HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/243

Kei­ne Ent­schä­di­gung für Schein­be­wer­ber

Schein­be­wer­ber kön­nen sich nicht auf die EU-Richt­li­ni­en zum Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz be­ru­fen: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 28.07.2016, C-423/15 (Nils Krat­zer)
Bewerbungsmappe mit darauf liegender Fahrkarte Be­wer­bung oder Schein­be­wer­bung?

02.08.2016. Es gibt nicht vie­le AGG-Hop­per, aber es gibt sie: Schein-Be­wer­ber, die sich auf ei­ne Stel­len­an­zei­ge nur "be­wer­ben", um ei­ne Ab­sa­ge zu er­hal­ten.

Denn wenn die Stel­len­an­zei­ge dis­kri­mi­nie­rend for­mu­liert ist, ste­hen die Chan­cen für den ab­ge­lehn­ten "Be­wer­ber" nicht schlecht, durch ei­ne (miss­bräuch­li­che) Ent­schä­di­gungs­kla­ge letzt­lich ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu er­gat­tern.

Vor ei­ni­gen Ta­gen hat Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) klar­ge­stellt: Wer ei­ne Be­wer­bung nur des­halb ein­reicht, um den Ar­beit­ge­ber spä­ter auf ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu ver­kla­gen, kann sich nicht auf die EU-Richt­li­ni­en zum Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen be­ru­fen: EuGH, Ur­teil vom 28.07.2016, C-423/15 (Nils Krat­zer).

Schutz durch die Richt­li­nie 2000/78/EG und die Richt­li­nie 2006/54/EG auch für Schein­be­wer­ber?

Nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) sind Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters, des Ge­schlechts oder der eth­ni­schen Her­kunft bei Stel­len­be­set­zun­gen ver­bo­ten. Das er­gibt sich aus § 1 AGG in Verb. mit § 2 Abs.1 Nr.1, § 6 Abs.1 Satz 2 und § 7 Abs.1 AGG.

Ar­beit­ge­ber, die sich dar­an nicht hal­ten und ent­ge­gen § 11 AGG ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­len­an­zei­ge auf­ge­ben, müssen da­mit rech­nen, von ab­ge­lehn­ten Be­wer­bern gemäß § 15 AGG auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung ver­klagt zu wer­den. Und da ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­le­an­zei­ge ("er­fah­re­ner Kraft­fah­rer", "jun­ge Verkäufe­r­in") ein In­diz dafür ist, dass ein ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber aus dis­kri­mi­nie­ren­den Gründen ab­ge­lehnt wur­de, ha­ben sol­che Kla­gen gu­te Er­folgs­aus­sich­ten.

AGG-Hop­per ma­chen dar­aus ein Geschäfts­mo­dell: Sie se­hen sys­te­ma­tisch Stel­len­an­zei­gen dar­auf­hin durch, ob sie dis­kri­mi­nie­ren­de For­mu­lie­run­gen ent­hal­ten, und wenn sie fündig ge­wor­den sind, be­wer­ben sie sich flugs in der Hoff­nung, ab­ge­lehnt zu wer­den. Denn dann gibt es Geld, nämlich ein bis drei Mo­nats­gehälter.

Die Ar­beits­ge­rich­te ha­ben auf die­sen Miss­brauch re­agiert und die Dok­trin ent­wi­ckelt, dass nicht ernst­ge­mein­te Be­wer­bun­gen treu­wid­rig sind. Im Er­geb­nis kann sich ein nicht ernst­haf­ter Be­wer­ber da­mit nicht auf § 6 Abs.1 Satz 2 AGG be­ru­fen. Die­se Vor­schrift stellt klar, dass als "Beschäftig­te" im Sin­ne des AGG "auch die Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber für ein Beschäfti­gungs­verhält­nis" gel­ten. Und wer sich nur "be­wirbt", um ab­ge­lehnt zu wer­den und Geld kas­sie­ren zu können, ist eben letzt­lich kein "Be­wer­ber" im Sin­ne die­ser Vor­schrift.

