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LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 17.11.2016, 5 Sa 275/16

   
Schlagworte: Kündigung, fristlose Kündigung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Aktenzeichen: 5 Sa 275/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 17.11.2016
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Koblenz, Urteil vom 03.03.2016, 5 Ca 1647/15
   

Ak­ten­zei­chen:
5 Sa 275/16
5 Ca 1647/15
ArbG Ko­blenz
Verkündet am 17.11.2016

Te­nor

1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 3. März 2016, Az. 5 Ca 1647/15, wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen, hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung.

Der 1968 ge­bo­re­ne Kläger ist ver­hei­ra­tet und Va­ter von zwei Kin­dern. Der 1943 ge­bo­re­ne Be­klag­te ist sein Schwie­ger­va­ter. Der Kläger be­gann 1986 im Na­tur­stein­werk/St­ein­metz­be­trieb des Be­klag­ten sei­ne Be­rufs­aus­bil­dung und wur­de als Ge­sel­le über­nom­men. Seit 1994 wird er als St­ein­metz­meis­ter zu ei­nem Brut­to­mo­nats­ent­gelt von zu­letzt € 4.266,38 beschäftigt. Der Be­klag­te beschäftigt nicht mehr als fünf Ar­beit­neh­mer. Das Ar­beits­verhält­nis ist vor dem Hin­ter­grund fa­mi­liärer Un­stim­mig­kei­ten seit ei­ni­ger Zeit be­las­tet.

Am 09.04.2015 rich­te­te der jet­zi­ge Pro­zess­be­vollmäch­tig­te des Be­klag­ten fol­gen­des Schrei­ben an den Kläger:

"…

1. Na­mens und im Auf­trag un­se­res Man­dan­ten for­dern wir Sie auf, un­se­rem Man­dan­ten bis spätes­tens zum 17.04.2015 schrift­lich sämt­li­che Zu­gangs­codes zu dem von Ih­nen ge­nutz­ten Fir­men-PC und al­len dar­auf be­find­li­chen Pro­gram­men ... mit­zu­tei­len. Bei Nicht­be­fol­gung müssen Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

2. Na­mens und im Auf­trag un­se­res Man­dan­ten er­tei­len wir Ih­nen hier­mit die Wei­sung, bei Ver­las­sen des Be­trie­bes während der Ar­beits­zeit mit­zu­tei­len, wie lan­ge Sie vor­aus­sicht­lich ab­we­send sein wer­den. So­weit Sie den Be­trieb zu be­trieb­li­chen Zwe­cken ver­las­sen, for­dern wir Sie auf, gleich­zei­tig mit­zu­tei­len, wo­hin Sie sich be­ge­ben. Bei Nicht­be­ach­tung müssen Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

3. …

Na­mens und im Auf­trag un­se­res Man­dan­ten er­tei­len wir Ih­nen hier­mit die Wei­sung, die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Ru­he­pau­sen ein­zu­hal­ten. Für den Fall, dass Sie die­se Wei­sung nicht be­fol­gen, müssen Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

4. Des Wei­te­ren for­dern wir Sie auf, es ab so­fort zu un­ter­las­sen, sich ge­genüber den an­de­ren Mit­ar­bei­tern ab­wer­tend über un­se­ren Man­dan­ten oder den Be­trieb zu äußern oder gar die an­de­ren Mit­ar­bei­ter ge­gen un­se­ren Man­dan­ten auf­zu­wie­geln, ins­be­son­de­re durch Rund­schrei­ben oder ähn­li­ches.

Aus ge­ge­be­nem An­lass wei­sen wir fer­ner dar­auf hin, dass es Ih­nen selbst­verständ­lich ver­bo­ten ist, Be­triebs­ge­heim­nis­se un­se­res Man­dan­ten zu ver­ra­ten. Im Fall der Zu­wi­der­hand­lung müssen Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

5. … Wir wei­sen aus­drück­lich dar­auf hin, dass der Ur­laub für das rest­li­che Jahr 2015, den Sie ei­genmäch­tig im Ka­len­der ein­ge­tra­gen ha­ben, we­der be­an­tragt noch ge­neh­migt ist und da­her nicht ge­nom­men wer­den darf. Falls Sie Ur­laub oh­ne Ge­neh­mi­gung un­se­res Man­dan­ten ma­chen soll­ten, müssen Sie mit ar­beits­recht­li­chen Kon­se­quen­zen rech­nen.

Wir for­dern Sie auf, Ur­laub ab so­fort schrift­lich zu be­an­tra­gen. Bit­te be­ach­ten Sie da­bei, dass Ih­nen ma­xi­mal 30 Ta­ge Ur­laub pro Jahr zu­ste­hen - nicht 49 Ta­ge, wie von Ih­nen für das Jahr 2015 im Ka­len­der ein­ge­tra­gen.

…"

Mit Schrei­ben vom 03.05.2015 ant­wor­te­te der Kläger dem Be­klag­ten persönlich wie folgt:

"Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

hier­mit be­ant­wor­te ich das Schrei­ben Ih­res An­walts ... vom 9.4.2015 und bit­te die Verzöge­rung zu ent­schul­di­gen.

Für die Punk­te 1, 2 und 3 bestäti­ge ich de­ren Prüfung und leh­ne die­se auf­grund "be­trieb­li­cher Übung" ab. Al­le drei Punk­te wur­den seit mind. 10 Jah­ren in die­ser Art oh­ne jeg­li­che Be­schwer­de ge­dul­det und sind so­mit in Ge­wohn­heits­recht über­ge­gan­gen [BAG 12.01.1994, 5 AZR 41/93].

Mei­ner persönli­chen An­sicht nach sind die­se gewünsch­ten Ände­run­gen auch le­dig­lich der mob­bing-na­he Ver­such, mich da­zu zu zwin­gen, Ih­ren völlig über­schul­de­ten Be­trieb wei­ter­zuführen bzw. es in der Öffent­lich­keit so aus­se­hen zu las­sen. Wie be­reits mehr­fach mit­ge­teilt, kann ich IH­RE Ar­beit im Be­trieb nur "ergänzen", in kei­nem Fall "er­set­zen"!

Die Pri­vi­le­gi­en aus der vor­lie­gen­den "be­trieb­li­chen Übung" las­sen sich durch ei­ne Ände­rungskündi­gung mit neu­en Richt­li­ni­en auflösen, je­doch auch erst nach der von mir, in 29 Jah­ren Be­triebs­zu­gehörig­keit, er­wor­be­nen Kündi­gungs­frist von sie­ben Mo­na­ten (BAG vom 18. März 2009 10 AZR 281/08 und BAG, Ur­teil vom 05.08.2009, Az.: 10 AZR 483/08)

Soll­ten Sie al­so Ände­run­gen mir ge­genüber im Hin­blick auf Ar­beits­in­halt, Ar­beits­ort oder Ar­beits­zeit pla­nen, würden die­se erst NACH Ände­rungskündi­gung und NACH Ab­lauf der 7-mo­na­ti­gen Kündi­gungs­frist wirk­sam.

