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Arbeitsrecht aktuell: 10/233 Drohung mit fristloser Kündigung macht Aufhebungsvertrag nur selten anfechtbar




Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 05.11.2010, 6 Sa 1442/10


Leitsatz des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg:

"Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, den Arbeitnehmer darüber zu belehren, dass es schwieriger ist, sich von einem Aufhebungsvertrag zu lösen, als gegen eine fristlose Kündigung vorzugehen."

 

29.11.2010. Wenn so schwerwiegende Gründe vorliegen, dass entweder dem Arbeitnehmer oder dem Arbeitgeber ein Abwarten bis zum Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist nicht zugemutet werden kann, dann darf der Betroffene außerordentlich, fristlos kündigen (§ 626 Abs.1 Bürgerliches Gesetzbuch - BGB). Aufgrund der dauerhaft angespannten Arbeitsmarktsituation ist meist der Arbeitgeber der Kündigende. Die Frage, ob eine weitere Zusammenarbeit unzumutbar ist, hängt von einer umfassenden Abwägung des arbeitgeberseitigen Beendigungsinteresses einerseits und des arbeitnehmerseitigen Fortsetzungsinteresses andererseits ab. Selbst bei so genannten Bagatelldelikten, also Straftaten zulasten des Arbeitgebers mit geringem Schaden, und darüber hinaus kann jedenfalls nach der jüngeren Rechtsprechung der Arbeitsgerichte eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses zumutbar sein (wir berichteten zuletzt in Arbeitsrecht aktuell 10/220: Fristlose Kündigung unwirksam trotz Betruges mit 166 Euro Schaden).

Da Arbeitgeber während des Kündigungsschutzprozesses Arbeitnehmer in aller Regel nicht weiter beschäftigen, aber bei einer unwirksamen Kündigung für diesen Zeitraum weiter bezahlen müssen, sind außerordentliche Kündigungen ein großes finanzielles Risiko. Dies gilt auch für den Arbeitnehmer, dem eine dreimonatige Sperrzeit beim Bezug von Arbeitslosengeld droht. Weil vor dem Arbeitsgericht jede Partei ihre Anwaltskosten selbst tragen muss (§ 12a Abs. 1 Arbeitsgerichtsgesetz - ArbGG), haben gut beratene Arbeitnehmer daher wenig Skrupel, außerordentliche Kündigungen gerichtlich überprüfen zu lassen.

Anders sieht es bei so genannten Aufhebungsverträgen aus. Dieses Gegenstück zum Arbeitsvertrag hat für den Arbeitgeber eine Reihe von Vorteilen, insbesondere wird ein kostenträchtiger Prozess vermieden. Für Arbeitnehmer hingegen ist ein (ohne Beratung abgeschlossener) Aufhebungsvertrag genauso nachteilig wie eine fristlose Kündigung, denn auch hier verhängt die Agentur für Arbeit eine Sperrzeit.

Im Gegensatz zu einer außerordentlichen Kündigung sind Aufhebungsverträge in aller Regel "gerichtsfest". Theoretisch möglich ist zwar eine Anfechtung wegen Drohung (§§ 142, 123 Abs. 1 BGB).

Die Drohung muss aber widerrechtlich sein. Dies bekam schmerzhaft die Mitarbeiterin eines Warenhauses zu spüren. Als sie wegen eines Diebstahles angehört wurde, wies der Geschäftsleiter darauf hin, dass das Arbeitsverhältnis entweder durch fristlose Kündigung oder durch Aufhebungsvertrag beendet werde. Die Arbeitnehmerin unterzeichnete den Aufhebungsvertrag sofort. Zwei Tage später, nachdem sie einen Anwalt konsultiert hatte, lies sie ihre Vertragserklärung wegen Drohung anfechten und klagte auf die Feststellung, dass das Arbeitsverhältnis weiter fortbesteht.

Damit hatte sie nur in erster Instanz vor dem Arbeitsgericht Potsdam Erfolg (Urteil vom 20.05.2010, 8 Ca 155/10). Das in zweiter Instanz zuständige Landesarbeitsgericht (LAG) Berlin-Brandenburg hingegen war der Meinung, dass die Drohung des Geschäftsführers nicht "widerrechtlich" war (Urteil vom 05.11.2010, 6 Sa 1442/10). In seiner lesenswerten Entscheidung begründet das Gericht seine Rechtsauffassung ausführlich unter Bezugnahme auf die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts (BAG). Im Wesentlichen ist danach die Drohung mit einer außerordentlichen Kündigung nur widerrechtlich, wenn ein verständiger Arbeitgeber eine solche Kündigung nicht ernsthaft in Erwägung ziehen durfte. Das ist praktisch nur der Fall, wenn der Drohende selbst nicht an seine Berechtigung glaubt oder sein Rechtsstandpunkt nicht mehr vertretbar ist - mit anderen Worten: So gut wie nie.

Die Arbeitnehmerin hat damit wegen einer voreiligen Unterschrift nicht nur ihr Arbeitsverhältnis und einen Prozess verloren, sondern auch einen Teil ihres Arbeitslosengeldes.

Fazit: Der Fall zeigt wieder einmal sehr deutlich, wie ungeheuer schädlich eine Unterschrift ohne Bedenkzeit sein kann (wir berichteten über einen ähnlichen Fall in Arbeitsrecht aktuell 10/229: Schuldanerkenntnis eines Arbeitnehmers nur ausnahmsweise unwirksam). Arbeitnehmer sollten diese in jedem Fall einfordern und ein Anwalt konsultieren. Denn im Zweifel fällt die Antwort auf die Frage, ob eine außerordentliche Kündigung wirksam sein wird, positiver aus als eine Bewertung der Chancen, sich von einem bereits unterschriebenen Aufhebungsvertrag wieder zu lösen.

