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LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 09.05.2017, 7 Sa 560/16

   
Schlagworte: Ausschlussfrist, Kündigungsschutzprozess, Mindestlohn
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Nürnberg
Aktenzeichen: 7 Sa 560/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 09.05.2017
   
Leitsätze: 1. Nimmt eine Ausschlussfrist Ansprüche wegen des gesetzlichen Mindestlohns nicht aus, führt dies nicht zur Unwirksamkeit der gesamten Ausschlussfrist. Die Ausschlussfrist ist vielmehr nur insoweit unbeachtlich, als Ansprüche auf Mindestlohn tangiert sind.
2. Auf Überstunden ist die Regelung des § 2 Absatz 2 MiLoG analog anzuwenden.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 09.02.2017, 11 Ca 340/16
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.06.2018, 5 AZR 262/17
   

LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT NÜRN­BERG

7 Sa 560/16
11 Ca 340/16
(Ar­beits­ge­richt Nürn­berg)

 

Da­tum: 09.05.2017

Rechts­vor­schrif­ten: §§ 3, 2 Ab­satz 2 Mi­LoG

 

Ur­teil:


1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 06.10.2016 und ge­gen das Schlus­s­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 09.02.2017 wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten um Über­stun­den und Ur­laubs­ab­gel­tung.

Der Kläger war vom 01.01.2014 bis 31.07.2015 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Die mo­nat­li­che Vergütung be­trug zu­letzt 4.361,00 € brut­to.

 

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Dem Ar­beits­verhält­nis lag ein schrift­li­cher Ar­beits­ver­trag zu­grun­de. Nach des­sen § 5 hat­te der Kläger ei­nen Ur­laubs­an­spruch von 28 Ta­gen im Jahr.

§ 10 des Ar­beits­ver­trags lau­tet:

Ansprüche bei­der Par­tei­en aus dem Ar­beits­verhält­nis ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb von drei Mo­na­ten ab Fällig­keit schrift­lich ge­genüber der Ge­gen­sei­te gel­tend ge­macht wer­den. Ent­schei­dend ist der Zu­gang des Schrei­bens.

Nach Ab­lauf der Frist kann der An­spruch nicht mehr gel­tend ge­macht wer­den.

Lehnt die Ge­gen­sei­te den An­spruch ab oder äußert sie sich nicht in­ner­halb von zwei Wo­chen ab Zu­gang der Gel­tend­ma­chung, so ist der An­spruch in­ner­halb von wei­te­ren drei Mo­na­ten ab Zu­gang der Ab­leh­nung bzw. Ab­lauf der Zwei­wo­chen­frist bei Ge­richt anhängig zu ma­chen. An­de­ren­falls ist der An­spruch ver­fal­len und kann nicht mehr gel­tend ge­macht wer­den.

Mit Schrei­ben vom 14.09.2015 (Bl. 55 d.A.) mach­te der Kläger ge­genüber dem Be­klag­ten gel­tend, es sei­en 4 Ur­laubs­ta­ge aus 2014 und 28 Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2015 mit ei­nem Be­trag von ins­ge­samt 6.387,52 € ab­zu­gel­ten.
Fer­ner for­der­te er 4.671,88 € brut­to als Ab­gel­tung von 182,25 Über­stun­den.

Der Be­klag­te wand­te mit Schrei­ben sei­nes Pro­zess­ver­tre­ters vom 28.09.2015 (Bl. 57 d.A.), dem Pro­zess­ver­tre­ter des Klägers per Fax am sel­ben Tag zu­ge­gan­gen, bezüglich der 4 Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2014 ein, die­se sei­en ver­fal­len, der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung be­lau­fe sich da­her ma­xi­mal auf 5.589,08 € brut­to, wo­bei er sich die Über­prüfung der übri­gen Pa­ra­me­ter vor­be­hal­te. Der An­spruch bezüglich der Über­stun­den wur­de zurück­ge­wie­sen. Darüber hin­aus wur­de die Auf­rech­nung mit ei­ner For­de­rung in Höhe von 6.245,43 € erklärt.

Am 28.10.2015 fand zwi­schen den Pro­zess­ver­tre­tern der Par­tei­en ein Te­le­fo­nat statt. In dem Te­le­fo­nat erklärte der Pro­zess­ver­tre­ter des Klägers, er sei be­auf­tragt, das ar­beits­recht­li­che Kla­ge­ver­fah­ren anhängig zu ma­chen. Der Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten un­ter­brei­te­te den Ver­gleichs­vor­schlag, dass der Be­klag­te bei Ab­gel­tung sämt­li­cher wech­sel­sei­ti­ger Ansprüche noch ei­nen Be­trag in Höhe von 3.000,00 € brut­to ab­rech­ne und vergüte.

Am 25.11.2015 fand ein wei­te­res Te­le­fo­nat zwi­schen den Pro­zess­ver­tre­tern statt. Die Pro­zess­ver­tre­ter ver­ein­bar­ten, beim Kläger nach­zu­fra­gen, ob Ver­gleichs­be­reit­schaft bezüglich ei­nes Be­trags von 5.000,00 € brut­to bestünde.