Ge­gen ei­ne sol­che Ände­rungskündi­gung würde ich natürlich so­fort Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben. Haupt­grund wäre Ih­re "Ar­beits­scheu" der letz­ten fünf Jah­re. Hätten Sie, lai­en­haft ge­spro­chen, ver­ant­wor­tungs­voll Ih­re Ar­beit im Be­trieb, mit 39 St­un­den während der Mit­ar­bei­ter­ar­beits­zei­ten, wahr­ge­nom­men, wäre der Be­trieb nicht in ei­nem der­art fi­nan­zi­ell ka­ta­stro­pha­len Zu­stand und es nicht zu der Ände­rungskündi­gung ge­kom­men.

Zu Punkt 4 kann ich eben­falls nicht zu­stim­men. Die Mit­ar­bei­ter ha­ben und wer­den von mir kei­ne Be­triebs­ge­heim­nis­se er­fah­ren, was schon in mei­nem ei­ge­nen In­ter­es­se liegt.

Das die durch SIE be­reit­zu­stel­len­de Ar­beit kaum noch für die drei Mit­ar­bei­ter aus­reicht, se­hen sie eben­falls selbst und wur­de be­reits 2010 mei­ner­seits Ih­nen ge­genüber pro­gnos­ti­ziert.

Aber dar­an tra­gen Sie die Haupt­schuld, da Sie Ih­re "Chef"-Auf­ga­ben in den letz­ten fünf Jah­ren nach­weis­lich sträflich ver­nachlässigt ha­ben! Dies wäre auch ein wei­te­res Ar­gu­ment für die oben ge­nann­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge!

Von Ih­rer ho­hen pri­va­ten Ver­schul­dung ha­be ich übri­gens nach­weis­lich im pri­va­ten Um­feld aus­ser­halb des Ar­beits­verhält­nis­ses er­fah­ren, so­daß der Ver­such, die­ses hin­ter "Be­triebs­ge­heim­nis­sen" zu ver­ste­cken, hier nicht greift. …

Oh­ne pri­va­te In­for­ma­tio­nen ab­sicht­lich veröffent­li­chen zu wol­len, wei­se ich je­doch dar­auf hin, soll­te ich je­mals mit Ih­ren Schul­den oder Ih­rer de­saströsen fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den, mein dies­bezügli­ches De­tail­wis­sen zu Ver­tei­di­gungs­zwe­cken not­falls ein­zu­set­zen.

Darüber hin­aus möch­te ich an­mer­ken, oh­ne da­mit ei­ne Ab­sicht zu erklären, daß die Treue und Ver­schwie­gen­heits­pflicht von Ar­beit­neh­mern selbst bei wirk­li­chen be­trieb­li­chen Ge­heim­nis­sen, z.B. Bi­lan­zen, oh­ne ge­son­der­te vom Ar­beit­neh­mer un­ter­zeich­ne­te Ge­heim­hal­tungs­erklärung mit dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses eben­falls en­det! (Kas­se­ler Hand­buch Ar­beits­recht, 2. Auf­la­ge, Band 1, Sei­te 282 und BAG, Ent­schei­dung vom 24.11.1956, AP Nr. 4 zu § 611 BGB)

Zu 5 Punkt müssen Sie natürlich Ih­ren An­walt … um­fang­reich über Ih­re an­ge­spann­te fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on, ca. 600.000 € Schul­den …, in­for­mie­ren. Nur dann macht mei­ne For­de­rung der in­sol­venz­geschütz­ten Be­si­che­rung mei­ner Ansprüche aus mei­ner 7-mo­na­ti­gen Kündi­gungs­frist (ca. 40.000 €) auch Sinn.

So­mit kann je­doch Ih­rem Wunsch ent­spro­chen wer­den, mei­nen Jah­res­ur­laub bei 30 Ar­beits­ta­gen lt. Ta­rif­ver­trag zu be­las­sen. Hin­sicht­lich des ak­tu­el­len Mi­nusur­laubs be­zie­he ich mich auf die "be­trieb­li­che Übung", bin je­doch fai­rer­wei­se be­reit, die­sen nach und nach ab­zu­bau­en bzw. wie­der auf null zu fah­ren. [BAG, 12.01.1994, 5 AZR 41/93].

Bei der Art der Ein­tei­lung des Ur­laubs, selbständi­ge Ein­tra­gung in den Wand­ka­len­der, be­ru­fe ich mich je­doch wei­ter­hin auf "be­trieb­li­che Übung", da dies seit min­des­tens 10 Jah­ren der­art ge­hand­habt wird, oh­ne je­mals Pro­ble­me be­rei­tet zu ha­ben [BAG, 12.01.1994 5 AZR 41/93].

Soll­ten Sie mit den obi­gen An­ga­ben und mei­nen Ent­schei­dun­gen nicht ein­ver­stan­den sein, steht es Ih­nen frei, ei­ne Kündi­gung aus­zu­spre­chen, die ich natürlich ent­spre­chend be­ant­wor­ten wer­de.

Ich ha­be Ihr teils feind­se­li­ges Ver­hal­ten mir ge­genüber be­reits bei mei­ner Rechts­schutz­ver­si­che­rung vor­sorg­lich als Fall von "Mob­bing" an­ge­zeigt, so­daß ich bit­te, soll­ten Sie ir­gend­wel­che Ände­run­gen mich be­tref­fend im Be­trieb ge­plant ha­ben, die über mei­ne durch be­trieb­li­che Übung geschütz­ten Ansprüche hin­aus­ge­hen oder be­schränken sol­len, die­se zur ent­spre­chen­den Vor­la­ge schrift­lich zu for­mu­lie­ren. Wei­ter­hin wer­de ich nun, wie be­reits seit 2009, Ta­ge­buch über den be­trieb­li­chen Ver­lauf und Ihr Ver­hal­ten mir ge­genüber führen.

Mir ist es un­erklärlich, daß Sie Ih­ren An­walt zur Auf­set­zung des Schrei­bens vom 9.4.2015 nicht voll­ends über Ih­re fi­nan­zi­ell äus­sert an­ge­spann­te Si­tua­ti­on in­for­miert ha­ben, da ei­ne ge­richt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung oh­ne Of­fen­le­gung al­ler Fak­ten aus mei­ner Sicht we­der möglich noch er­stre­bens­wert wäre.

Ergänzend möch­te ich in­for­ma­ti­ons­hal­ber hin­zufügen, daß es als Ar­beit­neh­mer sehr wohl möglich und le­gal ist, Missstände im Be­trieb, auch evtl. il­le­ga­le Hand­lun­gen der Be­triebsführung, auf­zu­de­cken. Wenn die Be­triebs­lei­tung die­ser Hand­lun­gen selbst zu ver­ant­wor­ten hat, ist ein in­ter­ner Aufklärungs­ver­such, vor dem Gang zu Behörden, nicht ein­mal zwin­gend vor­ge­schrie­ben (Müller NZA 2002, 436; Kla­sen/Schae­fer BB 2012, 644)(BAG, Ur­teil vom 3.7.2003 2 AZR 235/02 NZA 2004, 427 ff; LAG Köln, Ur­teil vom 23.2.1996 -11 SA976/95- NZA-RR 1996, 330; Herbst/Over­ath NZA 2005, 199)

Hin­sicht­lich der ir­reführen­den An­nah­me, Missstände hin­ter so­ge­nann­ten "Be­triebs­ge­heim­nis­sen" ver­ste­cken zu können, emp­feh­le ich, § 17 Abs. 2 Ar­bSchG, § 4g Abs. 1 Satz 2 BDSG, § 84 Be­trVG, Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on Ar­ti­kel 10, Ur­teil EGMR vom 21.7.2011 - 28274/08, Über il­le­ga­le Ge­heim­nis­se des Ar­beit­ge­bers muß der Ar­beit­neh­mer kei­ne Ver­schwie­gen­heit be­wah­ren, Ur­teil BAG vom 20.1.1981, VI ZR 162/79, ge­nau­er zu stu­die­ren.