Al­ler­dings ste­hen hin­ter den Vor­schrif­ten des AGG zwei EU-Richt­li­ni­en, nämlich die Richt­li­nie 2000/78/EG und die Richt­li­nie 2006/54/EG, und die­se bei­den Richt­li­ni­en spre­chen nicht von Be­wer­bern. Viel­mehr ist hier die Re­de von ei­nem dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en "Zu­gang zu un­selbständi­ger und selbständi­ger Er­werbstätig­keit" (Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG) und von dem für Männer und Frau­en glei­chen "Zu­gang zur Beschäfti­gung oder zu abhängi­ger oder selbständi­ger Er­werbstätig­keit" (Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG).

Es fragt sich da­her, ob die Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te, die Schein­be­wer­bern den Schutz durch das AGG ab­spricht, mit den o.g. bei­den Richt­li­ni­en ver­ein­bar ist. Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im letz­ten Som­mer auf­ge­wor­fen und ei­ne ent­spre­chen­de An­fra­ge an den EuGH ge­rich­tet: BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A).

Vor ei­ni­gen Ta­gen hat der Ge­richts­hof die An­fra­ge be­ant­wor­tet.

Der Streit­fall: Rechts­an­walt Nils Krat­zer ge­gen R+V Ver­si­che­run­gen

Im Streit­fall hat­te der am 11.05.1973 ge­bo­re­ne Münch­ner An­walt Nils Krat­zer die R+V All­ge­mei­ne Ver­si­che­rung AG ver­klagt.

Herr Krat­zer, der seit 2002 über­wie­gend als selbständi­ger An­walt tätig war, hat­te sich viel­fach ver­geb­lich auf Stel­len­an­zei­gen be­wor­ben und als­dann auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung ge­klagt, d.h. er war so­zu­sa­gen "spe­zia­li­siert" auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­recht. Mit sei­nen Kla­gen hat­te er teil­wei­se Er­folg, so im Ja­nu­ar 2013 vor dem BAG (BAG, Ur­teil vom 24.01.2013, 8 AZR 429/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/017 Stel­len­aus­schrei­bung für "Hoch­schul­ab­sol­ven­ten / Young Pro­fes­sio­nals" dis­kri­mi­niert älte­re Be­wer­ber).

Im März 2009, d.h. im Al­ter von 35 Jah­ren, be­warb sich Herr Krat­zer wie­der ein­mal, dies­mal auf ei­ne von der R+V Ver­si­che­run­gen AG aus­ge­schrie­be­ne Stel­le als "Trainee". Die Aus­schrei­bung rich­te­te sich vor­zugs­wei­se an Hoch­schul­ab­sol­ven­ten oh­ne Be­rufs­er­fah­rung. Da­her soll­te der Ab­schluss nicht länger als ein Jahr zurück­lie­gen. Von ju­ris­ti­schen Be­wer­bern wur­den zusätz­li­che ar­beits­recht­li­che oder me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se er­war­tet.

In sei­ner Be­wer­bung ver­wies Herr Krat­zer un­ter an­de­rem dar­auf, dass er als frühe­rer lei­ten­der An­ge­stell­ter ei­ner Rechts­schutz­ver­si­che­rung über Führungs­er­fah­rung verfüge. Nach­dem er sei­ne schrift­li­che Ab­leh­nung in Händen hielt, ver­lang­te er 14.000,00 EUR Entschädi­gung. Dar­auf­hin ent­schul­dig­te sich die R+V für das au­to­ma­tisch ge­ne­rier­te Ab­leh­nungs­schrei­ben und lud ihn zum Vor­stel­lungs­gespräch ein. Herr Krat­zer lehn­te ab bzw. schlug vor, nach Be­glei­chung sei­ner Entschädi­gungs­for­de­rung (!) "sehr rasch über mei­ne Zu­kunft bei der Ver­si­che­rung zu spre­chen".

Nach­dem Herr Krat­zer Kla­ge er­ho­ben hat­te, er­fuhr er, dass al­le vier Trainee-Stel­len mit Frau­en be­setzt wor­den wa­ren. Da­her erhöhte er sei­ne Kla­ge­for­de­rung un­ter Hin­weis auf ei­ne an­geb­li­che ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung um wei­te­re 3.500,00 EUR.

Das Ar­beits­ge­richt Wies­ba­den (Ur­teil vom 20.01.2011, 5 Ca 2491/09) und das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) wie­sen die Kla­ge ab (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 18.03.2013, 7 Sa 1257/12).