 

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Un­ter dem 26.11.2015 (Bl. 89 d.A.) teil­te der Pro­zess­ver­tre­ter des Klägers sei­nem Man­dan­ten mit, er sei mit Herrn Rechts­an­walt K… so ver­blie­ben, dass er dem Kläger das mo­di­fi­zier­te Ver­gleichs­an­ge­bot der Ge­gen­sei­te mit­tei­le und vor Kla­ge­ein­rei­chung mit ihm Rück­spra­che hal­te.

Dem Be­klag­ten wur­de sei­tens des Klägers ein Ge­gen­an­ge­bot in Höhe zwi­schen 7.500,00 € brut­to und 8.000,00 € brut­to ge­macht. Die­sen lehn­te der Be­klag­te am 15.01.2016 per Fax ab.

Der Kläger er­hob am 21.01.2016 die vor­lie­gen­de Kla­ge zum Ar­beits­ge­richt Nürn­berg, mit der er die Ab­gel­tung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub aus den Jah­ren 2014 und 2015, die Be­zah­lung von Über­stun­den so­wie die Er­tei­lung ei­nes qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­zeug­nis­ses gel­tend mach­te.

Das Ar­beits­ge­richt Nürn­berg wies die Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung für Ur­laub aus 2014 und Über­stun­den mit Teil­ur­teil vom 06.10.2016 ab, die übri­gen Ansprüche wies es mit Schlus­s­ur­teil vom 09.02.2017 ab.

Bezüglich der Ur­laubs­ta­ge aus dem Jahr 2014 wies das Erst­ge­richt die Kla­ge mit der Be­gründung ab, der Ur­laubs­an­spruch sei bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­reits ver­fal­len ge­we­sen. Den An­spruch auf Vergütung von Über­stun­den ver­nein­te es, weil der Kläger die­se nicht aus­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt ha­be. Die Kla­ge­anträge hin­sicht­lich der Ur­laubs­ab­gel­tung für 2015 und der Er­tei­lung ei­nes Zeug­nis­ses wies das Erst­ge­richt zurück, weil die Ansprüche nach der ver­trag­li­chen Aus­schluss­frist ver­fal­len sei­en.

Das Teil­ur­teil wur­de dem Kläger am 29.11.2016, das Schlus­s­ur­teil am 16.02.2017 zu­ge­stellt.

Der Kläger leg­te ge­gen das Teil­ur­teil am 12.12.2016 Be­ru­fung ein und be­gründe­te sie am 13.02.2017. Bis da­hin war die Be­ru­fungs­be­gründungs­frist verlängert wor­den.

Ge­gen das Schlus­s­ur­teil leg­te der Kläger un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 560/16 am 06.03.2017 Be­ru­fung ein und be­gründe­te sie gleich­zei­tig.

Der Kläger macht gel­tend, der Be­klag­te ha­be hin­sicht­lich der Ur­laubs­ansprüche für 2015 ei­nen Be­trag in Höhe von 5.589,08 € brut­to an­er­kannt.

 

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Der Be­klag­te sei nach den Grundsätzen von Treu und Glau­ben ge­hin­dert, sich auf die Aus­schluss­frist zu be­ru­fen, da der Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten ihn, den Kläger, durch sein Han­deln da­von ab­ge­hal­ten ha­be, die Kla­ge in­ner­halb der Aus­schluss­frist zu er­he­ben.

Der Kläger trägt vor, bei dem Te­le­fo­nat am 25.11.2015 ha­be der Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten das Ver­gleichs­an­ge­bot auf 5.000,00 € brut­to erhöht.

Die Aus­schluss­frist sei im Übri­gen un­wirk­sam.

Aus­schluss­fris­ten in Ar­beits­verträgen, die nach In­kraft­tre­ten des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes ab­ge­schlos­sen wor­den sei­en, ver­stießen ge­gen § 307 Ab­satz 1 Satz 2 BGB, wenn sie den An­spruch auf Min­dest­lohn nicht aus­drück­lich ausnähmen.

Die Aus­schluss­frist ver­s­toße darüber hin­aus ge­gen § 309 Nr. 7 BGB. Sie um­fas­se auch die Ver­schul­dens­haf­tung bei ei­ner Ver­let­zung von Körper, Le­ben und Ge­sund­heit so­wie die Haf­tung we­gen gro­ben Ver­schul­dens. Fol­ge sei, dass die Aus­schluss­klau­sel ins­ge­samt un­wirk­sam sei. § 306 Ab­satz 2 BGB sei ge­genüber § 139 BGB die spe­zi­el­le­re Vor­schrift.

Die Un­wirk­sam­keit der Aus­schluss­frist er­ge­be sich zusätz­lich aus § 307 Ab­satz 1 Satz 2 BGB. Die Aus­schluss­frist ver­s­toße ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot, weil sie die Ansprüche aus der Ver­schul­dens­haf­tung im Sin­ne des § 309 Nr. 7 BGB nicht aus­drück­lich aus­neh­me.

Der Kläger be­an­tragt:

Das Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 06.10.2016 so­wie das Schlus­s­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 09.02.2017 wer­den ab­geändert und

I. Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 6.440,86 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 %-Punk­ten über dem je­weils gülti­gen EU-Ba­sis­zins­satz seit 01.08.2015 zu be­zah­len.

II. Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 805,08 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 %-Punk­ten über dem je­weils gülti­gen EU-Ba­sis­zins­satz seit 01.08.2015 als Rest­ur­laubs­an­spruch für das Jahr 2014 zu be­zah­len.

III. Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 5.635,56 € nebst Zin­sen in Höhe von 5 % Punk­ten über dem je­weils gülti­gen Ba­sis­zins­satz seit 01.08.2015 zu be­zah­len.

IV. Der Be­klag­te trägt die Kos­ten des Rechts­strei­tes.

 

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Der Be­klag­te be­an­tragt:

I. Die am 12.12.2016 ein­ge­leg­te Be­ru­fung des Klägers ge­gen das am 06.10.2016 verkünde­te und am 29.11.2016 zu­ge­stell­te Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg, Az.: 11 Ca 340/16, wird zurück­ge­wie­sen.

II. Die am 06.03.2017 ein­ge­leg­te Be­ru­fung des Klägers ge­gen das am 09.02.2017 verkünde­te und am 16.02.2017 zu­ge­stell­te Schlus­s­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg, Az.: 11 Ca 340/16, wird ver­wor­fen, rein vor­sorg­lich zurück­ge­wie­sen.

III. Der Kläger trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens.

Der Be­klag­te wen­det ein, die Be­ru­fung ge­gen das Schlus­s­ur­teil sei un­zulässig, weil der Kläger sie un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 560/16 ein­ge­legt ha­be. Er macht gel­tend, die Ansprüche des Klägers sei­en auf­grund der ver­trag­li­chen Aus­schluss­frist seit dem 28.12.2015 ver­fal­len. Er ha­be den Kläger durch sein Ver­hal­ten nicht da­von ab­ge­hal­ten, sei­ne Ansprüche recht­zei­tig ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen. Der Be­klag­te trägt vor, das Ver­gleichs­an­ge­bot des Klägers über ei­nen Be­trag von 7.500,00 € brut­to bis 8.000,00 € brut­to sei am 13.01.2016 te­le­fo­nisch erklärt wor­den.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung am 09.05.2017 sind die Ver­fah­ren 7 Sa 560/16 und 7 Sa 85/17 gemäß § 147 ZPO mit­ein­an­der ver­bun­den wor­den.

Ei­ne Be­weis­auf­nah­me hat nicht statt­ge­fun­den.

 

Ent­schei­dungs­gründe:

Die Be­ru­fun­gen des Klägers ge­gen das Teil­ur­teil so­wie ge­gen das Schlus­s­ur­teil sind zulässig. Sie sind statt­haft, § 64 Ab­satz 2 b) ArbGG, so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, § 66 Ab­satz 1 ArbGG.

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Schlus­s­ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 09.02.2016 ist auch nicht des­halb un­zulässig, weil der Kläger sie un­ter dem Ak­ten­zei­chen des be­reits anhängi­gen Ver­fah­rens 7 Sa 560/16 ein­ge­legt hat. Die Be­hand­lung ei­ner ein­ge­hen­den Be­ru­fungs­schrift, ins­be­son­de­re die Zu­wei­sung ei­nes Ak­ten­zei­chens, ist Sa­che der Ge­richts­ver­wal­tung und er­folgt un­abhängig von der Be­zeich­nung durch die Par­tei­en. So war die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Schlus­s­ur­teil gemäß Zif­fer 3.6 des rich­ter­li­chen Ge-

 

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schäfts­ver­tei­lungs­plans der Kam­mer 7 zu­zu­wei­sen und hat ein ent­spre­chen­des Ak­ten­zei­chen er­hal­ten.

Die Be­ru­fun­gen des Klägers sind un­be­gründet.

Das Erst­ge­richt hat die gel­tend ge­mach­ten Ansprüche zu Recht ab­ge­wie­sen.

Die er­ho­be­nen Ansprüche sind ent­spre­chend der in § 10 des Ar­beits­ver­trags ent­hal­te­nen Aus­schluss­frist ver­fal­len.

Nach dem Wort­laut der Ver­ein­ba­rung un­ter­fal­len al­le gel­tend ge­mach­ten Ansprüche der Aus­schluss­klau­sel. Die ver­trag­li­che Re­ge­lung nimmt kei­nen et­wai­gen An­spruch aus.

Die streit­ge­genständ­li­chen Ansprüche sind nicht in­ner­halb der Aus­schluss­frist gel­tend ge­macht.

Nach der ver­trag­li­chen Aus­schluss­frist hätten al­le Ansprüche schrift­lich bis 31.10.2015 gel­tend ge­macht wer­den müssen. Dies ist bezüglich der in der Be­ru­fung noch gel­tend ge­mach­ten Ansprüche mit dem außer­ge­richt­li­chen Schrei­ben vom 14.09.2015 er­folgt.

Der Kläger hat in­des sei­ne Kla­ge nicht in­ner­halb der Frist des § 10 Ab­satz 2 des Ar­beits­ver­trags er­ho­ben. Der Be­klag­te hat die mit Schrei­ben vom 14.09.2015 er­ho­be­nen Ansprüche am 28.09.2015 zurück­ge­wie­sen. Dies ist un­strei­tig. Der Kläger hätte so­mit bis 28.12.2015 sei­ne Ansprüche kla­ge­wei­se gel­tend ma­chen müssen. Die Kla­ge ist in­des erst am 21.01.2015 bei Ge­richt ein­ge­gan­gen.

Da­mit ist die Aus­schluss­frist hin­sicht­lich al­ler Ansprüche versäumt wor­den.