Mit freund­li­chen Grüßen

A.

PS:

Noch ein Wort zum Schluß:

Sie soll­ten sich ein­mal über­le­gen, wie ver­werf­lich es die Öffent­lich­keit fin­den wird, und das wird sie wohl spätes­tens bei ei­ner ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen er­fah­ren, wenn Sie ver­su­chen, mit durch Pri­vatent­nah­men pro­du­zier­te Schul­den von über 600.000 € Ih­re Ar­beits­zeit zu re­du­zie­ren und möglichst die Ar­beit auf an­de­re ab­zu­schie­ben.

Ich wer­de al­le le­ga­len Möglich­kei­ten ausschöpfen, mei­ne Ar­beit, wie schon in den ver­gan­ge­nen 29 Jah­ren, in Zu­kunft wei­ter, und zwar wie ge­habt un­ter Bei­be­hal­tung mei­ner Ansprüche aus be­trieb­li­cher Übung, aus­zuführen, auch wenn dies ei­ne Trans­pa­renz vor Ge­richt be­deu­ten würde, die Ih­nen wirt­schaft­lich und "imagemäßig" scha­den könn­te.

Nach­fol­gend noch ei­ni­ge Fra­gen, wie­der oh­ne da­mit ei­ne Ab­sicht zu erklären, die Sie sich selbst be­ant­wor­ten soll­ten:

Aus wel­chem Grund her­aus soll­te ich NACH mei­ner Zeit bei der Fir­ma C. der Öffent­lich­keit ir­gend­wel­che Fak­ten und Wahr­hei­ten vor­ent­hal­ten?

Ist es wirk­lich die Fra­ge, OB die Öffent­lich­keit al­les erfährt oder nur WANN?

War­um soll­te ich ei­ne Kündi­gung oh­ne Wi­der­stand ak­zep­tie­ren, wenn die­se nur die Fol­ge ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Ar­beits­scheu ist?

Wol­len Sie und Frau C. die rest­li­che Ih­nen noch blei­ben­de Zeit nut­zen, Ih­ren gu­ten Ruf für die Nach­welt noch ein we­nig zu ver­bes­sern und wol­len Sie wirk­lich mit die­sen ak­tu­el­len Fak­ten in die Ge­schich­te A. ein­ge­hen?"

Außer­dem über­sand­te der Kläger dem Be­klag­ten vier sog. "be­triebs­in­ter­ne An­zei­gen" an die Hand­werks­kam­mer, die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, das ört­li­che Was­ser­werk und die Fi­nanz­behörden. Sein Be­gleit­schrei­ben vom 03.05.2015 lau­tet:

"Sehr ge­ehr­ter Herr C.,

nach­fol­gend er­hal­ten Sie hier­mit "vier be­triebs­in­ter­ne An­zei­gen", so­daß Sie vor­ab die Möglich­keit er­hal­ten, die­se Vorwürfe be­triebs­in­tern zu klären und so­mit mei­ner­seits ge­ge­be­nen­falls nicht veröffent­licht wer­den müssen.

Bei Klärungs­ver­wei­ge­rung oder -ver­schlep­pung bin ich, nach ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist, da­zu be­fugt, die­se Missstände an die ent­spre­chen­den Behörden wei­ter­zu­lei­ten.

Wei­ter­hin wei­se ich dar­auf hin, daß auch ei­ne Kündi­gung oder Ände­rungskündi­gung an der Aufklärung und, wenn not­wen­dig, Veröffent­li­chung der nach­ste­hen­den Vorwürfe nichts ändern würde.

Zu­mal die­se nun während des Klärungs­pro­zes­ses ge­gen 612a BGB ver­stos­sen würden."

Der Be­klag­te kündig­te das Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 05.05.2015, dem Kläger am sel­ben Tag zu­ge­gan­gen, außer­or­dent­lich, hilfs­wei­se or­dent­lich zum 31.12.2015. Hier­ge­gen wen­det sich der Kläger mit sei­ner am 22.05.2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge.

Von ei­ner wei­te­ren Dar­stel­lung des un­strei­ti­gen Tat­be­stands und des erst­in­stanz­li­chen Par­tei­vor­brin­gens wird gem. § 69 Abs. 2 ArbGG ab­ge­se­hen und auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils vom 03.03.2016 Be­zug ge­nom­men.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt,

fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis we­der durch die außer­or­dent­li­che noch durch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 05.05.2015 auf­gelöst wor­den ist.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit Ur­teil vom 03.03.2016 ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt, die außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 05.05.2015 sei wirk­sam. Ein wich­ti­ger Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB lie­ge dar­in, dass der Kläger den Be­klag­ten im Schrei­ben vom 03.05.2015 mehr­fach als "ar­beits­scheu" be­zeich­net ha­be. Dies stel­le ge­genüber ei­nem über 70-Jähri­gen Ar­beit­ge­ber, der noch in sei­nem Be­trieb tätig sei, ei­ne gro­be Be­lei­di­gung dar. Der Kläger könne sich nicht auf sein Recht zur frei­en Mei­nungsäußerung nach Art. 5 Abs. 1 GG be­ru­fen, denn die Be­zeich­nung als "ar­beits­scheu" sei ein An­griff auf die persönli­che Eh­re des Be­klag­ten. Die Ehr­ver­let­zung sei nicht unüber­legt im Rah­men ei­nes Wort­ge­fechts er­folgt, viel­mehr ha­be der Kläger das Schrei­ben vom 03.05.2015, was nicht zu­letzt die Viel­zahl von Recht­spre­chungs­zi­ta­ten be­le­ge, in­ten­siv aus­ge­ar­bei­tet. Auch die Wei­ge­rung des Klägers, den An­wei­sun­gen des Be­klag­ten im An­walts­schrei­ben vom 09.04.2015 nach­zu­kom­men, ver­bun­den mit der An­dro­hung, in­ter­ne Kennt­nis­se über den Be­klag­ten und des­sen Be­trieb nach außen zu tra­gen, stel­le ei­nen wich­ti­gen Grund zur frist­lo­sen Kündi­gung dar. Der Kläger ha­be dem Be­klag­ten in sei­nem Schrei­ben vom 03.05.2015 letzt­lich da­mit ge­droht, ihm wirt­schaft­lich und imagemäßig scha­den zu wol­len, falls er ihn nicht wei­ter­hin sei­ne Ge­wohn­hei­ten aus­le­ben las­se. Die Dro­hung mit der Veröffent­li­chung in­ter­ner Geschäfts­ge­heim­nis­se, insb. der fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on des Be­triebs, sei kein adäqua­tes Mit­tel, ver­meint­lich ge­wohn­heits­recht­li­che Ansprüche durch­zu­set­zen. Die In­ten­ti­on des Klägers, nämlich die Bei­be­hal­tung sei­nes Sta­tus im Be­trieb, las­se die Ankündi­gung des auf den Be­klag­ten zu­kom­men­den Übels als durch­weg ver­werf­lich er­schei­nen. Sch­ließlich lie­ge ein wei­te­rer wich­ti­ger Grund iSd. § 626 Abs. 1 BGB auch dar­in, dass der Kläger dem Be­klag­ten mit der Veröffent­li­chung der dem Schrei­ben vom 03.05.2015 bei­gefügten vier An­zei­gen an die Hand­werks­kam­mer, die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, das Was­ser­werk so­wie die Fi­nanz­behörden ge­droht ha­be. Dem Be­klag­ten sei nicht zu­mut­bar ge­we­sen, das Ar­beits­verhält­nis bis zum Ab­lauf der sie­ben­mo­na­ti­gen Kündi­gungs­frist fort­zu­set­zen. Zu­guns­ten des Klägers fal­le sei­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit von 29 Jah­ren ins Ge­wicht. Außer­dem sei­en die Aus­wir­kun­gen fa­mi­liärer Que­re­len auf das Ar­beits­verhält­nis nicht zu ver­ken­nen, so dass auch die Hemm­schwel­le nied­ri­ger ge­we­sen sei. Der Kläger ha­be sich je­doch im Schrei­ben vom 03.05.2015 von sei­ner Stel­lung als Schwie­ger­sohn dis­tan­ziert, weil er den Be­klag­ten ge­siezt und förm­lich mit "Herr C." an­ge­spro­chen ha­be. Da­mit ha­be er die Be­zie­hung aus­drück­lich auf das Ar­beit­ge­ber-Ar­beit­neh­mer­verhält­nis be­schränkt. Die durch den Kläger auf­ge­bau­te Droh­ku­lis­se sei für den Be­klag­ten so gra­vie­rend, dass ei­ne wei­te­re ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit aus­ge­schlos­sen sei. Ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung ha­be es nicht be­durft, denn der Kläger ha­be nicht er­war­ten können, dass der Be­klag­te sein Ver­hal­ten hin­neh­me. We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten der erst­in­stanz­li­chen Be­gründung wird gem. § 69 Abs. 2 ArbGG auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils vom 03.03.2016 Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen das am 01.06.2016 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger mit am 28.06.2016 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se mit am 26.07.2016 ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründet.

