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BAG, Ur­teil vom 20.09.2017, 10 AZR 171/16

   
Schlagworte: Mindestlohn, Nachtzuschlag
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 10 AZR 171/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.09.2017
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bautzen, Urteil vom 25.06.2015, 1 Ca 1094/15
Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 27.01.2016, 2 Sa 375/15
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

10 AZR 171/16
2 Sa 375/15
Säch­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
20. Sep­tem­ber 2017

UR­TEIL

Münch­berg, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Sep­tem­ber 2017 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Linck, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rein­fel­der, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Bru­ne so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Basch­na­gel und Kiel für Recht er­kannt:

 

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1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2016 - 2 Sa 375/15 - auf­ge­ho­ben, so­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Baut­zen vom 25. Ju­ni 2015 - 1 Ca 1094/15 - hin­sicht­lich ei­nes Be­tra­ges von 4,17 Eu­ro brut­to zurück­ge­wie­sen hat. Im Um­fang der Auf­he­bung wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Baut­zen ab­geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

2. Im Übri­gen wird die Re­vi­si­on der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.

3. Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Vergütungs­ansprüche (ua. Nacht­ar­beits­zu­schläge und Fei­er­tags­vergütung) für den Mo­nat Ja­nu­ar 2015.

Die Kläge­rin ist seit dem Jah­re 1990 als Mon­ta­ge­kraft bei der Be­klag­ten beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­det kraft Nach­wir­kung der „Man­tel­ta­rif­ver­trag für die ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer der säch­si­schen Me­tall-und Elek­tro­in­dus­trie“ vom 7. März 1991 idF vom 24. Fe­bru­ar 2004 (MTV ME Sach­sen 2004) An­wen­dung.

§ 6 MTV ME Sach­sen 2004 - Zu­schläge für Mehr-, Sonn-, Fei­er­tags- und Nacht­ar­beit - lau­tet aus­zugs­wei­se:

„3. Nacht­ar­beit
(I) Der Nacht­ar­beits­zu­schlag beträgt 25 v. H. d. St­un­den­ver­diens­tes.

...

5. Be­rech­nung der Zu­schläge
(I) Bei der Be­rech­nung der Zu­schläge ist bis zum 31.12.1993 der ta­rif­li­che Grund­lohn zu­grun­de zu le­gen.

 

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(II) Ab dem 1.1.1994 gilt:
Bei der Be­rech­nung der Zu­schläge ist der tatsächli­che St­un­den­ver­dienst zu­grun­de zu le­gen, d. h. bei Zeit­lohn­ar­bei­tern der tatsächli­che St­un­den­ver­dienst (Grund­lohn zuzügl. evtl. Zu­la­gen)

...

An­mer­kung zu § 6 Ziff. 5 (II)
Un­ter ‚tatsäch­li­chem St­un­den­ver­dienst‘ des Zeitlöhners ist zu ver­ste­hen: Ta­rif­lohn + Leis­tungs- oder sons­ti­ge ta­rif­li­che bzw. über­ta­rif­li­che Zu­la­gen, lau­fen­de Prämi­en so­wie Zu­schläge. Außer Be­tracht blei­ben die Zu­schläge für Mehr-, Nacht-, Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit.

...“

§ 25 MTV ME Sach­sen 2004 - Ur­laubs­re­ge­lung - lau­tet aus­zugs­wei­se:

„C. Ur­laubs­ent­gelt
1. Das Ur­laubs­ent­gelt be­mißt sich nach dem 1,5-fa­chen durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst - je­doch oh­ne Mehr­ar­beits­vergütung und -zu­schläge -, den der Ar­beit­neh­mer in den letz­ten drei Ka­len­der­mo­na­ten vor dem Be­ginn des Ur­laubs er­hal­ten hat. Vom Be­rech­nungs­zeit­raum ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen können mit dem Be­triebs­rat ver­ein­bart wer­den.
Bei Ver­diens­terhöhun­gen nicht nur vorüber­ge­hen­der Na­tur, die während des Be­rech­nungs­zeit­raums oder des Ur­laubs ein­tre­ten, ist von dem erhöhten Ver­dienst aus­zu­ge­hen. ...

...