Der Be­klag­te ist auf­grund der Grundsätze von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) nicht ge­hin­dert, sich auf die Aus­schluss­frist zu be­ru­fen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann ein An­spruchs­geg­ner dem Ab­lauf ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist mit dem Ein­wand der un­zulässi­gen Rechts­ausübung be­geg­nen, wenn der an­de­re ihn durch ak­ti­ves Han­deln von der Ein­hal­tung der Aus­schluss­frist ab­ge­hal­ten oder es pflicht­wid­rig un­ter­las­sen hat, ihm Umstände mit­zu­tei­len, die ihn zur Ein­hal­tung der Aus­schluss­frist ver­an­lasst hätten (Bun­des­ar­beits­ge­richt ‒ Ur­teil vom 10.03.2005 ‒ 6 AZR 217/04; ju­ris).

 

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Auf­grund des vor­lie­gen­den Er­kennt­nis­stands kann nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass dies der Fall ist.

Nach dem Sach­vor­trag des Klägers erhöhte der Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten in dem Te­le­fo­nat am 25.11.2015 das Ver­gleichs­an­ge­bot auf 5.000,00 € brut­to. Dem­ent­spre­chend teil­te der Pro­zess­ver­tre­ter des Klägers die­sem mit Schrei­ben vom 26.11.2015 mit, der Be­klag­ten­ver­tre­ter ha­be das An­ge­bot in dem Te­le­fo­nat am 25.11.2015 auf 5.000,00 € brut­to erhöht und zwi­schen den Pro­zess­ver­tre­tern sei ver­ein­bart wor­den, dass das An­ge­bot mit dem Kläger be­spro­chen wer­den würde und vor Er­he­bung der Kla­ge ei­ne Rück­spra­che mit dem Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten er­fol­gen wer­de.

In die­sem Ab­lauf las­sen sich kei­ner­lei An­halts­punk­te dafür fin­den, dass der Kläger vom Be­klag­ten da­von ab­ge­hal­ten wur­de, Kla­ge zu er­he­ben. Es fehlt ins­be­son­de­re an ei­nem ak­ti­ven Ein­grei­fen des Be­klag­ten oder sei­nes Pro­zess­ver­tre­ters, das den Kläger an der Er­he­bung der Kla­ge hätte hin­dern können.

Nach dem un­strei­ti­gen Sach­ver­halt wies viel­mehr der Kläger­ver­tre­ter den Be­klag­ten­ver­tre­ter te­le­fo­nisch dar­auf hin, dass die Kla­ge im Ent­wurf be­reits ge­fer­tigt sei. Der Kläger trägt selbst nicht vor, zwi­schen den Pro­zess­ver­tre­tern sei darüber ge­spro­chen wor­den, die Kla­ge sol­le bis zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt nicht er­ho­ben wer­den. Ins­be­son­de­re ist nicht er­sicht­lich, dass der Pro­zess­ver­tre­ter des Be­klag­ten ei­ne ent­spre­chen­de Zu­sa­ge er­teil­te.

Die Aus­schluss­frist war durch die Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen nicht gemäß § 203 BGB ge­hemmt. Auf Aus­schluss­fris­ten fin­det § 203 BGB kei­ne An­wen­dung. Durch Ver­hand­lun­gen wird le­dig­lich der Ab­lauf der Verjährung ge­hemmt, d.h., die Zei­ten, in de­nen die Par­tei­en über den strit­ti­gen An­spruch ver­han­deln, wer­den beim Ab­lauf der Verjährungs­frist nicht berück­sich­tigt. Die Verjährung hat zur Fol­ge, dass der An­spruchs­geg­ner durch die ent­spre­chen­de Ein­re­de die Durch­setz­bar­keit des Rechts ver­hin­dern kann, oh­ne dass das Recht als sol­ches er­lischt. Da­ge­gen be­wirkt der Ab­lauf ei­ner Aus­schluss­frist, dass das Recht selbst er­lischt und in kei­ner Form mehr gel­tend ge­macht wer­den kann. Der An­wen­dungs­be­reich des § 203 BGB ist so­mit nicht eröff­net.

Der Be­klag­te hat die Ansprüche auf die Rest­ur­laubs­ta­ge für 2014 nicht an­er­kannt. Dies er­gibt sich ins­be­son­de­re nicht aus den Ver­mer­ken, die Frau S… auf der e-mail des Klä-

 

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gers vom 06.07.2015 an­ge­bracht hat. Es ist we­gen des Ver­merks „Herr E… bit­te RS wg. Ab­stim­mung!“ be­reits zwei­fel­haft, ob die­sen No­ti­zen der vom Kläger re­kla­mier­te Rechts­bin­dungs­wil­le zu­ge­spro­chen wer­den kann. Soll in ei­ner An­ge­le­gen­heit mit dem An­spruchs­geg­ner Rück­spra­che ge­nom­men wer­den, ist im Zwei­fel da­von aus­zu­ge­hen, dass das Be­ste­hen des An­spruchs eben (noch) nicht als si­cher an­ge­nom­men wird. Selbst wenn dies be­jaht würde, ist nicht er­sicht­lich, in­wie­weit die Erklärung von Frau S… dem Be­klag­ten zu­zu­rech­nen ist, ins­be­son­de­re, ob Frau S… als Ver­tre­te­rin des Be­klag­ten ge­han­delt hat, § 164 BGB.

