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BAG, Ur­teil vom 13.02.2007, 9 AZR 575/05

   
Schlagworte: Teilzeitbeschäftigung, Gleichbehandlungsgrundsatz
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 9 AZR 575/05
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 13.02.2007
   
Leitsätze: 1. Der Arbeitgeber kann erhöhten Arbeitskräftebedarf durch Verlängerung der Arbeitszeit teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmer decken.
2. Bei der Auswahl, welcher Teilzeitkraft er zu diesem Zweck eine Vertragsänderung anbietet, ist der Arbeitgeber frei.
3. Der Arbeitgeber wird durch § 9 TzBfG nicht verpflichtet, das gestiegene Arbeitszeitvolumen anteilig auf alle interessierten Teilzeitbeschäftigten zu verteilen.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Koblenz, Urteil vom 20.10.2004, 4 Ca 1600/04
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 14.04.2005, 6 Sa 17/05
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

9 AZR 575/05
6 Sa 17/05
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Rhein­land-Pfalz

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
13. Fe­bru­ar 2007

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

be­klag­tes, be­ru­fungs­be­klag­tes und re­vi­si­ons­be­klag­tes Land,

hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 13. Fe­bru­ar 2007 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Düwell, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rei­ne­cke, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Jun­ger­mann und Kran­zusch für Recht er­kannt:

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Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Rhein­land-Pfalz vom 14. April 2005 - 6 Sa 17/05 - wird zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch des Klägers auf Auf­sto­ckung des von ihm zu un­ter­rich­ten­den St­un­den­de­pu­tats be­gin­nend mit dem Schul­jahr 2003/2004.

Der 1953 ge­bo­re­ne Kläger ist seit Au­gust 1995 bei dem be­klag­ten Land als Lehr­kraft mit dem Un­ter­richts­fach Kla­vier beschäftigt. Auf Grund des Ände­rungs­ver­trags vom 21. Ja­nu­ar 2002 er­teilt er an dem vom be­klag­ten Land un­ter­hal­te­nen Mu­sik­gym­na­si­um wöchent­lich 13 Un­ter­richts­stun­den. Das ent­spricht 13/27 der Un­ter­richts­pflicht­stun­den­zahl ei­ner voll­beschäftig­ten Lehr­kraft. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en sind die Be­stim­mun­gen des Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trags und der ihn ergänzen­den und er­set­zen­den Ta­rif­verträge kraft Ver­ein­ba­rung an­zu­wen­den.

Während des Schul­jah­res 2002/2003 zeich­ne­te sich für das Schul­jahr 2003/2004 ein Be­darf an wei­te­ren zwei Un­ter­richts­stun­den Kla­vier ab. Der Kläger bemühte sich ver­geb­lich um die Zu­tei­lung die­ser St­un­den. Statt­des­sen wur­de das Un­ter­richts­de­pu­tat ei­ner eben­falls als In­stru­men­tal­lehr­kraft mit dem Fach Kla­vier auf ei­ner Plan­stel­le in Teil­zeit beschäftig­ten Frau R. erhöht.

Mit An­walts­schrei­ben vom 5. De­zem­ber 2003 wand­te sich der Kläger an das be­klag­te Land und be­an­trag­te un­ter Hin­weis auf § 9 Tz­B­fG die Auf­sto­ckung sei­ner Un­ter­richts­zeit um zwei St­un­den; je­den­falls hätte ihm ei­ne St­un­de über­tra­gen wer­den müssen. Das be­klag­te Land lehn­te den An­trag im Ja­nu­ar 2004 schrift­lich ab. Zur Be­gründung führ­te es aus, die an­de­re teil­zeit­beschäftig­te Lehr­kraft ha­be eben­falls den Wunsch nach ei­ner Erhöhung des St­un­den­de­pu­tats geäußert. Bei­de Lehr­kräfte sei­en zwar für die Be­set­zung der Stel­le gleich gut ge­eig­net. Der Kläger ha­be in­des­sen nicht berück­sich­tigt wer­den können, weil er nicht auf ei­ner Plan­stel­le beschäftigt wer­de und die Erhöhung des Wo­chen­stun­den­maßes um mehr als die Hälf­te der re­gelmäßigen Un­ter­richts­stun­den ei­ner ver­gleich­ba­ren haupt­amt­li­chen Lehr­per­son nach dem Rund-