Er macht gel­tend, die in sei­nem Schrei­ben vom 03.05.2015 in Be­zug auf den Be­klag­ten gewähl­te For­mu­lie­rung "ar­beits­scheu" sei kein wich­ti­ger Grund zum Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung. Die Be­zeich­nung als "ar­beits­scheu" sei nicht iso­liert und mit dem Ziel ei­ner Her­abwürdi­gung der Per­son des Be­klag­ten an­ge­bracht, son­dern je­weils in ei­nen Kon­text ge­stellt wor­den. Mit die­sem Kon­text ha­be sich das Ar­beits­ge­richt kaum aus­ein­an­der­ge­setzt. Der Be­klag­te ha­be im Zeit­raum vor Aus­spruch der Kündi­gung sei­ne Pflich­ten als Be­triebs­in­ha­ber zum Teil gröblich ver­nachlässigt. Er sei nur ma­xi­mal 20 St­un­den wöchent­lich im Be­trieb an­we­send ge­we­sen und ha­be oft­mals nicht zur Verfügung ge­stan­den, um ori­ginäre Un­ter­neh­mer­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Der Be­klag­te ha­be bei Ein­tra­gung des Be­triebs in die Hand­werks­rol­le im Jahr 2009 schrift­lich bestätigt, als Be­triebs­lei­ter 39 St­un­den wöchent­lich während der Ar­beits­zeit der Mit­ar­bei­ter vor Ort zu sein. Die­sen zeit­li­chen Auf­wand ha­be der Be­klag­te bei wei­tem nicht er­bracht. Er [der Kläger] ha­be zwar als St­ein­metz­meis­ter Ver­ant­wor­tung für die Ar­beits­abläufe über­nom­men, er ha­be sich je­doch durch das Ver­hal­ten des Be­klag­ten ge­drängt gefühlt, Un­ter­neh­mer­funk­tio­nen aus­zuführen. Hier­zu sei er je­doch nicht be­reit ge­we­sen. Er ha­be schon vor ge­rau­mer Zeit ge­genüber dem Be­klag­ten klar­ge­stellt, dass er den Be­trieb nicht über­neh­men wol­le. Dies ha­be der Be­klag­te nicht ak­zep­tiert. In die­sem Kon­text sei die von ihm gewähl­te Be­zeich­nung "ar­beits­scheu" zu ver­ste­hen. Es han­de­le sich um zulässi­ge Kri­tik, die von der Mei­nungsäußerungs­frei­heit ge­deckt sei. Dies gel­te um­so mehr, als der Auslöser des Kon­flik­tes im fa­mi­liären Be­reich lie­ge. Auf­grund des Näheverhält­nis­ses zwi­schen Schwie­ger­sohn und -va­ter müss­ten an­de­re "Grenz­wer­te" in der Be­reit­schaft zum "of­fe­nen Wort" zu­grun­de ge­legt wer­den. Sch­ließlich sei zu un­ter­strei­chen, dass die im Schrei­ben vom 03.05.2015 an­ge­brach­te For­mu­lie­rung "ar­beits­scheu" kei­ne Außen­wir­kung ha­be.

Ein außer­or­dent­li­cher Kündi­gungs­grund sei auch nicht dar­in zu se­hen, dass er (an­geb­lich) mit ei­ner Of­fen­le­gung der fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on des Be­klag­ten ge­droht ha­be. Er ha­be sich durch die vom Be­klag­ten ver­an­lass­ten an­walt­li­chen Schrei­ben un­ter Druck ge­setzt gefühlt und ei­ne Kündi­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses befürch­tet. Des­halb ha­be er in sei­nem Schrei­ben klar­ge­stellt, dass er sich ge­gen ei­ne Kündi­gung mit ei­ner Kla­ge zur Wehr set­zen wer­de. Mit sei­ner For­mu­lie­rung, "Ich wer­de al­le le­ga­len Möglich­kei­ten ausschöpfen", ha­be er die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­meint. Nach sei­nem Verständ­nis wäre im Rechts­streit die fi­nan­zi­el­le La­ge des Be­klag­ten zwangsläufig an­ge­spro­chen und da­mit auch der Öffent­lich­keit be­kannt ge­wor­den. Auch sei­ne For­mu­lie­rung, sein "De­tail­wis­sen zu Ver­tei­di­gungs­zwe­cken not­falls ein­zu­set­zen", sei ein­deu­tig so zu ver­ste­hen, dass er sich weh­ren wer­de, wenn er von Drit­ten mit den Schul­den oder der fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der Be­klag­ten in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den soll­te.