Auch der Ur­laubs­an­spruch für 2015 ist nicht an­er­kannt wor­den. Das Schrei­ben vom 28.09.2015 enthält kein An­er­kennt­nis. Viel­mehr hat der Be­klag­te sich aus­drück­lich vor­be­hal­ten, den An­spruch prüfen zu wol­len.

Die Aus­schluss­frist ist wirk­sam ver­ein­bart wor­den.

Die Aus­schluss­klau­sel ist nicht gemäß § 3 Satz 1 Mi­LoG iVm § 134 BGB (ins­ge­samt) un­wirk­sam.

Al­ler­dings sind Ver­ein­ba­run­gen, die den An­spruch auf Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten oder sei­ne Gel­tend­ma­chung be­schränken oder aus­sch­ließen, nach der zi­tier­ten Be­stim­mung un­wirk­sam. Dem Wort­laut nach be­schränkt § 10 des Ar­beits­ver­trags die Gel­tend­ma­chung des Min­dest­lohns. Die Be­stim­mung un­ter­schei­det nicht zwi­schen Min­dest­lohn und sons­ti­gen Ansprüchen.

So­weit die Klau­sel et­wai­ge Ansprüche auf Min­dest­lohn er­fasst, ist sie un­wirk­sam. Die­se Wir­kung um­fasst in­des nicht die ge­sam­te Klau­sel, son­dern le­dig­lich die An­wen­dung auf Min­dest­lohn­ansprüche. Das Ziel des Ge­setz­ge­bers war es u.a., die Ar­beit­neh­mer vor un­an­ge­mes­sen nied­ri­gen Löhnen zu schützen. Ein In­stru­ment der Durch­set­zungsfähig­keit ist die Re­ge­lung des § 3 Mi­LoG, der den An­spruch auf Min­dest­lohn si­chern und den Ar­beit­neh­mer vor miss­bräuch­li­chen Kon­struk­tio­nen be­wah­ren soll (vgl. BT-Druck­sa­che 18/1558). Da­ge­gen war es nicht das An­lie­gen des Ge­setz­ge­bers, (ar­beits­ver­trag­li­che) Aus­schluss­klau­seln ge­ne­rell zu un­ter­bin­den. Dies er­gibt sich aus der ein­deu­ti­gen For­mu­lie­rung des Ge­set­zes. Der Be­griff „in­so­weit“ schränkt die Rechts­fol­ge ‒ die Un­wirk­sam­keit ei­ner ent­spre­chen­den, den Min­dest­lohn gefähr­den­den Re­ge­lung ‒ ein und be­grenzt sie auf die­sen Fall. Dies ent­spricht dem am Re­ge­lungs­zweck ori­en­tier­ten Über­maßver­bot.

 

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Ei­ne an­de­re Aus­le­gung wäre im Hin­blick auf das rechts­staat­li­che Prin­zip der Ge­wal­ten­tei­lung be­denk­lich.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts steht die An­wen­dung und Aus­le­gung der Ge­set­ze durch die Ge­rich­te mit dem Rechts­staats­prin­zip des Art. 20 Ab­satz 3 GG in Ein­klang, wenn sie sich in den Gren­zen ver­tret­ba­rer Aus­le­gung und zulässi­ger rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung be­wegt. Art. 2 Ab­satz 1 GG gewähr­leis­tet in Ver­bin­dung mit Art. 20 Ab­satz 3 GG dem Ein­zel­nen, dass ihm ge­genüber er­ge­hen­de Ent­schei­dun­gen die­sen An­for­de­run­gen genügen. Zu den Auf­ga­ben der Recht­spre­chung gehört die Rechts­fort­bil­dung. Von da­her ist auch ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung ein­fach­ge­setz­li­cher Vor­schrif­ten so­wie die Sch­ließung von Re­ge­lungslücken von Ver­fas­sungs we­gen grundsätz­lich nicht zu be­an­stan­den. Rechts­fort­bil­dung stellt kei­ne un­zulässi­ge rich­ter­li­che Ei­gen­macht dar, so­fern durch sie der er­kenn­ba­re Wil­le des Ge­setz­ge­bers nicht bei­sei­te ge­scho­ben und durch ei­ne aut­ark ge­trof­fe­ne rich­ter­li­che Abwägung der In­ter­es­sen er­setzt wird. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung darf hin­ge­gen nicht da­zu führen, dass die Ge­rich­te ih­re ei­ge­ne ma­te­ri­el­le Ge­rech­tig­keits­vor­stel­lung an die Stel­le der­je­ni­gen des Ge­setz­ge­bers set­zen. Die Auf­ga­be der Recht­spre­chung be­schränkt sich viel­mehr dar­auf, den vom Ge­setz­ge­ber fest­ge­leg­ten Sinn und Zweck ei­nes Ge­set­zes un­ter ge­wan­del­ten Be­din­gun­gen möglichst zu­verlässig zur Gel­tung zu brin­gen oder ei­ne plan­wid­ri­ge Re­ge­lungslücke mit den an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu füllen. Ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on, die als rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung den Wort­laut des Ge­set­zes hint­an­stellt und sich über den klar er­kenn­ba­ren Wil­len des Ge­setz­ge­bers hin­weg­setzt, greift un­zulässig in die Kom­pe­ten­zen des de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Ge­setz­ge­bers ein (vgl. Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ‒ Ur­teil vom 11.07.2012 ‒ 1 BvR 3142/07 und 1 BvR 1569/08; ju­ris).