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er­lass des Mi­nis­ters für For­schung, Un­ter­richt und Kul­tus vom 29. Ok­to­ber 1958 - II 4 Tgb. Nr. 2015 - aus­schei­de. Ei­ne Um­wand­lung sei­ner Stel­le sei mit dem Haus­halts­an­satz nicht zu ver­ein­ba­ren.

Zum Schul­jahr 2004/2005 stell­te das be­klag­te Land für wei­te­re vier Un­ter­richts­wo­chen­stun­den be­fris­tet ei­ne neue Lehr­kraft ein.

Mit sei­ner im Ju­ni 2004 er­ho­be­nen Kla­ge hat der Kläger sei­nen An­trag auf Verlänge­rung der Ar­beits­zeit wei­ter­ver­folgt. Er hat im We­sent­li­chen gel­tend ge­macht, Haus­halts­recht könne den ge­setz­li­chen An­spruch nach § 9 Tz­B­fG nicht be­schränken. Bei der Erhöhung des St­un­den­de­pu­tats der Frau R. ha­be das be­klag­te Land bil­li­ges Er­mes­sen nicht ge­wahrt. Un­er­heb­lich sei, dass das zusätz­li­che Kon­tin­gent von vier St­un­den auf das Schul­jahr 2004/2005 be­fris­tet ge­we­sen sei. Er ha­be im Rechts­streit stets deut­lich ge­macht, dass ihm auch an ei­ner vorüber­ge­hen­den Verlänge­rung der Ar­beits­zeit ge­le­gen sei.

Der Kläger hat zu­letzt vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt be­an­tragt,

das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, dem Kläger ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 ein wei­te­res Un­ter­richts­de­pu­tat von zwei Wo­chen­stun­den zu über­tra­gen und die ent­spre­chen­de Mehr­vergütung zu zah­len.

Das be­klag­te Land hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Die Be­ru­fung des Klägers ist vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ge­wie­sen wor­den. Da­ge­gen wen­det sich der Kläger mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on.

Der Kläger be­an­tragt nun­mehr, 

das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, dem Kläger ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 ein wei­te­res Un­ter­richts­de­pu­tat von zwei Wo­chen­stun­den zu über­tra­gen und die ent­spre­chen­de Mehr­vergütung zu zah­len,

1. hilfs­wei­se, das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, das An­ge­bot des Klägers an­zu­neh­men, ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 statt wie bis­her 13/27 Un­ter­richts­stun­den Kla­vier zu un­ter­rich­ten, 15/27 St­un­den Kla­vier zu un­ter­rich­ten ge­gen die ent­spre­chend erhöhte Vergütung,

2. hilfs­wei­se, das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, das An­ge­bot des Klägers, ab dem Schul­jahr 2005/2006 statt wie bis­her 13/27, 15/27 Un­ter­richt im Fach Kla­vier zu er­tei­len, an­zu­neh­men.

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Das be­klag­te Land ver­folgt wei­ter­hin die Ab­wei­sung der Kla­ge.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Klägers ist oh­ne Er­folg. So­weit sie zulässig ist, ist sie un­be­gründet.

A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat of­fen­ge­las­sen, ob der in der Re­vi­si­on nun­mehr als Haupt­an­trag ge­stell­te Kla­ge­an­trag des­halb un­zulässig ist, weil ei­ne Ände­rung des Ar­beits­ver­trags zum Schul­jah­res­be­ginn 2003/2004 we­gen des Zeit­ab­laufs mögli­cher­wei­se nicht mehr in Be­tracht kom­me. Al­ler­dings könne die Aus­le­gung des Kla­ge­an­trags er­ge­ben, dass dem Kläger zu­kunfts­ge­rich­tet ein wei­te­res Un­ter­richts­de­pu­tat in der gewünsch­ten Höhe über­tra­gen wer­den sol­le. Die Kla­ge sei in je­dem Fall un­be­gründet. Der An­spruch könne nicht auf § 9 Tz­B­fG gestützt wer­den, weil die Be­klag­te kei­nen frei­en Ar­beits­platz iSd. Ge­set­zes ein­ge­rich­tet ha­be.