Er ha­be in sei­nem Schrei­ben vom 03.05.2015 auch nicht mit ei­ner Veröffent­li­chung der vier "be­triebs­in­ter­nen An­zei­gen" ge­droht. Er ha­be die vier bei­gefügten Schrei­ben an den Be­klag­ten ge­rich­tet, ver­bun­den mit der Auf­for­de­rung, den un­strei­ti­gen Missständen be­triebs­in­tern ab­zu­hel­fen. Da­bei han­de­le es sich, was auch nicht im Streit ste­he, zum Teil um straf­ba­res Ver­hal­ten. Dass er sich, soll­te der Be­klag­te sei­ner Auf­for­de­rung zur Klärung nicht nach­kom­men - und zwar aus­drück­lich un­ter an­walt­li­cher Auf­sicht - ei­ne mögli­che Wei­ter­ga­be von In­for­ma­tio­nen vor­be­hal­ten ha­be, sei nicht zu be­an­stan­den. Die Be­nen­nung der Missstände in den vier Schrei­ben an den Be­klag­ten ha­be sei­nem ei­ge­nen Schutz ge­dient. Er ha­be sich ins­be­son­de­re für den Fall ei­ner befürch­te­ten Kündi­gung ab­si­chern wol­len.

Selbst wenn man mit dem Ar­beits­ge­richt das Vor­lie­gen ei­ner ernst­haf­ten Dro­hung an­neh­men woll­te, fehl­te es je­den­falls an ei­ner Ver­werf­lich­keit. Auf das Schrei­ben der Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Be­klag­ten vom 09.04.2015 ha­be er al­len For­de­run­gen nach­ge­ge­ben, bis auf die Wei­sung, beim Ver­las­sen des Be­triebs während der Ar­beits­zeit mit­zu­tei­len, wo­hin er ge­he und wie lan­ge er vor­aus­sicht­lich weg blei­be so­wie die Wei­sung, die Ru­he­pau­sen nach dem Ar­beits­zeit­ge­setz ein­zu­hal­ten. Zu die­sen Punk­ten sei er beim Ver­fas­sen des Schrei­bens vom 03.05.2015 da­von über­zeugt ge­we­sen, dass er aus "be­trieb­li­cher Übung" ei­nen An­spruch dar­auf ha­be, sich die­sen Vor­ga­ben wi­der­set­zen und auf ei­ner Ände­rungskündi­gung un­ter Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist be­ste­hen zu dürfen. Auch die In­ter­es­sen­abwägung des Ar­beits­ge­richts sei zu be­an­stan­den. Insb. sei vor Aus­spruch der Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung nicht ent­behr­lich ge­we­sen.

Der Kläger be­an­tragt zweit­in­stanz­lich,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ko­blenz vom 03.03.2016, Az. 5 Ca 1647/15, ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis we­der durch die außer­or­dent­li­che noch durch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 05.05.2015 auf­gelöst wor­den ist.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf die zwi­schen den Par­tei­en ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und den In­halt der Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe:

I. Die nach § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung des Klägers ist gem. §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG iVm. §§ 519, 520 ZPO zulässig. Sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den.

II. In der Sa­che hat die Be­ru­fung kei­nen Er­folg. Die Kla­ge ist un­be­gründet. Die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung des Be­klag­ten vom 05.05.2015 hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en mit ih­rem Zu­gang auf­gelöst. Sie ist wirk­sam.

Das Ar­beits­ge­richt hat den Rechts­streit zu­tref­fend ent­schie­den. Die Be­ru­fungs­kam­mer folgt den sorgfältig dar­ge­stell­ten Ent­schei­dungs­gründen des Ar­beits­ge­richts im Er­geb­nis und der Be­gründung. Von der Dar­stel­lung ei­ge­ner vollständi­ger Ent­schei­dungs­gründe wird da­her gem. § 69 Abs. 2 ArbGG ab­ge­se­hen. Das Be­ru­fungs­vor­brin­gen ver­an­lasst le­dig­lich fol­gen­de Ausführun­gen:

1. Gemäß § 626 Abs. 1 BGB kann das Ar­beits­verhält­nis oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses selbst bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Da­bei ist zunächst zu un­ter­su­chen, ob der Sach­ver­halt oh­ne sei­ne be­son­de­ren Umstände „an sich“ und da­mit ty­pi­scher­wei­se als wich­ti­ger Grund ge­eig­net ist. Als­dann be­darf es der wei­te­ren Prüfung, ob dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstände des Falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le je­den­falls bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist zu­mut­bar ist oder nicht (vgl. BAG 19.01.2016 - 2 AZR 449/15 - Rn. 28 mwN).

2. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend er­kannt, dass im Streit­fall "an sich" zur frist­lo­sen Kündi­gung ge­eig­ne­te Gründe iSd. § 626 Abs. 1 BGB vor­lie­gen.

a) Die Be­ru­fungs­kam­mer folgt dem Ar­beits­ge­richt dar­in, dass in der Be­zeich­nung des Be­klag­ten als "ar­beits­scheu" im Schrei­ben des Klägers vom 03.05.2015 ei­ne nicht mehr von der Frei­heit der Mei­nungsäußerung ge­deck­te Be­lei­di­gung liegt.

aa) Gro­be Be­lei­di­gun­gen des Ar­beit­ge­bers können, wenn sie nach Form und In­halt ei­ne er­heb­li­che Ehr­ver­let­zung für den Be­trof­fe­nen be­deu­ten, ei­nen gra­vie­ren­den Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten dar­stel­len und ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung an sich recht­fer­ti­gen (vgl. et­wa BAG 18.12.2014 - 2 AZR 265/14 - Rn. 16 mwN). Die straf­recht­li­che Be­wer­tung ist nicht maßgeb­lich. Zwar dürfen Ar­beit­neh­mer - auch un­ter­neh­mensöffent­lich - Kri­tik am Ar­beit­ge­ber, ih­ren Vor­ge­setz­ten und den be­trieb­li­chen Verhält­nis­sen üben und sich da­bei auch über­spitzt äußern. In gro­bem Maße un­sach­li­che An­grif­fe, die zur Un­ter­gra­bung der Po­si­ti­on ei­nes Vor­ge­setz­ten führen können, muss der Ar­beit­ge­ber aber nicht hin­neh­men (BAG 19.11.2015 - 2 AZR 217/15 - Rn. 37 mwN; 27.09.2012 - 2 AZR 646/11 - Rn. 22 mwN).

bb) So liegt der Fall hier. Der Kläger hat den Be­klag­ten, der mit 72 Jah­ren noch in sei­nem Be­trieb ar­bei­tet, als "ar­beits­scheu" be­zeich­net. Das ist ei­ne gro­be Be­lei­di­gung. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung ist mit der Be­zeich­nung als "ar­beits­scheu" ei­ne persönli­che Her­abwürdi­gung ver­bun­den. Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend her­aus­ge­stellt hat, muss sich der Be­klag­te vom Kläger we­der ei­ne "Ar­beits­scheue" noch ei­ne "gröbli­che Ver­nachlässi­gung" sei­ner Pflich­ten als Be­triebs­in­ha­ber vor­wer­fen las­sen. Da­bei ist un­er­heb­lich, ob die Be­haup­tung des Klägers zu­trifft, dass er "nur" noch ma­xi­mal 20 St­un­den pro Wo­che in sei­nem Be­trieb an­we­send ge­we­sen sei. Der Be­klag­te beschäftig­te den Kläger in sei­nem Klein­be­trieb als St­ein­metz­meis­ter in Voll­zeit und zahl­te ihm ei­ne durch­schnitt­li­che Vergütung von mo­nat­lich € 4.266,38 brut­to. Es ist nicht an­satz­wei­se nach­voll­zieh­bar, wes­halb die Be­ru­fung meint, der Be­klag­te ha­be für die­ses Meis­ter­ge­halt als Ge­gen­leis­tung nicht er­war­ten dürfen, dass der Kläger den Hand­werks­be­trieb in sei­ner Ab­we­sen­heit fach­lich lei­tet. Da­bei ist es oh­ne Be­lang, dass der Kläger den Be­trieb nicht als selbstständi­ger Un­ter­neh­mer (Be­triebs­nach­fol­ger) über­neh­men woll­te.

