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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/175

BAG ent­schei­det zu Ur­laubs­geld, Weih­nachts­geld und Min­dest­lohn

Wird mit ei­nem Ur­laubs- und Weih­nachts­geld die nor­ma­le Ar­beits­leis­tung be­zahlt, kön­nen die­se Zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.05.2016, 5 AZR 135/16
Mindestlohn, Arbeitnehmer arbeiten auf Euro-Münzen

31.05.2016. Das Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) re­gelt nicht ein­deu­tig, wel­che Lohn­be­stand­tei­le zum Min­dest­lohn von der­zeit 8,50 EUR ge­hö­ren.

Da­her fragt sich, ob der Ar­beit­ge­ber Ein­mal­zah­lun­gen wie ein Ur­laubs- oder Weih­nachts­geld auf den Min­dest­lohn an­rech­nen kann.

Letz­te Wo­che hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass sol­che Leis­tun­gen den An­spruch auf den Min­dest­lohn im Prin­zip er­fül­len kön­nen. Vor­aus­set­zung ist aber, dass die­se Zah­lun­gen die re­gu­lä­re Ar­beits­leis­tung ver­gü­ten: BAG, Ur­teil vom 25.05.2016, 5 AZR 135/16 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Können Ein­mal­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den, nach­dem sie per Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf den Mo­nats­lohn um­ge­legt wur­den?

Nor­ma­ler­wei­se können Son­der­zah­lun­gen, die nur ein- oder zwei­mal im Jahr gewährt wer­den, nicht auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den. Denn das Mi­LoG schreibt vor, dass der Min­dest­lohn spätes­tens am En­de des nächs­ten Mo­nats zu zah­len ist (§ 2 Abs.1 Satz 1 Nr.2 Mi­LoG).

Zahlt der Ar­beit­ge­ber da­her zum Bei­spiel von Ja­nu­ar bis Ok­to­ber nur 7,50 EUR brut­to pro St­un­de, kann er die Un­ter­schrei­tung des Min­dest­lohns in der Zeit von Ja­nu­ar bis Sep­tem­ber nicht mit ei­ner Weih­nachts­geld­zah­lung im No­vem­ber aus­glei­chen. Bes­ten­falls kann das Weih­nachts­geld im No­vem­ber auf den Min­dest­lohn­an­spruch für den Vor­mo­nat Ok­to­ber an­ge­rech­net wer­den.

Die Fra­ge ei­ner An­rech­nung von Ein­mal­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn setzt da­her vor­aus, dass die Ein­mal­zah­lun­gen auf die zwölf re­gulären Ab­rech­nungs­mo­na­te ver­teilt wer­den.

Für ei­ne sol­che Um­stel­lung braucht der Ar­beit­ge­ber in den meis­ten Fällen das OK der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer und/oder des Be­triebs­rats. Nur aus­nahms­wei­se kann der Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig aus ei­ner Ein­mal­zah­lung ei­nen mo­nat­lich zu zah­len­den Lohn­be­stand­teil ma­chen, nämlich dann, wenn er sich ei­ne sol­che Ände­rung der Zahl­wei­se ar­beits­ver­trag­lich vor­be­hal­ten hat und/oder wenn er sich dafür auf ei­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung oder ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­ru­fen kann.

Kei­ne gu­te Idee wäre es, ei­ne sol­che Fällig­keitsände­rung mit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Ände­rungskündi­gung zu er­zwin­gen. Denn da­zu müss­te der Ar­beit­ge­ber, wenn die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer Ände­rungs­schutz­kla­ge er­he­ben, vor Ge­richt nach­wei­sen, dass es zwin­gen­de be­triebs­be­ding­te Gründe gibt, die ei­ne sol­che Ver­tragsände­rung un­ver­meid­lich ma­chen. Ein sol­cher Nach­weis ist prak­tisch unmöglich, wie ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zeigt (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 25.09.2015, 8 Sa 677/15, wir be­rich­te­ten über die Ent­schei­dung der Vor­in­stanz in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/091 Min­dest­lohn: An­rech­nung von Lohn­be­stand­tei­len).