B. Dem stimmt der Se­nat nur im Er­geb­nis zu.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hätte die Zulässig­keit der vom Kläger er­ho­be­nen Leis­tungs­kla­ge nicht of­fen­las­sen dürfen. Das Ge­richt ist ver­pflich­tet, von Amts we­gen die Vor­aus­set­zun­gen für den Er­lass ei­nes Sa­chur­teils zu prüfen. Der Rechts­feh­ler führt hier nicht zur Zurück­ver­wei­sung; denn der Se­nat kann auf Grund der ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen in der Sa­che ent­schei­den (§ 563 Abs. 3 ZPO).

II. Der Kläger hat ge­gen das be­klag­te Land kei­nen An­spruch auf Erhöhung sei­nes St­un­den­de­pu­tats um zwei Wo­chen­un­ter­richts­stun­den ab dem Schul­jahr 2003/2004.

1. Die hier­auf ge­rich­te­te Kla­ge ist zulässig.

a) Der Kläger hat zwar den bis­her al­lein ge­stell­ten Sach­an­trag in der Re­vi­si­on als Haupt­an­trag ge­stellt und hilfs­wei­se die Ver­ur­tei­lung des be­klag­ten Lan­des zur An­nah­me sei­nes „An­ge­bots“ auf Erhöhung der wöchent­li­chen Un­ter­richts­stun­den be­gehrt. Der „Hilfs­an­trag“ stellt aber nur ei­ne ge­bo­te­ne Klar­stel­lung sei­nes ursprüng­lich ver­folg­ten Kla­ge­ziels dar. Be­reits das Ar­beits­ge­richt hat den „Haupt­an­trag“ als Kla­ge auf Ab-

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ga­be ei­ner Wil­lens­erklärung iSv. § 894 ZPO ver­stan­den, gestützt auf § 9 Tz­B­fG. Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist von ei­ner er­streb­ten Ver­tragsände­rung aus­ge­gan­gen. Es hat­te le­dig­lich Zwei­fel, ob ei­ne Ver­ur­tei­lung zur rück­wir­ken­den Be­gründung des Ände­rungs­ver­trags in Be­tracht kommt.

b) Die als Ein­heit zu ver­ste­hen­den Kla­ge­anträge sind hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Das be­klag­te Land soll das An­ge­bot des Klägers an­neh­men, ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 die Zahl der wöchent­li­chen Un­ter­richts­stun­den von 13 auf 15 zu erhöhen.

aa) Das be­klag­te Land weist al­ler­dings zu­tref­fend dar­auf hin, dass ein auf An­nah­me ei­nes Ver­trags­an­trags ge­rich­te­ter Kla­ge­an­trag re­gelmäßig des­sen Da­tum ent­hal­ten muss. Die­ses Er­for­der­nis er­gibt sich aus dem Zu­sam­men­spiel des ma­te­ri­el­len Rechts mit dem Pro­zess­recht. Ein Ver­trag kommt durch An­trag (§ 145 BGB), oft als „An­ge­bot“ be­zeich­net, und des­sen An­nah­me (§ 146 BGB) zu­stan­de. Da­bei muss der Ver­trags­an­trag, wenn der an­de­ren Ver­trags­par­tei kein Be­stim­mungs­recht ein­geräumt wer­den soll, so for­mu­liert sein, dass er durch ein bloßes „Ja“ oder „Nein“ an­ge­nom­men wer­den kann. Für den auf Ab­ga­be ei­ner An­nah­me­erklärung ge­rich­te­ten Kla­ge­an­trag be­deu­tet dies, dass der Ver­trags­an­trag so kon­kre­ti­siert sein muss, dass kein Zwei­fel be­steht, wel­chen In­halt der Ver­trag hat, der auf Grund ei­ner statt­ge­ben­den Ent­schei­dung (§ 894 ZPO) zu­stan­de kommt (vgl. die Recht­spre­chung des Se­nats zu § 8 Tz­B­fG, zu­letzt 12. Sep­tem­ber 2006 - 9 AZR 686/05 - DB 2007, 525, auch zur Veröffent­li­chung in BA­GE vor­ge­se­hen).