Mit dem Ar­gu­ment, das Schrei­ben vom 03.05.2015 sei nur an den Be­klag­ten ge­rich­tet und ha­be kei­ne Außen­wir­kung ent­fal­tet, kann sich der Kläger nicht ent­las­ten. Es genügt, dass er sich ge­genüber dem Be­klag­ten her­abwürdi­gend geäußert hat. Der Kläger kann sein Ver­hal­ten auch nicht da­mit ent­schul­di­gen, dass der Auslöser des Kon­flikts im fa­mi­liären Be­reich lie­ge. Der Be­ru­fung ist zu­zu­ge­ben, dass in ei­nem fa­mi­liären Näheverhält­nis (bspw. zwi­schen Schwie­ger­sohn und -va­ter) in der Re­gel an­de­re "Grenz­wer­te" in der Be­reit­schaft zum "of­fe­nen Wort" an­zu­le­gen sind. Der Kläger hat sich im Streit­fall je­doch nicht et­wa im Ver­lauf ei­nes ver­ba­len Schlag­ab­tau­sches zu Ehr­ver­let­zun­gen und über­zo­ge­nen Äußerun­gen hin­reißen las­sen, son­dern ein mehr­sei­ti­ges Pam­phlet ver­fasst, des­sen In­halt er - wie es das Ar­beits­ge­richt tref­fend for­mu­liert hat - nicht zu­letzt im Hin­blick auf die Viel­zahl von Recht­spre­chungs­zi­ta­ten, in­ten­siv aus­ge­ar­bei­tet hat. Zu­dem hat sich der Kläger im Schrei­ben vom 03.05.2015 von sei­ner Stel­lung als Schwie­ger­sohn deut­lich dis­tan­ziert, weil er den Be­klag­ten ge­siezt und förm­lich an­ge­re­det hat. Da­mit hat er die Be­zie­hung be­wusst auf die Ebe­ne des Ar­beits­verhält­nis­ses be­schränkt.

b) Der Kläger hat ei­nen „an sich“ wich­ti­gen Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB auch da­durch her­bei­geführt, dass er sich in sei­nem Schrei­ben vom 03.05.2016 - trotz An­dro­hung ar­beits­recht­li­cher Kon­se­quen­zen - be­wusst und nach­drück­lich ge­wei­gert hat, dem Be­klag­ten sämt­li­che Zu­gangs­codes für den von ihm be­nutz­ten Fir­men-PC her­aus­zu­ge­ben (Punkt 1 der Wei­sun­gen im An­walts­schrei­ben vom 09.04.2015). Erst nach Aus­spruch der frist­lo­sen Kündi­gung vom 05.05.2016 hat er dem Be­klag­ten mit E-Mail vom 06.05.2016 das Ad­mi­nis­tra­tor-Pass­wort ge­nannt, nicht oh­ne ihn darüber zu be­leh­ren, dass es ihm nun­mehr möglich sei, das ge­sam­te IT-Sys­tem zu kon­trol­lie­ren. Der Kläger konn­te nicht ernst­haft an­neh­men, er ha­be aus be­trieb­li­cher Übung "Pri­vi­le­gi­en" [sic] er­wor­ben, die ihn be­rech­ti­gen könn­ten, sei­nem Ar­beit­ge­ber das Pass­wort vor­zu­ent­hal­ten.

c) Auch die Wei­ge­rung des Klägers, die An­ord­nun­gen des Be­klag­ten zu be­fol­gen, ihm beim Ver­las­sen des Be­triebs während der Ar­beits­zeit mit­zu­tei­len, wo­hin er sich be­ge­be und wie lan­ge er vor­aus­sicht­lich ab­we­send sei (Punkt 2 der Wei­sun­gen im An­walts­schrei­ben vom 09.04.2015) so­wie die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Ru­he­pau­sen nach dem Ar­beits­zeit­ge­setz ein­zu­hal­ten (Punkt 3 der Wei­sun­gen), sind "an sich" ge­eig­net, den Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen.

Der Kläger kann sich nicht da­mit ent­las­ten, er sei beim Ver­fas­sen des Schrei­bens vom 03.05.2015 da­von über­zeugt ge­we­sen, dass er aus "be­trieb­li­cher Übung" ei­nen An­spruch dar­auf ha­be, sich den Wei­sun­gen sei­nes Ar­beit­ge­bers zu wi­der­set­zen und auf ei­ner Ände­rungskündi­gung un­ter Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist be­ste­hen zu dürfen. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung be­fand sich der Kläger nicht in ei­nem ent­schuld­ba­ren Rechts­irr­tum. Ob er ver­pflich­tet war, die An­ord­nun­gen des Be­klag­ten im An­walts­schrei­ben vom 09.04.2015 zu be­fol­gen, ent­schei­det sich nach der ob­jek­ti­ven Rechts­la­ge. Wei­gert sich ein Ar­beit­neh­mer, den Wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers nach­zu­kom­men, in der An­nah­me, er han­de­le rechtmäßig, hat er grundsätz­lich selbst das Ri­si­ko zu tra­gen, dass sich sei­ne Rechts­auf­fas­sung als un­zu­tref­fend er­weist. Der Gel­tungs­an­spruch des Rechts be­wirkt, dass der Schuld­ner das Ri­si­ko ei­nes Rechts­irr­tums grundsätz­lich selbst trägt und es nicht dem Gläubi­ger überbürden kann Ein un­ver­schul­de­ter Rechts­irr­tum liegt nur vor, wenn der Schuld­ner sei­nen Irr­tum auch un­ter An­wen­dung der zu be­ach­ten­den Sorg­falt nicht er­ken­nen konn­te. Da­bei sind stren­ge Maßstäbe an­zu­le­gen (vgl. BAG 29.08.2013 - 2 AZR 273/12 - Rn. 29, 32; BAG 19.08.2015 - 5 AZR 975/13 - Rn. 31).

