung bei über­ta­rif­li­chen Zu­la­gen BAG 27. Au­gust 2008 - 5 AZR 821/07 - Rn. 12, 18, 22 ff. mwN), muss der Se­nat nicht ent­schei­den.

Selbst wenn man zu­guns­ten der Be­klag­ten da­von aus­geht, sie wol­le mit ih­rem Vor­brin­gen, ein Zu­schlag iHv. 10 vH oder 5 vH sei an­ge­mes­sen iSd. § 6 Abs. 5 Arb­ZG, ei­ne rück­wir­ken­de teil­wei­se An­rech­nung der be­reits ge­leis­te­ten Nacht­ar­beits­zu­schläge gel­tend ma­chen, hat sie schon nicht dar­ge­tan, dass ei­ne Zu­schlags­re­ge­lung in die­ser - ge­rin­ge­ren - Höhe „an­ge­mes­sen“ ist. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts gilt ein Zu­schlag iHv. 25 vH re­gelmäßig als an­ge­mes­sen (BAG 11. Fe­bru­ar 2009 - 5 AZR 148/08 -
 

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Rn. 19; 1. Fe­bru­ar 2006 - 5 AZR 422/04 - Rn. 21; 27. Mai 2003 - 9 AZR 180/02 - zu I 4 b aa der Gründe). Umstände, die es recht­fer­ti­gen, hier­von ab­zu­wei­chen und ei­nen ge­rin­ge­ren Zu­schlag als an­ge­mes­sen an­zu­se­hen (et­wa bei Ar­beits­be­reit­schafts­zei­ten BAG 18. Mai 2011 - 10 AZR 369/10 - Rn. 25; oder wenn der vom Ge­setz­ge­ber mit dem Zu­schlag ver­folg­te Zweck, im In­ter­es­se der Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers Nacht­ar­beit zu ver­teu­ern, nicht zum Tra­gen kommt BAG 11. Fe­bru­ar 2009 - 5 AZR 148/08 - Rn. 12; 31. Au­gust 2005 - 5 AZR 545/04 - zu I 4 a der Gründe, BA­GE 115, 372), hat die Be­klag­te we­der vor­ge­tra­gen noch sind sol­che im Ent­schei­dungs­fall er­sicht­lich.


c) Der Min­dest­lohn­an­spruch des Klägers ist nicht durch die in den Mo­na­ten Ja­nu­ar 2010 bis ein­sch­ließlich Ju­li 2010 ge­zahl­ten vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen erfüllt wor­den.


aa) Vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen die­nen we­sent­lich an­de­ren Zwe­cken als der un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­leis­tung für die vom Ar­beit­neh­mer ge­leis­te­te Ar­beit. Sie sind so­wohl nach der Kon­zep­ti­on des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers als auch nach dem Wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur lang­fris­ti­gen Vermögens­bil­dung in Ar­beit­neh­mer­hand vor­ge­se­hen und ver­fol­gen ge­ra­de im Hin­blick auf die staat­li­che Förde­rung kon­kre­te so­zi­al­po­li­ti­sche Zwe­cke. Trotz re­gelmäßiger mo­nat­li­cher Zah­lung sind sie nicht da­zu be­stimmt, un­mit­tel­bar dem Be­strei­ten des Le­bens­un­ter­halts des Ar­beit­neh­mers zu die­nen. Sie ste­hen ihm grundsätz­lich nicht zur frei­en Verfügung, son­dern sind zwin­gend lang­fris­tig an­zu­le­gen. Da­bei gel­ten je nach An­la­ge­art un­ter­schied­li­che Sperr­fris­ten, et­wa sie­ben Jah­re bei Spar­verträgen über Wert­pa­pie­re oder an­de­re Vermögens­be­tei­li­gun­gen (§ 4 Abs. 2, § 8 Abs. 2 Fünf­tes VermBG) und sechs Jah­re beim Wert­pa­pier-Kauf­ver­trag (§ 5 Abs. 2 Fünf­tes VermBG) und beim Be­tei­li­gungs­ver­trag oder dem Be­tei­li­gungs-Kauf­ver­trag mit dem Ar­beit­ge­ber (§ 6 Abs. 3, § 7 Abs. 3 Fünf­tes VermBG). Die vermögens­wirk­sa­men Leis­tun­gen sind da­nach un­ter na­tio­nal­recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten nicht „funk­tio­nal gleich­wer­tig“ mit dem vom Ar­beit­ge­ber zu ent­rich­ten­den Min­dest­lohn (BAG 18. April 2012 - 4 AZR 168/10 (A) - Rn. 34, BA­GE 141, 173). Nach dem Recht der Eu­ropäischen Uni­on er­gibt sich


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kein an­de­res Er­geb­nis (EuGH 7. No­vem­ber 2013 - C-522/12 - [Is­bir] - Rn. 43 f., ABl. EU 2014 Nr. C 9, 14).

bb) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist ei­ne mögli­che Kündi­gung des der je­wei­li­gen An­la­ge­form zu­grun­de­lie­gen­den Ver­trags­verhält­nis­ses - hier der vom Kläger ge­schlos­se­ne Bau­spar­ver­trag - für ei­ne An­re­chen­bar­keit oh­ne Be­deu­tung. Die von der Be­klag­ten selbst für den Kläger nach § 2 Abs. 1 Ein­lei­tungs­satz Fünf­tes VermBG an­ge­leg­ten Geld­leis­tun­gen sind nach ih­rer Zweck­be­stim­mung ge­ra­de nicht da­zu be­stimmt, den lau­fen­den Le­bens­un­ter­halt zu be­strei­ten, son­dern die­nen der Vermögens­bil­dung des Ar­beit­neh­mers (§ 1 Abs. 1 Fünf­tes VermBG).

Darüber hin­aus ist der Kläger aus kei­nem Rechts­grund ge­hal­ten, die zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te Zweck­be­stim­mung der von der Be­klag­ten ge­leis­te­ten vermögen­wirk­sa­men Leis­tun­gen zu ih­ren Guns­ten ab­zuändern, um - wie die­se meint - ei­ne An­re­chen­bar­keit her­bei­zuführen.

3. Der Zins­an­spruch folgt aus § 288 Abs. 1, § 291 BGB. 


III. Die Kos­tent­schei­dung er­gibt sich in An­wen­dung von § 97 Abs. 1, § 92 Abs. 1 ZPO.

Ey­lert 

Creutz­feldt 

Tre­ber

Kie­fer 

Va­le­rie Hols­bo­er

 

 

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

4 AZR 802/11
25 Sa 131/11 und 151/11
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg


BESCHLUSS

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­vi­si­onskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter, Be­ru­fungskläger, Re­vi­si­ons­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts am 8. Ju­li 2014 durch den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Creutz­feldt als Vor­sit­zen­den, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Tre­ber und die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Rinck so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kie­fer und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Hols­bo­er be­schlos­sen:

Das am 16. April 2014 verkünde­te Ur­teil wird nach § 319 Abs. 1 ZPO un­ter 2., letz­ter Ab­satz, ins­ge­samt wie folgt be­rich­tigt:


„Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt an den Kläger wei­te­re 239,28 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29. Au­gust 2010 zu zah­len.“


Creutz­feldt 

Rinck 

Tre­ber 

Kie­fer 

Va­le­rie Hols­bo­er

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