Nach­dem der Ge­setz­ge­ber in § 3 Mi­LoG das Wort „in­so­weit“ ein­gefügt hat, ist die Aus­schluss­frist nur in­so­weit un­wirk­sam, wie sie Ansprüche auf Min­dest­lohn aus­sch­ließen würde.

Vor­lie­gend sind Min­dest­lohn­ansprüche nicht tan­giert.

Der An­spruch auf die Ur­laubs­ab­gel­tung un­ter­liegt nicht der Re­ge­lung des § 3 Mi­LoG. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung, ins­be­son­de­re de­ren Höhe, er­gibt sich nicht un­mit­tel­bar aus § 1 Mi­LoG. Der Min­dest­lohn ist nach dem Ge­set­zes­wort­laut Ar­beits­vergütung, d.h.,

 

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Vergütung für ge­leis­te­te Ar­beit. Da­ge­gen be­stimmt sich das Ur­laubs­ent­gelt gemäß § 11 BUrlG nach dem durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst. We­der enthält das Min­dest­l­ohn­ge­setz Re­ge­lun­gen bezüglich des Ur­laubs­ent­gelts/der Ur­laubs­ab­gel­tung noch ver­weist das Bun­des­ur­laubs­ge­setz auf das Min­dest­l­ohn­ge­setz (vgl. hier­zu Bun­des­ar­beits­ge­richt ‒ Ur­teil vom 13.05.2015 ‒ 10 AZR 495/14; ju­ris).

Die zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te Vergütung liegt weit über dem Min­dest­lohn. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch be­misst sich nach dem Ver­dienst, den der Kläger im Re­fe­renz­zeit­raum auf der Ba­sis die­ser Ver­ein­ba­rung er­hal­ten hat.

Auch hin­sicht­lich der gel­tend ge­mach­ten Über­stun­den be­steht kein An­spruch nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz. Zwar han­delt es sich bei der Vergütung für Über­stun­den um Ar­beits­lohn, der je­den­falls in Höhe des Min­dest­lohns ge­schul­det wird und der des­halb auch nicht ein­ge­schränkt wer­den kann. Die gel­tend ge­mach­ten Über­stun­den können in­des nicht iso­liert von der im Übri­gen ge­zahl­ten Vergütung be­trach­tet wer­den. Viel­mehr ist in­so­weit § 2 Ab­satz 2 Satz 1 Mi­LoG zu­min­dest ent­spre­chend an­zu­wen­den, d.h., so­weit die ver­ste­tigt ge­zahl­te Vergütung für die Zeiträume, in de­nen die Über­stun­den ge­leis­tet wor­den sind, den Min­dest­lohn­an­spruch be­reits erfüllt ha­ben, be­steht kein ge­son­der­ter An­spruch auf ei­nen Min­dest­lohn.

Nach den vom Kläger vor­ge­leg­ten St­un­den­nach­wei­sen hat er im De­zem­ber 2014 die meis­ten St­un­den ge­leis­tet, nämlich 211,75. Das Ge­halt be­trug 4.361,00 € brut­to im Mo­nat, dies er­gibt für De­zem­ber 2014 ei­nen St­un­den­lohn von 20,60 € brut­to.

§ 10 des vor­lie­gen­den Ar­beits­ver­trags ist nicht gemäß §§ 202 Ab­satz 1, 134 BGB un­wirk­sam. Zwar verkürzt § 10 Ar­beits­ver­trag ent­ge­gen § 202 Ab­satz 1 BGB die Verjährung auch für Ansprüche aus Haf­tung we­gen Vor­sat­zes. Dies führt in­des nicht zur Un­wirk­sam­keit des § 10 des Ar­beits­ver­trags ins­ge­samt. Es ist der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu fol­gen, wo­nach ei­ne Aus­schluss­klau­sel, wenn das Ge­setz die Ein­be­zie­hung be­stimm­ter Ansprüche ver­bie­tet, nur in­so­weit un­wirk­sam ist (Bun­des­ar­beits­ge­richt ‒ Ur­teil vom 25.05.2005 ‒ 5 AZR 572/04; ju­ris).

Ins­be­son­de­re sind die Be­stim­mun­gen der §§ 134, 139 BGB an­zu­wen­den.

Verstößt ei­ne ver­trag­li­che Re­ge­lung un­mit­tel­bar ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot, er­gibt sich ih­re Un­wirk­sam­keit aus § 134 BGB. Be­trifft der Ver­s­toß ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver-

 

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bot nur ei­nen Teil der Re­ge­lung, ist die Fra­ge, ob der Ver­trag bzw. die in Re­de ste­hen­de ver­trag­li­che Re­ge­lung ins­ge­samt un­wirk­sam ist, gemäß § 139 BGB zu ent­schei­den. Ins­be­son­de­re fin­det § 306 Ab­satz 2 BGB kei­ne An­wen­dung. Das Ver­bot der gel­tungs­er­hal­ten­den Re­duk­ti­on nach § 306 Ab­satz 2 BGB ist, auch wenn die strit­ti­ge Re­ge­lung ei­ne AGB ist, auf die Fälle be­schränkt, in de­nen die ver­trag­li­che Re­ge­lung zu­min­dest auch nach den Be­stim­mun­gen der §§ 305 ff BGB un­wirk­sam ist. (Nur) in­so­weit ist § 306 Ab­satz 2 BGB lex spe­cia­lis ge­genüber § 139 BGB.