Der Kläger hat sich nicht fach­kun­dig be­ra­ten las­sen, be­vor er das Schrei­ben vom 03.05.2015 ver­fasst und sich dar­in aus­drück­lich ge­wei­gert hat, die Wei­sun­gen des Ar­beits­ge­bers zu be­fol­gen. Un­ter die­sen Umständen kann von ei­nem ent­schuld­ba­ren, un­ver­meid­ba­ren Rechts­irr­tum kei­ne Re­de sein.

d) Sch­ließlich liegt "an sich" ein wich­ti­ger Grund iSd. § 626 Abs. 1 BGB auch dar­in, dass der Kläger dem Be­klag­ten mas­siv da­mit ge­droht hat, ihn in der Öffent­lich­keit an­zu­pran­gern und ihm durch die Er­stat­tung von An­zei­gen bei vier ver­schie­de­nen Stel­len (Hand­werks­kam­mer, Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, ört­li­ches Was­ser­werk, Fi­nanz­behörden) zu scha­den, wenn er ver­su­chen soll­te, sei­ne dienst­li­chen Wei­sun­gen - gleichgültig, ob kraft Di­rek­ti­ons­rechts oder mit­tels Ände­rungskündi­gung - durch­set­zen. Auch dies hat das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt.

aa) Droht der Ar­beit­neh­mer dem Ar­beit­ge­ber mit ei­nem emp­find­li­chen Übel, um die Erfüllung ei­ge­ner strei­ti­ger For­de­run­gen zu er­rei­chen, kann dar­in - je nach den Umständen des Ein­zel­falls - ein er­heb­li­cher, die frist­lo­se Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses recht­fer­ti­gen­der Ver­s­toß ge­gen sei­ne Pflicht zur Wah­rung von des­sen In­ter­es­sen lie­gen. Ent­spre­chen­des kann gel­ten, wenn der Ar­beit­neh­mer dem Ar­beit­ge­ber nach­tei­li­ge Fol­gen mit dem Ziel an­droht, die­ser sol­le von ei­ner be­ab­sich­tig­ten oder be­reits erklärten Kündi­gung Ab­stand neh­men. Ei­ne auf ein sol­ches Ver­hal­ten gestütz­te Kündi­gung setzt re­gelmäßig die Wi­der­recht­lich­keit der Dro­hung vor­aus. Un­be­acht­lich ist dem­ge­genüber, ob das Ver­hal­ten den Straf­tat­be­stand der Nöti­gung (§ 240 StGB) erfüllt. Auch ei­ne nicht straf­ba­re, gleich­wohl er­heb­li­che Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten kann ei­nen wich­ti­gen Grund iSv. § 626 Abs. 1 BGB bil­den (vgl. BAG 08.05.2014 - 2 AZR 249/13 - Rn. 20).

bb) So liegt der Fall hier. Der Kläger hat sei­ne ver­trag­li­che Pflicht zur Rück­sicht­nah­me auf die Rech­te, Rechtsgüter und In­ter­es­sen des Be­klag­ten ver­letzt, in­dem er ihm mit emp­find­li­chen Übeln droh­te, um die Bei­be­hal­tung sei­ner "Pri­vi­le­gi­en" zu er­rei­chen. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung hat der Kläger in sei­nem Schrei­ben vom 03.05.2015 und den sog. "vier be­triebs­in­ter­nen An­zei­gen" nicht nur die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge an­gekündigt, für den Fall, dass der Be­klag­te sein Di­rek­ti­ons­recht ggf. mit ei­ner Kündi­gung durch­set­zen soll­te. Der ge­sam­ten Dik­ti­on des Schrei­bens und der "vier be­triebs­in­ter­nen An­zei­gen" ist mit kaum zu über­bie­ten­der Deut­lich­keit zu ent­neh­men, dass der Kläger sei­nen Ar­beit­ge­ber in der Öffent­lich­keit und ggü. den vier ge­nann­ten Stel­len dif­fa­mie­ren und "an­schwärzen" woll­te. Auch in­so­weit folgt die Be­ru­fungs­kam­mer den zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts.

(1) Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht fest­ge­stellt, dass ins­be­son­de­re der Zu­sam­men­hang zwi­schen der An­dro­hung, Geschäfts­ge­heim­nis­se zu veröffent­li­chen, und dem Zweck, den Be­klag­ten von der Durch­set­zung sei­ner Wei­sun­gen ab­zu­hal­ten, ver­werf­lich ist. Der Kläger führt dem Be­klag­ten in sei­nem Schrei­ben deut­lich vor Au­gen, mit wel­chen Kon­se­quen­zen er zu rech­nen ha­be, wenn er ihm nicht wei­ter­hin al­le Frei­hei­ten las­sen soll­te. So kündigt er an, dass er ei­ne Kündi­gung "natürlich ent­spre­chend be­ant­wor­ten wer­de". In die­sem Fall wer­de er sein "De­tail­wis­sen" hin­sicht­lich der "de­saströsen fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on" des Be­klag­ten "zu Ver­tei­di­gungs­zwe­cken not­falls ein­set­zen". Be­son­ders deut­lich wird die Dro­hung im Post­skrip­tum. Der Be­klag­te sol­le sich "ein­mal über­le­gen", wie "ver­werf­lich es die Öffent­lich­keit fin­den" wer­de, und "das wer­de sie wohl spätes­tens bei ei­ner ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung er­fah­ren", dass er durch Pri­vatent­nah­men ver­ur­sach­te Schul­den iHv. € 600.000,00 ha­be. Der Be­klag­te sol­le sich über­le­gen, ob er sei­nen "gu­ten Ruf" ver­lie­ren und "mit die­sen ak­tu­el­len Fak­ten in die Ge­schich­te A. [sei­nes Wohn­or­tes] ein­ge­hen" wol­le. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung ge­hen die­se For­mu­lie­run­gen weit über die bloße Ankündi­gung hin­aus, ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­he­ben zu wol­len. Die Be­ru­fung kann die vom Kläger auf­ge­bau­te Droh­ku­lis­se nicht da­durch re­la­ti­vie­ren, dass sie be­haup­tet, er ha­be an­ge­nom­men, der Öffent­lich­keit wer­de in ei­nem ar­beits­ge­richt­li­chen Rechts­streit zwangsläufig die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on des Be­klag­ten be­kannt. Aus al­tru­is­ti­schen Mo­ti­ven hat der Kläger sein Schrei­ben vom 03.05.2015 und die "vier be­triebs­in­ter­nen An­zei­gen" mit­nich­ten auf­ge­setzt. Das ver­deut­licht auch die For­mu­lie­rung: "Aus wel­chem Grund her­aus soll­te ich NACH mei­ner Zeit bei der Fir­ma C. der Öffent­lich­keit ir­gend­wel­che Fak­ten und Wahr­hei­ten vor­ent­hal­ten? Ist es wirk­lich die Fra­ge, OB die Öffent­lich­keit al­les erfährt oder nur WANN?" Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend her­aus­ge­stellt hat, ändert auch die vom Kläger ver­wen­de­te Flos­kel "oh­ne da­mit ei­ne Ab­sicht zu erklären", nichts am Droh­cha­rak­ter des Schrei­bens. Der Hin­weis auf nach­tei­li­ge Fol­gen ist of­fen­sicht­lich.

(2) Ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung hat der Kläger ein­deu­tig auch da­mit ge­droht, die sog. "vier be­triebs­in­ter­nen An­zei­gen" bei den ent­spre­chen­den Stel­len zu er­stat­ten. Es han­delt sich nicht um ei­ne bloße "Be­nen­nung von Missständen", oh­ne Droh­cha­rak­ter. Der Kläger kündigt an, dass er die "zuständi­gen In­sti­tu­tio­nen in Kennt­nis set­zen" wer­de, wenn der Be­klag­te sei­nen For­de­run­gen nicht nach­kom­men soll­te. Dass er die In­for­ma­ti­on "un­ter an­walt­li­cher Auf­sicht" ankündigt, schwächt die Dro­hung, ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung, nicht ab.