An­mer­kung zu § 25 Ab­schn. C Ziff. 1
Zunächst ist der Ver­dienst der letz­ten drei Ka­len­der­mo­na­te fest­zu­stel­len.
Ar­beits­ver­dienst im Sin­ne die­ser Re­ge­lung ist der Ge­samt­ver­dienst. Ein­zu­be­zie­hen sind Zu­la­gen und Zu­schläge, wie z. B. außer­ta­rif­li­che Zu­la­gen, Leis­tungs­zu­la­gen, Schmutz- und Er­schwer­nis­zu­la­gen, steu­er­pflich­ti­ge Nah­auslösun­gen (gemäß BAG vom 19.11.92 - 10 AZR 144/91), Zu­schläge für Nacht-, Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit.
Nicht zum Ver­dienst zählen Mehr­ar­beits­vergütun­gen und die auf die Mehr­ar­beit ent­fal­len­den Zu­schläge so­wie Beträge, die der Ar­beit­neh­mer als Er­satz für Auf­wen­dun­gen

 

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erhält, z. B. ... Ein­ma­li­ge Zu­wen­dun­gen, wie z. B. Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­tio­nen, Ge­winn­be­tei­li­gung, wer­den eben­falls nicht mit­ge­rech­net.“

Für den Mo­nat Ja­nu­ar 2015 rech­ne­te die Be­klag­te Zeit­lohn für ins­ge­samt 160 St­un­den mit ei­ner St­un­den­vergütung von 7,00 Eu­ro bzw. 7,15 Eu­ro brut­to (0,15 Eu­ro Vor­ar­bei­ter­zu­la­ge), für ei­nen Fei­er­tag 8,25 St­un­den zu je­weils 7,00 Eu­ro brut­to und für ei­nen Ur­laubs­tag wei­te­re sie­ben St­un­den zu je­weils 7,00 Eu­ro brut­to ab. Zusätz­lich weist die Ab­rech­nung ein Ur­laubs­geld iHv. 33,93 Eu­ro brut­to und ei­ne „Zu­la­ge nach Mi­LoG“ iHv. 215,65 Eu­ro brut­to aus. Darüber hin­aus zahl­te die Be­klag­te für fünf St­un­den ei­nen Nacht­ar­beits­zu­schlag iHv. 25 % ba­sie­rend auf ei­nem St­un­den­lohn von 7,00 Eu­ro (ins­ge­samt 8,75 Eu­ro) steu­er­frei an die Kläge­rin aus.

Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, sämt­li­che ab­ge­rech­ne­ten St­un­den sei­en mit ei­nem St­un­den­satz von 8,50 Eu­ro brut­to zu vergüten. Auch der Nacht­ar­beits­zu­schlag sei auf die­ser Grund­la­ge zu be­rech­nen. Das in der Ge­halts­ab­rech­nung zusätz­lich aus­ge­wie­se­ne Ur­laubs­geld könne den Min­dest­lohn­an­spruch nicht erfüllen; ei­ne Ver­rech­nung dürfe nicht statt­fin­den.

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt,

1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin für Ja­nu­ar 2015 33,91 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 16. Fe­bru­ar 2015 zu zah­len;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin für Ja­nu­ar 2015 1,87 Eu­ro net­to nebst 4 % Zin­sen seit dem 16. Fe­bru­ar 2015 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ein An­spruch auf ei­nen höhe­ren Nacht­ar­beits­zu­schlag be­ste­he nicht. Ei­ne An­rech­nung auf Min­dest­lohn­ansprüche sei nicht er­folgt, son­dern der Zu­schlag sei auf Grund­la­ge des ver­trag­lich ver­ein­bar­ten St­un­den­lohns be­rech­net wor­den. In­so­weit sei ei­ne in­di­vi­du­el­le bzw. be­trieb­li­che Re­ge­lung ge­trof­fen wor­den, die ge­genüber den Be­stim­mun­gen des MTV ME Sach­sen 2004 vor­ran­gig sei. Das zusätz­li­che Ur­laubs­geld könne auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer-

 

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den, auch in­so­weit ha­be die Ab­re­de zwi­schen den Par­tei­en Vor­rang. Im Übri­gen sei mit der Zah­lung des Ur­laubs­gel­des kein an­de­rer Zweck ver­folgt wor­den.

Ar­beits­ge­richt und Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­ben der Kla­ge statt­ge­ge­ben.

Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on strebt die Be­klag­te wei­ter­hin die Ab­wei­sung der Kla­ge an.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist nur zu ei­nem klei­nen Teil be­gründet. Die Kläge­rin hat für den Mo­nat Ja­nu­ar 2015 ei­nen Brut­to­dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 29,74 Eu­ro aus ih­rem Ar­beits­ver­trag iVm. § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG, § 2 EFZG und § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 MTV ME Sach­sen 2004 (An­trag zu 1.) so­wie ei­nen Net­to­dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 1,87 Eu­ro aus ih­rem Ar­beits­ver­trag iVm. § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG, § 6 Ziff. 3 Abs. 1 MTV ME Sach­sen 2004 (An­trag zu 2.). Hin­ge­gen be­steht hin­sicht­lich der wei­ter ge­hen­den Kla­ge­for­de­rung iHv. 4,17 Eu­ro brut­to kein An­spruch.

I. Die zulässi­ge Kla­ge ist hin­sicht­lich des Kla­ge­an­trags zu 1. (33,91 Eu­ro brut­to) weit­ge­hend, al­ler­dings nicht vollständig be­gründet.

1. Die Be­klag­te hat die Ansprüche der Kläge­rin auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nach § 1 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG für ins­ge­samt 160 im Ja­nu­ar 2015 ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den nicht vollständig erfüllt. Die Kläge­rin hat in­so­weit noch ei­nen Dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 11,05 Eu­ro brut­to.

a) Der Min­dest­lohn­an­spruch aus § 1 Abs. 1 Mi­LoG ist ein ge­setz­li­cher An­spruch, der ei­genständig ne­ben den ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­an­spruch tritt. Der An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ent­steht mit je­der ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­de (§ 1 Abs. 2 iVm. §§ 20, 1 Abs. 1 Mi­LoG). Für Zei­ten oh­ne Ar­beits­leis­tung be­gründet das Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­ne Ansprüche. In die Ent­gelt­ver­ein­ba­run­gen der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en und an­wend­ba­re Ent­gelt­ta­rif­verträge greift das Min­dest­l­ohn­ge­setz nur in­so­weit ein, als sie den An­spruch

 

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auf Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten. § 3 Mi­LoG führt bei Un­ter­schrei­ten des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns zu ei­nem Dif­fe­renz­an­spruch. Er­reicht die vom Ar­beit­ge­ber tatsächlich ge­zahl­te Vergütung den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nicht, be­gründet dies von Ge­set­zes we­gen ei­nen An­spruch auf Dif­fe­renz­vergütung, wenn der Ar­beit­neh­mer in der Ab­rech­nungs­pe­ri­ode für die ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den im Er­geb­nis nicht min­des­tens den in § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG vor­ge­se­he­nen Brut­to­lohn erhält. Da­bei sind al­le im Sy­nal­lag­ma ste­hen­den Ent­gelt­leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers ge­eig­net, den Min­dest­lohn­an­spruch des Ar­beit­neh­mers zu erfüllen (§ 362 Abs. 1 BGB). Die Erfüllungs­wir­kung fehlt sol­chen Zah­lun­gen, die der Ar­beit­ge­ber oh­ne Rück­sicht auf ei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers er­bringt oder die auf ei­ner be­son­de­ren ge­setz­li­chen Zweck­be­stim­mung (zB § 6 Abs. 5 Arb­ZG) be­ru­hen (grundsätz­lich da­zu BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - BA­GE 155, 202; vgl. zur Erfüllungs­wir­kung um­fas­send auch BAG 21. De­zem­ber 2016 - 5 AZR 374/16 - BA­GE 157, 356).

b) Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen hat die Kläge­rin für die in der Ab­rech­nung aus­ge­wie­se­nen und ge­leis­te­ten 160 Ar­beits­stun­den ei­nen Vergütungs­an­spruch iHv. ins­ge­samt 1.360,00 Eu­ro brut­to. Die Be­klag­te hat hier­auf aus­weis­lich der Lohn-/Ge­halts­ab­rech­nung Beträge iHv. 633,99 Eu­ro brut­to (88,67 St­un­den á 7,15 Eu­ro brut­to), iHv. 499,31 Eu­ro brut­to (71,33 St­un­den á 7,00 Eu­ro brut­to) und iHv. 215,65 Eu­ro brut­to („Zu­la­ge nach Mi­LoG“) ge­zahlt, ins­ge­samt al­so 1.348,95 Eu­ro brut­to. Dies er­gibt ei­nen Dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 11,05 Eu­ro brut­to.

c) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist die­ser An­spruch nicht durch an­de­re für Ja­nu­ar 2015 ge­leis­te­te Zah­lun­gen erfüllt wor­den.