Die ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist hält, wie noch aus­geführt wird, ei­ner AGB-Kon­trol­le stand.

Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Par­tei­en die Aus­schluss­klau­sel auch oh­ne die Ein­be­zie­hung der Haf­tung we­gen Vor­sat­zes ab­ge­schlos­sen hätten.

§ 10 des Ar­beits­ver­trags ist nicht un­ter dem Ge­sichts­punkt der §§ 305 ff BGB zu be­an­stan­den.

Die §§ 305 ff BGB sind grundsätz­lich ne­ben § 3 Mi­LoG an­wend­bar.

§ 10 des Ar­beits­ver­trags stellt ei­ne AGB im Sin­ne des § 305 BGB dar. Es be­steht zwi­schen den Par­tei­en ins­be­son­de­re kein Streit darüber, dass der Be­klag­te den Ar­beits­ver­trag vor­for­mu­liert hat.

Die Aus­schluss­klau­sel enthält kei­ne Un­klar­hei­ten, die zu Las­ten des Be­klag­ten ge­hen würden, § 305 c Ab­satz 2 BGB. Dies würde vor­aus­set­zen, dass Zwei­fel bei der Aus­le­gung der Be­stim­mung be­ste­hen. Es kommt be­reits ei­ne Aus­le­gung des § 10 des Ar­beits­ver­trags nicht in Be­tracht. Die Klau­sel ist we­der aus­le­gungsfähig noch aus­le­gungs­bedürf­tig, son­dern ein­deu­tig. Sie be­trifft al­le Ansprüche, die sich aus dem Ar­beits­verhält­nis er­ge­ben können. Ei­ne an­de­re Deu­tung ist aus­ge­schlos­sen.

Die Klau­sel ist auch nicht we­gen Ver­s­toßes ge­gen § 309 Nr. 7 BGB un­wirk­sam. Die Aus­schluss­frist erfüllt nicht die dort ge­nann­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen. § 309 Nr. 7 BGB be­trifft das Ent­ste­hen und den Um­fang von Scha­dens­er­satz­ansprüchen so­wie die Ver­ant­wort­lich­keit des Schädi­gers. In ei­ner Aus­schluss­frist geht es dar­um nicht. Ei­ne Aus­schluss­frist lässt so­wohl das Ent­ste­hen des An­spruchs als auch sei­nen Um­fang so­wie die Haf­tung des Schädi­gers un­berührt. Es wird le­dig­lich die Möglich­keit, den ent­stan­de-

 

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nen An­spruch gel­tend zu ma­chen, zeit­lich ein­ge­schränkt (s.a. Bun­des­ar­beits­ge­richt ‒ Ur­teil vom 28.09.2005 ‒ 5 AZR 52/05; ju­ris).

Dies steht zwar im Wi­der­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Da­nach stellt auch die ge­ne­rel­le Verkürzung der Verjährungs­frist ei­ne gemäß § 309 Nr. 7 BGB un­zulässi­ge (mit­tel­ba­re) Haf­tungs­be­schränkung dar (Bun­des­ge­richts­hof ‒ Ur­teil vom 22.09.2015 ‒ II ZR 340/14; ju­ris).

Das er­ken­nen­de Ge­richt folgt in­des der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts.

§ 309 Nr. 7 BGB be­inhal­tet das Ver­bot ei­ner in­halt­li­chen, ma­te­ri­el­len Be­schränkung der dort ge­nann­ten Haf­tungs­ansprüche. Die­ses Ver­bot ist durch ei­ne Verkürzung der Verjährungs­frist nicht tan­giert. Ins­be­son­de­re wirkt sich ei­ne sol­che Klau­sel we­der auf die Höhe ei­nes Scha­dens­er­satz­an­spru­ches aus noch schränkt sie die Ver­ant­wort­lich­keit des Schädi­gers ein. Der Aus­wei­tung der Rechts­fol­ge über den ge­setz­li­chen An­wen­dungs­be­reich hin­aus ste­hen recht­li­che Be­den­ken ent­ge­gen. Dies gilt vor al­lem auch des­halb, weil der Ge­setz­ge­ber be­reits in § 202 Ab­satz 1 BGB zum Aus­druck ge­bracht hat, wel­che Ansprüche im Scha­dens­recht ei­ner zeit­li­chen Be­schränkung jen­seits der Verjährung nicht un­ter­wor­fen wer­den dürfen.

Darüber hin­aus verstößt § 10 des Ar­beits­ver­trags nicht ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Ab­satz 1 Satz 2 BGB.