Der Fall lan­de­te beim BAG, das zu der An­sicht kam, dass sich Herr Krat­zer nicht ernst­haft bzw. nur des­halb be­wor­ben hat­te, um ei­ne Entschädi­gung zu er­lan­gen. Denn der Hin­weis auf sei­ne "Führungs­er­fah­rung" pass­te über­haupt nicht zu der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le als Trainee, so das BAG. Hin­zu kam die Ab­leh­nung ei­nes persönli­chen Gesprächs.

Vor die­sem Hin­ter­grund frag­te das BAG den EuGH, ob ei­ne er­kenn­bar nur dem Zweck des Geld­ma­chens die­nen­de (Schein-)Be­wer­bung un­ter den An­wen­dungs­be­reich bzw. den Schutz von Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG und von Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG fällt (BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A)). Falls ein sol­ches Ver­hal­ten - im Prin­zip - vom Schutz die­ser Vor­schrif­ten er­fasst sein soll­te, woll­te das BAG außer­dem wis­sen, ob es nach dem EU-Recht als rechts­miss­bräuch­lich be­wer­tet wer­den könn­te.

EuGH: Ein Be­wer­ber, der sich nur mit dem Ziel ei­ner Entschädi­gung be­wirbt, kann sich nicht auf die Richt­li­ni­en 2000/78/EG und 2006/54/EG be­ru­fen und han­delt miss­bräuch­lich

Der EuGH bestätig­te die deut­sche Recht­spre­chung zur nicht ernst­ge­mein­ten Be­wer­bung. Bei ei­ner Per­son wie im Aus­gangs­ver­fah­ren sei

"of­fen­sicht­lich, dass sie die Stel­le, um die sie sich be­wirbt, gar nicht er­hal­ten will. Da­her kann sie sich nicht auf den durch die Richt­li­ni­en 2000/78 und 2006/54 gewähr­ten Schutz be­ru­fen" (Ur­teil, Rn.35)

Darüber hin­aus wäre ein der­ar­ti­ges Ver­hal­ten auch rechts­miss­bräuch­lich im Sin­ne des EU-Rechts. Ei­ne Be­wer­tung als Rechts­miss­brauch hängt aber, so der Ge­richts­hof, im Ein­zel­fall da­von ab, dass nicht nur das Ziel der miss­bräuch­lich in An­spruch ge­nom­me­nen Vor­schrift ver­fehlt wird, son­dern dass der miss­bräuch­lich Han­deln­de auch von der Ab­sicht ge­lei­tet wird, sich ei­nen un­ge­recht­fer­tig­ten Vor­teil zu ver­schaf­fen.

Der Ge­richts­hof macht da­mit die vom BAG ge­trof­fe­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen

  • der vor­ran­gi­gen Fra­ge nach dem ob­jek­ti­ven Schutz­ge­halt der o.g. Richt­li­ni­en­ar­ti­kel und
  • der nach­ge­ord­ne­ten Fra­ge ei­ner mögli­cher­wei­se miss­bräuch­li­chen Be­ru­fung auf die­sen Schutz­ge­halt

nicht mit. Dem EuGH zu­fol­ge ist ein Ver­hal­ten wie hier im Streit­fall nicht vom Schutz­ge­halt der o.g. Richt­li­ni­en­ar­ti­kel ge­deckt und zu­dem rechts­miss­bräuch­lich.

Fa­zit: Das EuGH-Ur­teil stärkt den deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten den Rücken in ih­rem Bemühen, bei Entschädi­gungs­kla­gen ge­nau zu über­prüfen, ob der Streit­fall durch ei­ne ernst­ge­mein­te oder durch ei­ne Schein­be­wer­bung ent­stan­den ist.

Auf­grund des EuGH-Ur­teil steht fest, dass AGG-Hop­per we­der durch Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG noch durch Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG geschützt sind.

Wer sich nicht ernst­haft be­wirbt, ist rich­ti­ger An­sicht nach von vorn­her­ein kein "Be­wer­ber" im Sin­ne von § 6 Abs.1 Satz 2 AGG. Je­den­falls aber han­delt er treu­wid­rig, so dass er sich letzt­lich nicht auf die­se Vor­schrift und den Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz nach dem AGG be­ru­fen kann.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Letzte Überarbeitung: 23. November 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de