Die­sen An­for­de­run­gen ist genügt. Denn der In­halt des gewünsch­ten Ver­trags ist nicht un­klar. Das Un­ter­richts­de­pu­tat des Klägers soll ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 auf wöchent­lich 15 Un­ter­richts­stun­den erhöht wer­den. Die Ar­beits­be­din­gun­gen sol­len sich im Übri­gen mit Aus­nah­me der ent­spre­chend erhöhten Vergütung nicht ändern.

bb) Der wei­te­re In­halt des Kla­ge­an­trags, be­zo­gen auf die Zah­lung von Mehr­vergütung, wäre - als Leis­tungs­an­trag ver­stan­den - man­gels Be­stimmt­heit un­zulässig. Er­sicht­lich soll da­mit nur auf die Ent­gelt­ansprüche ver­wie­sen wer­den, die sich aus ei­ner Erhöhung des ver­trag­lich ver­ein­bar­ten wöchent­li­chen Un­ter­richts­de­pu­tats er­ge­ben.

cc) In glei­cher Wei­se ver­steht der Se­nat die For­mu­lie­rung, dem Kläger soll­ten zwei Wo­chen­stun­den „über­tra­gen“ wer­den. Wie der Kläger nicht ver­kennt, setzt ei­ne

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dau­er­haf­te Über­tra­gung wei­te­rer Un­ter­richts­stun­den ei­ne Ände­rung des zwi­schen den Par­tei­en am 21. Ja­nu­ar 2002 ge­schlos­se­nen Ände­rungs­ver­trags vor­aus, der ei­ne Un­ter­richts­ver­pflich­tung des Klägers von 13 Wo­chen­stun­den enthält. Ei­ne bloße „Über­tra­gung“ iSv. Zu­wei­sung von Un­ter­richts­stun­den kann oh­ne Ver­tragsände­rung kei­nen Er­folg ha­ben (vgl. Se­nat 9. Mai 2006 - 9 AZR 278/05 - AP BErzGG § 15 Nr. 47).

2. Die Kla­ge ist un­be­gründet. Ein An­spruch auf Auf­sto­ckung des Un­ter­richts­de­pu­tats ab Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 be­steht un­ter kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt.

a) Aus § 9 Tz­B­fG lässt sich der An­spruch nicht her­lei­ten. 