aa) Von ei­ner Erfüllungs­wir­kung des Nacht­ar­beits­zu­schlags geht auch die Be­klag­te nicht aus. Bei den Zah­lun­gen für ei­nen Fei­er­tag bzw. beim „Ur­laubs­lohn“ han­delt es sich um Vergütungs­zah­lun­gen, die ge­ra­de nicht als Ge­gen­leis­tung für ge­leis­te­te Ar­beit er­folgt sind, son­dern für Zei­ten oh­ne Ar­beits­leis­tung. Min­dest­lohn­ansprüche können da­durch nicht erfüllt wer­den.

 

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bb) Glei­ches gilt im Hin­blick auf die als „Ur­laubs­geld“ ge­leis­te­te Zah­lung.

Gemäß § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 des nach den nicht an­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts kraft Nach­wir­kung im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en gel­ten­den MTV ME Sach­sen 2004 be­misst sich das „Ur­laubs­ent­gelt“ nach dem 1,5-fa­chen durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst. Die­ser An­spruch wird nur dann durch die ge­leis­te­ten Zah­lun­gen der Be­klag­ten (weit­ge­hend) erfüllt (vgl. da­zu un­ten zu 2), wenn die Po­si­tio­nen „Ur­laubs­lohn“ und „Ur­laubs­geld“ zu­sam­men­ge­rech­net wer­den. Da­bei kann hier da­hin­ste­hen, ob es sich bei dem ta­rif­li­chen An­spruch ins­ge­samt um Ur­laubs­ent­gelt iSv. § 11 BUrlG han­delt oder ob der den re­gelmäßigen Vergütungs­an­spruch über­stei­gen­de Teil ent­ge­gen sei­ner Be­nen­nung der Sa­che nach ei­ne ne­ben dem Ur­laubs­ent­gelt gewähr­te zusätz­li­che Leis­tung für den Ur­laub dar­stellt. Von ei­nem sol­chen Verständ­nis scheint die Be­klag­te nach der Be­zeich­nung in der Lohn-/Ge­halts­ab­rech­nung aus­ge­gan­gen zu sein. In bei­den Fällen kommt ei­ner der­ar­ti­gen Leis­tung kei­ne Erfüllungs­wir­kung hin­sicht­lich des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns zu, un­abhängig da­von, dass dann der ta­rif­li­che An­spruch sei­ner­seits nicht erfüllt wäre. Han­delt es sich um Ur­laubs­ent­gelt, stellt die­ses kei­ne Ge­gen­leis­tung für ge­leis­te­te Ar­beit dar. Han­delt es sich hin­ge­gen um Ur­laubs­geld, das - wie hier - ta­rif­lich ak­zes­s­o­risch an das Ent­ste­hen des An­spruchs auf Er­ho­lungs­ur­laub an­knüpft und ent­spre­chend pro Ur­laubs­tag ge­zahlt wird, ver­folgt es den­sel­ben ar­beits­leis­tungs­un­abhängi­gen Zweck und dient nicht der Vergütung für ge­leis­te­te Ar­beit (vgl. da­zu BAG 22. Ju­li 2014 - 9 AZR 981/12 - Rn. 24 ff.).

Dass die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en in­so­weit ei­ne von der nach­wir­ken­den ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mung ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung iSv. § 4 Abs. 5 TVG ge­trof­fen hätten (vgl. da­zu zB BAG 22. Ok­to­ber 2008 - 4 AZR 789/07 - Rn. 27, BA­GE 128, 175), hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Im Übri­gen hat auch die Be­klag­te nicht be­haup­tet, es sei ei­ne Ur­laubs­geld­zah­lung ver­ein­bart wor­den, die un­abhängig von der Ur­laubs­gewährung und vor­be­halt­los als Ge­gen­leis­tung für die er­brach­te Ar­beits­leis­tung er­fol­gen soll­te (vgl. zu die­sem Er­for­der­nis BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 33, BA­GE 155, 202).