Vor die­sen Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge der An­re­chen­bar­keit von Ur­laubs- und Weih­nachts­gel­dern auf den Min­dest­lohn oft so: Kann der Ar­beit­ge­ber Ein­mal­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn an­rech­nen, wenn der Be­triebs­rat zu­vor mit­ge­spielt hat und es da­her ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung gibt, die dem Ar­beit­ge­ber die Um­ver­tei­lung der bis­he­ri­gen Ein­mal­zah­lun­gen auf den Mo­nats­lohn er­laubt - oder würde ei­ne sol­che Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­gen das Mi­LoG ver­s­toßen und wäre da­her un­wirk­sam?

Im Streit: Bran­den­bur­gi­sche Gas­tro­no­mie­kraft wehrt sich ge­gen die Um­ver­tei­lung ei­nes bis­he­ri­gen Ur­laubs- und Weih­nachts­gel­des auf den Mo­nats- und da­mit auf den Min­dest­lohn

Ge­klagt hat­te ei­ne bran­den­bur­gi­sche Ca­fe­te­ria-Mit­ar­bei­te­rin, die vor Einführung des Mi­LoG (Ja­nu­ar 2015) we­ni­ger als 8,50 EUR brut­to ver­dien­te, dafür aber Lohn­zu­schläge so­wie ein Ur­laubs- und ein Weih­nachts­geld be­kam. Im De­zem­ber 2014 schloss der Ar­beit­ge­ber mit dem Be­triebs­rat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die mo­nat­li­che Aus­zah­lung der Jah­res­son­der­zah­lun­gen.

Un­ter Be­ru­fung auf die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung zahl­te der Ar­beit­ge­ber ab Ja­nu­ar 2015 je­den Mo­nat ne­ben dem Brut­to­lohn von 1.391,36 EUR ein Zwölf­tel des bis­he­ri­gen Ur­laubs- und Weih­nachts­gelds, in Sum­me 1.507,30 EUR brut­to. Da­mit lag der Mo­nats­lohn knapp über dem Min­dest­lohn, der sich bei 40 St­un­den pro Wo­che auf (40 x 8,50 EUR x 13 Wo­chen : 3 =) 1.473,33 EUR beläuft.

Die Kläge­rin ar­gu­men­tier­te, die Um­ver­tei­lung des bis­he­ri­gen Ur­laubs- und Weih­nachts­gelds ver­s­toße ge­gen das Mi­LoG. Da­her ver­lang­te sie die­se Son­der­zah­lun­gen wei­ter­hin bzw. zusätz­lich zum erhöhten Mo­nats­lohn. Aus ih­rer Sicht dien­te das Ur­laubs­geld dem erhöhten Fi­nanz­be­darf während des Ur­laubs. Das Weih­nachts­geld be­wer­te­te sie als An­er­ken­nung für die Be­triebs­treue. Außer­dem müss­ten die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Zu­schläge für Über­stun­den so­wie für Nacht-, Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit auf der Ba­sis des Min­dest­lohns von 8,50 EUR brut­to be­rech­net wer­den, so die Kläge­rin.

Das Ar­beits­ge­richt Bran­den­burg an der Ha­vel wie die Kla­ge ab (Ur­teil vom 19.08.2015, 3 Ca 260/15). Auch vor dem LAG hat­te die Kla­ge kei­nen Er­folg, ab­ge­se­hen von ei­ner mi­ni­ma­len Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zur Zah­lung von 80 Cent rückständi­ger Nacht­ar­beits­zu­schläge (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 12.01.2016, 19 Sa 1851/15).

Be­gründung des LAG: Ur­laubs- und Weih­nachts­geld wa­ren al­lein vom Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses im Aus­zah­lungs­mo­nat abhängig und be­lie­fen sich auf ei­nen hal­ben Mo­nats­lohn. Da­mit wa­ren sie nor­ma­le Lohn­be­stand­tei­le, ab­ge­se­hen von der Fällig­keit (Mai und No­vem­ber).

Da die ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) wa­ren und prak­tisch al­le Ar­beit­neh­mer be­tra­fen, wie­sen sie ei­nen kol­lek­ti­ven Be­zug auf und wa­ren, so das LAG, "be­triebs­ver­ein­ba­rungs­of­fen". Hier be­rief sich das LAG auf ei­ne neue­re Ent­schei­dung des BAG, der zu­fol­ge der Be­triebs­rat von ar­beits­ver­trag­li­chen AGB ab­wei­chen­de Re­ge­lun­gen per Be­triebs­ver­ein­ba­rung schaf­fen kann (BAG, Ur­teil vom 05.03.2013, 1 AZR 417/12; wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/055 Ent­las­sung mit 65 auf­grund Be­triebs­ver­ein­ba­rung).

