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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/029

Bei Mas­sen­ent­las­sung kei­ne Be­nach­tei­li­gung wäh­rend ei­ner El­tern­zeit

Er­fur­ter Rich­ter be­fol­gen grum­melnd die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Mas­sen­ent­las­sung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.01.2017, 6 AZR 442/16
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26.01.2017. Vor ei­nem hal­ben Jahr be­rich­te­ten wir über ei­nen Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 08.06.2016 (1 BvR 3634/13), mit dem die Karls­ru­her Rich­ter ei­ner ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­me­rin ge­hol­fen hat­ten, die zu­vor in al­len ar­beits­ge­richt­li­chen In­stan­zen mit ih­rer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ge­schei­tert war (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/258 Mas­sen­ent­las­sung und El­tern­zeit).

Denn das BVerfG war an­ders als das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) der Mei­nung, dass der spe­zi­el­le Kün­di­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen auch zu­guns­ten von Ar­beit­neh­mern an­ge­wandt wer­den muss, die sich wäh­rend ei­ner an­zei­ge­pflich­ti­gen Mas­sen­kün­di­gung ge­ra­de in El­tern­zeit be­fin­den.

Heu­te hat das BAG den Streit­fall ent­spre­chend den Vor­ga­ben des BVerfG ent­schie­den, d.h. zu­guns­ten der Klä­ge­rin: BAG, Ur­teil vom 26.01.2017, 6 AZR 442/16 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Kündi­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen und El­tern­zeit

Ar­beit­ge­ber, die in­ner­halb von 30 Ta­gen ei­ne größere Zahl von Ar­beit­neh­mern kündi­gen wol­len, müssen die­se Mas­sen­ent­las­sung vor­ab der Ar­beits­agen­tur an­zei­gen. Das folgt aus § 17 Abs.1 und Abs.3 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG). Macht er das nicht, sind die Kündi­gun­gen nach der Recht­spre­chung un­wirk­sam.

Ar­beit­neh­mer, die sich ge­ra­de in El­tern­zeit be­fin­den, ha­ben von die­sem Son­derkündi­gungs­schutz oft nichts, denn für die Kündi­gung von El­tern­zeit­lern braucht der Ar­beit­ge­ber ein vor­he­ri­ges behörd­li­ches OK, d.h. ei­ne Zulässig­keits­erklärung gemäß § 18 Abs.1 Bun­des­el­tern­geld- und -El­tern­zeit­ge­setz (BEEG). Die wie­der­um braucht Zeit, und bis sie vor­liegt, ist die Mas­sen­ent­las­sung oft schon vorüber. Dann wie­der­um ver­langt § 17 Abs.1 und Abs.3 KSchG kei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge.

Der spe­zi­el­le Kündi­gungs­schutz für El­tern­zeit-Ar­beit­neh­mer hätte dem­nach zur Fol­ge, dass El­tern­zeit­ler den be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen ver­lie­ren, den sie ei­gent­lich gemäß § 17 KSchG ha­ben soll­ten. Das verstößt ge­gen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­heits­satz (Art.3 Grund­ge­setz - GG) und ist außer­dem ei­ne gemäß Art.3 Abs.3 GG ver­bo­te­ne (mit­tel­ba­re) Be­nach­tei­li­gung von Frau­en we­gen ih­res Ge­schlechts, denn die Mehr­heit der El­tern­zeit-Ar­beit­neh­mer ist weib­lich.

So hat es das BVerfG vor ei­nem gu­ten hal­ben Jahr ent­schie­den (BVerfG, Be­schluss vom 08.06.2016, 1 BvR 3634/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/258 Mas­sen­ent­las­sung und El­tern­zeit).

Im Streit: In­sol­venz­be­ding­te Be­triebs­sch­ließung in Frank­furt mit ver­patz­ten An­zei­gen der ge­plan­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen

Der Streit, über den das BVerfG zu ent­schei­den hat­te, hat­te En­de 2009 be­gon­nen, als ei­ne in­sol­ven­te grie­chi­sche Flug­ge­sell­schaft ih­re deut­schen Nie­der­las­sun­gen still­leg­te, un­ter an­de­rem den Frank­fur­ter Be­trieb mit 36 dort beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern.

Die meis­ten die­ser 36 Ar­beit­neh­mer wur­den im De­zem­ber 2009 und Ja­nu­ar 2010 gekündigt und hat­ten mit ih­ren Kündi­gungs­schutz­kla­gen Er­folg. Denn die Ge­sell­schaft hat­te es un­ter­las­sen, vor die­ser Mas­sen­ent­las­sung gemäß § 17 Abs.2 KSchG den Ge­samt­be­triebs­rat zu kon­sul­tie­ren, der we­gen der Sch­ließung al­ler Stand­or­te zuständig ge­we­sen wäre. Dem­ent­spre­chend war der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge auch kei­ne Stel­lung­nah­me des Ge­samt­be­triebs­rats bei­gefügt. Das wie­der­um ver­stieß ge­gen § 17 Abs.3 Satz 2 KSchG und mach­te die Frank­fur­ter Kündi­gun­gen un­wirk­sam (BAG, Ur­teil vom 13.12.2012, 6 AZR 5/12).