 

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2. Die Be­klag­te hat auch den An­spruch der Kläge­rin auf „Ur­laubs­ent­gelt“ für ei­nen Ur­laubs­tag nach § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 MTV ME Sach­sen 2004 nicht vollständig erfüllt. Viel­mehr er­gibt sich ein Dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 6,32 Eu­ro brut­to.

a) Nach § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 Abs. 1 MTV ME Sach­sen 2004 be­stimmt sich das Ur­laubs­ent­gelt grundsätz­lich nach dem 1,5-fa­chen durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst in den letz­ten drei Ka­len­der­mo­na­ten vor dem Be­ginn des Ur­laubs (Re­fe­renz­prin­zip). Die Höhe des Ur­laubs­ent­gelts wäre da­nach nach dem - vom Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stell­ten - durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst der Mo­na­te Ok­to­ber bis De­zem­ber 2014 zu er­mit­teln, al­so ei­nem Zeit­raum vor Gel­tung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns.

b) Nach § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 Abs. 2 Satz 1 MTV ME Sach­sen 2004 ist bei Ver­diens­terhöhun­gen nicht nur vorüber­ge­hen­der Art, die während des Be­rech­nungs­zeit­raums oder des Ur­laubs ein­tre­ten, für die Höhe des Ur­laubs­ent­gelts al­ler­dings von die­sem erhöhten Ver­dienst aus­zu­ge­hen. Ein sol­cher Fall lag hin­sicht­lich des im Ja­nu­ar 2015 ge­nom­me­nen Ur­laubs­tags vor. Durch die Einführung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns iHv. (da­mals) 8,50 Eu­ro brut­to ist zum 1. Ja­nu­ar 2015 ei­ne nicht nur vorüber­ge­hen­de Ver­diens­terhöhung ge­genüber der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Vergütung von 7,00 Eu­ro bzw. 7,15 Eu­ro brut­to ein­ge­tre­ten. Dar­auf, dass es sich um ei­nen ge­setz­li­chen und nicht um ei­nen ta­rif­li­chen Vergütungs­an­spruch han­delt, kommt es ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on nicht an, wie die Aus­le­gung der Ta­rif­norm zeigt. Be­reits der Wort­laut „Ar­beits­ver­dienst“ in Abs. 1 ver­deut­licht, dass sich die Be­rech­nungs­grund­la­ge für das „Ur­laubs­ent­gelt“ nicht auf ei­ne et­wai­ge ta­rif­li­che Vergütung be­schränkt, son­dern der Ar­beit­neh­mer im Ur­laub ei­ne Vergütung er­hal­ten soll, die sei­nem Ver­dienst für er­brach­te Ar­beits­leis­tung ent­spricht. Dem­ent­spre­chend ist nach der An­mer­kung zu die­ser Ta­rif­norm, die Be­stand­teil des MTV ME Sach­sen 2004 ist, un­ter Ar­beits­ver­dienst der Ge­samt­ver­dienst un­ter Ein­be­zie­hung al­ler Leis­tun­gen mit Aus­nah­me von Auf­wen­dungs­er­satz­leis­tun­gen zu ver­ste­hen, un­abhängig da­von, ob es sich um ta­rif­li­che oder außer­ta­rif­li­che Leis­tun­gen han­delt. Für ein sol­ches Verständ­nis spre­chen auch Ta­rif­sys­te­ma­tik und Ge­samt-

 

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zu­sam­men­hang, ins­be­son­de­re die Re­ge­lung zur Berück­sich­ti­gung von Ver­diens­terhöhun­gen nach Abs. 2. Sch­ließlich wird nur so auch der in der An­mer­kung zu § 25 Ab­schn. C Ziff. 1 MTV ME Sa­chen 2004 aF noch aus­drück­lich ge­nann­te Zweck erfüllt, wo­nach sich die Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts nach den Grundsätzen des § 11 BUrlG rich­ten soll. Auch die­se Norm ver­langt in Abs. 1 Satz 2 die Berück­sich­ti­gung von Ver­diens­terhöhun­gen nicht nur vorüber­ge­hen­der Art, un­abhängig da­von, wel­chen Rechts­grund die­se ha­ben. Auch da­nach wäre bei der Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts der ge­setz­li­che Min­dest­lohn zu berück­sich­ti­gen (vgl. da­zu auch BAG 13. Mai 2015 - 10 AZR 191/14 - Rn. 31 [zur Ur­laubs­ab­gel­tung nach TV Min­dest­lohn für pädago­gi­sches Per­so­nal]). Ei­ne von der nach­wir­ken­den ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mung ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung iSv. § 4 Abs. 5 TVG hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt.

c) Nach die­sen Grundsätzen steht der Kläge­rin für sie­ben Ur­laubs­stun­den aus­ge­hend von der 1,5-fa­chen St­un­den­vergütung von 8,50 Eu­ro brut­to ein Ge­samt­be­trag von 89,25 Eu­ro brut­to zu. Die Be­klag­te hat hier­auf 49,00 Eu­ro brut­to („Ur­laubs­lohn“) und 33,93 Eu­ro brut­to („Ur­laubs­geld“) ge­leis­tet, ins­ge­samt al­so 82,93 Eu­ro brut­to. Dies er­gibt ei­nen Dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch von 6,32 Eu­ro brut­to.