aa) Die Vor­schrift ver­pflich­tet den Ar­beit­ge­ber, ei­nen teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, der ihm den Wunsch nach ei­ner Verlänge­rung sei­ner ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit an­ge­zeigt hat, bei der Be­set­zung ei­nes ent­spre­chen­den frei­en Ar­beits­plat­zes bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe oder Ar­beits­zeitwünsche an­de­rer teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen. Ar­beits­zeit iSv. § 9 Tz­B­fG sind al­le denk­ba­ren Ar­beits­zeit­mo­del­le, da­mit auch die Ar­beits­zeit von Lehr­kräften, de­ren zeit­be­zo­ge­ne Ar­beits­pflicht re­gelmäßig in Wo­chen­un­ter­richts­stun­den aus­ge­drückt wird. In­halt­lich rich­tet sich der An­spruch auf die Zu­stim­mungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers. Er hat den Ver­trags­an­trag des Ar­beit­neh­mers an­zu­neh­men, so­weit nicht ei­ner der ge­setz­lich be­stimm­ten Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­gründe vor­liegt (Se­nat 15. Au­gust 2006 - 9 AZR 8/06 - zur Veröffent­li­chung in BA­GE vor­ge­se­hen). Die­ser An­spruch ist nach der Se­nats­recht­spre­chung auf die Be­set­zung ei­nes vom Ar­beit­ge­ber ein­ge­rich­te­ten „frei­en“ Ar­beits­plat­zes ge­rich­tet. Der Ar­beit­ge­ber kann frei ent­schei­den, wel­che Maßnah­men er zur De­ckung des erhöhten Per­so­nal­be­darfs er­greift (zu­tref­fend: Boewer Tz­B­fG § 9 Rn. 17 und ErfK/Preis 7. Aufl. § 9 Tz­B­fG Rn. 6; aA Busch­mann/Die­ball/Ste­vens-Bar­tol Das Recht der Teil­zeit­ar­beit 2. Aufl. § 9 Tz­B­fG Rn. 2, 22; Kitt­ner/Däubler/Zwan­zi­ger-Zwan­zi­ger KSchR 6. Aufl. § 9 Tz­B­fG Rn. 10). Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­frei­heit des Ar­beit­ge­bers darf je­doch nicht zur Um­ge­hung des § 9 Tz­B­fG ge­nutzt wer­den. Wenn der Ar­beit­ge­ber, an­statt die Ar­beits­zei­ten der auf­sto­ckungs­wil­li­gen Teil­zeit­beschäftig­ten zu verlängern, wei­te­re Teil­zeit­ar­beitsplätze oh­ne höhe­re Ar­beits­zeit ein­rich­tet, müssen für die­se Ent­schei­dung ar­beits­platz­be­zo­ge­ne Sach­gründe be­ste­hen. An­sons­ten würde der An­spruch auf Auf­sto­ckung leer lau­fen.

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Die­se Ein­schränkung greift ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers hier nicht durch. Das be­klag­te Land hat zum Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 kei­nen neu­en Ar­beits­platz ein­ge­rich­tet. Es hat viel­mehr ent­schie­den, den am Mu­sik­gym­na­si­um ent­stan­de­nen Be­darf an zwei wei­te­ren Un­ter­richts­stun­den/Wo­che im Fach Kla­vier durch Auf­sto­ckung der Un­ter­richts­zei­ten ei­ner be­reits beschäftig­ten Lehr­kraft und nicht durch die Ein­rich­tung ei­nes neu­en Ar­beits­plat­zes zu be­frie­di­gen.

bb) Ist die Kla­ge da­nach oh­ne­hin nicht be­gründet, braucht nicht auf­geklärt zu wer­den, ob die Be­haup­tung des be­klag­ten Lan­des wahr ist, der Kläger ha­be ei­nen An­trag nach § 9 Tz­B­fG erst­mals mit dem An­walts­schrei­ben vom 5. De­zem­ber 2003 und da­mit nach Be­ginn des Schul­jah­res 2003/2004 ge­stellt.

b) Ein An­spruch er­gibt sich nicht dar­aus, dass das be­klag­te Land statt mit dem Kläger mit der Lehr­kraft Frau R. die Erhöhung ih­res Pflicht­de­pu­tats ver­ein­bart hat. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers war das be­klag­te Land bei die­ser Aus­wahl nicht an die Grundsätze bil­li­gen Er­mes­sens ge­bun­den. Das Ge­bot bil­li­gen Er­mes­sens be­trifft das Wei­sungs­recht des Ar­beit­ge­bers (§ 106 Satz 1 Ge­wO). Da­ge­gen er­strebt der Kläger die Ände­rung sei­nes mit dem be­klag­ten Land ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trags. So­weit kein neu­er Ar­beits­platz ein­ge­rich­tet wird, ist der Ar­beit­ge­ber in der Aus­wahl frei, wel­chen Teil­zeit­beschäftig­ten er ei­ne Verlänge­rung der Ar­beits­zeit an­bie­tet. § 9 Tz­B­fG ver­pflich­tet ihn auch nicht, das ge­stie­ge­ne Ar­beits­zeit­vo­lu­men auf al­le in­ter­es­sier­ten Teil­zeit­beschäftig­ten gleichmäßig zu ver­tei­len.