Ei­ne der Frank­fur­ter Ar­beit­neh­me­rin­nen be­fand sich während der 30tägi­gen Kündi­gungs­wel­le von En­de De­zem­ber 2009 bis En­de Ja­nu­ar 2010 al­ler­dings in El­tern­zeit. Sie er­hielt da­her erst am 12.03.2010 die Kündi­gung, nach­dem die behörd­li­che Zulässig­keits­erklärung gemäß § 18 Abs.1 BEEG vor­lag. Das führ­te da­zu, dass ih­re Kündi­gungs­schutz­kla­ge in al­len In­stan­zen ab­ge­wie­sen wur­de, nämlich vom Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Ur­teil vom 06.04.2011, 2 Ca 2422/10), vom Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (Ur­teil vom 31.10.2011, 17 Sa 761/11) und schließlich auch vom BAG (BAG, Ur­teil vom 25.04.2013, 6 AZR 49/12).

Erst mit ih­rer da­ge­gen ge­rich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat­te die Ar­beit­neh­me­rin Er­folg. Das BVerfG hob das BAG-Ur­teil auf und ver­wies den Fall zurück zum BAG. Der be­son­de­re Kündi­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen muss auch für Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen gel­ten, die sich in El­tern­zeit be­fin­den, so die Karls­ru­her Rich­ter (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/258 Mas­sen­ent­las­sung und El­tern­zeit).

BAG: Bin­dung an die Ent­schei­dung des BVerfG ist zu re­spek­tie­ren

Auf­grund der Ent­schei­dung des BVerfG sah sich das BAG ge­zwun­gen, der Kündi­gungs­schutz­kla­ge der Frank­fur­ter Kläge­rin statt­zu­ge­ben. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Un­ter ei­ner "Mas­sen­ent­las­sung" war bis­her auf der Grund­la­ge von § 17 KSchG und der da­hin­ter ste­hen­den Richt­li­nie 98/59/EG (Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie) der Aus­spruch von (vie­len) Kündi­gungs­erklärun­gen zu ver­ste­hen, so das BAG. Plant der Ar­beit­ge­ber ei­nen sol­chen Aus­spruch von Kündi­gun­gen in­ner­halb von 30 Ka­len­der­ta­gen, muss er vor­her den Be­triebs­rat kon­sul­tie­ren und die Ar­beits­agen­tur in Form ei­ner Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge in­for­mie­ren.

Dem­ge­genüber gehört der An­trag auf Zulässig­keits­erklärung gemäß § 18 Abs.1 BEEG noch nicht zur Kündi­gung selbst, son­dern zu ih­rer Vor­be­rei­tung. Trotz­dem muss der Ar­beit­ge­ber künf­tig auf­grund der Ent­schei­dung des BVerfG auch für sol­che Ar­beit­neh­mer ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge bei der Ar­beits­agen­tur ein­rei­chen, die er nicht im Rah­men der ei­gent­li­chen Mas­sen­ent­las­sung kündigt, son­dern für die er in­ner­halb der Mas­sen­ent­las­sungs­wel­le ei­ne Zulässig­keits­erklärung gemäß § 18 Abs.1 BEEG be­an­tragt (hat).

Die­se "Er­wei­te­rung des Ent­las­sungs­be­griffs bei Mas­sen­ent­las­sun­gen durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt" be­trifft nur das deut­sche Ar­beits­recht, so das BAG, das sich dem­ent­spre­chend dar­an ge­bun­den sieht. Die­se Bin­dung be­steht

"un­ge­ach­tet der Pro­ble­me (...), die ua. dann ent­ste­hen, wenn die behörd­li­che Zu­stim­mung erst außer­halb der 90-tägi­gen Frei­f­rist des § 18 Abs.4 KSchG er­teilt wird oder wenn bei ei­ner Ar­beit­neh­me­rin in El­tern­zeit die Kündi­gung als sol­che zu­gleich Teil ei­ner zwei­ten, § 17 KSchG un­ter­fal­len­den Wel­le von Kündi­gun­gen ist."

Fa­zit: Auch wenn sich das BAG über den Be­schluss des BVerfG vom 08.06.2016 (1 BvR 3634/13) of­fen­bar nicht freut, ist er zu be­ach­ten. Ei­ne An­zei­ge der Mas­sen­ent­las­sung ist da­her künf­tig auch dann er­for­der­lich, wenn Ar­beit­neh­mer nach ei­ner an­zei­ge­pflich­ti­gen Ent­las­sungs­wel­le wei­te­re Ar­beit­neh­mer kündi­gen möch­te, für die er be­reits während der Ent­las­sungs­wel­le ei­ne behörd­li­che Zu­stim­mung zur Kündi­gung be­an­tragt hat. Das be­trifft nicht nur Ar­beit­neh­mer während ei­ner El­tern­zeit, son­dern auch schwan­ge­re Ar­beit­neh­me­rin­nen und Schwer­be­hin­der­te.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Das voll­stän­dig be­grün­de­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 2. Juli 2018

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Thomas Becker
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