Das Trans­pa­renz­ge­bot schließt das Be­stimmt­heits­ge­bot ein. Da­nach müssen die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen so ge­nau be­schrie­ben wer­den, dass für den Ver­wen­der kei­ne un­ge­recht­fer­tig­ten Be­ur­tei­lungs­spielräume ent­ste­hen. Sinn des Trans­pa­renz­ge­bots ist es, der Ge­fahr vor­zu­beu­gen, dass der Ver­trags­part­ner des Klau­sel­ver­wen­ders von der Durch­set­zung be­ste­hen­der Rech­te ab­ge­hal­ten wird. Die Vor­aus­set­zun­gen und der Um­fang der Leis­tungs­pflicht müssen des­halb so be­stimmt oder zu­min­dest so be­stimm­bar sein, dass der Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders be­reits bei Ver­trags­schluss er­ken­nen kann, was auf ihn zu­kommt. Ei­ne Klau­sel ver­letzt das Be­stimmt­heits­ge­bot, wenn sie ver­meid­ba­re Un­klar­hei­ten enthält und Spielräume eröff­net. Ein Ver­s­toß ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot liegt des­halb nicht schon dann vor, wenn der Ar­beit­neh­mer kei­ne oder nur ei­ne er­schwer­te Möglich­keit hat, die be­tref­fen­de Re­ge­lung zu ver­ste­hen. Erst in der Ge­fahr, dass der Ver­trags­part­ner des Klau­sel­ver­wen­ders we­gen

 

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un­klar ab­ge­fass­ter All­ge­mei­ner Ver­trags­be­din­gun­gen sei­ne Rech­te nicht wahr­nimmt, liegt ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des § 307 Ab­satz 1 Satz 2 BGB (Bun­des­ar­beits­ge­richt - Ur­teil vom 15.11.2016 - 3 AZR 579/15; ju­ris).

Ei­ne Klau­sel, de­ren Wort­laut ein ge­setz­li­ches Ver­bot nicht wie­der­gibt, ist nicht in­trans­pa­rent, son­dern je­den­falls in­so­weit un­wirk­sam. Ge­setz­li­che Ver­bo­te gel­ten er­sicht­lich für je­der­mann und sind ins­be­son­de­re auch Ar­beit­neh­mern zugäng­lich. Das Wis­sen oder je­den­falls das Wis­senkönnen um das ge­setz­li­che Ver­bot steht der Kau­sa­lität zwi­schen der ver­trag­li­chen Klau­sel und der Ent­schei­dung, da­von ab­zu­se­hen, ei­nen An­spruch gel­tend zu ma­chen, ent­ge­gen.

Sch­ließlich ist § 10 des Ar­beits­ver­trags nicht nach § 307 Ab­satz 1 Satz 1 und Ab­satz 2 BGB un­wirk­sam. Verstößt ei­ne ver­trag­li­che Be­stim­mung (teil­wei­se) ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot, ist von vorn­her­ein kein Raum für die Fra­ge, ob die Re­ge­lung an­ge­mes­sen im Sin­ne des § 307 Ab­satz 1 Satz 1 und Ab­satz 2 BGB ist. § 307 BGB be­inhal­tet ein Prüfungs­er­mes­sen. Der Be­griff „un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung“ stellt ei­nen un­be­stimm­ten Rechts­be­griff dar, der ei­ne Prüfung im Ein­zel­fall er­for­dert. Liegt ein ge­setz­li­ches Ver­bot vor, kommt ei­ne Prüfung im Ein­zel­fall nicht in Be­tracht. Die Be­stim­mung ist viel­mehr, oh­ne dass dies im Ein­zel­fall ab­ge­wo­gen wer­den könn­te, kraft Ge­set­zes stets un­wirk­sam.

Die Aus­schluss­frist in § 10 des Ar­beits­ver­trags stellt sich so­mit un­ter al­len recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten als wirk­sam dar.

Ei­ne Ände­rung der Ur­tei­le des Erst­ge­richts war da­her nicht ver­an­lasst.

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Ab­satz 1 ZPO.

Die Re­vi­si­on wur­de we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­fra­gen zu­ge­las­sen.

 

Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

Ge­gen die­ses Ur­teil kann der Kläger Re­vi­si­on ein­le­gen.

Für die Be­klag­te ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat ein­ge­legt und in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten be­gründet wer­den.

 

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Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung des Ur­teils.

Die Re­vi­si­on muss beim

Bun­des­ar­beits­ge­richt
Hu­go-Preuß-Platz 1
99084 Er­furt

Post­an­schrift:
Bun­des­ar­beits­ge­richt
99113 Er­furt

Te­le­fax-Num­mer:
0361 2636-2000

ein­ge­legt und be­gründet wer­den.

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

Es genügt auch die Un­ter­zeich­nung durch ei­nen Be­vollmäch­tig­ten der Ge­werk­schaf­ten und von Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie von Zu­sam­men­schlüssen sol­cher Verbände
- für ih­re Mit­glie­der
- oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der

oder

von ju­ris­ti­schen Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich in wirt­schaft­li­chem Ei­gen­tum ei­ner der im vor­ge­nann­ten Ab­satz be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen,
- wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt
- und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

In je­dem Fall muss der Be­vollmäch­tig­te die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.
Zur Möglich­keit der Re­vi­si­ons­ein­le­gung mit­tels elek­tro­ni­schen Do­ku­ments wird auf die Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr beim Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 09.03.2006 (BGBl. I, 519 ff.) hin­ge­wie­sen. Ein­zel­hei­ten hier­zu un­ter http://www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de/.

 

 

Weißen­fels
Vor­sit­zen­de Rich­te­rin
am Lan­des­ar­beits­ge­richt  

van Laak
eh­ren­amt­li­cher Rich­ter 

Beer
eh­ren­amt­li­cher Rich­ter

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