III. Die Re­vi­si­on ist un­zulässig, so­weit der Kläger ei­ne Ver­tragsände­rung „ab Be­ginn des Schul­jah­res 2004/2005“ be­gehrt.

1. Der Kläger hat in der münd­li­chen Re­vi­si­ons­ver­hand­lung erklärt, der in den Vor­in­stan­zen ver­folg­te Kla­ge­an­trag ha­be sich stets auch auf den Be­ginn des Schul­jah­res 2004/2005 be­zo­gen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be das aus­weis­lich der Ent­schei­dungs­gründe nicht an­ders ver­stan­den. Des­halb ha­be er in der Re­vi­si­on le­dig­lich hin­sicht­lich des Schul­jah­res 2005/2006 ei­nen neu­en Hilfs­an­trag for­mu­liert.

2. Auch wenn zu Guns­ten des Klägers un­ter­stellt wird, der Kla­ge­an­trag ha­be das Schul­jahr 2004/2005 um­fasst, so war die­se Kla­ge un­zulässig. Sie hätte sich zunächst auf ei­ne künf­ti­ge Leis­tung iSv. § 259 ZPO be­zo­gen, oh­ne dass der Kläger die be­son­de­ren Zulässig­keits­vor­aus­set­zun­gen dar­ge­legt hätte. Mit Zeit­ab­lauf rich­te­te sich die Kla­ge zwar auf ei­ne ge­genwärti­ge Leis­tung. Es fehl­te aber an dem zur Kon­kre­ti­sie­rung

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iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO er­for­der­li­chen Sach­ver­halt, aus dem sich der pro­zes­su­al er­ho­be­ne An­spruch er­ge­ben soll. Die bloße For­mu­lie­rung ei­nes Sach­an­trags genügt nicht.

IV. Der vom Kläger in der Re­vi­si­on aus­drück­lich ge­stell­te Hilfs­an­trag ist un­zulässig.

Im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren können neue pro­zes­sua­le Ansprüche grundsätz­lich nicht zur ge­richt­li­chen Ent­schei­dung ge­stellt wer­den (st. Rspr. vgl. BAG 5. Ju­ni 2003 - 6 AZR 277/02 - AP ZPO 1977 § 256 Nr. 81 = EzA ZPO 2002 § 256 Nr. 2). Das Re­vi­si­ons­ge­richt prüft, ob die Vor­in­stanz über die Kla­ge rechts­feh­ler­frei ent­schie­den hat. Der Be­ur­tei­lung des Re­vi­si­ons­ge­richts un­ter­liegt da­bei nach § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO nur das­je­ni­ge Par­tei­vor­brin­gen, das aus dem Tat­be­stand des Be­ru­fungs­ur­teils oder dem Sit­zungs­pro­to­koll er­sicht­lich ist. Es gilt der Grund­satz, dass die Ur­teils­grund­la­ge mit dem En­de der Be­ru­fungs­ver­hand­lung ab­ge­schlos­sen wird. Ei­ne Kla­ge­er­wei­te­rung, mit der an­stel­le des rechtshängi­gen An­spruchs oder da­ne­ben ein neu­er An­spruch er­ho­ben wird, ist des­halb in der Re­vi­si­ons­in­stanz grundsätz­lich nicht möglich. So liegt es hier.

Der auf ei­ne Erhöhung des ver­trag­li­chen Un­ter­richts­de­pu­tats ge­rich­te­te hilfs­wei­se ver­folg­te Kla­ge­an­trag, mit dem Kläger be­gin­nend mit dem Schul­jahr 2005/2006 ei­nen Ände­rungs­ver­trag über ei­ne Erhöhung der Wo­chen­un­ter­richts­stun­den zu schließen, war nicht Ge­gen­stand des Be­ru­fungs­ver­fah­rens. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers be­reits am 14. April 2005 zurück­ge­wie­sen. Der Sach­an­trag be­trifft ei­nen neu­en Streit­ge­gen­stand.

V. Der Kläger hat die Kos­ten sei­nes er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels nach § 97 Abs. 1 ZPO zu tra­gen.

Düwell
Krasshöfer
Rei­ne­cke

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