Da­her konn­te der Be­triebs­rat hier im Streit­fall die ar­beits­ver­trag­li­chen Fällig­keits­re­ge­lun­gen ändern, denn § 87 Abs.1 Satz 1 Nr.4 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) gibt ihm ein Mit­be­stim­mungs­recht beim The­ma "Zeit, Ort und Art der Aus­zah­lung der Ar­beits­ent­gel­te". 

BAG: Wird mit Ur­laubs- und Weih­nachts­geld die Ar­beits­leis­tung be­zahlt, können die­se Zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den, wenn ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung ei­ne mo­nat­li­che Fällig­keit vor­sieht

Auch in Er­furt hat­te die Kläge­rin kei­nen Er­folg. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG: 

Der Ar­beit­ge­ber muss den Min­dest­lohn für je­de tatsächlich ge­leis­te­te Ar­beits­stun­de zah­len. Er erfüllt die­sen An­spruch, in­dem er Zah­lun­gen als Ge­gen­leis­tung für die Ar­beit er­bringt, vor­aus­ge­setzt, die­se Zah­lun­gen ste­hen dem Ar­beit­neh­mer endgültig zu. Da­ge­gen wird der Min­dest­lohn­an­spruch nicht erfüllt, wenn der Ar­beit­ge­ber Leis­tun­gen er­bringt, bei de­nen es nicht auf die Ar­beits­leis­tung an­kommt oder bei de­nen ein spe­zi­el­ler ge­setz­li­cher Zweck ver­folgt wird wie z.B. bei den Nacht­zu­schlägen gemäß § 6 Abs.5 Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG).

Der ge­setz­li­che Min­dest­lohn tritt als ei­genständi­ger An­spruch ne­ben die bis­he­ri­gen An­spruchs­grund­la­gen, führt aber nicht zu ei­ner Ände­rung die­ser An­spruchs­grund­la­gen, so das BAG. Be­zo­gen auf den Streit­fall heißt das: Die ein­ge­klag­ten Son­der­zah­lun­gen soll­ten die von der Kläge­rin ge­leis­te­te Ar­beit bzw. ih­re Ar­beits­stun­den be­zah­len und stan­den da­her im Aus­tausch­verhält­nis Ar­beit ge­gen Lohn. Die­ser Zweck der Son­der­zah­lun­gen änder­te sich auch nicht durch die mo­nat­li­che Zahl­wei­se. Da­her hat­te der Ar­beit­ge­ber durch die Zah­lung von 1.507,30 EUR brut­to pro Mo­nat den ge­rin­ge­ren Min­dest­lohn­an­spruch von 1.473,33 EUR brut­to erfüllt.

Fa­zit: Das Ur­teil des BAG ent­spricht der über­wie­gen­den Mei­nung und passt gut zu der Ge­set­zes­be­gründung zum Mi­LoG. Da­nach kann der Ar­beit­ge­ber auf den Min­dest­lohn Leis­tun­gen an­rech­nen, mit de­nen die Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers be­zahlt wer­den soll und die oh­ne Vor­be­halt und endgültig gewährt wer­den (Bun­des­tags-Druck­sa­che 18/1558, S.67). Nicht an­re­chen­bar sind da­ge­gen nach den Vor­stel­lun­gen des Ge­setz­ge­bers zum Bei­spiel Über­stun­den­zu­schläge, Zu­schläge für Nacht-, Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit oder Zu­la­gen für be­son­ders be­schwer­li­che Ar­bei­ten (z.B. Schmutz­zu­la­gen).

Nicht ganz so über­zeu­gend ist dem­ge­genüber die (vom BAG of­fen­bar ab­ge­seg­ne­te) Mei­nung des LAG, ar­beits­ver­trag­li­che AGB stünden weit­ge­hend zur Dis­po­si­ti­on des Be­triebs­rats. Je mehr ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen, die im "Klein­ge­druck­ten" des Ar­beits­ver­trags ent­hal­ten sind, per Be­triebs­ver­ein­ba­rung geändert wer­den können (und zwar auch zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers), des­to we­ni­ger wert sind Ar­beits­verträge.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.05.2016, 5 AZR 135/16

Letzte Überarbeitung: 13. November 2020

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