Zwar fal­len nach der vom Kläger zi­tier­ten Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR 21.07.2011 - 28274/08 [Hei­nisch]) Straf­an­zei­gen von Ar­beit­neh­mern ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber mit dem Ziel, Missstände in ih­ren Un­ter­neh­men oder In­sti­tu­tio­nen of­fen­zu­le­gen ("whist­leb­lo­wing"), in den Gel­tungs­be­reich des Art. 10 MRK (Frei­heit der Mei­nungsäußerung). Der EGMR hat für die An­wen­dung des Art. 10 MRK auf das Ar­beits­le­ben fest­ge­stellt, dass Hin­wei­se auf straf­ba­res oder rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten am Ar­beits­platz durch Beschäftig­te un­ter ge­wis­sen Umständen Schutz ge­nießen sol­len und in­so­weit ei­ne Abwägung zwi­schen dem Recht des Ar­beit­neh­mers auf freie Mei­nungsäußerung in Form von Hin­wei­sen auf straf­ba­res oder rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten sei­tens des Ar­beit­ge­bers und dem Recht des Ar­beit­ge­bers auf Schutz sei­nes gu­ten Rufs und sei­ner wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen vor­zu­neh­men ist. Auch die Be­weg­gründe des Missstände an­zei­gen­den Ar­beit­neh­mers sind ein ent­schei­den­der Fak­tor bei der Ent­schei­dung darüber, ob ei­ne be­stimm­te Of­fen­le­gung geschützt sein soll­te. Ei­ne Hand­lung, die durch persönli­chen Groll, persönli­che Feind­schaft oder die Er­war­tung ei­nes persönli­chen Vor­teils mo­ti­viert ist, recht­fer­tigt kein be­son­ders ho­hes Schutz­ni­veau (vgl. EGMR aaO Rn. 69).

Nach Maßga­be der Grundsätze hat der Kläger die Gren­ze des Zulässi­gen über­schrit­ten. Er woll­te den Be­klag­ten mit sei­ner Dro­hung, die Hand­werks­kam­mer, die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, das ört­li­che Was­ser­werk und die Fi­nanz­behörden zu in­for­mie­ren, aus persönli­chem Groll und in Er­war­tung ei­nes persönli­chen Vor­teils un­ter Druck set­zen. Dies stellt ei­ne völlig un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on auf das Schrei­ben des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Be­klag­ten vom 09.04.2015 dar. Der Kläger hat le­dig­lich un­ter dem "Deck­man­tel", ein Recht auf freie Mei­nungsäußerung in An­spruch neh­men zu wol­len, dem Be­klag­ten mit der Er­stat­tung von vier An­zei­gen ge­droht, um sich des­sen Wei­sun­gen im An­walts­schrei­ben vom 09.04.2015 zu wi­der­set­zen, oder - wie die Be­ru­fung einräumt, sich für den Fall ei­ner befürch­te­ten Kündi­gung "ab­zu­si­chern". Dar­aus er­gibt sich die Ver­werf­lich­keit der - mit al­ler Deut­lich­keit und Nach­druck - aus­ge­spro­che­nen Dro­hung.

3. Sch­ließlich ist auch die In­ter­es­sen­abwägung des Ar­beits­ge­richts nicht zu be­an­stan­den. Bei der ab­sch­ließen­den In­ter­es­sen­abwägung (vgl. zum Maßstab BAG 20.10.2016 - 6 AZR 471/15 - Rn. 30 mwN) über­wiegt, auch nach An­sicht der Be­ru­fungs­kam­mer, das In­ter­es­se des Be­klag­ten an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Des­sen Fort­set­zung war ihm selbst für den Lauf der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist von sie­ben Mo­na­ten nicht zu­zu­mu­ten.

Zu Guns­ten des Klägers spre­chen sei­ne Un­ter­halts­pflich­ten ge­genüber der Ehe­frau und zwei Kin­dern. Außer­dem fällt zu sei­nen Guns­ten die lan­ge Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­schei­dend ins Ge­wicht. Der Kläger hat sein gan­zes Be­rufs­le­ben seit 1986 (als Aus­zu­bil­den­der, Ge­sel­le und zu­letzt St­ein­metz­meis­ter) im Be­trieb des Be­klag­ten ver­bracht. Auf der an­de­ren Sei­te sind die Schwe­re der Pflicht­ver­let­zun­gen und der Grad des ihn tref­fen­den Ver­schul­dens zu sei­nen Las­ten zu berück­sich­ti­gen. Ei­ne wei­te­re ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit der Par­tei­en ist auch aus Sicht der Be­ru­fungs­kam­mer aus­ge­schlos­sen. Das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en ist zerstört.

Der Be­klag­te brauch­te den Kläger - ent­ge­gen der An­sicht der Be­ru­fung - vor Aus­spruch der Kündi­gung nicht ab­zu­mah­nen. Der Kläger konn­te nicht ernst­haft da­mit rech­nen, der Be­klag­te wer­de sein Ver­hal­ten to­le­rie­ren. Auch ist nicht er­sicht­lich, dass ei­ne Ab­mah­nung ge­eig­net ge­we­sen wäre, das zerrütte­te Ver­trau­en in den Kläger wie­der her­zu­stel­len. Ei­ne Ver­hal­tensände­rung des Klägers stand auch nach ei­ner Ab­mah­nung nicht zu er­war­ten.

4. Der Be­klag­te hat die Zwei-Wo­chen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB ge­wahrt. Das Schrei­ben des Klägers da­tiert auf den 03.05.2015, die Kündi­gung ist ihm be­reits am 05.05.2015 zu­ge­gan­gen.

5. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist nicht des­halb nach § 134 BGB nich­tig, weil sie ge­gen das Maßre­ge­lungs­ver­bot des § 612a BGB ver­stieße. So läge es nur, wenn tra­gen­der Be­weg­grund, dh. we­sent­li­ches Mo­tiv für sie ei­ne zulässi­ge Rechts­ausübung ge­we­sen wäre (vgl. BAG 22.10.2015 - 2 AZR 569/14 - Rn. 60). Das wie­der­um setz­te vor­aus, dass das gel­tend ge­mach­te Recht tatsächlich exis­tier­te (ErfK/Preis 17. Aufl. § 612a BGB Rn. 5; KR/Tre­ber 11. Aufl. § 612a BGB Rn. 14). Der Kläger han­del­te - wie oben aus­geführt - mit sei­nen Schrei­ben vom 03.05.2015 ge­ra­de nicht in Wahr­neh­mung ihm zu­ste­hen­der Rech­te.

6. Die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung fällt nicht zur Ent­schei­dung an. Sie hätte das Ar­beits­verhält­nis auf je­den Fall zum 31.12.2015 be­en­det, weil der Kläger kei­nen Kündi­gungs­schutz nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz ge­noss. Der Be­klag­te beschäftig­te im Zeit­punkt der Kündi­gung in sei­nem Be­trieb - ein­sch­ließlich des Klägers - nicht mehr als fünf Ar­beit­neh­mer. Selbst der ab­ge­senk­te Schwel­len­wert des § 23 Abs. 1 Satz 1 KSchG war nicht über­schrit­ten. Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers ver­stieß auch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung nicht ge­gen das Maßre­ge­lungs­ver­bot in § 612a BGB. Wie oben aus­geführt, han­del­te der Kläger nicht in Wahr­neh­mung ihm zu­ste­hen­der Rech­te.

III. Der Kläger hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Be­ru­fung zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on war nicht ver­an­lasst, weil hierfür die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen (§ 72 Abs. 2 ArbGG) nicht vor­lie­gen.

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