3. Die Be­klag­te hat darüber hin­aus den An­spruch der Kläge­rin auf Ent­gelt­fort­zah­lung für ei­nen Fei­er­tag nicht vollständig erfüllt. Viel­mehr er­gibt sich ein Dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 12,37 Eu­ro brut­to aus dem Ar­beits­ver­trag iVm. § 2 Abs. 1, § 12 EFZG, § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG.

a) Ein An­spruch auf ei­ne Brut­to­vergütung von 8,50 Eu­ro für die in­fol­ge ei­nes ge­setz­li­chen Fei­er­tags aus­fal­len­den Ar­beits­stun­den er­gibt sich al­ler­dings nicht aus dem Min­dest­l­ohn­ge­setz. Für Zei­ten oh­ne Ar­beits­leis­tung be­gründet das Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­ne un­mit­tel­ba­ren Ansprüche (BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 19, BA­GE 155, 202). Die Höhe des Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruchs er­gibt sich viel­mehr für Fei­er­ta­ge aus § 2 Abs. 1 EFZG. Da­nach hat der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer für die Ar­beits­zeit, die in­fol­ge ei­nes ge­setz­li­chen Fei­er­tags ausfällt, das Ar­beits­ent­gelt zu zah­len, das er oh­ne den Ar­beits-

 

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aus­fall er­hal­ten hätte. Hier­von darf gemäß § 12 EFZG nicht zu­un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ab­ge­wi­chen wer­den. Das hier­nach maßgeb­li­che Ent­gel­t­aus­fall­prin­zip ver­langt, den Min­dest­lohn nach § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG als Geld­fak­tor in die Be­rech­nung des Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruchs ein­zu­stel­len (vgl. BAG 13. Mai 2015 - 10 AZR 495/14 - Rn. 29 f., BA­GE 151, 331 [zum TV Min­dest­lohn für pädago­gi­sches Per­so­nal]), so­weit nicht aus an­de­ren Rechts­gründen ein höhe­rer Vergütungs­an­spruch be­steht. Ei­ne von § 2 EFZG ab­wei­chen­de Re­ge­lung trifft das Min­dest­l­ohn­ge­setz nicht.

b) Nach die­sen Grundsätzen steht der Kläge­rin für die gemäß der Lohn-/Ge­halts­ab­rech­nung we­gen ei­nes Fei­er­tags aus­ge­fal­le­nen 8,25 Ar­beits­stun­den ein Vergütungs­an­spruch von 70,12 Eu­ro brut­to zu. Die Be­klag­te hat die­sen An­spruch le­dig­lich iHv. 57,75 Eu­ro brut­to erfüllt, so dass ein Dif­fe­renz­an­spruch von 12,37 Eu­ro brut­to bleibt. An­de­re in der Lohn-/Ge­halts­ab­rech­nung aus­ge­wie­se­nen Leis­tun­gen sind nicht als Vergütung für we­gen des Fei­er­tags aus­ge­fal­le­ne Ar­beits­zeit er­folgt.

4. Ins­ge­samt er­gibt dies ei­nen Brut­to­dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch zu­guns­ten der Kläge­rin iHv. 29,74 Eu­ro nebst Zin­sen nach § 288 Abs. 1, § 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB. In die­sem Um­fang bleibt die Re­vi­si­on der Be­klag­ten er­folg­los. So­weit die Kläge­rin ei­nen darüber hin­aus­ge­hen­den Be­trag iHv. 4,17 Eu­ro brut­to ver­langt, fehlt es hin­ge­gen an ei­nem sol­chen An­spruch. In­so­weit ist das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf­zu­he­ben, die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen (§ 562 Abs. 1, § 563 Abs. 3 ZPO).