Nähere Informationen finden Sie hier:

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Letzte Überarbeitung: 9. Mai 2012

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Arbeitsrecht aktuell:


München, 16.05.2012
Altersversorgung:

Betriebliche Übung und Betriebsrente

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.05.2012, 3 AZR 128/11

Hannover, 15.05.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaubsabgeltung bei Krankheit

Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 23.02.2012, 5 Sa 1370/11

Frankfurt, 14.05.2012
Leiharbeit:

Für Leiharbeitsfirmen werden die CGZP-Tarifverträge teuer

Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 23.04.2012, L 1 KR 95/12 B ER

Berlin, 12.05.2012
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Rettungszweckverband

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 10.05.2012, 8 AZR 639/10

Köln, 09.05.2012
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Fristlose Kündigung wegen Strafanzeige

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11

Köln, 08.05.2012
Lohnrückzahlung:

Gehaltsüberzahlung bei Überstundenvergütung

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 12.10.2011, 9 Sa 156/11

München, 07.05.2012
Kündigungsschutzklage:

LAG München zu Kündigungsschutzklage und Rücknahme der Kündigung

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 13.10.2011, 3 Sa 1187/10

Frankfurt, 04.05.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaubsabgeltung nach langer Krankheit auch für Beamte

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 03.05.2012, Rs. C-337/10 - Neidel

Köln, 03.05.2012
Korruption:

Kündigung - Schmiergeld als Kündigungsgrund

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 23.01.2012, 5 Sa 371/11

Köln, 02.05.2012
Kündigung und Krankheit:

Arbeitsgericht Trier: Kündigung nach Krankmeldung als Maßregelung

Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 08.12.2011, 3 Ca 936/11

Köln, 30.04.2012
Fristlose Kündigung:

Betriebsrat - Fristlose Kündigung und trotzdem im Amt?

Landesarbeitsgericht Köln, Beschluss vom 27.07.2011, 9 TaBVGa 2/11

Frankfurt, 25.04.2012
Urlaubsabgeltung:

Urlaubsabgeltung nach Krankheit und Verfallfrist

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 13.12.2011, 9 AZR 399/10

Köln, 24.04.2012
Diskriminierungsschutz:

Geschäftsführer und Altersdiskriminierung

Bundesgerichtshof, Urteil vom 23.04.2012, II ZR 163/10

Frankfurt, 23.04.2012
Fristlose Kündigung:

Kündigung wegen Stalkings

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 19.04.2012, 2 AZR 258/11

Hamburg, 20.04.2012
Lohnuntergrenzen:

Mindestlohn gemäß Arbeitnehmer-
Entsendegesetz (AEntG)

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.04.2012, 4 AZR 139/10, Beschluss vom 18.04.2012, 4 AZR 168/10

Hamburg, 20.04.2012
Diskriminierung:

Auskunftsanspruch des abgelehnten Stellenbewerbers?

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 19.04.2012, C-415/10 (Meister)

Hannover, 18.04.2012
Gleichbehandlung:

Altersteilzeit und Betriebsrente

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 17.04.2012, 3 AZR 280/10

Hamburg, 13.04.2012
Kündigungsschutzklage:

Anfechtung eines Vergleichs nur im Ausnahmefall

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 27.09.2011, 1 Sa 538 e/10

Stuttgart, 12.04.2012
Änderungskündigung:

Abmahnung vor Änderungskündigung

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 10.11.2011, 10 Sa 329/11

Berlin, 05.04.2012
Unkündbarkeit:

Außerordentliche betriebsbedingte Kündigung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 07.02.2012, 7 Sa 2164/11

Köln, 28.03.2012
Ermahnung:

Entfernung einer Ermahnung aus der Personalakte

Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 20.12.2011, 3 Ca 1013/11

Frankfurt, 26.03.2012
Mitarbeitergespräche:

Mitbestimmung des Betriebsrates bei Mitarbeiterjahresgesprächen

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 06.02.2012, 16 Sa 1134/11

Berlin, 22.03.2012
Massenentlassungsanzeige

Massenentlassung und Stellungnahme des Betriebsrats

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.03.2012, 6 AZR 596/10

Berlin, 21.03.2012
Gleicher Urlaub:

Urlaub nach Alter ist eine Diskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.03.2012, 9 AZR 529/10

Berlin, 18.03.2012
Änderungskündigung:

Fallstricke bei betriebsbedingter Änderungskündigung wegen Betriebsschließung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.12.2011, 15 Sa 1264/11, 15 Sa 1461/11

Berlin, 16.03.2012
Bewerberdiskriminierung

Diskriminierung - Frist zur Forderung von Entschädigung rechtens

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.03.2012, 8 AZR 160/11

Berlin, 15.03.2012
Urlaubsrecht:

Kein Urlaubsverfall bei günstigem Arbeitsvertrag

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.10.2011, 9 AZR 303/10

Berlin, 14.03.2012
Wettbewerbsverbot:

Wettbewerbsverbot - Anrechung von Arbeitslosengeld auf die Karenzentschädigung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.09.2011, 10 AZR 198/10

Hamburg, 12.03.2012
Provision:

Provisionsvorschuss - Rückzahlung auch ohne Vertrag

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 06.12.2011, 1 Sa 13 a/11

Hannover, 11.03.2012
Befristung:

Befristeter Arbeitsvertrag und auflösende Bedingung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 29.06.2011, 7 AZR 6/10