II. Die zulässi­ge Kla­ge ist hin­sicht­lich des Kla­ge­an­trags zu 2. be­gründet, die Re­vi­si­on der Be­klag­ten un­be­gründet. Die Kläge­rin hat ei­nen Net­to­dif­fe­renz­vergütungs­an­spruch iHv. 1,87 Eu­ro für ge­leis­te­te Nacht­ar­beits­stun­den aus ih­rem Ar­beits­ver­trag iVm. § 6 Ziff. 3 Abs. 1 MTV ME Sach­sen 2004, § 1 Abs. 2 Satz 1 Mi­LoG.

1. Dass die Kläge­rin fünf Nacht­ar­beits­stun­den ge­leis­tet hat, steht zwi­schen den Par­tei­en nicht im Streit.

 

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2. Ein An­spruch auf ei­nen be­stimm­ten Nacht­ar­beits­zu­schlag er­gibt sich nicht un­mit­tel­bar aus dem Min­des­l­ohn­ge­setz. Die­ses lässt ar­beits- bzw. ta­rif­ver­trag­li­che Vergütungs­ansprüche un­berührt und legt grundsätz­lich kei­ne be­stimm­te Höhe von Son­der­zah­lun­gen oder Zu­schlägen fest (BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 34, BA­GE 155, 202).

3. Maßgeb­lich für die Höhe des Nacht­zu­schlags ist § 6 Ziff. 3 Abs. 1 MTV ME Sach­sen 2004. Da­nach beträgt der Nacht­ar­beits­zu­schlag 25 % des St­un­den­ver­diensts. Der St­un­den­ver­dienst der Kläge­rin be­trug im Ja­nu­ar 2015 gemäß § 1 Abs. 2 Satz 1 iVm. § 3 Mi­LoG 8,50 Eu­ro brut­to. Dass es auf den tatsächli­chen St­un­den­ver­dienst im Ja­nu­ar 2015 und nicht auf die ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen der Par­tei­en an­kommt, er­gibt sich - eben­so wie beim Ur­laubs­ent­gelt - aus der Ta­rif­norm selbst. § 6 Ziff. 5 Abs. 2 MTV ME Sach­sen 2004 be­stimmt aus­drück­lich, dass seit dem 1. Ja­nu­ar 1994 der tatsächli­che St­un­den­ver­dienst und nicht mehr - wie vor­her - nur der ta­rif­li­che Grund­lohn maßgeb­lich ist. Auch in der An­mer­kung zu § 6 Ziff. 5 Abs. 2 MTV ME Sach­sen 2004 wird klar­ge­stellt, dass es nicht (mehr) dar­auf an­kommt, ob es sich um ta­rif­li­che oder außer­ta­rif­li­che Vergütungs­be­stand­tei­le han­delt. Der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­te Um­stand, wo­nach bei ei­ner Erhöhung des ver­ein­bar­ten Lohns der Nacht­ar­beits­zu­schlag ent­spre­chend an­ge­passt wor­den ist, spricht im Übri­gen dafür, dass auch die Be­klag­te § 6 MTV ME Sach­sen 2004 so ver­stan­den und an­ge­wandt hat. Ei­ne ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung iSv. § 4 Abs. 5 TVG hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt auch in­so­weit nicht fest­ge­stellt. Der Auf­fas­sung der Be­klag­ten, ih­re bis­he­ri­ge Ori­en­tie­rung an der ver­trag­li­chen Vergütung sei ent­schei­dend, ste­hen der In­halt der nach­wir­ken­den Ta­rif­norm und das In­kraft­tre­ten der zwin­gen­den Min­dest­lohn­be­stim­mun­gen (§§ 3, 20 Mi­LoG) ent­ge­gen.

4. Nach die­sen Grundsätzen er­gibt sich für Ja­nu­ar 2015 ein An­spruch der Kläge­rin auf ei­nen Nacht­ar­beits­zu­schlag iHv. 10,62 Eu­ro. Hier­auf hat die Be­klag­te le­dig­lich 8,75 Eu­ro ge­zahlt, so dass ein Dif­fe­renz­an­spruch von 1,87 Eu­ro nebst Zin­sen bleibt. Zwi­schen den Par­tei­en steht nicht im Streit, dass es sich nach § 3b Abs. 1 Ziff. 1 EStG um ei­nen Net­to­an­spruch han­delt.

 

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III. Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits gemäß § 91 Abs. 1, § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO zu tra­gen.

Linck
Bru­ne
W. Rein­fel­der
R. Basch­na­gel
D. Kiel

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